wäm ",^^cir^ X ^.^ i^x ^S JD ^ LH o — == a- ZZ -0 §= ^ cu D ^~ 5— — rH = O !^ m LJ D" H. G. BRONN'S Klassen und Ordnungen / ; des THIER-REICHS wissenscbaftlicli darfirestellt ö"- in Wort und Bild, ERSTER BAND. PROTOZOA. Von Dr. 0. Bütschli, Professor der Zoologie iii Heidelberg. Mit einem Beitrag: Palaeontologische Entwicklung der Rhizopoda von C. Schwager I. Abtheilimg: Sarkodina und Sporozoa. Mit Tafel I — XXXVIII und einem Tlieü von Tafel XXXIX sowie 9 Holzsclmitten. Leii)zig und Heidelberg-. C. F. Winter'sche Yerlagshandlung. 1880—82. (1880 p. 1 224; 1881 p. 225 — 320; 1882 p. 321 — 616.^ If^of' Inhalt. raff. Einleitung: I— XVIII A. Klasse Sarkodina 1 I. Unterklasse Rhizopoda 3 1. Historische Eutwicld unj;- unserer Kenntnisse 3 Literatur ](> 2. Morphologische Auffassung- und Gestaltung, sowie die Haupt- gruppen 14 3. Schalen bau. A. MaterialiendesSchalenbau's 18 a. Chitinöse Schalen 19 ß. Kalkschaleu 21 y. Fremdkörperschalen 28 6. Kieselige Schalen 33 B. Morphologie der Schalen 35 a. Houiaxone Schalen 35 ß. Monaxone, monothalame Schalen 3(3 y. Polythalame Schalen 44 y 1. Polythalame Imperforata 46 }' 2. Polythalame Perforata 58 Abnorme Schalenbildung 94 4. Der Weich kör per 95 a. Allgemeine Gestaltung 95 ß. Beschaffenheit des Protoplasmas 97 y. Differenzirung in Eegionen 98 6. Färbung des Plasmas 100 f. Einschlüsse des Plasmas 100 f 1. Nichtcontractilc Vacuolen, Gasblasen, Sfoffwechselproducte 100 f 2. Contractile Vacuolen 105 f 3. Nuclei 107 Allgemeines Vorkommen 10" Gestalt und Bau der Kerne 112 5. Pseudopodienbildung, Bewegung und Nahrungsaufnahme . . . 114 ?/. Gallertige Umhüllungen 124 5. Verhalten des Weichkörpers zur Schale und Bildung der Schale 125 6. Fortpflanzung, Kolonie bildung und En cystirung 134 «. Fortpflanzung durch Theilung oder Knospung 134 ß. Koloniebildung 143 }'. Encystirung 148 rf. Copulation und Conjugation 153 f. Angebliche geschlechtliche Fortpflanzung 156 7. Biologische Verhältnisse 161 u. Wohnort 161 ß. Nahrung 169 )'. Abhängigkeit der Organisation von den äusseren Lebensbedingungen 1 70 / (^ H ;i Inhalt. Pap. S. System 172 a. Historisches 172 ß. üebersicht des Systems bis zu den Gattungen 176 y. Anhang- zum System. Eozoon 217 Stromatoporida 221 Dratyloporida 224 9. Geographische Verbreitung 22S 10. Paläontologische Entwicklung. Von C. Schwager 242 IT. Unterklasse Heliozoa 261 1. Historische Entwicklung unserer Kenntnisse 261 Literatur 265 2. Morphologische Auffassung und Gestaltung, sowie die Haupt- gruppen 267 3. Der Weichkörper 269 4. Pseudopodien; Nahrungsaufnahme; Bewegung 284 5. Skeletbilduugcn 29*i A. Gallertige Hüllen 296 B. Kieselige Skelete 298 C. Fremdkörperskelete 302 6. Fortpflanzungserscheinungeu 303 A. Einfache Theilung und Koloniebildung 303 B. Fortpflanzung durch Knospung und Schwärmerbildung . 307 C. Encystirung 310 D. Conjugation und Copulatiou 317 7. System 318 A. Allgemeine systematische Auffassung 318 B. üebersicht des Systems 320 8. Vorkommen, geographische Verbreitung, biologische Ver- hältnisse 329 III. Unterklasse Eadiolaria 332 1. Historische Entwicklung unserer Kenntnisse 332 Literatur 342 2. Morphologische Auffassung und Gestaltung, sowie die Haupt- gruppen 344 3. Skeletbau 347 A. Skeletsubstanz • 348 B. Morphologischer Bau des Skelets 350 a. Acanthometrecn 351 ß. Sphäroidskeletc 358 )'. Phaeodarienskelete 379 ö. MonopylaricnsKelete 3S4 4. Der Weichkörper 402 A. Die Centralkapscl 402 B. Intrakapsuläres Plasma und seine Einschlüsse 410 ß. Das intrakapsuläre Plasma 411 ß. Einschlüsse mit Ausnahme der Nuclci 413 1. Nichtcontractile Vacuolen 413 2. Eiweisskugeln 415 3. Oelkugeln " 416 4. Pigmente 418 5. Concretionen und Krystalle 420 Inhalt. Pag. y. Die Nuclei 421 1. Lagerung im Körper und Zahl 421 2. Bau und Vermehrung 424 C. Extrakapsuläres Plasma, seine EinscJilüsse und Erzeugnisse 430 1. Das Plasma und die Gallerte 430 2. Einschlüsse 4-J4 D. Pseudopodien, Nahrungsaufnahme und Bewegung. . . . 437 1. Pseudopodien 437 2. Sarkodegeisscl und contractile Fäden 4^0 3. Bewegung 442 4. Nahrungsaufnahme und Ernährung überhaupt 444 5. Fortpflanzung 445 A. Theilung 445 B. Koloniebildung 446 C. Schwärmerbildung 449 ('). Biologische Verhältnisse 456 A. Parasiten 456 B. Regeneration 463 C. Missbildung und Deformation 463 D. Verhalten bei Reizung 464 E. Wohnortsverhältnisse 4156 7. Paläontologisches Vorkommen 472 B. Klasse Sporozoa 479 Historische Entwicklung unserer Kenn tnisse 480 Literatur 498 I. Unterklasse (Jreg'ariiiida 503 1. Morphologische und sonstige Charactere 503 2. Genauere Schilderung der Gestaltung 504 3. Einzelne Organ i sationselemente 508 A. Cuticula 508 B. Ectoplasma 510 C. Entoi^Iasma 516 D. Bewegung und Ernährung 518 E. Nuclei 522 4. Fortpflanzung 526 I. Fortpflanzung der nicht intracellularen Gregariniden . . . 526 A. Vorbereitende Erscheinungen, Conjugation 526 B. Encystirung 531 G. Gestalt der Cysten und Beschaffenheit ihrer Hüllen 535 D. Sporulation 538 E. Weitere Ausbildung und Bau der reifen Sporen 547 F. Bildung sichelförmiger Keime 550 G. Wiederentwicklung der Gregariniden aus den Sporen 552 II. Fortpflanzung der sog. Coccidien 558 5. System 572 6. Verbreitung und Wohnortsverhältnisse 581 II. Unterklasse Myxosporidia 590 III. Unterklasse Sarcosporidia 604 Anhang: Sog Microsporidien (Peprinekörperchen) 614 Einleitung*). Den Namen Protozoa gebrauchte zuerst Goldfuss (1820) für die auf der Stufenleiter des Systems den niedrigsten Rang einnehmende Abtheihing des grossen Tbierreiehs. Erst 1841 verwendete Siebold diese Bezeichnung in dem Sinne, welchen sie im Wesentlichen jetzt noch besitzt, während Goldfuss (und Andere, die sich ihm anschlössen) nicht wenige der heutigen Metazoen in ihren Protozoen einbegriifen hatten. (Näheres hierüber siehe p. 1136 u. ff.). Die Siebold 'sehen Protozoen umfassten die Infusoria der älteren Forscher (0. F. Müller, Ehren- berg und Dujardin), nach Ausscheidung der Rotatorien und anderer, einst irrthümlich hierher gerechneter Metazoen, sowie derjenigen einfach- sten Organismen, welche in ihrem physiologischer Charakter den typischen Pflanzen nahe kamen. Genaueres über die allmähliche Reinigung der Ani- malcula infusoria von nicht zugehörigen Formen, wie sie sich im Laufe der Jahrzehnte, von Müller bis auf Siebold vollzog, gibt der Abschnitt über die Geschichte der Infusorien, auf welchen wir verweisen. Dort wird auch eingehender erläutert, dass die Abtheilung gelegentlich noch andere Namen erhielt, wie Microscopica (Bory de St. Vincent), Zoophytes in- fusoires (Dujardin und Andere), Archezoa (Perty), Micro- zoaires (Frommen tel und Andere). Auf gewisse andere Benennungen wird später noch hingewiesen werden. Siebold wurde jedoch nicht nur der Pathe der Gruppe, sondern er ermittelte auch zuerst den gemeinsamen Charakter, welcher die mannig- faltigen Formen derselben verbindet und von den übrigen Thieren trennt. *) Geschrieljeii März 1888. Meine ursprüngliche Absicht, in der Einleitung- die Grunderscheinungen des einfachsten Lebens, Plasma, Kern, Zelle und ihre Lebensäusserungcn zu behandeln , wird durch den Um- fang, welchen das Werk allmählich erreichte, vereitelt. Dem mehrfach geäusserten Wunsch: das Binden der ersten Theile des Werks zu ermöglichen, entgegenkommend, beschränke ich mich in den einleitenden Worten auf eine Besprechung der Protozoen- und Protistenfrage. Die baldige Vollendung der Infusorien erscheint mir wichtiger wie eine weitere Ausführung der Einleitung. Bronn, Klassen des Tliier- Reichs. Protozoa. ' A n Protozoa. Seine Definition der Protozoa lautete: „Thiere, in welchen die verschie- denen Systeme der Organe nicht scharf ausgeschieden sind, und deren unregelmässige Form nnd einfache Organisation sich auf eine Zelle redu- ciren lassen.'' Zu dieser scharfen Umgrenzung der Gruppe gelangte S. hauptsächlich dadurch, dass er die Spongien nicht mit den Protozoen ver- einigte, wie es später längere Zeit geschah. Diese Gruppe fehlt seinem System überhaupt; er schloss sie also von dem Thierreich aus. Dass Siebold nicht ganz unvermittelt zu dieser Auffassung der Protozoen ge- langte, ihm vielmehr in der Rückführung der Protozoenorganisation auf das Zellenschema Vorläufer vorangingen — dass ferner die Hypothese vom einzelligen Bau der Protozoen sich ihre Begründung eist in der kommen- den Zeit mühsam erkämpfen musste, bis sie endlich vor etwa einem De- cennium den Sieg erfocht — darüber gewähren die historischen Abschnitte der einzelnen Abtheilungen genauen Aufschluss. Um aber die Bedeutung der Sieb old 'sehen Hypothese voll würdigen zu können, möge hier der An- sicht eines der grössten Biologen unseres Jahrhunderts, Job. Müller 's, gedacht werden , welcher 1841 (s. Sporozoa Nr. 99 p. 493) bemerkte : dass die Existenz einzelliger Organismen zwar nicht als unmöglich und absurd zu verwerfen sei, eine solche Annahme jedoch nach dem zeitigen Stand unserer Kenntnisse ganz unstatthaft erscheine. — • Auch später nahm Müller, obgleich mehr indirect, an der Bekämpfung der Siebold'- schen Lehre lebhaften Antheil. Die von Letzterem aufgestellte Charakteristik der Protozoen kann noch heute ohne sehr wesentliche Veränderung gelten. Jetzt dürfen wir die Einzelligkeit in erster Linie betonen und etwa sagen: Als Pro- tozoen bezeichnen wir die Organismen, welche einfache Zellen oder Verbände gleichgebildeter, einfacher Zellen sind und sich in ihren physio- logischen Lebensäusserungen (Ernährung und Stoffwechsel überhaupt, Reizbarkeit und Beweglichkeit) den typischen mehrzelligen Thieren ähn- lich verhalten. Zwei Punkte dieser Charakteristik bedürfen etwas genauerer Erläute- rung. Einmal bemerkt dieselbe, dass wir nicht nur streng einzellige, sondei'u auch in ihrem erwachsenen Zustand mehrzellige Wesen den Protozoen beizählen. Dadurch wird die Grenze gegen die mehrzelligen Thiere etwas verwischt. Die sogenannten Gesellschaften und Kolonien , welche mehr- zellige Verbände darstellen, haben jedoch ein Recht unter den Protozoen eingereiht zu werden, so lange die constituirenden Zellen sämmtlich in Bau und Leistungen übereinstimmen, so lange, um es anders auszu- drücken, eine mit Arbeitstheilung verknüpfte Differenzirung fehlt. Eine derartige Gesellschaft oder Kolonie bildet keinen einheitlichen vielzelligen Organismus wie der Leib der höheren Thiere, dessen einzelne Zellcon- stituenten nicht mehr selbstständig leben können , da sie ausser Stande sind , sämmtliche physiologischen Leistungen allein zu tibernehmen. Ob- gleich nun die mehrzelligen Verbände der Protozoen diesen gleichmässigen Charakter ihrer Constituenten fast durchgängig bewahren , begegnen wir Einleitung-. Hl doch verein/elten (Volvox, Zoothamnium), bei welchen dies nicht mehr völlig zutrifft, die vielmehr Anfänge der Differenzirung und damit eine Aasbildungsstufe erreichen , welche über die Protozoennatur hinausstrebt. Dies kann uns nicht überraschen, da ja die höheren, d. h. die mehrzelligen und heteroplastiden Organismen zweifellos aus einzelligen hervorgingen; scharfe Grenzen aber nach unserer Vorstellung über die Zusammenhänge der Lebewesen überhaupt nur auf Unkenntniss oder der Zerstörung der Bindeglieder beruhen werden. Dennoch erhebt sich die Frage, ob wir berechtigt sind, solche, eine gewisse Difterenzirung ihrer Constituenten zeigende Kolonien den Protozoen unterzuordnen. Dies wird meiner An- sicht nach erlaubt, ja nothwendig sein, so lange die Differenzen einen massigen Grad der Complication nicht überschreiten; wenn die betreffen- den Organismen ferner deutlichen Anschluss an sichere Protozoen zeigen und andererseits nicht zu typischen Heteroplastiden überführen, sondern isolirte Seitenzweige darstellen. Anders liegt die Sache, wenn solch ein selbstständiger Seitenzweig aus den Protozoen heraus zu einem relativ hohen Grade der Complication, analog typischen Heteroplastiden sich entwickelt hätte. Dann erschiene es jedenfalls angezeigt, ihn nicht mit den Protozoen zu vereinigen, sondern als selbstständigen, den übrigen Heteroplastiden coordinirten Stamm zu betrachten. Ob derartige Vorkommnisse wahrscheinlich sind, soll später erörtert werden. Wie oben bemerkt wurde, bedarf noch ein zweiter Punkt unserer Charakteristik der Erläuterung. Derselbe bietet grössere Schwierigkeiten, und von seiner Erledigung wird es abhängen, ob die wie oben um- schriebene Abtheilung überhaupt als natürliche betrachtet werden darf. Siebold beginnt nämlich seine Charakteristik der Protozoen mit der Be- merkung, dass sieThiere seien; auch in unserer Definition betont der Schlusssatz die Thierähnlichkeit ihrer Lebensäusserungen. Diese Einschränkung des Protozoenbegrift'es ist eine physiologische, d. h. eine solche, welche sich nicht auf Bau und Structur des Organis- mus, sondern auf den Verlauf der Lebensprocesse und Lebensäusse- rungen bezieht. Ln Allgemeinen hat man schon lange erkannt, dass physiologische Charaktere bei der Bildung natürlicher systematischer Gruppen möglichst zu vermeiden sind; dass vielmehr die morphologische Beschaffenheit ausschlaggebend ist. Dies stützt sich auf die wohlbegrün- dete Ueberzeugung, dass das natürliche System auf genealogischer Basis beruht und die Gruppenbildung das genealogisch Uebereinstimmende, d. h. das von demselben Ursprung Herkommende umgreifen soll. Da nun die Erfahrung häufig genug lehrt, dass gleiche Abstammung und daher Zu- sammengehörigkeit sich mit physiologisch difterenten Leistungen sehr wohl verträgt, so ist die Einführung physiologischer Charaktere stets bedenk- lich, wenn auch von vornherein nicht ganz unzulässig. Dass nun gerade für die Umgrenzung der Protozoen ein physiologi- scher Charakter nothwendig wurde, beruht auf dem Umstand, dass von A* IV Protozoa. allen Eigentliümlichkeiten der höheren Thierwelt nur die physiologischen verwerthbar erscheinen, um zwischen Lebewesen wie die Einzelligen — deren Organisation durch eine tiefe Kluft von jener der heteroplastiden Thiere geschieden, ja eigentlich mit derselben unvergleichbar ist — und jenen Höheren eine Vermittelung herzustellen. Dass dies geschah und man auf solcher Grundlage seit alter Zeit thierische und pflanzliche Einzellige zu unterscheiden suchte, basirt selbst wieder darauf, dass man bei der Begriffsbestimmung von Thier und Pflanze die physiologischen Leistungen stets in den Vordergrund stellte, dagegen die morphologische oder, sagen wir besser die genealogische Umgrenzung der beiden Reiche erst in zweiter Linie beachtete, diejenige, welche doch allein die naturgemässe sein kann. Während nun die mehrzelligen Pflanzen und Thiere fast ausnahmslos genügend morphologische Charaktere aufweisen, um mit Sicherheit dem einen oder dem anderen Reich zugetheilt zu werden, versagte dies Htilfsmittel natürlich auf dem Gebiet der Einzelligen. Hier entbrannte denn auch seit alter Zeit der Streit über die Grenze beider Reiche, über die Zurechnung der einzelnen Abtheilungen zu dem einen oder dem andern. Nach dem oben Bemerkten musste im Einzelfalle natürlich der Grad der thier- oder pflanzenähnlicheu Leistungen der betreffenden Organismen bei der Entscheidung den Ausschlag geben. Früh genug hatte man sich überzeugt, dass das lang gesuchte absolute Kriterium zur Unter- scheidung beider Reiche nicht zu finden sei und dass solch' künstliche Versuche keine Beachtung verdienten, welche in der Gegenwart oder dem Mangel der Cellulose, der contractilen Vacuole oder sonstiger ein zelner Organisationstheile, in der activen Bewegung oder deren Mangel, resp. in der Art der Bewegung und dergleichen mehr, absolute Unterschiede der beiden Reiche erblicken wollten. Entscheidenden Aufschluss in dieser Frage könnte nur die Erkennt- niss des genealogischen Zusammenhangs der Gruppen der Einzelligen unter einander und ihrer Verbindung mit den mehrzelligen Thieren und Pflanzen gewähren. Nur auf dieser Grundlage Hesse sich, wenn auch als Wahr- scheinlichkeitsresultat, feststellen, ob die Unterscheidung einer Abthei- lung thierähnlicher Einzelligen berechtigt ist und ob dieselbe genea- logisch mit den typischen mehrzelligen Thieren zusammenhängt, und ob ferner den gewöhnlich mit den Pflanzen vereinigten Einzelligen eine solche Stellung naturgemäss ist. A priori lässt sich nicht bestreiten, dass die Differenzirung der beiden organischen Reiche schon auf tiefster Stufe der Einzelligen anheben konnte, ja dass die Vorläufer dieses Entwick- lungsprocesses vielleicht heutzutage gar nicht mehr existiren, demnach alle Organismen in eine der beiden genealogischen Reihen eingeschaltet werden könnten. Ein solcher Gedankengang scheint um so eher be- rechtigt, als thatsächlich alle Organismen nur zwei Hauptentwicklungs- richtungen des Lebens zustreben, der thierischen und der pflanzlichen; eine dritte, irgendwie bestimmt charakterisirte nicht zu erkennen ist Einleitung. y Bevor wir eingehender untersuchen, welche Wahrscheinlichkeits- schlüsse unsere zeitigen Kenntnisse in dieser Hinsicht gestatten, scheint es angezeigt, die seitherigen Meinungen kurz zu charakterisiren, wobei uns natürlich die der Zoologen besonders beschäftigen müssen. Es ist nicht unsere Absicht, an dieser Stelle eine ausführliche historische üebersicht der Erörterungen über die Grenzlinie beider Eeiche im Gebiet der Einzelligen zu geben. Ein- gehenderes hierüber bieten die historischen Abschnitte, welche den einzelnen Protozoengruppen vorausgehen, speciell die über die Flagellaten und Infusorien. Ebensowenig verweüen wir bei den vielfach wiederholten Versuchen: einzelne Gruppen der Protozoen oder die ganze Abtheilung den höheren Thieren oder auch den Pflanzen einzureihen und so schliesslich die Abtheilung überhaupt zu streichen. Auch über diese schon frühzeitig auftretenden Versuche gewähren die historischen üebeiblicke der Einzelgruppen speciellcren Aufschluss, namentlich möge wieder auf den Abschnitt über die Infusorien verwiesen werden. Erwähnt werde nur, dass von neueren Forschern besonders L. Agassiz*) und Milne-Edwards**) für die gänzliche Auflösung . der Protozoen und ihre Vertheilung auf Pflanzen und Thiere oder gewisse Grujipen der höheren Thierwelt eintraten. Die Ansichten der Forscher über die Abgrenzung der beiden Reiche auf dem Gebiet der Einzelligen, resp. über die Stellung, welche den sog. Protozoen zu oder zwischen beiden Eeichen anzuweisen sei, bewegten sich in zwei Richtungen. — Die meisten Biologen hielten daran fest, dass die Sonderung beider Reiche bis zur tiefsten Stufe der Lebewesen hinab durchführbar sei; sie vertraten daher im Allgemeinen die Ansicht, welche oben als eine mög- liche, wenn auch unerwiesene bezeichnet wurde. Dass die Annäherung beider Reiche eine sehr weitgehende sei, erliannten zwar auch diese Forscher meist bereitwillig an, glaubten aber, dass bei allseitiger Berücksichtigung des Gesammtcharakters eines zweifelhaften Organismus eine Entscheidung über seine Stellung möglich sei. Es soll nicht näher er- örtert werden, inwiefern die Gründe, welche den einzelnen Gelehrten maassgebend schienen, mehr oder weniger künstlich oder natürlich waren. Wie gesagt, hatte diese Auffassung ent- schieden die Mehrzahl der Biologen für sich, unter denen wir hier nur Ehrenberg***), Dujardin, Siebold, Stein, Carust), Clapar ede-Lachmann, Gegenbaur, Claus, Huxley, Kent und Künstlerff) ausser vielen Andern nennen. Nach der Art, wie die Sonderung der beiden Reiche durchgeführt werden sollte, trennten sich die Anhänger dieser Ansicht selbst wieder in zwei Gruppen. Fast Alle betrach- teten die physiologischen Leistungen als ausschlaggebend und beurtheilten danach die Stellung zweifelhafter Organismen. Nur Gegenbaurfft) vertrat eine andere Auffassung. Er hoffte auf morphologischer Grundlage zu einer naturgemässen Sonderung der beiden Reiche ge- langen zu können. Der Bau der Gewebe typischer Thiere, die innigere Vereinigung ihrer Zellen in Verbindung mit tiefer gehender Diffcrenzirung derselben zu verschiedenartigen Leistungen, schien ihm den wesentlichen morphologischen Charakter der Thierheit zu bilden. Im Gegensatz dazu boten die pflanzlichen Organismen strengere Individualisation *) Siebe Näheres pag. 1156. Dort auch über ähnliche Versuche von anderer Seite. **) Lebens s. la jibysiologie et l'anatomie comparee. T. IL p. 13 u. T. V. p. 289 u. 328 Anm. ***) Dass die Ansicht Ehrenberg's über den Umfang des Thierreichs speciell auf dem Gebiet der Einzelligen von der der übrigen Forscher sehr abwich, kommt hier natürlich nicht in Betracht. Um so entschiedener vertrat er, auf Grund seiner Meinungen, die absolute Diffe- renz zwischen den beiden Reichen. t) System der thierischen Morphologie. Leipzig 1853. tt) Les origines de la vie. Journ. de Micrograpliie T. VIII. ttt) ^^ animalium plantarumque regni terminis et differentiis. Programma Jen. 1860. Auf die besondere Bedeutung der Verschiedenheit der Gewebe für die Charakterisining der beiden Reiche hatte Gegenbaur schon 1858 in seinen Grundzügen der vergl. Anatomie hingewiesen, hier jedoch noch einzellige Thiere anerkannt. Für das Vorkommen solcher war namentlich auch J. V. Carus 1853 eingetreten (System der thierischen Morphologie). VI Protozoa. (Sonderung) der constituirenden Zellen ihrer Gewebe, neben einer viel geringeren DifFerenzi- rung derselben. Auf diesem Wege, welcher unsere Anerkennung insofern verdient, als er von dem richtigen Gedanken ausging, dass die morphologischen Charaktere für die Abgrenzung natürlicher Gruppen vornehmlich maassgebend seien, entschied sich Gegenbau r dafür, dass überhaupt sämmtliche einzelligen Wesen dem Pflanzenreich überwiesen werden müssten. Zum besseren Verständniss dieser Ansicht muss betont worden, dass Gegenbaur die thierähn- lichsten Protozoen, wie Infusorien und Rhizopoden, für Complexe theilweis verschmolzener Zellen hielt und sie daher anstandslos seinem Thierreich unterordnete. — Dass G.'s Ansicht keinen Beifall fand — nur Häckel stimmte ihr 1S62*) lebhaft zu — lag wohl darin, dass es in gewissem Grade willkürlich erschien: alle Einzelligen einfach zu Pflanzen zu stempeln. An und für sich wäre gegen die vorgeschlagene, morphologisch schärfere Umgrenzung einer typischen Thiergruppe in der Gegenbaur'schen Weise nichts einzuwenden gewesen: auch lebte dieselbe später ihrem Wesen nach in der Abtheilung der Metazoen wieder auf. Es schien aber doch sehr fraglich : ob in Betracht der ausgesprochenen Thierähnlichkcit zahlreicher Ein- zelligen und der Zweifel, welche über die Ein- oder Mehrzelligkeit vieler sog. Protozoen noch bestanden, der Stamm der typischen Thiere nicht noch tiefer abwärts ins Gebiet der Ein- zelligen zu verfolgen sei. Denn dass die mehrzelligen Thiere aus einzelligen Organismen ent- standen seien, war auch Gegenbaur's Ansicht. Wäre aber der Stamm des Gegenbaur'schen Thierreichs bis auf zweifellos einzellige Organismen zu verfolgen, dann erschien es unnatür- lich, alle Einzelligen den Pflanzen zu überweisen. Ein solcher Gedankengang lag denn auch wohl der Kritik zu Grunde, welche vornehm- lich Claus**) an Gegenbaur's Ansicht übte, obgleich mehr unbewusst; denn dass allein die genealogischen Beziehungen für die Entscheidung maassgebend sein könnten, wird in seiner Schrift nicht angedeutet. Dieselbe vertheidigt vielmehr hauptsächlich die Ansicht, dass auch Einzellige mit ausgesprochen physiologisch-thierischer Natur existiren dürften. Auf einem anderen Wege wurde endlich schon seit alter Zeit eine Lösung des Dilemma versucht, nämlich durch Aufstellung eines dritten oder Mittelreichs der Organismcnwelt, dazu bestimmt, die niedrigsten und zweifelhaften Formen im Gegensatz zu den typischen Thieren und Pflanzen aufzunehmen. Wir übergehen hier die älteren Versuche in dieser Richtung. Schon Buffon, Münchhauscn, Oken, später Bory de St. Vincent machten Vorschläge in dieser Hinsicht, über welche das Genauere in dem historischen Abschnitt über die Infu- sorien dargelegt wurde. Die meisten dieser Bemühungen waren schon deshalb hinfällig, weil sie in das Mittelreich mehr oder weniger willkürlich auch echte Thiere von pflanzen- ähnlichem Aeusseren zogen. Erst in neuerer Zeit erhoben sich wieder Stimmen, welche die Schwierigkeiten in ähnlicher Weise zu lösen versuchten. Soviel mir bekannt, ging diese Bewegung von Owen, dem verdienstvollen englischen Morphologen aus***). ISßOf) plädirte derselbe für eine grundsätzliche Gegenüberstellung der sog. Protozoa gegen die Reiche derAnimalia und Vegetabilia. Die Protozoen bildeten *) Die Radiolarien p. 163. Alles Einzellige gehöre zu den Pflanzen. Zweifelhaft in ihrer Stellung seien die Spongien, Gre garinen und Myxom ycetcn. Gleichzeitiger- achtete er es auch für wahrscheinlich, dass die bei den Thieren verbleilienden Protozoen später in mehrere Gruppen zerlegt werden müssten , dass namentlich die Infusorien und Rhizopoden gesondert zu werden verdienten, ähnlich wie dies s. Z. für Coelenterata und Echinodermata geschehen sei. Es handelte sich also um eine Auflösung des Typus, wie sie Carle er schon früher (Ann. des universites de Belgique II. s. I. 1858—59 p. 281) vorgeschlagen hatte, der den Protozoentypus in die Infusoria und Rhizopoda zerlegen wollte. Die ersteren seien mit den Polypen (= Coelenterata) in gewissem Zusammenhang; die letzteren bildeten eine Gruppe für sich, die unterste des ganzen Thierreichs. **) Claus, C. , Ueber die Grenze des thierischen und pflanzlichen Lebens. Marburger Programm 1864. ***) Einige Erörterungen über die Möglichkeit eines Mittelreichs der Einzelligen linden sich zwar schon bei Carus (System der thierischen Morphologie 1853). t) Palaeontology. 1. Auflage p. 4. Einleitung'. VII ein (IriUes Eeicli von Lebewesen indiUereiiter Natur. Er betonte nameutlicli , dass sie meist aus einfachen Zellen bestünden. Owen rechnete zu seinen Protozoen die Klassen der Amorphozoa (Spongia), l\hizopoda und „die meisten der Polygastrica Ehreiiberg's" (einschliesslich der Diatomeen und Desmidiaceen). — Ihm schloss sich J. H egg (1861)*) an, oliue etwas Wesentliches zuzufügen; nur sticss er sich an dem Namen Protozoa, "welchen Owen dem indifferenten Mittelreich belassen oder gegeben hatte, da es doch keine Thicrc enthielte, und nannte dasselbe daher Protoctista {xxiaza = geschaffene Dinge). Owen fühlte später selbst das Bedürfniss einer andern Bezeichnung und verwendete daher in der 2. Auf- lage seiner Paläontologie (1S61) den Namen Acrita (= üudilferenzirte, von xqivm, sondern). Auf directe Anregung durch Owen ist auch die Ansicht der Amerikaner Wilson und Cassin (1862)**) zurückzuführen. Auch sie hielten die Errichtung eines Mittelreiches, Primalia genannt, für noth wendig; sie glaubten, dass ihre drei Reiche scharf von einander geschieden seien. Ohne hier genauer auf W.'s und C.'s Erörterungen einzugehen, werde nur betont, dass ihre Primalia sich durchaus nicht mit Owen's Protozoa oder Acrita deckten; nach ihrer Aufzählung enthielten dieselben vielmehr als eigentlichen Stamm die- jenigen Pflanzen, welche jetzt als Thallophyta bezeichnet werden, daneben noch die Spongia. Jedenfalls rechneten sie dazu auch Owen's Protozoa, doch äussern sie sich über die- selben nicht spccieller. W.'s und G.'s Ansichten gingen daher weit über Owen und alles spätere hinaus; ihre Primalia waren unnatürlicher als alle ähnlichen Versuche. Seit 1866 vertrat Häckel die Errichtung eines neutralen Mittelreichs der Pro- tista mit besonderer Wärme. Man kann aber schwerlich behaupten, dass sein Ge- dankengang, wie er sich 1S66 in der generellen Morphologie offenbart, ein zutreffen- der war. Von vornherein war H. überzeugt, dass die Hauptgruppen des Organismensystems, die beiden oder die drei Eeiche, welche er jetzt aufstellte, unnatürliche oder künstliche Ab- theilungen sein müssten. Er erachtete es damals für sehr wahrscheinlich, dass nicht nur die einzelnen Stämme oder Phylen seiner Pflanzen und Thiere, sondern auch die Hauptgruppen oder Stämme des Protistenreichs selbstständig und getrennt aus den niedersten Moneren entsprungen seien. Die Consequenz dieser Anschauung hätte naturgcmäss zu einer Auflösung der beiden früheren Reiche und zur Errichtung einiger selbstständiger Stämme für die ver- meintlichen Protisten führen müssen, schwerlich aber zur Aufstellung eines dritten künstlichen Reiches neben zwei anderen, gleichfalls künstlichen. Hierzu lag um so weniger Nöthigung vor, als Häckel selbst anerkannte, dass man thierische und pflanzliche Protisten unterscheiden könne. Wenn daher die beiden Eeiche der Pflanzen und Thiere künstliche sind, wie ange- nommen wurde, so hätten wohl auch die Protisten auf sie vertheilt werden können, ohne die Künstlichkeit besonders zu vermehren. Dieser Schluss scheint um so gerechtfertigter, als Häckel nicht versuchte, seine Protisten morphologisch schärfer zu charakterisiren , vielmehr nur die Einfachheit der Organisation und Fortpflanzung, sowie die häufige ünentschiedenheit des physiologischen Charakters als Eigenthümlichkeiten des Reiches hervorhob. Während Owen, obgleich nicht ganz consequent, die einzellige Natur seiner Protozoon betonte, that dies Häckel keineswegs, denn er überwies typisch einzellige Algen, wie die Protococcoi- deen und Desmidieen , dem Pflanzenreich, andererseits die Infusorien den Tliieren, obgleich deren Mehrzelligkeit viel zweifelhafter schien wie die der Radio laria (seiner damaligen Auf- fassung gemäss) oder gar die der Spongien. Demnach ermangelte das Protistenreich Häckel's von 1866 (Moneres, sog. Protoplasta [Amöben und Gregarinen], Diatomca, Flagellata, Myxomycetes, Noctiluca, Rhizopoda und Spongiae) eines einheit- lichen morphologischen und daher auch genealogischen Charakters im Sinne des Gründers selbst. Für seine Errichtung war im Wesentlichen der unentschiedene physiologische Charakter der vereinigten Gruppen und die Einfachheit ihrer Organisation ausschlaggebend. Schien der physiologische Charakter entschiedener pflanzlich oder thierisch, so zögerte Häckel auch bei einfachster Organisation der betreffenden Organismen nicht, sie den beiden andern Reichen zu *) On the distinctions of a Plant and an Animal, and on a fourth kingdom of nature. Edinburgh n. philospli. Journal N. s. Vol. XII. **) On a third kingdom of organizod bcings. Proceed. Acad. nat. sciencc Philadelphia 1863. p. 113. VIII Protozoa. überweisen. Man wird es daher auch nicht ungerechtfertigt erachten, dass das Protistenreich nicht viele Anhänger fand. In der Icommenden Zeit arbeitete Häckcl fortgesetzt an der Ver- besserung des neuen Eeichs , und es gelang ihm denn auch , dasselbe in mancher Hinsicht natürlicher zu gestalten und einer wirklichen morphologisch genealogischen Gruppe näher zu fahren. Dennoch bildete der physiologische Charakter, rcsp. dessen angebliche ünentschieden- heit, welche für zahlreiche Protisten (man denke nur an die Infusorien) keineswegs zutrifft, stets maassgebend für Häckel's Umgrenzung der Protisten. Auch in seinem letzten Protisten- system werden wie früher die einzelligen Algen ausgeschlossen. Bis zuletzt hielt er ferner den polyphyletischen Ursprung der Protisten für das Wahrscheinlichste und bezweifelte daher selbst ihre Bedeutung als genealogische Gruppe; doch gelang es, sie wenigstens gegen die typischen Thiere schärfer abzugrenzen. Die 1868*) den Protisten zugerechneten sog. Phycochromaceae der Botaniker wurden später (1875)**) und 1878***) wieder aus- geschieden. Seit 1868 rechnete er dagegen sämmtliche Fungi zu den Protisten, wofür neben dem thierähnlichen Stoffwechsel hauptsächlich die angebliche Kernlosigkeit und die vermeint- liche Verwandtschaft mit den Myxomyceten maassgebend schienen. Wie unsicher sich Häckel jedoch hinsichtlich der Fungi fühlte, geht daraus hervor, dass er sie 1875 wieder eliminirte, 1878 von neuem aufnahm. Diese Einreihung aller Pilze unter die Protisten beeinträchtigte unserer Ansicht nach die Natürlichkeit der Abtheilung sehr. Selbst wenn man zugibt, dass diese Gruppe direct aus einfachsten Moneren entsprungen sei, wäre wegen der eigenartigen, hohen Organisation, welche sie im Gegensatz zu allen übrigen Protisten erlangt, ihre Abtrennung und selbstständige Stellung angezeigt, um so mehr, als Häckel selbst den polyphyletischen Ursprung seiner Protisten vertheidigte. Dagegen vermissen wir noch 1875 (wie früher) unter den Protisten die Bacteriaceen. Die Spongien wurden seit ihrer Auf- fassung als Coelcnteraten entfernt. Erst 1873 gesellten sich die Infusorien den Protisten zu, nachdem mit Aufstellung der Gastraeatheorie der sog. Metazoen die ünhaltbarkeit der früheren Ansicht über die Stellung der Infusorien eclatanter hervorgetreten warf). Dazu hätte es aber wohl der Theorie der beiden Keimblätter der typischen Thiere nicht bedurft, denn die Furchung ihrer Eier war seit langer Zeit und die Erfahrungen über die angebliche Nicht- existenz dieser Erscheinung an den Eiern oder Keimen der Infusorien schon vor 1866 genügend bekannt. Gelegentlich gab Häckel zu, dass es ihm gleichgültig scheine, ob seine Protista als Protozoa bezeichnet und dem Thierreich einfach im Gegensatz zu den Metazoa einverleibt würden, oder ob sie als Protista die Eolle eines Mittelreichs weiterführten ff ). Zwar wären theoretisch Protozoen (d. h. die genealogisch directen Vorläufer der typischen Thiere) von Protisten (die weder mit echten Thieren noch Pflanzen genealogisch verknüpft seien), zu unterscheiden, doch sei die Durchführung dieser Scheidung praktisch ganz unmöglich. Früher zwar hatte er mehrfach versucht, Protozoa im obigen Sinne aus den ehemaligen Protisten zu sondern f ff); als solche schienen die Infusorien und seltsamer Weise die Gregarinen gelten zu dürfen, welchen sich dann als Ovularia oder Eithiere diejenigen hypo- thetischen Moneren und Amöben zugesellten, durch welche der genealogische Stamm der Thiere zur Vielzelligkeit emporgestiegen sei. 187S endlich nahm Häckel wieder die Protista im ganzen Umfange auf, bestehend aus den 14 Klassen der: Monera, Lobosa, Gregarinae, Flagellata, Catallacta, Ciliata, Acineta, Labyr inthulea, Bacillariae, Fungi, Myxomycetes, Tha- lamophora, Heliozoa und Eadiolaria. Dabei betonte er nochmals, dass er der polyphy- letischen Entstehung der Protisten den Vorzug gäbe. *\ *) Monographie der Moneren. IV. Begrenzung des Protistenreichs. Jen, Ztschr. IV. 1868. **) Natürliche Schöpfungsgeschichte (3. Auflage. 1875. ***) Das Protistenreich. 1S7S. f) Morphologie der Infusorien. Jenaische Zeitschr. f. Naturw. Bd. VIII, 1873. ff) Nachträge zur Gastraeatheorie. Jen. Zeitschr. XL 1877. ftf) Morphologie der Infusorien und Schöpfungsgeschichte. 6. Aufl. Einleitung. IX Das Häckel'sche Prolistenreich erwarb sich eine Reihe Anhänger, auf welche einzugehen unnöthig erscheint, da sie den weiteren Ausbau der Lehre nicht förderten. Fassen wir das über die Bestrebungen zur Gründung eines Mittel- oder Protistenreichs Bemerkte zusammen, so fällt das Schwankende in der Umgrenzung der Grupi^e auf, der bald einiges zugefügt, bald einiges weggenommen wurde. Zwar trat die ursprüngliche Ansicht: in den Protisten eine ganz künstliche, vorwiegend praktischer Bedürfnisse wegen vereinigte Gruppe aufzustellen, bald mehr in den Hintergrund; es wurde wenigstens die Möglichkeit zugegeben, dass die Pro- tisten selbst monophyletisch entstanden und daher einer genealogischen Gliederung und einer Abgrenzung gegen die beiden höhern Reiche zugänglich seien. Dass die Monophylese der typischen Pflanzen und Thierc die naturgemässere Hypotliesc sei, hatte Häckcl seit Be- ginn der 70er Jahre gegen früher anerkannt. Das Schwankende in der Umgrenzung der Pro- tisten rührte wesentlich daher, dass nicht versucht wurde, sie morphologisch schärfer zu cha- rakterisiren. Mit der Einreihung der Pilze unter die Protisten war dies unmöglich geworden; ebenso blieb eine morphologische Abgliederung gegen das Pflanzenreich unmöglich, denn die einzelligen Algen morphologisch von gewissen Abtheilungen der Protisten zu scheiden, war undurchführbar. — Wollte man aber andererseits, wie es Häckel gelegentlich auch bevor- zugte, die Stämme der Pflanzen und Thiere bis zu den niedersten einzelligen abwärts ver- folgen und daneben noch eine Reihe niederer Formen als neutrale Protisten festhalten, so durfte man fragen, mit welchem Recht dies geschehe? Warum die Rhizopoden neutrale Pro- tisten sein sollten, während die Amöben oder ihnen doch entsprechende in den genealogischen Stamm der Thiere gehörten? Wieso die Gregarinen dazu kamen, als Thiere zu fungiren, ja in die Ursprungslinie der Metazoen fielen? Darauf dürfte schwerlich eine genügende Antwort gegeben werden können. Wodurch sich die Monera animalia als Stammväter des Thierreichs von den Monera neutralia, den Eltern der neutralen Protisten unterscheiden, dürfte als ein un- lösbares Räthsel erscheinen. Dagegen wäre es jedenfalls besser erschienen, die beiden alten Reiche zu belassen und die Einzelligen nach ihren Charakteren auf dieselben zu vertheilen, so gut es eben ging ; ähnlich wie dies seit alter Zeit gehalten worden war. Jedenfalls erforderte das Protistenreich so gut wie die beiden anderen Reiche einen ein- heitlichen morphologischen Charakter. Denn dass die beiden letzteren überhaupt von ihnen abgesondert wurden , heruhte wenigstens für die typischen Thiere darauf, dass ein solcher gemeinsamer und höherer Charakter der Organisation nachweisbar schien. Unserer Ueberzeugiing gemäss, worin wir mit Häckel und den meisten Biologen übereinstimmen, ist die Frage nach der Grenze beider Eeiche und die Stellung der Einzelligen zu denselben nur auf genealogischem Wege zu lösen. Inwiefern unsere heutigen Kenntnisse dazu ausreichend erscheinen, kann mit Recht bezweifelt werden. Dennoch muss der Ver- such gewagt werden, wollen wir anders nicht auf jede Lösung und eine Stellungnahme in der Angelegenheit verzichten. Die Möglichkeit eines polyphyletischen Ursprungs der Organismen kann nicht geleugnet werden. Irgend ein positiver Nachweis hierfür scheint aber ausgeschlossen. Zu einer solchen Annahme könnte demnach nur die erwiesene Unmöglichkeit eines monophyletischen Stammbaums der Organismenwelt führen. Für die typischen mehrzelligen Thiere und Pflanzen dürfte die Monophylese heutzutage mehr als wahrscheinlich sein; für die Einzelligen ist ihre Möglichkeit keineswegs von vornherein zu leugnen*). *) Ich bin mir wohl hewusst, dass gerade die entgegengesetzte Ansicht: nämlich der polyphyletische Ursprung der Organismen, und im Besonderen der der Einzelligen, von Bio- logen, welche viel und gut über diese Frage nachgedacht haben, vertheidigt, ja für die einzige wissenschaftliche Möglichkeit erklärt wurde. Abgesehen von Häckel geschah dies nament- lich von Nägeli (s. Mechanisch -physiologische Theorie der Abstammungslehre 1884). Ich X Protozoa. Ueberscbancn wir dieselben im Liebte unserer beutigen Erfabrungcn, so scheint sieb viebnebr ein monopbyletischer Zusanimenbang der Grui)pen glaube daher meinen abweichenden Standpunkt ein wenig nälier darlegen zu soUcn , um nicht Gefahr zu laufen, durch blossen Hinweis auf Nägeli's Ansichten anscheinend wider- legt zu werden. N. (p. 464) erachtet allein die Annahme: dass die spontane Erzeugung ein- fachster Organismen zu allen Zeiten stattgefunden habe , für wissenschaftlich begründbar. Er bemerkt dann weiter: „Wenn einmal aus unorganischen Stolfen organische Verbindungen und Organismen entstehen konnten, so musste dies stets eintreten, wo und wann jene Bedingungen vorhanden waren." Dies klingt sehr präcis und wäre es auch, wenn nicht das ganze Fun- dament des Schlusses völlig unbestimmt erschiene. Was wissen wir denn von den Bedingungen der spontanen Entstehung einfachster Organismen? Nage 11 verweist uns zwar auf sein Kapitel über die Urzeugung, es bedarf aber wohl keines Nachweises, dass dasselbe von jenen Bedingungen durchaus nichts mitfheilt, sondern nur einige ganz allgemeine Erwägungen dar- über anstellt, was man sich allenfalls bei dem ganz embryonalen Stand unserer diesbezüglichen physikalisch- chemischen Kenntnisse über eine Urzeugung denken könne. Da wir von diesen Bedingungen geradezu nichts wissen — höchstens berechtigt sind, die Möglichkeit des Ein- tretens geeigneter Bedingungen auf Grund unseres Wissens zuzugeben — so lässt sich auch vor- erst in keiner Weise entscheiden, ob diese Bedingungen in der Entwicklungsgeschichte unseres Planeten nur einmal, mehrmals oder ob sie gar stets statthatten. Da Nägeli letzteres annimmt, und seine mechanisch-physiologische Aljstammungstheorie gleichzeitig eine fortwährende Weiter- bildung einmal entstandener Organismen zur Voraussetzung hat, einen Beharrungszustand der Organismen eigentlich ausschliesst, so führt ihn dies nothwendig zur Annahme, dass die Stämme der höchstentwickelten Organismen die ältesten sein müssten, die einfachsten dagegen, speciell die Einzelligen, relativ sehr jungen Datums. Die Einfachheit letzterer ist eben nach seiner Ansicht eine Folge ihrer verhältnissmässig jugendlichen spontanen Entstehung. Im Be- sonderen entwickelt er diesen Gedanken für die Schizophyceen. Wie gesagt, scheint mir theoretisch keine Nöthigung zu einer solchen Annahme vorzuliegen; auch wäre wohl ein viel grosserer Kcichthum an verschiedenen Stämmen zu erwarten , wenn die Sache einen solchen Verlauf genommen hätte. Wie verhalten sich aber dazu die paläontologischen Thatsachen, welche uns doch allein einen thatsächlichen Maassstab für das Alter der Stämme geben? Zunächst lehren dieselben auf das Bestimmteste, dass von dem Muss einer unltcdingtcn Weiterbildung keine Eede sein kann. Die Beispiele der Brachiopoden, Gcphalopoden und anderer Abthcilungcn sind zu bekannt, um hier genauer ausgeführt zu werden. Vielleicht wird man aber einwerfen, dass dies Abthei- lungen seien, welche seit der Urzeit schon rückschritten. Wenden wir uns zu den Protozoen selbst. Da finden wir denn, dass die beiden Abtheilungen der Ehizopoden und Kadio- larien, über welche die Paläontologie Aufschluss geben kann, schon in den ältesten Ablagerungen unzweifelhaft vertreten sind. Wenn auch die Ehizopodenfauna der älteren pa- läozoischen Schichten noch immer etwas unsicher erscheint, so beweist doch die reiche Mannig- faltigkeit der Ehizopoden der Kohlenformation, unter welchen sich schon höchstentwickelte Formen finden, zweifellos, dass der Ursprung der beschälten Ehizopoden viel tiefer hinabreicht. — Für die Eadiolarien, welche lange nicht über die Tertiärzeit zurückverfolgt werden konnten, wissen wir jetzt, dass sie in den ältesten paläozoischen, ja cambrischen Schichten vorkommen (vergl. Eust, Palaeontographica Bd, 31 , p. 271 und Häckel, die Eadiolarien 2. Theil, 1S87). Beide Gruppen lassen ferner erkennen, dass zwar im Allgemeinen während dieser langen Zeit ein gewisser Fortschritt stattgefunden hat, dass gewisse Formen erloschen, andere sich allmählich difierenzirten und änderten, dass jedoch über den Typus der Abthei- lung hinaus keine Fortbildung geschah. Letzteres lässt sich mit aller Bestimmtheit behaupten, da heutzutage keine Organismen existiren, welche als entwickeltere auf diese Gruppen zurück- zuführen wären, Während eines Zeitraums also, in welchem die Ahnen der Säugethiere von einer fischähnlichen Stufe bis zum Menschen fortgeschritten sein müssen und zu dessen Beginn noch keine phancrogame Pflanze existirte, verharrten diese, wie viele andere Gruppen der Thier- Kiuloiliiiif;-. XI als walirscbeinlich zu ergeben und damit auch eine monophyletisclie Ab- stammung der ganzen Orgauismenwelt-''). Da eine Orientirung über die vermuthlichen genealogischen Zusammenhänge am kürzesten und präg- nantesten durch die Aufzeichnung eines Stammbaums geschieht, geben wir unseren Ideen in einem solchen Ausdruck, ohne damit zu verkennen, wie viele Schwierigkeiten der hypothetischen Begründung desselben zur Zeit noch entgegenstehen (s. den Holzschnitt auf d. folg. p.). Zur Erläuterung dieser Aufstellungen und der Schlussfolgerungeu, welche denselben für unser Thema entspringen, diene das Nachstehende. Die Wurzel aller Einzelligen suchen wir nicht in amöbeuavtigen For- men, sondern wie es im Abschnitt über die Verwandtschaftsverhältnisse der Flagellaten schon früher dargelegt wurde, in Formen, welche durch ihre Eigenthümlichkeiten zwischen den Sarkodinen und den Masti- gop hören vermittelten und sich vielleicht noch in der Gruppe der Khiz omastigoda am reinsten erhielten. Es scheint zur Zeit unnütz, darüber speculiren zu wollen, ob diesen Formen noch einfachere voraus- gingen und welchen Bau dieselben eventuell besassen '''*). Dagegen bedarf die Frage nach der Berechtigung der sog. Moneren- abtheiluug, welche Häckel stets als die primitivste aller Protisten bc- welt auf wesentlicli derselben Bildungsstufe. Beide (jruijpcn aber sind solclie, welche in der Jetztwelt noch eine ganz bedeutende Eolle spielen, für welche keinerlei Anzeichen des Eiick- schritts vorliegen. Ausser den Bacillariaceen gibt es keine weitere Gruppe der Einzelligen, welche fossil ausgiebig erhaltungsfähig ist. Die Bacillariaceen konnte man vorerst nicht sicher liber die Jurazeit zuruckverfolgen (vergl. 11 (Ist 1. c). Eine triasische Form (Bactryllum) ist zweifel- haft. Wenn es auch möglich ist, dass sie thatsächlich nicht iiltcr sind, oder vielleicht von Ahnen abstammen, deren Zellhäute unverkieselt waren, so scheint es mir doch sehr ge- rathen , weitere Untersuchungen abzuwarten , namentlich im Hinblick auf die neueren Erfah- rungen über die Radiolarien. Die paläontologischen Ergehnisse lehren demnacli gerade das Entgegengesetzte wie Nägeli's Theorie. Sie zeigen, dass Gruppen der Einzelligen sich seit uralter Zeit in wesentlich gleicher Bildung erhielten und zu keiner höhern Entwicklungsreihe fnhrten. Dieselbe Möglichkeit ist demnach auch fiir die übrigen Gruppen nicht ausgeschlossen und die Erwägung eines monophyletischen Ursprungs wird dadurcli nälier gelegt. Ueberhaupt lehrt uns der Gesammtgang der paläontologischen Entwicklung, dass stets nur wenige Formen einer Gruppe (wenn überhaupt welche! einer aufsteigenden Entwicklung in erheblichem Maasse fällig waren, dass die grosse Masse dagegen nie mehr über den be- schränkten Typus ihres Zweiges hinausgelangte , wenn sie nicht überhaupt ausstarb. Worauf dies eventuell zurückführbar scheint, kann an dieser Stelle nicht untersucht werden. *) üeber die Bedeutung der grossen Uebercinstimmung der Kerntheilungsvorgänge thie- rischcr und pflanzlicher Zellen für die Monophylese vergl. meine, im Anschluss an Stras- burger geäusserten Bemerkungen in ,, Studien über die Entwicklung etc." Abhandl. Senckenberg. Gcsellsch. Bd. X. 1876 (p. 20G — 7 des S. A.'s). Die Schwierigkeit, welche da- mals noch in der vermeintlichen spontanen Entstehung von Nuclei erblickt wurde, besteht natürlich heute nicht mehr. **) Speculationeu hierüber findet man bei Nägeli: , .Mechanisch-physiologische Theorie der .Abstammungslehre" 1884, welcher ein besonderes Reich der Probien oder Urorganismen aufstellt, die einfachsten ursprünglichsten, jedoch bis jetzt noch ganz unbekannten. Mit dieser Erwähnung will ich jedoch keineswegs meine Uebercinstimmung mit der Nägeli'schen Specu- lation aussprechen. XII Protozoa. trachtete, einer kurzen Erörterung. Wie die frühem Abschnitte dieses Werkes schon zeigten, vermied ich die Aufstellung einer solchen Gruppe, da ich ihre Existenz von jeher bezweifelte. Bekanntlich bildet die Kern- losigkeit den einzigen Charakter der sog. Moneren, Vielehe im Uebrigen bald mehr flagellatenartig , bald mehr sarkodinenartig erscheinen. Die Typ.Thiere Höhere Pflanzen Vielzellige Spongiae ; Frotococcoidea SaCillariaCea /« weitere ein- xeär^e Al^en (fracfifch Desmin Infusoria Choanoflag SchhopJit/cea BadericLcm Errichtung der Gruppe fällt in eine Zeit, wo die Methoden der Kernnach- weisung sehr wenig ausgebildet waren, namentlich aber auch die That- sache kaum gewürdigt Avurde, dass häutig statt eines einzigen an- sehnlichen Kernes zahlreich kleine und daher schwer nachweisbare vor- handen sein können. Die Erfahrungen auf botanischem wie zoologischem Gebiet, sowohl im Bereich der Viel- wie der Ein-zelligen haben seit dieser Zeit ergeben, dass die Kerne in den meisten Fällen, wo sie lange ver- misst wurden, thatsächlich nicht fehlen. Wenn wir auf Gesetzmässigkeit in der Natur überhaupt bauen dürfen , so berechtigen die heutigen Er- fahrungen zum Schlüsse, dass mit alleiniger Ausnahme der Gruppen der Schizophyceae und Bacteriaceae am allgemeinen Vorhanden- sein der Kerne nicht zu zweifeln ist. Ich hege denn auch die feste Ueberzeugung, dass bei allen angebhchen Moneren Hack eis, sofern sie nicht diesen beiden Gruppen zugehören (allein die Bacterien zählt übrigens Häckel als Tachymonera der Monerengruppe zu) der angebliche Einleitung. XIII Kernmangel nur auf ungenügender Erforschung beruht. Mir begegnete bei vielfachen Studien in der Welt der Einzelligen wenigstens niemals eine Protamoeba oder eine Protomonas, und anderen Beobachtern er- ging es ähnlich (s. Entz*); auch Schmitz**), der sich um den Nach- weis der Kerne niederer Pflanzen grosse Verdienste erwarb, spricht sich ähnlich aus). Wie es aber mit der anscheinenden Kernlosigkeit der Schizophy- ceen und Bacteriaceen steht, bedarf zweifellos weiterer Aufklärung. Die Untersuchung dieser Gruppen auf Nuclei oder ähnliche Einschlüsse wurde lange Zeit sehr vernachlässigt, da die Frage nach den Kernen von den Botanikern, welchen das Studium dieser Abtheilungen dem Herkom- men gemäss oblag, bis in die jüngste Zeit wenig beachtet wurde. Zwar wurden die Bacterien neuerdings der Gegenstand zahlloser Untersuchungen, die aber hauptsächlich von Gesichtspunkten ausgingen, welchen morpho- logische Fragen fern lagen und denen gleichzeitig ein weiterer Ausblick auf die Welt der verwandten niederen Organismen mangelte. Immerhin zeigten die Untersuchungen von Schmitz***), dass das Plasma der Schizophyceae stark färbbare kleinere oder grössere Körnchen in verschiedener Zahl enthält, die manchmal auch in einer Gruppe zusammenliegen. Zwar zweifelt Schmitz an der Kernnatur dieser Einschlüsse, obgleich er sie früher (1879) für echte Nuclei gehalten hatte. Ich erachte es aber doch für möglich, dass diese Körper Nuclei einfachster Art entsprechen, d. h. dichte Nucleinkörner sind. Auch sehr verdichtete kleine Kerne oder Kernfragmente unzweifelhafter Natur er- scheinen bei Infusorien etc. als kleine stark färbbare Körner. Auch für die Bacterien liegt die Frage keineswegs klar, was de Baryj) an- erkannte. Färbbare Körner sind im Plasma gewisser Bacterien nachweis- bar; ihre Bedeutung ist jedoch vorerst ähnlich unsicher, wie die der Oscillarien und Verwandten. Wir können aus dem Ermittelten nur schliessen, dass selbst für die beiden letzterwähnten Gruppen der Kern- mangel zweifelhaft ist. Daher scheint die Möglichkeit vorerst nicht aus- geschlossen, dass der Aufbau aus Plasma und geformter Kernsubstanz überhaupt eine Auszeichnung alles Lebenden ist. Bei diesem Stand der Forschung vermag ich eine Abtheilung der Monera als Ausgangspunkt der höheren Einzelligen nicht zu rechtfertigen. Unsere Gründe für die Ableitung der Gruppen der Bacterien, Schizophyceen, Sarkodinen, Myxomyceten und wahrscheinlich auch der Chytridiaceen (wenigstens z. Th.) wurden im Abschnitt über die Verwandtschaftsbeziehungen der Flagellaten eingehender darge- *) Entz, Studien über Protisten I. Th. Pestli 1888. p. 254—55. **) Schmitz, ßesultatc seiner Untersuch, über die Zellkerne der Thallophyten. SitzLer. der niederrh. Gesellsch. f. Nat. u. Heilk. 1879. ***) ibid. 1880 Untersuch, über die Structur des Protoplasmas u. d. Zellkerne der Pflanzen- zellen. f) Vorlesungen über Bacterien 1885 p. 3. XIV Protozoa. legt (s. p. 803 ff.). :5ie hatten sich im Allgemeinen der Zustimmung eines unserer hervorragendsten Botaniker, de Bary's zu erfreuen*). Dass die Myxomyceten wohl in directerer Beziehung zu dem Stamm der Sarko- dinen stehen, bedürfte heutzutage keiner besonderen Belege mehr, da die Ansicht über deren Nichtzusamineuhang mit den eigentlichen Pilzen sich mehr und mehr befestigt. Auf die Frage nach der Beziehung und Ableitung der eigentlichen Pilze einzugehen vermag ich nicht. Weder meine Kenntniss dieser Gruppe berechtigt mich hierzu, noch dürfte es der Stand unserer Erfahrungen gestatten. Es bleibt daher competenterem Urtheil anheimgestellt, zu ent- scheiden , ob die höheren mehrzelligen Pilze ganz oder zum Theil von den Chytridiaceen abzuleiten sind. Aber auch zugegeben, dass dies so sei, so würde die Eeihe der höheren Pilze als ein selbstständiger Zweig, der aus niederem Ursprung erwachsen ist, zu betrachten sein, der wegen der Höhe der Organisation, welche er erlangte, ein Recht besitzt, als besonderer Stamm von den Einzelligen getrennt zu werden. Ich glaube aber, die Botaniker werden für viele der höheren Pilze die Mög- lichkeit der Ableitung und des Anschlusses an typische Pflanzen natur- gemässer erachten. Ueber die Herleitung des Mastigophorenstammes aus der an- gegebenen Wurzel werden schwerlich ernstliche Meinungsverschiedenheiten bestehen, ebensowenig auch über seine Gliederung in die verschiedenen *) de Bary, Vergl. Morphologie uad Eiologie der Pilze, Mycetozoeii und Bacterieu. 1884, p. 417 ff. und p. 513. Dass die Scliizopliyceen eine isolirte, mit höheren eigentlichen Pflanzen nicht in Verbindung stehende Gruppe sind, erkennt auch Nägeli an (Mechaniscli- physiologische Abstammungslehre). Dass ein gewisses Maass von Zelldifferenzirung bei einem Theil dieser Gruppe zur Ausbildung gelangte, kann , da es einen massigen Grad nicht über- schreitet, nicht wohl Veranlassung geben, sie von den übrigen Einzelligen zu trennen. Dies wäre anders, wenn höiicrc Gruppen auf diese Wurzel rilcliführbar wären, was thatsächlich nicht der Fall zu sein scheint. Die schon früher und hier wieder besprochenen Beziehungen der Bacteriaceen zu den ursprünglicheren Flagcllaten wurden eine wichtige Bestätigung erhalten, wenn sich Künstler's Schilderung eines eigenthümlichen parasitischen Organismus, Bacterioidomonas spori- fera Kstl. bestätigte. Das im Blinddarm des Meerschweinchens gefundene Wesen nimmt nach K.'s Beschreibung sowohl durch seinen Bau wie wegen der endogenen Sporenbildung eine ver- mittelnde Stellung zwischen primitiven Flagcllaten und endosporen Bacterien ein. Es soll aber einen deutlichen Nucleus besitzen und eine Länge von 0,024 erreichen (s. Journal de Micro- graphie T. YIII. 1884 p. 376). Bei dieser Gelegenheit möchte ich mich verwaliren gegen die gelegentliche Besprechung de Bary's und meiner Ansichten über die verwandtschaftlichen Be- ziehungen der Bacterien (s. Fisch im Biolog. Centralblatt Bd. V. 1S85 p. 97), welche den Anschein erweckt, als hätten de Bary und ich gleichzeitig und unabhängig Aehnliches über diesen Gegenstand geäussert. Das Umgekehrte ist das Richtige. Wie de Bary selbst hervor- hebt, war ihm meine Erörterung in dem Abschnitt über die Flagcllaten bekannt. Ob de Bary selbstständig zu ähnlichen Ansichten gelangte, wie die Form, in welcher er meiner gedenkt — er spricht davon, dass auch ich derartige Ansichten ausgesprochen hätte — anzudeuten scheint, ist an und fiir sich gleichgültig, da meine Publication vorlag, darf jedoch wohl be- zweifelt werden. Einleitung. XV Hauptzweige der Flagellata, Dinoflagellata, Cli oauoflagel- lata und Cy stofl agellata. Unsicherer bleibt leider noch die Ableitung der lufusoriengruppe. Vermittelnde Formen, welche den Zusammenhang mit niederen Einzelligen herstellten, sind nicht bekannt. Genauer wird diese Schwierigkeit bei der Erörterung der verwandtschaftlichen Beziehungen der Infusorien dar- zulegen sein; je:lenfalls deutet alles darauf hin, dass die Gruppe weder einem der difterenzirteren Zweige der Mastigophoren, noch einem der tieferen Seitenzweige des Hauptstamms entsprossen ist. Die versuchte Herleitung aus dem Hauptstamm gründet sich daher mehr auf Exclusion wie auf den Nachweis directer Beziehungen. Die Vorstellung, dass die Infusorien aus mastigophorenähnlichen Formen entstanden , welche zahl- reiche Geisseifäden auf der gesammten Körperoberfläche entwickelten, scheint vorerst die naturgemässeste. Immerhin bleibt die Abzweigungs- stelle des Infusorienstnmms noch recht fraglich, da sie auch beträcht- lich tiefer gelegen sein könnte. Dagegen ist zweifellos, dass die Infu- soriengruppe isolirt ausläuft, dass höhere Formen an sie nicht anschliessen. Es verdient dies besondere Betonung im Hinblick auf die immer wieder- kehrenden Versuche, sie mit den Metazoen in einen unnatürlichen Zu- sammenbang zu bringen. Einzelne Zweige des Mastigophorenstamms führten ohne Zweifel zu neuen und bedeutungsvollsten Entwicklungsrichtungen. Als ein isolirter, in sich abgeschlossener und zu höheren Formen nicht aufsteigender Ast begegnen wir den Bacillariacea, deren vermuthliche Beziehung zu den Dinoflagellata bei diesen näher dargelegt wurde (s. p. 1001)*). Unsicher ist die Herleitung der Sporozoa, deren Beziehungen noch in tiefes Dunkel gehüllt sind. Im Abschnitt über die verwandtschaft- lichen Beziehungen der Flagellaten (p. 807) wurde die hier reproducirte provisorische Ableitung etwas näher zu begründen versucht; wir verweisen daher auf das dort Bemerkte. Es ist aber keineswegs unmöglich, dass die Sporozoa sich schon viel früher von dem Hauptstamm abzweigten, etwa in der Gegend des Chytridiaceenastes. Auch gilt alles Bemerkte nur für die Gregariniden, da die Beziehungen der übrigen sog. Sporozoen- abtheilungen zu den ersteren selbst noch sehr zweifelhaft sind. Zweifellos ist dagegen der Zusammenhang der Protococcoidea mit den Phy tomastigoda, welche ja von den Botanikern gewöhnlich mit den erstem vereinigt werden. Gleich sicher erscheint wohl auch die Ableitung des grossen Stamms der höhern mehrzelligen Pflanzen aus diesen Einzelligen. Zweifelhaft bleibt meines Erachteus vorerst die Beziehung der Conjugaten zu den Protococcoidea. Die Möglichkeit scheint nicht ausgeschlossen, dass diese Algen einen besonderen Ursprung aus *) Dass die Bacillariaceen ein isolirter Zweig sind, der mit liölicren Gruppen keiner- lei Connex besitzt, wird von den Botanikern wolil allgemein anerkannt. So betont es t. B. auch Nägeli (Mechaniscli-pliysiolog. Abstamuuingslehre 1S84) bestimmt. XVI Protozoa. holopbytischen Mastigophoren besitzen, doch wage ich in dieser Hinsicht kein bestimmtes Urtheil. Bei Besprechung der Choanoflagellata (s. p. 901) wurde dar- gelegt, dass uns die Beziehungen der Spongien zu dieser Gruppe zweifellos erscheinen; wie auch, dass die übrigen Metazoa eine selbst- ständige Entwicklung neben den Spongien genommen haben dürften, Dass der Ursprung derselben gleichfalls auf die Mastigophora zu führen scheint, wurde schon angedeutet. Dieser Schluss beruht gleichfalls mehr auf Ex- clusion als auf directen Belegen durch Uebergangsformen, welche fehlen. Die Möglichkeit eines Zusammenhangs der Wurzel des Spongienzweiges mit den eigentlichen Metazoa soll nicht bestritten werden. Nähere Auf- klärungen über diese Frage kann ja doch nur die Zukunft bringen. Wie gestaltet sich aber auf Grund dieser Ergebnisse über die Genea- logie der Organismen die Frage nach dem Umfang der Protozoen in ihren Beziehungen zu den typischen Pflanzen und Thieren? Zunächst scheint klar, dass eine Zerlegung der Einzelligen in zwei von Beginn ge- trennte Stämme der thierischen und pflanzlichen undurchführbar ist, wenn nicht etwa am Beginn der Isomastigoden eine sehr künstliche Grenze er- richtet werden soll. Auch dann aber blieben jedenfalls die Euglenoidina mit zahlreichen holopbytischen Formen bei den thierischen Einzelligen. Erweist sich also die Scheidung der Einzelligen nach ihrem thierischen oder pflanzlichen Charakter und ihrem genealogischen Zusammenhang mit den typischen Thieren und Pflanzen als unthunlich und ohne Zwang nicht durchführbar, so dürfte, wenn überhaupt nicht auf eine natürliche Gruppenbildung in der Organismenwelt verzichtet wird, die Zusammen- fassung aller einzelligen Wesen zu einer Gesammtabtheilung im Gegensatz zu den typischen mehrzelligen Thieren und Pflanzen das naturgemässeste erscheinen. Ein consequentes Bestreben nach möglichst natürlicher, der Genea- logie entsprechender Grnppirung der Organismen führt uns so zur Aner- kennung des Mittelreiches, der Häckel'schen Protisten in modificirtem Sinne. Obgleich ich überzeugt bin, dass in der Praxis auf nicht abseh- bare Zeit die Welt der Einzelligen je nach Bedttrfniss und Herkommen zwischen Botanik und Zoologie getheilt werden wird, kann ich mich obiger Consequenz vom theoretischen Standpunkt aus doch nicht entziehen. Auch jeder Classification auf genealogischer Grundlage klebt insofern etwas Willkürliches an, als wir gezwungen sind, Gruppen beginnen zu lassen ; wo dies geschehen soll, wird stets Sache des Uebereinkommens bleiben und um so willkürlicher erscheinen, je zahlreicher die Uebergangs- formen sich erhielten. Bei dem Bestreben, naturgemässe Grenzen der systematischen Gruppen zu finden, kann uns wohl nur der Grundsatz leiten, dem Inhalt jeder Gruppe ein einheitliches morphologisches Gepräge zu geben, d. h. nichts aufzunehmen, was in seinem Bau weit über die Organisation der Mehrzahl hinausgeht, ebenso aber auch nichts auszu- schliessen, was seiner morphologischen Entwicklung nach in den Rahmen Einleitung. XVII der Gruppe fällt. Diesem Grundsatz gemäss würde ich zu einem natür- lichen Reich der Urwesen oder Einzelligen auch diejenigen seither dem Pflanzenreich zugerechneten Organismen ziehen, welche sich in ihrer morphologischen Entwickluiig nicht über die Einzelligen erheben, also vor allem die Protococco idea und andere. Die Grenze gegen die typische Pflanzenwelt wäre dann erst da zu statuiren, wo eine Difl'eienzirung der Zellverbände zu verschiedenartigen Leistungen anhebt, was sich zuerst darin ausspricht, dass nur gewisse Zellen die Fortpflanzung übernehmen, zu typischen Propagationszellen werden. Schon früher wurde betont, dass diese Differenzirung auch bei einzelnen Formen eintritt, welche wir von den übrigen Einzelligen nicht scheiden können, dass dies jedoch insofern ohne Belang ist, als diese Formen isolirte Ausläufer bilden, während sich an die echten mehrzelligen Pflanzen eine reiche Weiterentwicklung an- schliesst. In diesem Punkt wäre ich demnach geneigt, den Umfang des Reiches der Einzelligen weiter zu ziehen als es Häckel thut, da ich die morpho- logische Uebereinstimmuug der Einzelligkeit oder die homoplastide Aus- bildung als Grundcharakter der Gesammtheit betrachten muss. Dass sich jedoch eine solche Umgrenzung des Reiches in der Praxis Geltung er- werben dürfte, glaube ich nicht. Der Zusammenhang der Einzelligen von entschieden physiologisch pflanzlichem Charakter mit den echten mehr- zelligen heteroplastiden Pflanzen ist zu innig, als dass man sich bequemen wird, einer solchen Abgrenzung zuzustimmen, welche ja auch nur auf dem Bedürfniss beruht, eine Grenzmarke zu ziehen. Man wird daher in der Praxis wohl vorziehen, das Pflanzenreich mit denjenigen Einzelligen be- ginnen zu lassen, welche physiologisch den höheren Pflanzen entsprechen, d. h. holophytisch leben und während der längeren Periode ihres Lebens unbeweglich sind. Die Abgrenzung der Einzelligen gegen die hetero- plastiden Thiere ist dagegen scharf, da hier Uebergangsformen nicht mehr existiren oder doch unbekannt sind. Diejenigen Abtheilungen der Einzelligen aber, welche wir in diesem Werk als Protozoen beschreiben, haben kein Anrecht als eine na- türliche Gruppe zu gelten. Es sind die, ihres mehr physiologisch- thierischen Charakters wiegen seither conventioneil unter die Thiere auf- genommenen und beschriebenen Gruppen, von welchen aber nicht wenige Angehörige dem pflanzlichen Leben physiologisch sehr nahe treten. Diese Gruppen sind die Sark odina, Mastigophora, Spo- rozoa und Infusoria. Es bleiben demnach zum mindesten die Ab- theilungen der Bacteriacea mit den sich höchst wahrscheinlich an- schliessenden Schizophycea, die Myxomycetes und Bacillaria- ceae, welche Anrecht auf Betrachtung hätten. Dass dies nicht ge- schehen, dass dies Werk nicht zu einem solchen über die einzelligen Urwesen, die Protisten überhaupt, erweitert wurde, dürfte keinen Anstoss erregen, da es nicht seine Aufgabe war, eine Reform durchzuführen, sondern die sog. Protozoen, wie sie im historischen Gange unserer Wissen- Bronn, Kiasseu des Tliier-Reichs. Protozoa. B XVIII Protozoa. Schaft allraählicli entstanden, soweit möglich, erschöpfend darzustellen. Wie wir uns aber deren Beziehungen zu den übrigen Einzelligen und den höheren Organismen denken dürfen , suchte diese Einleitung darzulegen. Mit dem Fortschreiten und der Klärung unseres Wissens von den genea- logischen Beziehungen der Gruppen dürfte die allseitige Anerkennung einer Reform nicht ausbleiben , wenn dieselbe sich auch zunächst auf die theoretische Ueberzeugung beschränken sollte, dass die seither beliebte Vertheilung der Einzelligen auf die beiden Keiche in der Natur nicht begründet ist. A. Ab th eilung (Klasse, Subphylum). Sarkodina. In der Abtheilung der Sarkodina*) fassen wir die Gesammtheit der- jenigen Protozoen zusammen, welche während der Hauptperiode ihres thätigen (beweglichen) Daseins mittels einfachster Protoplasmabewegungen, also entweder durch einfaches Hinfliessen (Hinströmen) oder durch Ent- wicklung nicht schwingender, protoplasmatischer Fortsätze wechselnder Gestalt den Ortswechsel vollziehen, wobei dann ihr Körper mannigfachen Gestaltsveränderungen unterworfen ist. Auch die Nahrungsaufnahme wird mit Hülfe solcher Protoplasmabewegungen bewerkstelligt. Bezüglich ihrer Fortpflanzungsverhältnisse zeigen sie einfache Thei- lungs- oder Sprossungserscbeinungen ohne Hervorbildung besonderer spo- rangienartiger Fortpflanzungskörper (wodurch eine Trennung von den in ihren beweglichen Zuständen in vieler Hinsicht sich ähnlich verhaltenden Myxomyceten gezogen wird, welche letzteren eben dieser Fortpflanzungs- erscheinungen wegen, den einfachsten pflanzlichen Organismen näher an- geschlossen w^erden). Die hier unter der Bezeichnung Sarkodina vereinigten Protozoen werden in neuerer Zeit gewöhnlich sämmtlich als Rhizopoda zu- sammengefasst, ein Verfahren, von dem hier Abstand genommen wurde, weil einerseits die mit der Bezeichnung Rhizopoda verknüpfte Vorstellung keineswegs mit den thatsächlichen Bauverhältnissen dieser Formen sich deckt, andrerseits der Name Rhizopoda von seinem Begründer (Dujardin) in einem viel beschränkteren Sinne gebraucht wurde und zwar in einer Ausdehnung, die auch hier mit einer kleinen Erweiterung An- wendung finden soll. Die Abtheilung der Sarkodina zerfällt ziemlich ungezwungen in 3 Unterabtheilungen oder Unterklassen, nämlich: *) Der Name Sarkodina ist schon frilherhin, jedoch in anderem Sinne, von Hertwig und Lesser zur Bezeichnung unsrer Abtheilung der Khizopoda (einschliesslich der Heliozoa) in Vor- schlag gebracht worden (vergl. 99"). Die Anwendung , die wir hier von demselben machen, geht aus dem Folgenden hervor. Bronn, Klassen des Thiei-Eeichs. Protozoa. 1 2 Ehizopoda. I. Rhizopoda. Nackte (hüllenlose) oder umhüllte (beschalte) Sarkodinen, die sich entweder durch einfaches Hinfliessen ihres protoplasmatischen Zellenleibes oder durch Aussenden mehr oder weniger bis sehr gestaltsveränderlicher, und häufig unter einander Verschmelzungen bildender Protoplasmafort- sätze (Pseudopodien) bewegen. Solche Pseudopodien können sowohl von der Gesammtoberfläche des Körpers, als auch nur von einem beschränk- ten Theil derselben entspringen. Die Gesammtgestalt des Körpers ist entweder sehr veränderlich, oder wo sie mit oder ohne Beihülfe einer Um- hüllung (Schale) eine grössere Constanz zeigt, offenbart sich an ihr sehr gewöhnlich eine Hinneigung zu einaxiger Gestaltung, indem entweder durch verschiedenartige Ausbildung entgegengesetzter Körperenden oder durch eine Längsstreckung des Gesammtkörpers eine Hauptaxe zu deut- licher Entwicklung gelangt. (Nur wenige Formen weichen von dieser Regel ab und bewahrheiten dadurch nur die alte Erfahrung, von der Unmöglichkeit absolut scharfer Gruppentrennung in der Organismenwelt.) II. Heliozoa. Nackte oder umhüllte (von einem Kieselskelet umkleidete) Sarko- dinen, von meist nahezu regelmässiger hügliger Gestaltung (welche nur bei einer Anzahl wenig differenzirter Formen durch den Gestaltswechsel des Gesammtkörpers zeitweise beeinträchtigt wird). Pseudopodien fein, wenig gestaltsveränderlich und verhältnissmässig wenig zu Verschmel- zungen geneigt, von der Gesammtoberfläche des Körpers allseitig aus- strahlend. (Durch ihre einfacheren, wenig differenzirten und gestaltsveränder- lichen Formen zeigt diese Unterabtheilung innige Beziehungen zu den Rhizopoden, wie andrerseits die kuglig gestalteten Formen dieser letzte- ren sich zu den Heliozoen hinneigen. Die allgemeinen Gestaltsverhält- nisse und die Skeletentwicklung bringen ferner die Heliozoa in nähere Beziehung zu der folgenden und letzten Abtheilung der Radiolaria.) III. Eadiolaria. Sarkodinen von homaxoner (hügliger) Grundgestalt, die jedoch durch auftretende Modificationen häufig in eine einaxige übergeführt wird. Eine kuglige oder einaxig modificirte Hüllbildung stets vorhanden, die je- doch von hervorgedrungnem Protoplasma äusserlich überzogen wird (ähnlich wie bei manchen Rhizopoden) und dadurch ins Innere des Proto- plasmakörpers eingelagert erscheint (sogenannte Centralkapsel). Hierzu gesellen sich gewöhnlich noch weitere Skelettheile. Pseudopodien allseitig von der Körperoberfläche ausstrahlend, fein und in massigem Grade zur Verschmelzung geneigt. (Die Radiolaria zeigen, wie schon oben bemerkt, deutliche Beziehungen zu den Heliozoa, andrerseits jedoch auch solche zu den homaxonen For- men unter den Rhizopoda.) Geschiebte. 3 I. Unterabtheilung (Unterklasse). Rhizopoda. 1. rebei'sieht der historiselieu Entwickliing' uiisier Kenntnisse von den Rhizopoden. Bei der verbältnissmässig sebr beträchtlichen Grösse, welche gewisse Rhizopoden erreichen und der Häufigkeit, in welcher ihre Schalenreste in gewissen Erdschichten aus vergangenen Epochen aufgespeichert sich vor- tinden, konnten solche fossile Rhizopoden auch dem Alterthum nicht völlig verborgen bleiben, wie denn auch die Nummuliten schon bei Strabo*) er- wähnt werden. Eine wirklich wissenschaftliche Beschäftigung, wenn auch nur mit den Schalenresten der Rhizopoden, erforderte jedoch optische Hiilfsmittel und eine besondere Hinlenkung des Beobachtungssinnes auf die Welt des Kleinen, wie sie hauptsächlich durch die Leeuwenhoek'schen Bestrebungen im 17. Jahrhundert erzeugt wurde. So lieferte denn auch schon die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts eine Anzahl Beobachtungen über die zahlreichen Schalenreste der Rhizopoden, wie sie sich sowohl im recenten Meeressand, als auch in den Ablagerungen der verschiedensten geologischen Formationen finden. Beccarius 1731 (1) und Breyn 1732(2) gaben Beschreibungen recenter und fossiler Rhizopodenschalen und letz- terer gebrauchte flir dieselben schon die Bezeichnung Polythalamia, welche auch jetzt noch häufig für eine Abtheilung derselben verwerthet wird. Plauens (Bianchi) veröffentlichte 1739 (3) zuerst Abbildungen derselben, ebenso wie Gualtieri 1743 (4) und Ledermüller 1763 (15). Die ursprüngliche Auffassuug dieser Schalenreste als Cephalopoden- gehäuse sollte noch lange Zeit die herrschende bleiben. Die 15 von Linne in der 12. Ausgabe seines Systema naturae aufgeführten und auf die Beobachtungen von Plauens, Gualtieri und Ledermüller gegründeten Arten wurden in die Geschlechter Nautilus (14) und Serpula (1) ver- theilt. Hierzu gesellte Gmelin noch weitere 8 Arten (7 Nautilus und 1 Serpula), die sich auf die mittlerweile erschienenen Miltheilungen von Spengler, Schröter und Gronovius basirten (8, 9 u. 10).**) Die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts lieferte noch einige wichtige Beiträge zur Kenntniss der Rhizopodenschalen. Während die früheren Beobachtungen wesentlich die Formen des Mittelmeeres betrafen, bildeten Boys und Walker (Beschreibungen von Jacob) eine Reihe von Arten der englischen Küste ab, die sie gleichfalls den Genera Nautilus, Serpula und eine sogar Echinus einverleibten.***) Bat seh hingegen veröffent- lichte 1791 6 vorzüglich ausgeführte Kupfertafeln mit Abbildungen von 16 Rhizopodenarten, über deren Herkunft jedoch nichts mitgetheilt wurde. f) *) Vergl. hierüber bei D'Archiac et Haime, Descript. des anim. foss. d, groupe Num- mulitique de l'Inde. Paris 1853. **) Analyse der Arten bei Parker u. Jones 62 a. ***) Analyse der Arten bei Parker u. Jones 62 b. t) Analyse der Arten bei Parker u. Jones 62 1. 1* 4 Rhizopoda. Bei weitem die hervorragendsten und ansgedelmtesteo Untersuchungen über unsern Gegenstand lieferte jedoch Soldaui*) in zwei Werken, von denen das ältere 1780, das jüngere, die Testaceographia, 1789 bis 1798 erschien und von nicht weniger als 228 Kupfertafeln begleitet ist (7 u. 13). Sowohl die fossilen als die recenten Rhizopodenschalen Italiens und der ita- lischen Küste zog Soldani in den Bereich seiner Darstellungen. Eine Beein- trächtigung erlitten die Soldani'schen Werke durch die Nichtanwendung der binomischen Bezeichnung, jedoch basiren eine grosse Zahl später auf- gestellter Arten auf seinen Abbildungen.**) Auch die Beiträge, welche Fichtel und Moll in ihrem 1803 er- schienenen Werk (14) gaben, waren hauptsächlich wegen der VorzUglich- keit der Abbildungen von nicht geringer Bedeutung. Eine beträchtliche Zahl von Arten wurden hier beschrieben und sämmtlich als Angehörige des Geschlechtes Nautilus betrachtet. Mit Ausnahme einer Anzahl fos- siler Formen sind es Bewohner des Mittel- und rothen Meeres.***) Schon diesen beiden deutschen Beobachtern drängte sich die grosse Variabilität der von ihnen untersuchten Formen unwillkürlich auf und ähnlich sprach sich auch ein gleichzeitiger Beobachter der britischen Rhizopodenschalen, Montague (16), aus (1803—1808). — Von Wichtigkeit erscheinen ferner die Beiträge, die Lamarck seit 1801 zur Kenntniss der Rhizopodenschalen hauptsächlich durch seine Untersuchungen über die Fossilien des Pariser Grobkalkes lieferte. Zusammenfassungen der ihm bekannten Rhizopodenschalen gab er später in dem Tableau encyclop. et meth. 23. Th. 1816 und in der Hi- stoire nat. d. anim. sans vert. 1815—22. Er vertheilte unsre Formen unter Cephalopoden und Korallen, errichtete jedoch zu ihrer Aufnahme eine grössere Zahl selbständiger Geschlechter, die zum Theil noch heute Ver- wendung fiodea.f) Weniger glücklich als Lamarck, in Bezug auf die systematische Gruppi- rung der Rhizopodenschalen, warDenys deMontfort (18), der 1808 — 1810 nicht weniger als 60 neue Genera aufstellte, von welchen nur eine ganz geringe Zahl von spätem Forschern festgehalten werden konnten, ff) — Auch Blainville und Defrance vermehrten durch eine Reihe von Arbeiten die Kenntniss unserer Formen und es mag hier noch besonders hervor- gehoben zu werden verdienen, dass der erstgenannte Forscher nach Beob- achtung einer lebenden Miliola seinen Zweifeln an der Cephalopodennatur dieser Wesen Ausdruck verlieh. Eine neue und bedeutsame Epoche in der Geschichte der Rhizopoden- kenntniss wurde durch die 1826 anhebenden Arbeiten Aleide d'Orbigny's *) Mönch mid später Prof. der Matliematik zu Sienna. gob. 1736, gest. 1808. **) Siehe die Analyse der von d'Orbiguy auf Soldani'sche Abbildungen gegründeter Arten bei Parker u. Jones 62 o. ***) Analyse der Arten bei Parker u. J. 62 c. t) Siehe bei Parker u. J. 62 d. ft) Siehe bei Parker u. J. 62 e. Geschichte. 5 begrttndet. Wie sehr auch die zahlreichen, im Laufe von 30 Jahren (1S26 — 52) fortgesetzten Arbeiten d'Orbigny's durch eine Reihe von nach- theiligen Einfltissen beeinträchtigt wurden, — so die ganz mangelhaften Erfahrungen, welche er von den thierischen Insassen, der von ihm so anhaltend untersuchten Schalen besass, ebenso wie seine ausschliessliche Beschränkung auf die marinen Formen, ferner die Zugrundelegung einer wenig natürlichen Klassifikationsweise und eine ausgesprochene Neigung zur Schaffung neuer, auf sehr geringfügige Unterschiede basirter Arten — so wird doch nie der hervorragende Einfluss und die grosse Bedeu- tung der d'Orbigny'schen Untersuchungen in Abrede gestellt werden können. Einmal ist die Gesammtmenge der Rhizopodenschalen, und zwar fos- siler wie lebender, weder vor noch nach ihm in so vollständiger Weise zusammengetragen und verarbeitet worden; ferner hat er sowohl die Zu- sammengehörigkeit der so zahlreichen Formen als besondere Gruppe zuerst hervorgehoben und schliesslich den Grund zu einer systematischen Gruppirung derselben gelegt, welche die Basis für alle weiteren Versuche auf diesem Gebiet wurde. D'Orbigny war anfänglich völlig von der Cephalopodennatur der thie- rischen Bewohner der Rhizopodenschalen überzeugt, ja glaubte sogar durch eigne Untersuchungen festgestellt zu haben, dass diese Schalen als innre (z. B. ähnlich Spirula) im hintern Körperende des Thieres ein- geschlossen seien. Demgemäss vereinigte er diese Schalenreste in einer besondern Ordnung unter dem Namen Foraminifera,*) im Gegensatz zu den übrigen mit gekammerter Schale versehenen Cephalopoden, die er als Ordnung der Siphonifera zusammenfasste. Späterer besserer Einsicht in den eigentlichen Bau des Weichkörpers unsrer Organismen konnte sich jedoch d'Orbigny nicht verschliessen ; er erkannte 1839 die seitdem durch Dujardin festgestellte wahre Natur derselben an. Das 1826 erschienene Tableau method. d'Orbigny's gab eine Ueber- sicht aller von ihm damals unterschiednen fossilen und recenten Formen, von denen jedoch ein grosser Theil (ca. 253) wegen der mangelnden Be- schreibungen niemals hat festgestellt werden können. Eine Anzahl dieser Arten wurde noch durch die von ihm 1825—26 hergestellten 4 Lieferungen von Modellen kenntlich gemacht; weitere durch seine späteren faunisti- schen und paläontologischen Arbeiten. 1839 beschrieb er die Foramini- feren von Cuba und den Canarischen Inseln, den Küsten Südamerika's und der Pariser Kreide; 1846 die des Tertiärbeckens von Wien und 1852 veröffentlichte er noch eine Uebersicht der fossilen Genera (s. 28— 30, 34, 38 u. 44). *) Der Name Foraminifera bezieht sich keineswegs nach der ihm von d'Orbigny ge- gebnen Begründung auf die Perforation der Schalenwände bei der Abtheilung der Perforata, wie dies in neueren Schriften gewöhnlich dargestellt wird, sondern sollte der Durchbohrung der Scheidewände durch eine oder mehrere Ocftiiungen bei gleichzeitigem Fehlen einer Sipho- bildung Ausdruck verleihen (s. d'Orbigny 22). 6 Eliizopoda. In Frankreich war es jedoch, wo zuerst das richtige Verständniss für die thierischen Körper, welche diese Schalen erbauten , angebahnt wurde. Im Jahre 1835 gelangte Fei. Duj ardin (s. 24—26) durch wieder- holte Beobachtung lebender Formen zu der Ueberzeugung, dass es sich hier nicht um complicirt zusammengesetzte, sondern höchst einfach ge- baute Organismen handle, deren Körper aus einer einfachen thierischen Ursubstanz (Sarkode) bestehe und sich am besten den schon lange unter der Bezeichnung Proteus oder Amoeba aus süssem Wasser bekannten un- beschalten Formen vergleichen lasse. Den von ihm ursprünglich für die Foraminifera d'Orbigny's vorge- schlagenen Namen Symplectomeres verliess er jedoch sofort, um hierfür die charakteristische, der Beschaffenheit der Bewegungsorgane entnommne Bezeichnung Rhizopoda zu substituiren, welcher Abtheilung er jedoch auch die ähnlichen Formen des Süsswassers zugesellte. Die zuerst von Dujardin erkannte enge Beziehung der Rhizopoden- schalen des Meeres zu gewissen, im Süsswasser einheimischen und schon lange im lebenden Zustand gekannten Formen, veranlasst uns hier, noch einen Blick auf die Geschichte uusrer Kenntniss dieser Formen zu werfen. Im Jahre 1755 hatte Rösel von Rosenhof*) die ersten Amöben entdeckt und unter dem Namen Proteus beschrieben. Gleichen und andre Forscher beobachteten ähnliche Formen und Bory de St. Vin- cent stellte 1822 den Namen Amoeba auf, den er jedoch auf sehr hetero- gene Organismen ausdehnte. Beschalte Süsswasserformen (Difflugia) wur- den zuerst von Lee lere 1815**) beschrieben und auch sehr richtig als Verwandte des Proteus gedeutet, während spätere Forscher, wie Lamarck, Oken und andre sie weit von diesem entfernen wollten. Weitere ansehn- liche Vermehrung erfuhr unsre Kenntniss der Süsswasserformen durch G. Ch. Ehrenberg, der neben der Gattung Difflugia noch eine weitere, Arcella, für von ihm gefundne beschalte Süsswasserrhizopoden aufstellte, die nahe Verwandtschaft dieser Formen anerkannte und sie in seinem Hauptwerk, 1838, in zwei Familien der Amoebaea und der Arcellina neben einander stellte. Schon damals, jedoch noch weit bestimmter in späteren, gleich zu erwähnenden Arbeiten sprach er sich gegen die von Dujardin bezüglich der Verwandtschaft und Organisation der marinen Foramini- feren aufgestellten Ansichten aus, in welch letzteren er höchst wahrschein- lich kolonienbildende Formen und zwar Moosthierchen (Bryozoa) erkannt haben wollte. — Die eingehende Beschäftigung mit den fossilen Resten mikroskopischer Organismen, so zunächst hauptsächlich der der Kreide, führte Ehrenberg schon 1838 und 39 zu einem genaueren Studium der lebenden Foraminiferen, von welchen er einige Formen der Nordsee beob- achten konnte. Das Resultat dieser Untersuchungen bestärkte ihn jedoch nur noch mehr in seiner schon vorgetragenen Ansicht von der Bryozoen- *) Insectenbelustiguugeu. III. **) Ann. du Mus. d'hist. nat. II. 1815. Geschichte. 7 natur derselben (nach ihm Polythalamia). Ausser einem einfachen, röh- rigen Darmkanal, glaubte er auch Ovarien und zuweilen den Schalen äusserlich anhängende Eierbeutel beobachtet zu haben. Nach besonders missverständlich aufgefassten Eigeuthümlichkeiten der Schale versuchte er ferner einfach lebende und koloniebildende Formen zu unterscheiden. — Die Kalkschale und deren zuvs^eilen complicirter Bau bildete für Ehreu- berg noch ein besonderes Moment zur Abtrennung dieser Formen von den Arcellinen des süssen Wassers. — Mit bekannter Hartnäckigkeit und Un- zugänglichkeit für Aufklärungen, die seine, durch vorgefasste Meinungen über den thierischen Bau im Allgemeinen beeinflusste Ansichten zu ver- bessern im Stande gewesen wären, hielt Ehrenberg stets an seiner Deu- tung des Foraminiferenorganismus fest, ohne jedoch durch weitere Unter- suchungen lebenden Materials neue Belege hierfür beizubringen. Desto eifriger hingegen durchforschte er die Erdschichten der verschiedensten Epochen nach Schalenresten unsrer Thiere und gab eine Zusammen- stellung der hierbei erzielten Resultate in dem umfangreichen Werk „Mikrogeologie" 1856. Ebenso nahmen die Foraminiferenreste der Tief- see seine Aufmerksamkeit in hohem Grade in Anspruch, worüber er gleichfalls die erzielten Resultate in einer grössern Abhandlung 1873 sammelte (97 a), Auch in dem Luftstaub, den Ehrenberg lange fortgesetzt und aus den verschiedensten Gegenden untersuchte, fanden sich mancher- lei Schalenreste von Rhizopoden (hauptsächlich jedoch von Süsswasser- formen), worüber er 1871 eine übersichtliche Zusammenstellung publi- cirte (95). Obgleich in diesen letztgenannten Arbeiten Ehrenberg's eine grosse Zahl von Formen abgebildet und beschrieben wurde, trugen dieselben doch zum allgemeinen Fortschritt unsrer Kenntnisse nur sehr wenig bei, was hauptsächlich darauf beruht, dass Ehrenberg ebenso hartnäckig wie an seinen Ansichten über die Organisation der Foraminiferen , auch an seiner eigenthümlichen und sich keiner Anerkennung seitens andrer For- scher erfreuenden systematischen Gruppirung derselben festhielt, in der Aufstellung der Arten ziemlich willkürlich verfuhr und dieselben wenig ausreichend charakterisirte und die systematischen Bestrebungen ande- rer Forscher bei ihm keine Berücksichtigung fanden. Ausserdem wird der Werth dieser Arbeiten noch dadurch sehr vermindert, dass die Unter- suchung der Formen fast stets an Canadabalsampräparaten im durch- fallenden Lichte vorgenommen und hiernach auch die Abbildungen ge- fertigt wurden, wesshalb die Wiedererkennung der Arten grosse Schwierig- keiten bereitet. Von hervorragender Bedeutung für die weitere Entwicklung unsrer Kenntniss der marinen Rhizopoden und hauptsächlich des feineren Bau's ihrer Schalen wurden die Untersuchungen William son 's. Ursprünglich noch auf dem Standpunkte Ehrenberg's bezüglich der Beurtheilung der Organisation der Rhizopoden stehend, gab er denselben doch bald auf und näherte sich dem Dujardin's, wenngleich er in der Erforschung des g Rhizopoda. Weichkörpeis im ganzen keine sehr erheblichen Resultate zu Tage för- derte. Bei weitena bedeutender waren seine Beobachtungen über den feineren Bau der Schalen, den er zum ersten Mal mit Hülfe von Dünnschliffen untersuchte, die denn auch sowohl Carp enter als ihn ziemlich gleich- zeitig zur Entdeckung des Kanalsystems führten (43, 46 u. 47). Schon früher 1848 betrieb er auch systematisch faunistische Studien auf diesem Gebiet, zunächst über die Gattung Lagena und krönte dieselben 1858 durch sein Werk über die Foraminiferen der britischen Küsten (61). Diesen Beobachtungen von Williamson über die feinere Schalenstructur der Foraminiferen schlössen sich die von Carter (49)*) seit 1849 und die weiteren sehr wichtigen von Carpenter 1856 (59 und 60) an, weswegen dieselben gleich hier kurz erwähnt werden mögen. Durch diese ausge- dehnten und eingehenden Untersuchungen vorbereitet, konnte dann Car- penter 1862 dazu schreiten , unterstützt von Parker und Jones , eine Ge- sammtdarstellung der Rhizopoden (wesentlich jedoch nur der Schalen- verhältnisse derselben) zu entwerfen, die wohl für lange Zeit das grund- legende Werk sowohl für die Kenntniss des Schalenbaues als der hierauf basirten Classification der Foraminiferen bleiben wird. Parker und Jones hatten sich seit 1857 hauptsächlich in faunistisch-systematischem Sinne mit der Erforschung der Foraminiferen beschäftigt, namentlich auch in einer Reihe fortgesetzter Arbeiten die so verwirrte Synonymie dieser Formen auf- zuklären versucht (62). Ihr Antheil an den ,,Introduction'^ ist ein ganz er- heblicher. So bedeutend auch die Bestrebungen der genannten englischen For- scher auf dem Gebiete der Foraminiferenkunde erschienen, so wäre die gänzliche Vernachlässigung des Studiums des Weichkörpers doch eine sehr empfindliche Lücke geblieben, wenn nicht schon 1854 von einem deutschen Forscher, M. Schnitze, in trefflicher Weise hierüber Licht ver- breitet worden wäre, so dass dessen Werk „Ueber den Organismus der Polythalamien'' in Bezug auf den Weichkörper dieselbe hohe Bedeutung beansprucht, wie die Untersuchungen Carpenter's bezüglich des Schalen- baues. M. Schnitze stellte zuerst den Bau des Weichkörpers, und da- durch auch die Stellung der Foraminiferen überhaupt, im Sinne Dujardin's ganz sicher. Weniger glücklich war Schnitze in seinen systematischen Bestrebungen. Dagegen hat ein anderer deutscher Foraminiferenforscher, Reuss, der in einer grossen Reihe von Arbeiten seit dem Beginn der 40 er Jahre sich die Erforschung der fossilen Reste der Foraminiferen zur Aufgabe machte, sich nicht unbedeutende Verdienste um die Systematik dieser Abtheilung errungen, die ihn 1861 (65) zur Aufstellung eines Systemes derselben führten, das sich in vieler Hinsicht dem unabhängig entstandenen der oben genannten englischen Forscher anschloss. *) Vergl. jedoch auch 42. sowie bei d. Gattungen Operculina, Orbitolites, Aiveolina. Patellina etc. Geschichte. 9 Ueber die Fortpflanzungserscheiüungen der Foraminiieren war im Ganzen nur wenig ermittelt worden; einer älteren Mittheilung von Gervais schlössen sich Untersuchungen von M. Schnitze und Str. Wright an, ohne sehr erheblich die Frage zu fördern. Werfen wir nun, rückwärts schauend, einen Blick auf die seither ausser Auge gelassenen Süss wasserformen, so haben wir zunächst zu ver- zeichnen, dass Dujardin die Kenntniss derselben vielfach förderte, Ehren- berg dagegen mit der Aufstellung zahlreicher und meist sehr mangelhaft charakterisirter Arten im Ganzen wenig zum besseren Verständniss der- selben beitrug. Nicht unwichtige Beiträge lieferten Schlumberger 1845*), Perty 1852 (48), M. Schnitze 1854 (53) und namentlich auch Claparede und Lachmann 1858 — 59 (60). In England haben Carter seit 1856 (56), Wallich seit 1864 sich vielfach mit diesen Formen beschäftigt und in Deutschland wurden sehr namhafte Beiträge zur Kenntniss derselben von Greeff, R. Hertwig und Lesser, F. E. Schulze und andern geliefert, denen sich die Untersuchungen Archer's in Irland und Cienkowsky's in Russland würdig anreihen. Durch die Bestrebungen Häckel's um die Erforschung der von ihm sogenannten Moneren wurden gleichfalls eine Reihe hierher gehöriger For- men aufgedeckt. In der Aufklärung der Bauverhältnisse des Weichkörpers der marinen Rhizopoden geschah ein sehr wesentlicher Schritt durch den von Hertwig und F. E. Schulze erbrachten Nachweis der Anwesenheit von Zellkernen im Plasmaleib derselben. Auch suchten beide Forscher das System nach ihren Erfahrungen und Anschauungen zu verbessern. Die wesentlichsten systematischen und faunistischen Bestrebungen der neuern Zeit bezüglich der marinen Formen behaupteten jedoch ihren Sitz in England und wurden namentlich von Parker, Jones und Brady gepflegt, die sich auch vielfach um die Kenntniss der fossilen Formen verdient machten. Die Erforschung der im fossilen Zustand aus früheren Epochen der Erdgeschichte uns aufbewahrten Rhizopodenreste hatte ausser den schon genannten Forschern, wie d'Orbigny, Ehrenberg, Reuss und Anderen noch die Aufmerksamkeit zahlreicher Paläontologen und Geologen in Anspruch genommen, unter denen hier hauptsächlich noch hervorgehoben werden mögen: Joly und Leymerie, d'Archiac und Haime, sowie Terquem in Frankreich, in Belgien van den Broeck und Miller, in Deutschland Geinitz, Römer, Czjzek, Richter, Hagenow, Gümbel, Karrer, Rütimeyer, von Schlicht, Bornemann und Schwager; in England und Nordamerika Hall, Young, Armstrong, Dawson und Andere, in Russland Fischer von Waldheim, Eichwald, Zborczewsky und neuerdings von Möller (116); in Italien Seguenza, Michelotti und Sismonda. Eine Zusammenfassung der Be- *) Ann. d. sc. nat. III. vol. o. 1845. 10 KMzopoda. strebungen auf dem Gebiet der fossilen Forarainiferenreste gab Zittel neuerdings in seinem vortrefflichen Handbuch der Paläontologie. In vieler Hinsicht fördernd griffen auch die in neurer Zeit schwung- haft betriebenen Tiefseeforschungen namentlich von englischer Seite in die Entwicklung unsrer Kenntniss von den marinen Rhizopoden ein und erwarben sich auf diesem Feld namentlich Wallich, W. Thomson und Murray ausser schon genannten englischen Forschern Verdienste. Ueberblicken wir zum Schluss noch einmal die in den vorher- gehenden Zeilen versuchte kurze Darstellung der geschichtlichen Entwick- lung unsrer Kenntnisse von den Rhizopoden, so müssen wir erkennen, dass die Erforschung derselben sich bis jetzt mit Vorliebe den zwar auch leichter zugänglichen Schalenresten zugewendet hat, dass hingegen das Studium des Weichkörpers mit Ausnahme der Süsswasserformen trotz der hervorragenden Bemühungen eines Max Schnitze sehr zurückgeblieben ist. Es bildet daher die genauere Erforschung des Baues und der Lebens- erscheinungen, namentlich aber der Fortpflanzungsverhältnisse der marinen Rhizopoden noch eine bedeutsame der Zukunft gestellte Aufgabe, die hoffentlich in nicht zu langer Zeit einer entsprechenden Lösung entgegen- gehen wird. Ueb er sieht der Literatur.*) 1. Beccarius, De Boimoniensi arena i^uodam 1731. Commentarii de Bonnon. scient. et art. instituto. T. I. p. 68. 2. Breyn, J. P., Dissert. pliysica de Polythalamiis, iiova testac. classe. Gedaui. 1732. 3. Plancus, Jan., De concliis minutis notis. 1. ed. V'euetils 1739. 2. edit. I?omae 1760. 4. Grualtieri, Nie, Index Testar.-Conchyl. quae adversant. in mus. suo. Florentiuae 1742. 5. Ledermüller, M. F., Mikroskop. Augen- u, Gemüthsergötzungeu. Nürnberg 1763. 6. Lirnie, Systema naturae etc., edit, XII, reform. Holmiae. 1766 — 68. T. I. 7. Soldani, Arab. , Saggio orittografico overa osservazioni sopra le terre nautilitiche della Toscana. Sienae 1780. 8. Gronovius, L. Th,, Zoophylacium Gronovianum. Fase. III. Lugd. Batavor. 1781. 9. Spenglei', Lor., Beskrivelser ov. nogle i Havsand. nyl. opdag. EoMlier. — Nye Saml. af de kong. Danske Vidensk. Selsk. Skrifter. Kjöbenhayn. Vol. I. 1781. 10. Schroeder, Einleitung in die Conchyologie. Halle 1783—86. Th. I. 11. Boys, W., et Walker, G, , Testacea minuta rariora nnp. detecta in arena littor. Sandvicensis. London 17S4. 12. Batsch, A. J., Seclis Kupfertafeln mit Conchylien des Seesandes. Jena 1791. 13. (F) Soldani, Testaceographiae ac zoophytographiae parpae et microscopiae. Senis 1789 —98. 14. Fiehtel et Moll, Testacea microscopia aliaque minuta etc. Wien 1803, *) In naclisteheuder üebersiclit sind zunächst diejenigen Arbeiten aufgenommen, die von allgemeiner Bedeutung für die Organisation oder die Lebenserscheinungen der Ehizopoden sind , oder doch ein grösseres historisches Interesse beanspruchen. Monographien oder Mit- theüungeu über einzelne Arten, z. Th. auch Familien, finden ihre Ervvähnung später bei die- sen; hier sind zumeist nur diejenigen Arbeiten berücksichtigt, die von einer Anzahl verschie- dener Formen handels. Gleichzeitig ist an dieser Stelle auch schon die wichtigste faunisti- sche Literatur angegeben, ebenso wie die auch in allgemeiner Hinsicht wichtigeren Arbeiten über die fossilen Ehizopoden. Speciellere Angaben über die einzelnen Formationen folgen dann später bei dem Kapitel über die paläontologische Entwicklung der Ehizopoda. Die Voranstellung eines F in Klammern soll darauf hinweisen, dass die betreuende Schrift aus- schliesslich oder doch vorzugsweise fossile Formen bespricht. Literatur. 11 15. Montfort, Denis de, Histoire nat. g6n6r. et partic. des MoUusques (Partie du Buffon de Sonnini). Paris 1802—5. T. IV. 16. Montague, 0-., Testacea brittanica. London 1803 — 8. SuppL 1808. 1 7. (F) Lamarck, J. B. de, Suite des Memoires sur les coquillcs fossiles des environs de Paris. Anuales du Museum. Tom. V— IX. 1804—1807. 18. Montfort, Denis de, Concliyliolog-ie systt^matique et Classification methodique des co- quilles. Paris 180S— 10. 19. Lamarck, J. B. de, Histoire nat. des animaux sans vertebres. Paris T. VIL 1822 (1. cdit); 2. edit. 1843. 20. Defrance, J. L. M., Dictiounaire des sciences naturelles. Paris 1814 — 30. 21. Blainville, H. D. de, Manuel de Malacologie. Paris 1825. 22. Orbigny, A. d', Tableau methodique de la classe des Ceplialopodes , pr6c6d6 d'un introduction de Ferussac. Annales des sc. nat. T. VIL 1826. p. 96 u. 245. 23. Deshayes, G. P., Encyclop6die m6thodique. Histoire nat. des zoophytes. 1830 — 32. 24. Dujardin, F., Observations nouv. s. I. prAtend. Ceplialopod. microscop. Ann. d. sc. nat. ZooL 2. S6r. T. IIL pp. 108, 312. 25. Obserpations s. les Khizopodes et infusoires. Conipt. rend. 1835. p. 338 u. l'In- stitut 1835. Nr. 111. pp. 202. 203. 26. Kechercbes sur les organismes införieures. Ann. d. sc. nat. 1835. 2. S6r. T. IV. p. 343. 27. 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The species enumer. by de Blainville and Defrance. 3. s. Vol. XII. k) P. X. The species enumer. by d'Orbigny (in Ann. d. sc. nat. Vol. VII. 1826.) 3. s. Vol. XII. I) P. XL The species enumer. by Batsch in 1791. 3. s. Vol. XV. m) P. XII. The species illustr. by Models of d'Orbigny. 3. s. Vol. XVI. n) (F) P. XIII. The Permian Trochammina pusilla and its allies. 4. s. Vol. IV. o) (F) P. XIV. The species founded by d'Orbigny (Ann. sc. n. 1826) upon the figures in Soldani's Testaceographia et Zoophytographia. 4. s. Vol. VIIL p) (F) P. XV. The species figured by Ehrenberg. (Abb. d. Berl. Ak. 1838—47 und Mikrogeologie.) 4. s: Vol. IX. u. X. 63. Reuss, A, E. , üeber die Verschiedenh. d. ehem. Zusammensetz. d. Foraminiferen- schalen. Sitzb. d. k. böhm. Ges. d. W. in Prag. 1859. 64. Schultze, M., Die Gattung Cornuspira unt. d. Monothalarnjcn u. Bemerk, üb. d. Orga- nismus u. Fortpfl. d. Polythalamien. A. f. Naturgesch. 1860. 65. Reuss, A. E., Entwurf einer system. 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Wir bezeichnen hier die Rhizopodenindividuen durchaus als einzellig, da wir, wie in der Einleitung des genaueren aus- geführt ist, den Begriif der Zelle sowohl auf solche Elementorganismen oder Piastiden ausdehnen, welche kernlos als auch auf solche, die eine grössere Zahl von Kernen einschliessen und nicht nachweislich aus der Verschmel- zung ursprünglich getrennter einkerniger Zellen hervorgegangen sind. Wir behandeln daher unter den Rhizopoda sowohl kernlose Formen (sog. Moneren HUckel's) als kernführende, und dies um so mehr, als die Einleitende Uebersicht. 15 Frage nach dem Vorhandensein oder dem Mangel von Kernen bis jetzt in vielen Fällen noch nicht mit hinreichender Sicherheit entschieden ist. Auch der grössre oder geringre Grad von Diiferenzirung, welche der Proto- plasmakörper der Rhizopoden erreicht hat, kann nur in sehr bedingtem Maasse unsere Auffassung von dem Umfang der hier zu betrachtenden Gruppe beeinflussen. So sehen wir keinen Grund ein, Formen mit Diife- renzirung in Ecto- und Entoplasma von solchen schärfer zu scheiden, bei welchen deiselbe fehlt; auch An- oder Abwesenheit einer schalenartigen Umhüllung, oder die Ausbildung contractiler Vacuolen scheint keineswegs hinreichend zur Trennung der hier vereinigten Formen in besondre Ab- theilungen, Alle hier als Rhizopoda vereinigten Formen schliessen sich, wenn wir von den soeben als nicht entscheidend zurlickgewiesenen Charakteren absehen, unter einander so innig an und sind durch Uebergangsformen so innig verbunden, dass eine Auflösung derselben in getrennte Gruppen, wie dies mehrfach versucht wurde, keineswegs natürlich erscheinen kann. Schwieriger erscheint es hingegen, die Gesammtheit der Rhizopodenformen durch scharfe Angabe positiver Charaktere von den beiden andern hier noch unterschiednen Abtheilungen der Sarkodina, den Heliozoa und Radio- laria zu scheiden. Leichter geschieht dies in negativer Weise durch Her- vorhebung der für beide letztgenannten Abtheilungen charakteristischen Momente, welche den Rhizopoda abgehen. Versuchen wir es jedoch hier, die schon früher angedeuteten positiven Merkmale dieser Abtheilung noch etwas eingehender darzustellen und da- bei gleichzeitig einen Ueberblick über die morphologische Gestaltung des Rhizopodenkörpers zu gewinnen. Die morphologische Gestaltung des Rhizopodenkörpers ist, wenn nicht durch die Ausbildung einer Schalenumhüllung die Gestaltung eine be- stimmtere, eben durch die Schale bedingte, geworden ist, eine gewöhn- lich sehr veränderliche, indem das Plasma des Körpers mit oder ohne Bildung wahrer Pseudopodien mannigfachem Gestaltswechsel unter- liegt. Aber auch die wechselgestaltigen nackten Rhizopoden nehmen nicht selten zeitweise beim Eintritt von Ruhezuständen eine schärfer um- schriebene Gestaltung an, die sich dann gewöhnlich der kugligen, hom- axonen, nähert. Auch bei denjenigen wenigen Formen, die mit einer bestimm- teren bleibenden Körpergestalt den Mangel einer wirklichen Umhüllung verbinden und bei welchen die Formveränderung, die Entwicklung von Pseudopodien, auf einen beschränkten Bezirk der Körperoberfläche be- grenzt ist, sind wir wohl berechtigt eine oberflächliche Verdichtung des Plasma's anzunehmen, wenn dieselbe auch noch nicht bis zur Bildung einer wirklichen Schalenhaut geführt hat. Nur in seltnen Fällen sehen wir jedoch unter den Rhizopoden die bei Ruhezuständen nackter Formen gewöhnliche kuglige Gestaltung auch noch bei dauernder Bildung einer Hülle bewahrt, sondern die eben schon angedeutete monaxone Gestaltung dadurch zur Ausbildung gelangend, dass die Bildung der Schalenhaut an 1 6 Ehizopoda. einer, unter Umständen jedoch auch zwei entgegengesetzten Stellen der Körperoberfläche unterbleibt, wodurch demnach grössere Oeffnungen in der Schaleuhaut, zur Communication des Plasmakörpers mit der Aussen weit entstehen. Auch die homaxone, kuglige und bleibende Schalenhaut erfordert je- doch geeignete Einrichtungen, welche eine Communication des Plasma- körpers mit der Aussenwelt gestatten, die denn auch ohne die homaxone Gestaltung aufzuheben in der Weise zur Ausbildung gelangen, dass die Schalenhaut hier von mehr oder minder zahlreichen feinen Oeffnungen durchbrochen ist Wir erkennen in dieser Weise zugleich, dass die Rhizopoden, ab- gesehen von den unbeschalten, nackten Formen, sich in zvs^ei Haupt- gruppen spalten , je nachdem die Communication des beschälten Weich- körpers mit der Aussenwelt sich durch eine oder zwei grössere Schalen- öffnungen oder durch eine grössere Zahl kleiner Oeffnungen vollzieht (Iniperforata und Perforata). Da nun aber auch bei den allseitig von feinen Löchern durchbrochnen Schalen dieser Perforirten eine weitere HauptöffnuDg gewöhnlich zur Ausbildung gelangt, so bietet auch die grosse Mehrzahl dieser Formen eine homaxone Gestaltung dar. Im weiteren morphologischen Verhalten zeigt der beschalte Rhizopoden- organismus sich namentlich darin noch dififerent, dass das Wachsthum des Individuums entweder ein das ganze Leben hindurch gleichmässig fortschreitendes ist, was seinen Ausdruck in dem durchaus einheitlichen, keine Unterabtheiluugen zeigenden Schalenbaue erhält (Eiukammerige, Mouothalamia), oder aber, dass das Wachsthum ein periodisch absetzen- des und anschwellendes ist, wobei der Schalenraum, den einzelnen Wachsthumsperioden entsprechend, in eine kleinere oder grössere Anzahl mehr oder weniger von einander geschieduer Abtheilungen zerlegt wird (Mehrkammerige, Polythalamia). In dieser Kammerbilduug der beschälten Rhizopoden eine Wiederholuug des Einzelindividuums, also eine Kolonie- bildung zu erblicken, wie dies wenigstens für einen Theil der Formen anfänglich sehr natürlich erscheint, hat sich durch die Untersuchung des Weichk<^i'P6''S nicht ausreichend bewahrheitet und wird späterhin das Nä- here über diese Frage raitzutheilen sein. Eine weitere hier vorläufig flüchtig zu berührende Eigenthümlichkeit der beschälten Rhizopoden betrifft die Natur des Materials der Schale, worin sich nicht unerhebliche Verschiedenheiten zeigen können. Gegen- über den beiden anderen Abtheilungen der Sarkodiuen fällt hier die Seltenheit der Abscheidung von Kieselsäure als Material des Schalenbau's auf. Wenn es sehr wahrscheinlich ist, dass Kieselsäure in einigen Fällen das Schalenmaterial bildet, so ist doch hierüber noch keine völlige Sicherheit erreicht. Fast sämratliche Hüllbildungen der Rhizopoden sind entweder aus reiner chitinartiger Masse gebildet, oder aber durch secun- däre Imprägnation und Auflagerung von kohlensaurem Kalk zu Kalkschalen umgebildet; oder schliesslich aus dem Rhizopodenkörper ursprünglich Einleitende Uebersicht. • 17 fremden, von aussen her aufgenouimeneu festen Partikeln der verschieden- sten Art, unter Mitv^^irkung eines ebenfalls seiner Natur nach verschieden- artigen, von dem thierischen Körper gelieferten Bindemittels aufgebaut. Versuche, die Natur dieser verschiedenartigen zum Aufbau der Schalen verwertheten Substanzen zur Grundlage einer natürlichen Klassifikation derselben zu machen, haben sich, wie späterhin noch genauer zu erörtern sein wird, als trügerisch herausgestellt. Was schliesslich die Erscheinungen der Fortpflanzung der Rhizopoden in Beziehung zu ihrer morphologischen Auffassung und ihrer Stellung in der Klasse der Sarkodinen betrifft, so lässt sich bei der im Ganzen sehr spärlichen Erfahrung über diesen wichtigen Abschnitt ihrer Lebenserschei- nungen nur wenig Positives berichten. Die Fortpflanzungserscbeinungen der Rhizopoden sind wie die der Protozoen überhaupt identisch mit denen der Zelle im Allgemeinen. Es sind die Erscheinungen der Thei- lung und die daraus abgeleiteten der einfachen und vielfachen Knospung oder Sprossung, zum Theil jedoch auch Avohl die der simultanen Theilung in zahlreiche Tochterindividuen. Diese Vermehrungserscheinungen können sowohl am nackten Plasma der Rhizopoden auftreten, als auch seltner nach vorhergehender Umhüllung durch eine sogen. Cyste während eines Ruhezustandes. In wieweit ein durch eine Copulation oder Conjugation sich voll- ziehender Vermischungs- oder Verschmelzungsprocess des Plasmakörpers zweier oder mehrerer Individuen von Einfluss auf die oben hervorgehobe- nen Vermehrungsvorgänge der Rhizopoden ist, scheint bis jetzt noch sehr wenig festgestellt. Die durch die Theilung oder Knospung erzeugten neuen Individuen können entweder, und es scheint dies wohl in der Mehrzahl der Fälle sich zu ereignen, schon von Anfang an die Gestaltung des Mutterorganis- mus besitzen (abgesehen von etwa nachträglich erst eintretender Schalen- bildung) , oder sie treten zuerst in einer von dem Mutterorganismus ab- weichenden Form flagellatenartiger Schwärmer auf. Letztere gehen bald in die Gestaltung des mütterlichen Organismus über und ihre Entwicklung verräth eine auch durch anderweitige Erfahrungen bestätigte Beziehung der Rhizopoden und Sarkodinen überhaupt zu den flagellateuartigen Wesen. Die vorstehende allgemeine Betrachtung der Rhizopoda hat uns gleichzeitig befähigt, die von uns unterschiednen Hauptunterabtheilungen dieses Formenkreises kurz zu charakterisireU; was noch hier bevor wir zu einer genaueren Betrachtung der Organisation im Einzelnen schrei- ten, geschehen soll. Die in der Einleitung schon hervorgehobnen Schwie- rigkeiten einer auf natürlichen und vor Allem genetischen Beziehungen basirten Klassifikation der Protozoen überhaupt, wird jedoch auch in die- sem speciellen Falle den systematischen Versuchen zur Beurtheilung unter zulegen sein. Wir bringen zunächst sämmtliche unbeschalten Formen in eine Ab theilung der Amöbaea, denen die beschälten als Testacea gegenüber Bronn, Klassen des Thier-Reichs. Protozoa. 9 18 Rhizopoda. stehen, ohne dass jedoch diese Ahtheüuug der Testacea als eine ganz natürliche, auf gemeinsamem Ursprung beruhende, zu betrachten wäre. Die Testacea zerfallen wir in die zwei Gruppen der Imperforata und Perforata , welche sich auf den oben hervorgehobnen Unterschied in der feinern Beschaffenheit der Schalenwandungen gründen. In dem besonderen, der Systematik gewidmeten späteren Abschnitt wird diese Gruppirung und ihre Beziehungen zu anderweitigen Klassifika- tionsversuchen auf diesem Gebiet eine eingehendere Besprechung zu er- fahren haben. 3. Der Schaleubaii der Rhizopoda. Indem wir unsre Aufmerksamkeit hier zunächst dem Schalenbau der Rhizopoda zuwenden, verlassen wir eigentlich den Gang einer natürlichen Betrachtung, indem wir statt des eigentlich Primären, des protoplasmati- tischen, die Schale erzeugenden Weicbkörpers, diesem secundären Erzeug- niss des Rhizopodenkörpers die erste Stelle in unsrer Betrachtung ein- räumen. Da jedoch die grosse Mehrzahl der Rhizopoden eine Schale er- zeugt und diese für die Gestaltung des ganzen Organismus dann ge- wissermaassen bestimmend erscheint, wenn ja auch dieses Bestimmungs- . verhältniss eigentlich umgekehrt liegt, so wird es aus Gründen der tiber- sichtlichen Darstellung gerechtfertigt erscheinen, mit der Besprechung des Schalenbaues zu beginnen. A. Materialien des Schale nb aus. Schon an einer früheren Stelle haben wir in Kürze die Natur der- jenigen Stoffe kennen gelernt, welche der Rhizopodenorganismus zum Auf- bau seiner Schale verwendet. Es ist dies zunächst eine organische, stick- stoffhaltige Substanz, die wir nach ihrem Verhalten gegenüber Reagentien wohl als Chitin, einen bei den wirbellosen Thieren so verbreiteten, zur Bil- dung der mannigfachsten Hüllen verwertheten Stoff, bezeichnen dürfen. Von jenen aus reiner Chitinmasse aufgebauten Schalen leiten sich ohne Zweifel die bei den marinen Formen so verbreiteten Kalkschalen ab, welche durch Imprägnation einer meist sehr spärlichen chitinösen Grund- lage mit mineralischen, hauptsächlich aus kohlensaurem Kalk bestehenden Substanzen gebildet werden. Eine weitere dritte Reihe von Schalen wird dadurch erzeugt, dass zur Verstärkung der Schalenwandungen mannigfache Fremdkörper aufgenommen werden und durch ein verschie- denartiges Cement zusammengekittet die Schale aufbauen. Je nach der Natur dieses Cements leiten sich solche Bildungen sowohl von rein chiti- nösen als kalkigen Schalen her, oder es können auch noch weitere che- mische Substanzen, so Eisenoxydsalze oder seltner Kieselsäure zur Ver- kittung der Fremdkörper verwerthet sein. Nur in seltnen, und bis jetzt noch nicht hinreichend sicher gestellten Fällen, scheint die Schale der Rhizopoden aus Kieselsäure zu bestehen und wird es später noch unsre Aufgabe sein, diese Fälle etwas genauer zu betrachten. Schalenmaterial. 19 a, Chitinöse Schalen. Die Verwerthung reiner, von mineralischen Stoffen nicht imprägnirter Chitinmasse zum Schalenbau ist vorwiegend den Formen des süssen Wassers eigenthiimlich , jedoch keineswegs ausschliesslich auf diese be- schränkt. Indem wir hier zunächst von den morphologischen Verhältuissen der Schalen absehen, beschäftigen wir uns mit den Eigenthiimlich- keiten der diese Schalen aufbauenden chitinösen Substanz und dem fei- neren Bau der Schalenwände. Entsprechend dem chemischen Verhalten des Chitins widerstehen solche Schalen der Einwirkung verdünnter Mineralsäuren, lösen sich je- doch in concentrirten, namentlich concentrirter Schwefelsäure auf. Kausti- schen Alkalien widerstehen sie sogar gewöhnlich beim Erhitzen. Dennoch ist nach dem bis jetzt hierüber Ermittelten die Widerstandsfähigkeit der gemeinhin als chitinös bezeichneten Schalen gegenüber den oben genann- ten Reagentien keineswegs gleich ausgebildet. Ein derartiges chitinöses Schalenhäutchen kann nun in sehr verschie dener Stärke zur Entwicklung gelangen, z. Th. nur als ein äusserst zar- tes, schwer sichtbares Häutchen, der Oberfläche des Plasmakörpers dicht anliegend (so Lieberkühnia, Gromia z. Th., Pamphagus, Diplophrys, IL 16, III. 6, 1)*), z. Th. eine ansehnlichere Stärke erreichend, jedoch noch eine biegsame elastische Beschaffenheit bewahrend und der Kör peroberfläche dicht aufliegend (so Gromia z. Th., Lecythium), während sich bei stärkerer Entwicklung der Schalenhaut und einer mehr star- ren, weniger biegsamen Beschaffenheit derselben der Plasmakörper von der Schale gewöhnlich mehr oder weniger zurückzieht (so z. B. Pla- tovum, Hyalosphenia etc. II. 10, III. 17a). Alle die seither erwähn- ten Schalenbildungen bestehen aus ganz homogener, durchsichtiger, keine besonderen Structurverhältnisse zeigender Chitinmasse, die meist auch völlig farblos ist oder doch nur von leicht gelblicher Färbung. Eine wei- tere Reihe chitinöser Schalen zeigt jedoch eigenthüraliche Structurverhält- nisse, die einer genaueren Erwähnung bedürfen. Die ersten Andeutungen solcher feineren Structuren an chitinösen Schalen treten uns entweder als eine Bedeckung der äusseren Schalenoberfläche mit feinen Höckerchen entgegen (Pyxidicula Ehrbg.) oder als eine zarte Strichelung der Schalen- oberfläche (Plectophrys Entz.) oder auch als eine feine reticuläre oder areoläre Zeichnung der Aussenseite (so Pseudochlamys, einige sogen. Dif- flugien , triangulata Lang, und carinata Arch.). Von diesen feinen Structur- verhältnissen, welche, wie es scheint, auf die Schalenoberfläche beschränkt sind, leiten sich iedoch wohl die Einrichtungen einer Reihe weiterer Formen ab, bei welchen die Schale aus feinen Plättchen aufgebaut ist, die wohl den durch die erwähnten reticulären Zeichnungen umschriebnen Feldchen ent- sprechen dürften. Ueber die chemische Natur dieser Plättchen existiren bis *) Die Schwierigkeiten der sicheren Erkennung eines so zarten Häutcliens machen es erklärlich, dass dessen Existenz bei manchen der hierherzurechnenden Formen noch streitig ist. 2* 20 Rhizopoda. jetzt noch mannigfache Zweifel und scheint es nach den vorliegenden Unter- suchungen nicht unwahrscheinHch , dass einestheils sowohl eine chitinöse Bildung, als eine Verkieselung derselben statthaben kann. Die Unsicher- heit, welche bis jetzt über diese Verhältnisse herrscht, im Zusammenhang mit der grossen morphologischen Aehnlichkeit dieser Plättchenformen untereinander, veranlasst uns diese Bauverhältnisse der Schalen hier im Zusammenhang zu betrachten*). Die erwähnten Plättchen treten entweder in rundlich scheibenförmiger Gestalt auf und setzen in dichter Zusammensetzung oder, indem sich ihre Ränder etwas über einander schieben, die Schalenwandung zusammen (so Cyphoderia, Difflugia bipes Cart. , Euglypha und Trinema nach F. E. Schulze, s. III. 13, 10, 12), oder sie besitzen einen mehr oder weniger regelmässig viereckigen bis mehreckigen Umriss, sich mit ihren Bändern aneinanderfügend (Quadrula mit vorzugsweise viereckigen Plättchen, T. IL 12, Euglypha nach Hertwig und Lesser mit sechseckigen Plättchen). Unter einander stehen diese Plättchen in mehr oder weniger fester Ver- bindung, so dass es z. Th. nicht unschwer gelingt, die Plättchen von ein- ander zu isoliren. Was ihre Anordnung betrifft, so ordnen sie sich gewöhn- lich in ziemlich regelmässigen Reihen, die entweder nach der Längs- und Querrichtung der Schale verlaufen (so Quadrula gewöhnlich) oder schief zur Schalenaxe stehen (Euglypha, Trinema, Cyphoderia). Besondere Auszeichnungen einzelner solcher Plättchen sind z. Th, vorhanden; so tragen die des Hinterendes zuweilen borsten- bis stachelartige Fortsätze (Euglypha IIL 12 a, Quadrula z. Th.) und bei ersterer Gattung können solche borstige Fortsätze auch über die ganze Schale verbreitet sein. Bei Euglypha zeigen gleichzeitig auch die die Mündung der Schale um- säumenden Plättchen eine abweichende Gestaltung, endigen fein zugespitzt und mit gezähnten Rändern, so dass hierdurch der Mündungsrand ge- wöhnlich eine gezackte Beschaifenheit erhält (IIL 12 a). Etwas abweichend von dem soeben erörterten Schalenbau , jedoch sich nahe anschliessend, erscheint der der Gattung Arcella. Die Schalen- wandung derselben zeichnet sich einmal dadurch aus, dass sie zwei tiber- einandergelagerte Schichten unterscheiden lässt (IL 9 c) , eine dünnere, innere, welche keine Structurverhältnisse zeigt und eine dickere äussere, welche von der Fläche betrachtet eine feine reticuläre Zeichnung erkennen lässt (IL 9 b), deren einzelne hexagonale Feldchen in ihrer Anordnung die auf der Rückseite von Taschenuhren gewöhnlich angebrachte Zeichnung wiedergeben. Es rührt dieselbe davon her, dass in der äussern Schicht zahlreiche hexagonale prismatische (wohl mit Flüssigkeit gefüllte) Hohl- räume dicht zusammenstehen. Zuweijen lässt sich ein Zerfall der äussern Schicht in diesen Hohlräumchen entsprechende Prismen beobachten, wor- aus also eine Zusammensetzung der äussern Schicht der Arcellaschale aus zahlreichen kleinen hexagonalen, hohlen Prismen sichergibt, welche Vgl. hierüber auch weiter unten im Abschnitt über kieselige Schalenbildungen derRhizopoda, Schalenmaterial. 21 den Plättchen der seither besprochenen Formen wohl an die Seite gestellt werden dürfen*). Ausser den schon hier hervorgehobnen Structurverhältnissen mögen wohl noch eine Reihe von besonderen Bildungsverhältnissen sich finden, wie dies aus den zahlreichen von Ehrenberg (95) beschriebenen und ab- gebildeten Schalen von Arcellinen und Euglyphinen sieh erschliessen lässt, die jedoch im Ganzen zu ungenau untersucht sind, als dass sich bezüglich ihrer feineren Schalenstructur eine sichere Angabe machen Hesse. Ein beträchtlicher Theil der structurlosen wie der structurirten Chitin- schalen bleibt stets farblos, wasserhell, und in gleicher Weise tritt auch das Schalenhäutchen ursprünglich bei den im entwickelten Zustand ge- färbten Chitinschalen auf. Die bei letzteren auftretende Färbung ist eine mehr oder weniger intensiv gelbliche bis bräunliche (so Cochliopodium, Pseudochlamys , Pyxidicula, Ditrema, Gromia z. Th.), ja kann zuweilen ein gesättigtes Braun erreichen (Arcella). — ß. Die Kalkschalen. Bei weitem complicirtere Structurverhältnisse zeigen die Kalkschalen, welche bis jetzt ausschliesslich bei marinen Formen angetroffen wurden. Dass dieselben sich ursprünglich von chitinigen Schalenbildungen herleiten, geht einmal daraus hervor, dass sich nach Auflösung des Kalkgehaltes durch verdünnte Säuren eine aus einer organischen, wohl zweifellos chitinigen Substanz bestehende Grundlage wohl constatiren lässt, wenn dieselbe auch nie in sehr erheblichem Grade entwickelt ist und dass fer- ner unter gewissen später noch näher zu bezeichnenden Bedingungen der Gehalt solcher Schalen an Kalk sich sehr verringern kann, ja die Schale eine rein chitinöse Beschaffenheit anzunehmen im Stande ist. Was zunächst die chemische Natur der zur Verstärkung in die Schalenwandungen aufgenommenen mineralischen Bestandtheile betrifft, so wird die Hauptmasse derselben aus kohlensaurem Kalk gebildet, neben dem jedoch M. Schnitze bei Orbiculina und Polystomella auch geringe Mengen von phosphorsaurem Kalk nachzuweisen vermochte. Genaue Analysen der kalkigen Rhizopodenschalen liegen jedoch bis jetzt noch nicht vor. Ueber den Antheil, welchen die chitinöse organische Grundlage der Kalkschalen an deren Aufbau nimmt, sind die Ansichten der Beobachter etwas getheilt. M. Schnitze und Carpenter folgern aus ihren Beobach- tungen eine durchgehende Imprägnation der kalkigen Schalenwandungen mit organischer Substanz, die daher nach vorsichtigem Auflösen der Kalk- salze durch verdünnte Säuren als zarter, etwas körniger oder faserig- flockiger Rest in der ganzen Dicke der Schalenwandungen erhalten bleibt. Auch ich muss mich nach mehrfachen Versuchen sowohl an Imperforaten als Perforaten dieser Auffassung im Gegensatz zu Kölliker anschliessen, *") S. hierüber hauptsächlich Nr. 99 u. Bütschli, Arch. f. m. An. XI. 22 Ehizopoda. der ausser dem gleich zu erwähnenden inneren und äusseren Schalen- häutchen kaum eine Spur von organischer Substanz nach Entfernung der Kalksalze angetroffen haben will. Die soeben erwähnten Schalenhäutchen bleiben nach der Behandlung mit Säuren als verdichtete, ohne Zweifel reichlicher mit organischer Substanz imprägnirte Grenzschichten der SchalenwanduBgen sowohl auf der inneren wie äusseren Oberfläche zurück, und da auch sämmtliche weiteren oder feineren, die Schalenwandungen durchsetzenden Oeffnungen oder Kanäle nach der Entkalkung ein der- artiges Häutchen als Auskleidung aufweisen, so stehen hierdurch das innere und äussere Häutchen in directer Verbindung (IX. 10). Schon Dujardin und Ehrenberg kannten das innere Schalenhäutchen und M. Schnitze beschreibt es eingehend und hält es für unverkalkte chitinöse Substanz. Auch Kölliker ist geneigt, sich ihm in dieser Beziehung anzuschliessen ; er glaubt jenes innere Schalenhäutchen, das M. Schnitze allein bekannt war, für die äussere Grenze des Thierleibes selbst halten zu dürfen. Im Gegensatz hierzu bezeichnet er das äussere Schalenhäutchen als verkalkt. Nach meinen Untersuchungen bin ich geneigt, die sehr scharfe und deut- liche, jedoch etwas unregelmässige Ausbildung, welche sowohl das innere wie äussere Schalenhäutchen häufig zeigen, vorzüglich auf vertrocknete Reste des protoplasmatischen Inhalts der Schalen oder eines äusserlichen Ueberzugs derselben zu beziehen, da nach sorgiältigem Auskochen der- selben in Kalilauge sowohl das äussere wie innere Häutchen gewöhnlich nur als wenig deutliche, etwas verdichtete Grenzschichten der organischen Grundlage der Schalenwandungen sich darstellen, die sogar meiner Auffassung nach kaum die Bezeichnung Schalenhäutchen oder Cuticula verdienen. Immer- hin scheint eine solche Grenzschicht der Schalenwandungen gewöhnlich entwickelt zu werden, da man einmal bei Imperforaten die Grenze zwischen zwei sich aufeinanderlegenden Kammern oder Umgängen durch eine solche Schicht häufig sehr deutlich bezeichnet trifft, andrerseits dagegen die sehr deutliche Schichtung der Schalenwandungen zahlreicher Perforateu ihren Grund wohl ohne Zweifel in der Ausbildung derartiger etwas mehr ver- dichteter Grenzschichten besitzt, und sowohl das erste wie das letztge- nannte Verhalten sich bei vorsichtiger Entkalkung z. Th. noch recht wohl an den organischen Resten der Schalen nachweisen lässt. Eine weitere Frage ist, ob die Ausbildung einer sogen, inneren oder primären Schalenlamelle, wie sie sich nach Carpenter's Untersuchungen bei zahlreichen Perforaten findet, und worüber weiter unten noch Näheres mitzutheilen sein wird, nicht durch ihr Verhalten nach der Entkalkung mehrfach als inneres Schalenhäutchen in Anspruch genommen werde. Was die feinere Beschaffenheit der verkalkten Schalenwandungeu der Imperforaten betrifft, so erscheinen dieselben im auffallenden Licht stets weiss, opak, porcellanartig, was hauptsächlich bei solchen Formen noch deutlicher hervortritt, welche eine glänzend polirte Oberfläche besitzen. *) Icoues zootomicae I. 186. Schalenmaterial. 23 Im durchfallenden Licht hingegen erscheinen sie selbst in Dünnschliffen ziemlich tief braun , was von M. Schnitze und Carpenter dem Gehalt an organischer Substanz zugeschrieben wird, eine Ansicht, die ich nicht für richtig halte, da nach Auflösen des Kalkes die rückbleibenden Reste höchstens eine schwach gelbliche Färbung zeigen. Die verkalkten Wan- dungen dieser Schalen sollen nach Carpenter ganz structurlos, homo- gen sein, was ich, wie schon früher KöUiker, nicht für ganz richtig halte, so zeigt wenigstens Orbitolites und ähnlich auch Alveolina bei starken Vergrösserungen ein sehr feinfaserig - körniges Wesen der Schalenmasse, was wohl nicht ohne Beziehung zu der bräunlichen Färbung der Schalen sein dürfte. Was die bei dieser Abtheilung nicht seltnen Verzierungen der äusseren Schalenoberfiäche betrifft, so bestehen diese entvs^eder in mehr oder weniger tiefen punktförmigen Eindrücken, die nicht mit den Porenkanälen der perforirten Schalen verwechselt werden dürfen, oder aber indem derartige Eindrücke weiter und flacher werden, kann eine netzförmige, areoläre Zeichnung sich ausbilden. Sehr häufig begegnet man ferner auf der Oberfläche solcher Schalen einer Bildung erhabner Streifen mit dazwischen liegenden Furchen, und zwar meist parallel der Schalen- axe, seltner in zu dieser senkrechter Richtung. In der näheren Ausfüh- rung dieser Verzierungen zeigt sich eine grosse Mannigfaltigkeit. Im Gegensatz zu den soeben besprochenen Kalkschalen der Imper- foraten zeigen die der Perforata niemals eine so opake Beschaffenheit der Schalenwandungen , sondern im Gegentheil meist eine vollkommen durchsichtig glasartige, wo nicht die zahlreichen Porenkanäle eine Ver- änderung des optischen Verhaltens der Schalenwandungen bedingen. Es hängt die glasartig durchsichtige Beschaffenheit der Schalenwan- dungen dieser Formen ohne Zweifel damit zusammen, dass ihnen das feinfaserig körnige AVesen, welches wir bei den Imperforaten trafen, meist völlig abgeht. Deutlich tritt jedoch diese pellucide, glasartige Beschaffenheit nur bei solchen Geschlechtern der Perfo raten hervor, welche mit relativ dünnen Wandungen ziemlich weite und nicht sehr dichtstehende Porenkanäle verbinden, wie z. B. bei gewissen Rotalinen. Wird hingegen die Dicke der Schalenwandungen beträchtlich, sind dieselben gleichzeitig von sehr dicht stehenden und engen Poren kanälchen durchsetzt, so wird hierdurch, bei der Erfüllung der Poren- kanälchen mit Luft oder einem andern in seinen Brechungsverhältnissen von den Schalenwandungen verschiednen Stoff, die Durchgängigkeit der letzteren für das Licht wegen der häufigen Reflexionen sehr alterirt und an Stelle der glasartig durchsichtigen Beschaffenheit der Schalenwan- dungen tritt eine getrübte, milchige, halbopake, wie dies bei den Nummu- liniden fast durchaus der Fall ist. Indem sich jedoch an derartigen halb- opaken Schalen der Perforaten häufig lokale Anhäufungen von solider, nicht mit feinen Porenkanälen oder doch nur von weiteren Kanälen durch, zogner Schalenmasse in Gestalt von Bändern, Tuberkeln, Kielen etc. bilden, 24 Ehizopoda. SO trittauch an solchen Stellen die glasartige Beschaffenheit wieder deutlich hervor. Dasselbe ist natürlich auch der Fall an genügend dünnen Schliffen, die in geeigneter Richtung zu dem Verlauf der Porenkanäle geführt sind. Wenn nun auch eine solche glasartig durchsichtige Beschaffenheit eine fast allgemeine Verbreitung unter den Perforaten zu besitzen scheint, so sind doch zuweilen auch rein opake Schalen dieser Typen anzutreffen, so z. B. Calcarina, und nach Carpenter sollen die todten Schalen durch langes Liegen in Seewasser häufig durchaus weiss und opak werden. Was die Färbung der Schalenmasse der Perforaten anbetrifft, so fehlt eine solche gewöhnlich durchaus, sie ist ganz oder nahezu farblos; da- gegen findet sich bei Polytrema sehr gewöhnlich eine mehr oder weniger intensiv rothe Farbe derselben, wie sie ähnlich auch einer Anzahl Rota- lineu eigen sein soll, wogegen M. Schnitze die Färbung letztrer auf die der durchschimmernden Sarkode bezieht. Eine sehr schöne blaue Färbung zeigt die Schalenmasse der interessanten Carpenteria Raphido- dendron Mob. Der wichtigste Charakter im feineren Schalenbau der Perforaten liegt jedoch in der Perforation der Schalenwandungen durch mehr oder minder zahlreiche Porenkanäle, die fast stets in ziemlich gestrecktem Verlauf die innre Schalenfläclie mit der äussern in Verbindung setzen. (Eine Reihe von bildlichen Darstellungen dieser Porenkanäle bieten die Tafeln VII — XIII.) Bezüglich ihrer feineren Ausbildungsverhältnisse zeigen diese Porenkanäle eine ziemliche Mannigfaltigkeit. Zunächst sind es die Grössen- verhältnisse derselben und ihre Vertheilung über die Schale, die hier unsre Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen. Die weitesten Porenkanäle finden sich bei den Globigeriniden, wo sie zwischen 0,0127—0,0025 Mm. Durchmesser schwanken, im Allgemeinen jedoch die gröberen Porenkanäle von ca. 0,0127—0,005 Mm. Durchmesser vorherrschen (VII. 28 a, IX. 8). Relativ weite Porenkanäle von 0,017 Mm. finden sich bei Orbulina, hier jedoch neben sehr feinen, so dass bei dieser Form sich gleichzeitig zweier- lei Porenkanäle vorfinden, wie es von Wallich auch für die nahver- wandte Globigerina (VII. 29 c) und von M. Schultze für Discorbinia an- gegeben wird, so dass dieses Verhalten unter den Globigeriniden keines- wegs isolirt zu sein scheint*). Schon bei Rotalia und einigen weiteren Formen unter den Globige- riniden verfeinern sich jedoch die Porenkanäle sehr beträchtlich und das- selbe gilt nahezu durchaus von den Nummuliniden, bei letzteren Formen besitzen sie einen Durchmesser von ca. 0,0025 Mm. und erinnern durch ihre Feinheit und ihr dichtgedrängtes Beisammenstehen sehr an die Dentin- röhrchen bei den Wirbelthieren (X u. XII). Noch weiter jedoch gebt *) Auch an der ansehnlichen kuglig angeschwollnen Endkammer gewisser Cymbaloporen sind ähnlich wie bei Orbulina grobe und feine Poren vorhanden. Schalen material. 25 die Feinheit der Porenkanäle bei der Abtheilung der Lagenideen, wo ihr Durchmesser kaum noch nennbar ist und sie ungemein dicht zusammen- gedrängt stehen. Im Allgemeinen scheint daher die Feinheit der Röhr- chen und die Entfernung derselben von einander proportional zu sein. Im besondern zeigen die feineren Bauverhältnisse dieser Porenkanäle noch einige erwähnenswerthe Verhältnisse. Während sie gewöhnlich in ihrem ganzen Verlauf durchaus gleiche Weite besitzen, findet sich bei einigen Globigeriniden eine trichterförmige Erweiterung der Porenröhren nach der Aussenfläche der Schale zu (so namentlich bei Globigerina) ; andrerseits können sich jedoch auch die Porenkanälchen über die Ober- fläche der Schale hinaus zu kurzen Röhrcheu verlängern, wie solches von verschiednen Gattungen der Globigeriniden, so hauptsächlich Bigenerina (Textularia) und Planorbulina bekannt ist. In ihrem Verlauf zeigen die Porenkanälchen sehr häufig eine quere Streifung, die mit der Schichtung der Schalenmasse im Zusammenhang steht, indem die Schichtengrenzen durch schwache Faltungen in den Porenkanalwandungen angedeutet sind (IX. 10). Auf der Schalenoberfläche lassen sich um die Mündungen der Poren bisweilen zarte, dieselben umziehende erhabne Kanten wahr- nehmen, die zusammen eine reticuläre Felderung bilden, so dass jede Porenöö'nung in einem solchen Feldcheu liegt, wie solches bei Globigerina und Orbulina häufig deutlich zu beobachten ist. Eine ähnliche, jedoch viel zartere areoläre Zeichnung um die Porenöft'nungen findet sich jedoch nach Carpenter auch bei Operculina und da diese sich auch um den Querschnitt jedes Porenkanals auf TangentialschHffen der Schale zeigt (X. 4d u, e), so liegt die Vermuthung nahe, dass sich die Schalen- masse hier aus sehr feinen senkrecht zur Oberfläche stehenden Kalk- prismeu aufbaue, von welchen jedes von einem Poreukanal durchsetzt wird. Dasselbe hat KöUiker auch bei Heterostegina, Cycloclypeus und Rotalia nachzuweisen vermocht und schliesst sich der Carpenter'schen Deutung an, während Carter bei einer Planorbulina-artigen Form (seiner Aphrosine) gleichfalls dieselbe Bildung traf. Andrerseits ist für die äussere Schalenmasse bei Orbulina und Globigerina durch Wallich der Nachweis geführt worden, dass sie sich aus keilförmig nach aussen er- weiterten, an krystallinische Bildungen erinnernden Partikeln zusammensetze (VII. 2, 9a u. b), und eine ähnliche Structur wird auch für die ent- sprechende äussere Schalenmasse weiterer Perforaten angegeben, sowohl Lagenideen (z. B. Lagena) als Globigerinideen (z. B. Pulvinulina). Von Carter wurde schon früherhin versucht, eine Zusammensetzung gewisser späterhin näher zu erörternder Schalentheile einiger Perforaten aus zahlreichen feinen spicula - artigen Gebilden zu erweisen, wogegen späterhin hauptsächlich Carpenter zu zeigen versuchte, dass es sich hier um ein anderes, mit dem Verhalten und dem Verlauf des sogen. Kanalsystems in Zusammenhang stehendes Structurverhältniss handle. Neuerdings hat jedoch Carter bei einer als Rotalia bezeichneten Form (wohl Planorbulina) die Bildung der Schalenwandungen aus dicht zu- 26 Ehizopoda. sammenstebenden, doppelspitzigen Kaliiuadeln, welche durch ein fein- krystallinisches Kalkcement verbunden wareu, beobachtet*). Das oben hervorgehobene Vorkommen einer sogen, äussern Schalen- masse führt uns noch auf einen weiteren eigenthümlichen Punkt in dem feineren Aufbau der Perforatenschalen. Bei den Imperforaten er- scheint die Schalenmasse durchaus gleichmässig und ohne Andeutung von Schichtung, bei den Perforaten hingegen lässt sich wohl durchgehend oder doch sehr gewöhnlich eine primäre innerste Schalenlage erkennen (der sogen, proper wall Carpenter's), die gewöhnlich von geringer Dicke ist und ihre definitive Stärke frühzeitig zu erreichen scheint (VII. 29 a u. c, IX. IIb). Auf diese primäre Schalenschicht lagert sich eine weitere Schalenschicht ab (sogen, exogene Schalensubstanz auch Zwischen- oder supplementäres Skelet Carpenter's), die entweder ganz wie die primäre Schalenschicht von den Porenkanälen gleichmässig durchbohrt sein kann, oder aber auch ganz solid und unperibrirt auftritt, so dass durch ihre Auflagerung die gleichmässige Perforirung der Oberfläche der Schale be- einträchtigt wird. Es kann aber diese Auflagerungsmasse auch von wei- teren und von den gewöhnlichen Porenkanälen abweichenden Kanälen durchzogen sein, dem sogen. Zwischenkanalsystem Carpenter's, neben dessen Entwicklung sich jedoch auch noch wahre Porenkanäle in dem aufgelagerten supplementären Skelet finden können. Nicht immer jedoch scheint der primäre Schalenwall von der aufgelagerten exogenen Schalen- masse scharf geschieden zu sein, wie dies hauptsächlich bei Nummuliniden der Fall ist, wo es zuweilen (so wenigstens bei Operculina) nicht mög- lich ist, zwischen einer primären Schalenschicht und einer aufgelagerten Schalenmasse eine Grenze zu ziehen, obgleich hier dasselbe, später noch genauer zu besprechende Kanalsystem sich findet, welches gewöhnlich eine Auszeichnung der Auflagerungsmasse bildet. Die Unterscheidung eines sogen, supplementären oder Zwischen- skelets von einer primären Schalen wandung, hat seit Carpenter's Dar- stellung eine ziemlich allgemeine Aufnahme gefunden, ohne dass mir je- doch der Begriff einer solchen Zwischenskeletbildung, der in obigen Zeilen kurz zu entwickeln versucht worden ist, völlig klar und sicher gestellt scheint. Mir scheint der Unterschied zwischen einer primären Schalen- schicht und spätem secundären Auflagerungsschichten keineswegs ein so fundamentaler, wie dies aus der Carpenter'schen Darstellung dieser Ver- hältnisse wohl erscheint, namentlich jedoch aus der Bezeichnung dieser secundären Auf lagerungsschichten als supplementäres oder Zwischenskelet, eine Bezeichnungsweise, die ich einmal wegen des Ausdrucks Skelet in Verbindung mit Schalenbildungen für wenig geeignet halte, ferner jedoch auch deshalb, weil sie einen sehr tiefgreifenden Unterschied und eine *) Dass es sich hier nicht um fremde von Aussen in die Schalenwandung aufgenom- mene Nadeln handelt, wird durch ihre successive, dem Wachsthum der Schale parallel gehende Grössenzunahme wohl unzweifelhaft dargethan. Schalenmaterial. 27 scharfe Grenze dieser Auflageruugsschicbten gegenüber der primären Schalen wand festzustellen scheint, während eine solche Grenze thatsäch- lich z, Th. nur sehr wenig ausgeprägt, z. Th. hingegen gar nicht festzu- stellen ist. Wir werden daher im Verlaufe dieser Darstellung unterschei- den zwischen einer primären Schalenlage (dem Carpenter'schen sogen, proper chamber-wall) und einer secundären Schalenmasse, gleichgültig ob die letztere perforirt oder unperforirt oder noch von einem besondern Kanalsystem durchzogen ist. Diese exogene Schalenmasse, welche bei einem beträchtlichen Theil der Perforirten die Hauptmasse der Schalen Wandungen bildet, zeigt ge- wöhnlich sehr deutlich einen geschichteten Bau, worauf schon oben bei Gelegenheit der mit demselben in Zusammenhang stehenden queren Strei- fung der Porenkanälchen hingewiesen wurde. Wie bei den Imperforaten ist auch die Schalenoberfläche der Perfo- raten der Sitz mannigfaltiger Verzierungen, deren Entwicklung hier vor- zugsweise von der Ausbildung der secundären Schalenmasse abhängt. Indem diese bei den Lagenideen als imperforirte Auflagerungsmasse nur Theile der primären Schalenschicht überzieht, bildet sie je nach ihrer Anordnung die mannigfachsten, aus erhabnen Rippen, Kielen, Netzen und dergleichen gebildeten Zeichnungen (VII. 5 — 17). Auch borsten- und dornartige Bedeckungen der Schalenoberfläche werden wohl in dieser Weise gebildet sein. Wenn hingegen die secundären Auflagerungsschichten die gesammte Schalenoberfläche gleichmässig überziehen, wie dies bei den Globigeri- niden und den Nummuliniden der Fall ist, so entstehen Verzierungen der Oberfläche entweder einfach durch erhabne und vertiefte Zeichnungen, oder noch besonders dadurch, dass gewisse Stellen der Auflagerungs- schichten durch den Mangel der Perforirung sich auszeichnen und indem sie gleichzeitig gewöhnlich knöpf- oder bandartig über die benachbarte Schalenoberfläche hervorspringen, als glasartig durchsichtige Knöpfe oder Bänder die Schaleuoberfläche zieren. Bekanntlich sind eine Anzahl pelagisch lebender Perforatenformen, nämlich die so nahe verwandten Geschlechter Orbulina (VII, 30) und Globigerina mit einem Besatz sehr ansehnlicher, von der Schalenober- fläche ausstrahlender Stacheln ausgerüstet. Auch die wohl nur als Unter- geschlecht von Globigerina zu betrachtende Hastigerina (IX. 1) ist durch einen entsprechenden Stachelbesatz ausgezeichnet. Ob ein solcher Stachelbesatz sämmtlichen zu den erwähnten Geschlechtern gehörigen Arten zukommt, scheint bis jetzt noch fraglich, jedenfalls scheinen aber die pelagischen Formen stets mit demselben versehen zu sein. Diese sehr langen und dünnen Stacheln erheben sich entweder, wie bei Orbulina, von niedern Papillen der Schalenoberfläche, oder aber bei Glo- bigerina und Hastigerina von den Eckpunkten der erhabenen, die Poren- öflfnungen umstehenden Netzkanten, die schon oben geschildert wurden. Die 4 — 5 Mal den Durchmesser der Schale messenden Kalkstacheln 28 Ehizopoda. sind etwas biegsam, aber doch sehr zerbrechlich. Im Querschnitt ersehei- nen sie nicht rundlich, sondern mehrkantig (VII. 28b— c)*). Die Be- hauptung, dass es sich hier um hohle, für den Austritt der Pseudopodien die- nende Stachelbildungen handle, welche mehrfach aufgestellt wurde, scheint wenigstens für Globigerina und Hastigerina nach den übereinstimmenden Beobachtungen von Wallich, W. Thomson und Murray, sowie R. Hertwig nicht zutreffend zu sein, wogegen für Orbulina die Hohlheit der Stacheln noch von Thomson und Murray behauptet wird. y. Aus Fremdkörpern aufgebaute Eliizopodenschalen. Eine nicht unbeträchtliche Zahl von ßhizopoden bildet ihre Schale nicht allein aus vom Thierkörper selbst erzeugter Substanz, sei diese nun organischer oder unorganischer Natur, sondern verwerthet hierzu kleine aus der Umgebung aufgenommene feste Partikel verschiedener Art, welche durch einen von dem Plasmakörper ausgeschiednen Kitt zu einer mehr oder minder festen Schale vereinigt werden. Zwischen den seither be- sprochenen chitinösen und kalkigen Schalen und diesen jetzt noch etwas näher zu betrachtenden, aus Fremdkörpern aufgebauten, die entsprechend dem bei weitem am häufigsten verwertheten fremden Material gewöhnlich als sandige Schalen bezeichnet werden , existirt jedoch keineswegs eine scharfe Grenze. Es ist kein seltner Fall, dass der chitinösen Schale gewisser Süss- wasserformen fremde Partikel anhaften, oder auch mehr oder weniger fest mit derselben verkittet sind. Durch reichlichere Aufnahme solcher Fremdkörper und Verkittung derselben durch die ursprünglich chitinöse Grundlage der Schale entstehen die bei einer ganzen Anzahl Geschlech- tern der Süsswasserrhizopoden sich findenden Fremdkörperschalen. Andrer- seits nehmen jedoch auch eine nicht geringe Zahl kalkschaliger Meeres- formen Fremdkörper, vorzugsweise Sandkörner, in ihren Schalen auf, welche die Oberfläche derselben mehr oder weniger überziehen und ihr eine rauhe, sandige Beschaffenheit ertheilen. Es findet sich ein solches Verhalten sowohl unter den Imperforaten (so z. B. bei Nubecularia ganz gewöhnlich, auch zuweilen bei Quinque- loculina), als andrerseits bei gewissen Perforata. Unter letzteren treffen wir es sehr gewöhnlich bei Textularia und den verwandten Geschlechtern, wie bei Bulimina und andern. Von solchen nur wenig mit fremden Partikeln ausgestatteten kalkigen Schalen scheint jedoch ein ziemlich allmählicher Uebergang zu den speci- fisch sandigen Schalen sich zu finden, die von Carpenter, Parker und Jones in einer besondern Abtheilung der Lituolidae unter den Imperfo- raten vereinigt worden sind. Da nun, wie späterhin bei der eingehendem Betrachtung der systematischen Fragen noch näher zu erörtern sein wird, *) Vergl. hauptsächlich Wyw. Thomson und Murray Proc. roy. soc. 23 und Hertwig, Jenaische Zeitschr. XI, auch Wallich, Deep-sea res. on the biology of Globigerina Lond. 1876. Schalenuiaterial. 29 die Aufstellung einer solchen Abtheilung der Lituolidae sehr wenig natür- lich erscheint und die seither in derselben untergebrachten Formen mit sandiger Schale ihre natürlichen Beziehungen theils unter den Imperfo- raten, theils unter den Perforaten finden, indem sie sich den bekannten kalkschaligen Geschlechtern dieser grossen Gruppen zum Theil wenigstens näher anschliessen, so dürfte hieraus hervorzugehen, dass die Fähigkeit zur Aufnahme von Fremdkörpern in die Schale und der Uebergang zu völlig sandigen Schalen sowohl unter den Imperforaten als Perforaten in viel ausgedehnterem Maasse verbreitet ist, als dies nach der gewöhnlichen Auffassung der Fall scheint. Was zunächst die Natur der zum Aufbau der Schale verwendeten Fremdkörper betrifft, so herrscht hierin grosse Mannigfaltigkeit. Bei weitem am häufigsten sind es kleine Sandkörnchen und zwar vorwiegend Quarzkörnchen, sowohl bei Süsswasserformen (Difflugia, Pseudodifflugia etc.), als bei zahlreichen marinen Formen , aus denen sich die Schale auf- baut. Selten finden wir Kalksandkörnchen, Körnchen vulkanischen San- des etc. verwerthet. Auch in den Grössenverhältnissen der verwendeten Sandkörner zeigt sich eine weitgehende Verschiedenheit und häufig eine gewisse Auswahl von Seiten der Erbauer solcher Schalen, indem die eine Form nur grössere, die andre nur kleinere, die dritte hingegen Körnchen verschiedner Grösse verbaut. Gewisse Formen bedienen sich jedoch noch feineren Materials, sie bilden eine Schlammhülle von grössrer oder geringerer Festigkeit (so z. B. Astrorhiza limicola, Pelosina*). Als weiteres Material des Schalenbaus dienen sehr häufig die auf dem Meeresboden ja in so grosser Menge verbreiteten Schwammnadeln, und manche Formen scheinen zur Verwerthung derselben gerade eine be- sondre Neigung zubesitzen (so Haliphysema, die etwas zweifelhafte Marsi- pella Norm., Aschemonella ßrdy.), gewöhnlich jedoch werden sie unter- mischt mit Sandkörnern verbaut. Von anderweitigen zum Schalenbau dienenden Fremdmaterialien sind bei den marinen Rhizopoden hauptsächlich noch zu erwähnen die Kalk- schalen kleinrer Formen, sowie die späterhin hinsichtlich ihrer Natur noch etwas eingehender zu besprechenden, unter der Bezeichnung Coccolithen und Cyatholithen bekannten und im Tiefseeschlamm so verbreiteten sehr kleinen Kalkgebilde. Seltner werden Fragmente von Molluskenschalen mit anderen Materialien in die Schalenwandungen aufgenommen. Die Süsswasserformen dagegen nehmen in ihre Schalen ausser den schon erwähnten gewöhnlichen Sandkörnern sehr häufig auch die Kiesel- hüllen der Bacillariaceen **) auf und bei gewissen Geschlechtern (haupt- sächlich Difflugia) finden sich zuweilen auch eigenthümliche Schalenmate- *) Vergl, T. III. Figg. 1—8, 11 u. 14, IV, 1 u. 3, V. 5—18. **) Auch Protococcuszelleii sind von Archer bei Diaphoropodon als Schalenmaterial neben Diatomeen beobachet worden. 30 Rhizopoda. rialien, über deren Herkunft noch keine völlige Sicherheit erreicht ist, ja bezüglich deren noch nicht einmal sicher entschieden ist, ob sie als von Aussen in die Schale aufgenommne Fremdkörper, oder als von dem thie- rischen Körper selbst erzeugte Gebilde zu betrachten sind. So finden sich Difflugien, die in ihren allgemeinen Gestaltungsverhältnissen sich durch- aus an solche Formen anschliesseu , deren Schalen deutlich aus Sand- körnern oder Diatomeenschalen erbaut sind, bei welchen die Schalen aus länglich ovalen, z. Th. Hinneigung zu hexagonalen Umrissen zeigenden Plättchen besteht ; an diese schliessen sich weitere Formen an mit runden scheibenförmigen Plättchen, entweder von annähernd gleichen Grössen- verhältnissen oder grössere untermischt mit kleineren. Schliesslich reiht sich hier noch an die bei der kaum von Difflugia zu trennenden sogen. Echinopyxis gewöhnlich (jedoch auch bei gewissen Difflugien) sich fin- dende Zusammensetzung der Schale aus kleinen cylindriscben, geraden oder mannigfach gebognen stäbchenartigen Gebilden (IIL 9). Wallich*), der diesen feineren Structurverhältnissen der Difflugienschalen eingehen- dere Aufmerksamkeit gewidmet hat, kommt zu dem Schluss, dass alle die soeben erwähnten Gebilde ursprünglich aus von Aussen aufgenommnen kieseligen Diatomeenschalen (hauptsächlich der Gattung Eunotia) hervorge- gangen seien, indem dieselben durch active Einwirkung des Plasma's der Dif- flugien eine allmählich immer weiterschreitende Umgestaltung erlitten hätten, was wegen der ganz allmählichen Uebergänge, welche die erwähnten Schalenbestandtheile unter sich, andrerseits jedoch auch zu den Schalen der Eunotia zeigen sollen, nicht unwahrscheinlich klingt. Kaum glaublich erscheint jedoch die von Wallich auch für die quadratischen regelmässigen Plättchen der Quadrula (vergl. S. 20) geltend gemachte gleiche Entstehung, wie denn überhaupt die hervorgehobnen besondern Structurverhältnisse gewis- ser Difflugienschalen weiterer Untersuchungen zu ihrer Aufklärung bedürfen. Die Vereinigung der die sandigen Schalen aufbauenden Partikelchen geschieht durch eine Kittsubstanz oder ein Cement sehr verschiedner Natur. Für die Fremdkörperschalen der Süsswasserrhizopoden wird die chi- tinöse Natur dieses Kittes ziemlich allgemein angenommen. Derselbe ver- bindet die Fremdpartikel loser (Diaphoropodon) oder fester mit einander. Das gelegentliche Auftreten solcher Formen mit häutiger von Fremd- körpern freier Schale — so z. B. der Difflugia spiralis nach Mereschkowsk}' (118), ähnlich auch nach Entz (110) — spricht für eine solche Auffassung der Kittsubstanz. Auch scheint bei der Mehrzahl dieser Schalen ur- sprünglich eine innerliche rein chitinöse Lamelle gebildet zu werden, wofür Wallich's, Hertwig und Lesser's und Entz' Untersuchungen sprechen. Ob aber bei sämmtlichen Fremdkörperschalen der Süsswasserrhizo- poden die Kittmasse eine chitinöse Beschaffenheit besitzt, ist fraglich. *) S. Aim. mag. nat. bist. III. lü. Leidy hat für die birnförmigen. durch eine derartige Schalenstructur ausgezeichneten Difflugien neuerdings das Genus Nebela aufgestellt. Er ist geneigt, die betreff. Schalengebilde als Erzeugnisse des Thierkörpers selbst zu betrachten. (Proc. Ac. PhUad. 1876.) Schaleninaterial. 31 indem bei einem Theil möglicherweise ein protoplasmatisehes oder gallertiges Bindemittel vorhanden sein könnte. Ich selbst habe bei Difflugia acnmi- nata dasselbe in Carmin sich lebhaft färben sehen und Carter schreibt demselben bei D. pyriformis eine glutinöse (eiweissartige?) Beschaffenheit zu (75). In Beziehung hiermit Hessen sich auch die Verhältnisse bei dem Diaphoropodon Archer's bringen, wo zwischen den lose vereinigten Schalen- partikeln über die Gesammtoberfiäche der Schale feine Pseudopodien hervortreten sollen, was sich wohl durch die Annahme eines protoplasma- tischen oder gallertartigen Bindemittels erklären Hesse*). Bei dieser Gelegenheit sei jedoch noch erwähnt, dass auch WaHich zur Annahme geneigt ist, dass bei den Difflugien das Protoplasma des Thierkörpers aus feinen Löchern zwischen den Schalenpartikeln hervor- treten könne, während Carter sich von einem solchen Hervortreten von Pseudopodien aus dem Hinterende der Schale der Difflugien überzeugt haben will und Entz von seiner Pleurophrys Helix (einer zwischen Dif- flugia und Pseudodifflugia schwankenden Form (III. Fll), sowie der Pleurophrys sphaerica gleichfalls ähnliches berichtet. Andrerseits ist auch das Vorkommen eines kieseligen Cementes in den Fremdkörperschalen gewisser Süsswasserformen nicht unwahrschein- lich in Betracht der für gewisse Difflugienformen behaupteten grossen Widerstandsfähigkeit gegen starke Mineralsäuren**). Auch von den marinen Formen mit Fremdkörperschalen wird das Vorkommen des Chitins als Cement mehrfach berichtet, so hat Brady (89) gezeigt, dass die gewöhnlich durch kalkiges Cement ausgezeichneten Trochamminaformen im brackischen Wasser statt des Kalkes eine chitinöse, die Fremdkörper verkittende Schalenhaut zeigen. Auch gewisse Reophax- formen, sowie die noch etwas zweifelhafte Gattung Pelosina zeigen das gleiche Verhalten (117). Bei einer Anzahl weiterer Formen scheint da- gegen, ähnlich wie dies auch für gewisse Süsswasserformen bemerkt wurde, das organische Bindemittel keineswegs die vom Chitin bekannte Widerstandsfähigkeit gegen Säuren und Alkalien zu besitzen, wie solches z. B. von Bessels bei Astrorhiza limicola, von Brady bei der noch etwas unsicheren Gattung Rhizammina beobachtet wurde (117). Die Fähigkeit Pseudopodien zwischen den die Schale aufbauenden Partikeln auszusenden, die einer ziemlichen Reihe von marinen Sand- formen unzweifelhaft zukommt, mag bei losen Schalenbauten, wie z, B. denen der Astrorhiza vielleicht durch die Beschaffenheit des organischen Bindemittels ermöglicht werden, wogegen bei den festeren Schalen- bauten mit unorganischer Cementirung besondere feine Austrittswege, wohl in Gestalt unregelmässig zwischen den Partikeln verlaufender und daher schwer sichtbarer Porenkanäle, zu diesem Behuf vorhanden sein werden. *) Qu. joum. m. sc. IX. **) Vergl. Schneider Z. f. w. Z. Bd, 21. 32 Rhizopoda. Zahlreiche marine, sandige Rhizopodenschalen scheinen jedoch ein kalkiges Ceraent aufzuweisen, wie dies, in Betracht ihrer nahen Be- ziehungen zu den rein kalkschaligen Formen, natürlich erscheint. Doch rauss bemerkt werden, dass über die Natur des Cementes viel Unsicher- heit in den Schriften über die sandigen Formen sich findet, und diese Frage bis jetzt keineswegs hinreichend genau untersucht scheint. Als mit Kalk- cement versehen darf jedenfalls die jetzt mit Recht zu den Perforaten ge- zogene Gattung Valvulina bezeichnet werden ; auch von den sogen. Tro- charaminaformen der englischen Forscher scheinen nach Brady zahlreiche ein solches Cement zu besitzen, während Carpenter denselben ein dichtes, eisenschüssiges Cement von ockerartigem Aussehen zuschreibt. Im Allgemeinen scheint ein Gehalt an Eisenoxyd überhaupt für das Schalencement mannigfacher Sandrhizopoden charakteristisch zu sein So wird von Carpenter auch das Cement der Rhabdammina als eisenschüssig erwähnt und neuerdings den Lituolaformen eine aus phosphorsaurem Eisenoxyd bestehende Kittsubstanz zugeschrieben, während in der „Intro- duction" bezüglich dieses Punktes nichts sicheres angegeben wird (abge- sehen von der Angabe, dass das Cement in sehr geringer Quantität vor- handen sein soll). Die rothe bis braune Färbung, welche die Sand- schalen gewisser Rhizopoden häufig zeigen, wird gewöhnlich einem Ge- halt an Eisenoxyd zugeschrieben, ohne dass jedoch meist genauere che- mische Untersuchungen über die Natur dieser Färbung vorliegen. Zwei Analysen von Sandschalen, die Brady bekannt gemacht hat (Hyperammina und Cyclammina 117), zeigen einen auffallend geringen Kalk- gehalt (2—3 Proc), wogegen das Eisenoxyd (einschliesslich etwas Thon- erde) bei der ersteren Form 2, bei der letzteren sogar 8,9 Proc. betrug. Hiernach scheint also Eisenoxyd wirklich eine Rolle im Cement der marinen Sandschalen zu spielen , wobei jedoch beachtenswerth erscheint, dass es sich in den erwähnten beiden Fällen weder als Silicat noch als Phosphat, sondern als unverbundenes Oxyd gefunden haben soll. Neben kalkiger und eisenoxydhaltiger Kittsubstanz scheint jedoch nach neue- ren Erfahrungen von Brady (117) auch Kieselsäure als Bindemittel auf- treten zu können , insofern nämlich aus der vollständigen Unveränder- lichkeit der Schalen gewisser Ammodiscus- und Reophaxformen in Säu- ren ein solcher Schluss gezogen werden darf. Weitere Verschiedenheiten lassen die Sandschalen der marinen Rhizo- poden in der feineren Ausbildung ihrer Schalenwände erkennen. Bei einer Anzahl von Formen sind die kleinen Fremdkörper (hauptsächlich Sandkörner) vollständig in das in ziemlich reichlicher Quantität vorhandne Cement eingebettet, so dass sowohl die äusseren wie die inneren Flächen der Schale glatt, ja z. Th. sogar wie polirt erscheinen. Dieser Charakter zeichnet hauptsächlich die sogen. Trocharaminen der englischen For- scher aus, ja bildet eigentlich den einzigen bezeichnenden Charakter dieses Gewirres von Formen. Aehnliches zeigen eine Anzahl weiterer von Schalenmaterial. 33 F. E. Schulze und Brady neuerdings beschriebener Gattungen, namentlich die Glättung der inneren Schalenfläche (so Psammosphaera, Stortosphaera, Marsipella). Aus grösseren Sandkörnern oder anderweitigen grösseren Fremdkörpern erbaute Schalen zeigen hingegen unregelmässige, durch die vorspringenden Partikel rauhe Flächen, welche von dem nur in ge- ringerer Quantität vorhandenen Cement nicht geglättet werden. Dieser Charakter wurde von Carpenter und seinen Mitarbeitern Parker und Jones für so wichtig erachtet, dass sie einen weiten Formenkreis, wesentlich auf diese Beschaffenheit der Schale hin, zu einer Gattung Lituola ver- einigten. Die späteren Forschungen haben jedoch noch zahlreiche weitere For- men solcher rauhschaligen Sandrhizopoden kenneu gelehrt und auch die Gattung Lituola in verschiedene Formreihen zerlegt. Eine besondere Eigenthümlichkeit zeigt nicht selten die innere Schalen- fläche solcher rauhen Formen, indem die ursprüngliche Rauhigkeit all- mählich zur Bildung unregelmässiger netzartiger oder labyrinthisch verwirr- ter Einwüchse der Wandung in die Höhlung der Schale überführt, woraus schliesslich eine mehr oder weniger vollständige Ausfüllung der Schalen- höhlung durch solche Einwüchse hervorgehen kann. Hinsichtlich ihres Aufbaues zeigen diese Einwüchse ganz dieselbe Bildung aus Fremdpar- tikeln, wie die eigentlichen Schalenwandungen (vergl. bezüglich dieses Verhaltens hauptsächlich die Gattungen Lituola, Haplostiche, Botellina, Cyclammina, Bdelloidina; in geringerer Ausbildung findet sich Aehnliches noch bei einer Anzahl weiterer Formen). 6. Aus Kieselsäure bestehende Schalenbildungen der Khizopoden. Die gelegentlichen Mittheilungen älterer Rhizopodenforscher über das Vorkommen kieseliger Schalen haben sich zum grössern Theil als irr- thümliche herausgestellt, es waren kieselsandige Schalen, die solche An- gaben veranlassten. Dies gilt von der von M. Schultze (53) beschriebenen Polymorphina silicea (nach Parker und Jones = Verneuilina polystropha) und ähnlich dürfte es sich auch mit der von Ehrenberg beschriebenen kieselschaligen Spirillina verhalten. Auch den aus Kieselsandsttickchen ihre Schale aufbauen- den Difflugien ist mehrfach das Vermögen der Kieselsäureabscheidung zu- geschrieben worden; so hat M. Schultze in Berücksichtigung seiner irr- thümlichen Untersuchungen über die Kieselschaligkeit der oben angeführ- ten sogen. Polymorphina auch den Difflugien die Fähigkeit der Kiesel- säuresecretion zugeschrieben. Auch A. Schneider*) bemühte sich nachzu- weisen, dass die Schale der Difflugien ganz allgemein eine directe Aus- scheidung des Thierkörpers sei und Entz sprach sich neuerdings in dem- selben Sinne für Difflugia und Pseudodifflugia aus. *) Ztschr. f. w. Z. Bd. 21. Broun, Klassen des Thiei-Keiclis. Piotuzoa. 34 ■ Eliizoi^oda. Angesichts der ganz unbezvveifelbaven Aufnahme von Fremdkörpern in die Schale dieser und anderer Süsswasserformen scheint zum mindesten die Behauptung, dass die Schalen dieser Formen ganz allgemein eine di. recte thierische Abscheidung darstellten, ganz ungerechtfertigt. Andrer- seits kann jedoch, wie auch schon oben angedeutet worden, das Vor- kommen kieseliger Ausscheidungen bei den Difflugien und eine ähn- liche Schalenstructur zeigenden Formen des süssen Wassers nicht un- bedingt zurückgewiesen werden, da kieselige Abscheidungen ja den Rhi- zopoden nicht durchaus fehlen und die speciellen Structurverhältnisse mancher Difflugien noch nicht recht aufgeklärt sind. Dass in jener Beziehung vorschnelles Verallgemeinern zu irrthüm- lichen Behauptungen wohl führen kann, geht deutlich aus den Erfahrungen der neueren Zeit hervor, die eine kieselige Schalenbildung sowohl bei gewissen Süsswasser- als Meeres -Ehizopoden ziemlich sicher erwiesen haben. Was zunächst die Süsswasserformen betrifft, so blieb Hertwig zweifel- haft, ob nicht doch die Schale von Microgromia ihre grosse Widerstands- fähigkeit einem Gehalt an Kieselsäure verdanke. Unzweifelhaft kieseliger Natur scheinen die Plättchen der Euglypha zu sein, wogegen die ähn- lichen der Cyphoderia nach F. E. Schulze einen rein chitinösen Charakter besitzen. Bei einer Reihe verwandter Formen liegen keine sicheren Be- obachtungen über die chemische Natur ihres Schalenmaterials vor. Was die marinen Formen anbetrifft, so wurde schon oben auf das wahrscheinlich kieselige Cement gewisser Fremdkörperschalen hingewiesen und hieran schliesst sich die eigenthümliche Beobachtung Brady's (117), der eine kleine Miliola mit ganz homogener durchsichtiger Schale beob- achtet hat, die sich bei weiterer Untersuchung als kieselig herausstellte. — Im Jahr 1856 wurde durch Bailey *) eine marine, Cadium, genannte Rhizo- podenform entdeckt, die auch von Ehrenberg **) bei seinen Tiefseestudien wieder beobachtet, als kieselschalig erkannt, und zu seiner Familie der Arcellinen gestellt wurde. Später hat Wallich***) ausser der schon be- kannten noch eine weitere Form beobachtet und durch die Challenger- expedition ist auf das Vorkommen einer sehr mannigfaltigen Gruppe kieselschaliger, rhizopodenartiger Organismen in den Tiefgründen des pacifischen Oceans (hauptsächlich in dem an gewissen Stellen aufgefun- denen Radiolarienschlamm) hingewiesen worden f). Es scheint mir ziemlich sicher, dass die ältere unter dem Namen Cadium beschriebne Form ein Mitglied dieser von W. Thomson und Murray „Challengeridae" getauften kieselschaligen, rhizopodenartigen Or- ganismen bildet. Die von E. Häckel unternommene genauere Untersuchung ■ *) Sillim. Americ. journ. sc. a. arts 1856 p. 3. **) M. B. d. Berl. Ak. 1860. ***) A. ai. 11. li. III. 13. t) Proc. roy. soc. 24. Sclialeugestaltung. (Homaxone Formen.) 35 dieser „Challengeridae", über welche erst während des Druckes dieses Bogens durch eine vorläufige Mittheilung weiteren Kreisen Nachricht zukommt,*) scheint mit Sicherheit zu ergeben, dass diese Formengruppe zu den Ka- diolarien zu rechnen ist, wodurch denn auch die erwähnte G. Cadium von den Rhizopoda wohl definitiv abgetrennt erscheinen dürfte. B. Der morphologische Aufbau der ßhizopoden- schalen. K. Homaxone Schalenbildungen. Wie schon bei der Besprechung der allgemeinen morphologischen Verhältnisse der Rhizopoden erörtert wurde, ist die Schalengestaltung der- selben fast durchaus eine einaxige. Dennoch findet sich eine geringe Anzahl von Formen, welche als homaxone bezeichnet werden müssen und und die wegen dieses Verhaltens einen Anscbluss an die Heliozoen ver- mitteln. Diese homaxon gestalteten Formen gehören zu den Perforaten und sind vorwiegend marine, wogegen nur eine wohl hierhergehörige Form des süssen Wassers bekannt ist. Jene letzterwähnte Form, die Gattung Micro CO metes (IV. 5) besitzt eine kuglige, chitinöse Schale von sehr unbedeutender Grösse, die von 1 — 5 kreisförmigen ziemlich engen Porenöffnungen (o) zum Durchtritt der Pseudopodien durchbrochen wird. Die Variabilität in der Zahl der Porenöifnungen bei dieser, wohl un- zweifelhaft als homaxon zu bezeichnenden Form verräth innige Be- ziehungen zu den monaxon gebauten Schalen und wenn es nicht ein zu unsicheres Unternehmen wäre, einen natürhchen Stammbaum der Rhizo- poden entwerfen zu wollen, so dürfte eine solche Gestalt wohl als Aus- gangspunkt der beschälten Rhizopoden überhaupt aufgestellt werden. Die marinen homaxonen Formen sind theils kalkschalige, theils san- dige. Von erstem gehört allein die meist exquisit homaxone Gattung Orbulina (VII. 30) hierher, deren ganz sphärische, bestachelte Schale von dicht stehenden, sehr feinen Porenkanälen und weiter gestellten, gröberen Poren allseitig durchbohrt wird. Obgleich nun hier eine rein homaxone Form vorzuliegen scheint, so bietet dieselbe doch ebenfalls wieder innige Beziehungen zur monaxonen Gestaltung dar, indem sich nicht selten eine einfache weitere Schalenöffoung finden soll, die durch besondere Erweiterung eines der grossen Porenkanäle entstanden gedacht werden darf und wodurch dann der erste Schritt zur monaxonen Gestal- tung geschehen ist. (Vergl. hierüber Carpenter 74 und Wallich D. sea research. on Globigerina, sowie Brady 117. II.) In mehr oder weniger innigem Anschluss an die homaxone kalkschalige Orbulinaform scheinen *) Häckel, E., Ueber die Phaeodarien, eine neue Gruppe kieselschaliger mariner Ehizopodcn. Sitzb. d. Jen. G. f. Med. u. Naturw^. Jahrg. 1879. 36 Ebizopoda. eine Anzahl in neuerer Zeit durch F. E. Schulze (103) und Brady (117. I) bekannt gevvordner sandiger mariner ßhizopoden zu stehen, nämlich die Gat- tungen Psammo8phaera(V. 6), Sorosphaera, StortosphaeraundThu- rammina (V.5). Es sind dies entweder freie oder auch aufgewachsene, sand- schalige Rhizopoden mit sphärischer oder nahezu sphärischer Schale. Bei der freien Psammosphaera findet sich keinerlei Oefifuung an der Schale, so dass die Pseudopodien wohl ihren Austritt zwischen den die Wan- dungen aufbauenden Partikeln nehmen müssen*). Aehnlich verhält sich auch Sorosphaera. Bei Stortosphaera finden wir die freie kuglige Schale äusserlich von kurzen zackenartigen Fortsätzen bedeckt, ohne jedoch eine Münduugsöflfuung zu beobachten, wogegen Thurammina (V. 5) sich noch am nächsten an Orbulina anschliesst, indem die gewöhnlich sphäri- sche Schale eine grössere Zahl auf vorspringenden Tuberkeln gelegener Porenöffnungen zeigt, denen sich jedoch sehr gewöhnlich noch eine von einem kurzen röhrenförmigen Hals getragne Hauptöflfnung zugesellt, so dass also auch bei dieser sandschaligen Form die gleiche Hinneigung zur Monaxonie auftritt, die wir schon bei Orbulina bemerkten. ß. Monaxone, monothalame Schalenbildungen. Von der grossen Zahl der restirenden monaxonen beschälten Rhizopoden würden sich zunächst die einaxigen und gleichpoligen Formen hier an- schliessen, die nach dem Vorschlag von Hertwig und Lesser (99) gewöhnlich als besondere Gruppe der Amphistomata unter den Imperforaten aufge- führt werdeu. Es sind dies Süsswasserformen mit ellipsoidischer, mehr oder weniger langgestreckter, entweder chitinöser (Diplophrys IV. 2a und Ditrema) oder sandiger Schale (Amphitrema IV. 3), welche an beiden Polen mit ziemlich weiter Mündung zum Austritt der Pseudopodien versehen ist. So natürlich eine solche Gruppe der doppelmündigen Formen unter den übrigen einkammerigen Imperforaten auch auf den ersten Blick er- scheint, so kann doch wohl, wegen des interessanten Verhaltens gewisser einkammeriger und einmündiger perforirter Formen der Gattung Lagena, die scharfe Scheidung solcher doppelmündiger Formen von den einmün- digen kaum streng durchgeführt werden. Bei dieser kalkschaligen, sehr *) Bei dem heutigen Stand unserer Kenntnisse der Sarkodinen ist es kaum möglich, eine scharfe Grenze zwischen den Gruppen derselben zu ziehen. Es wird daher in gewissen Fällen schwierig, eine Form der einen oder der andern AbtheUung zuzuweisen. Die von Entz (110) beschriebene Gattung OrbulineUa (IV. 4) macht diese Schwierigkeit sehr fühlbar. Sie bietet einerseits Beziehungen zu den erwähnten homaxonen Khizopoden dar, wie sie anderer- seits auch den Helizoen sich sehr nähert. Da sie jedoch ein kieseliges Skelet besitzt, so glaube ich, dass ihre verwandtschaftlichen Beziehungen zunächst nicht auf die kalkschaligc Gattung Orbulina, sondern auf die kieselschalige Gattung Clathrulina der Heliozoen hindeuten. Wie wenig scharf sich jedoch zwischen homaxonen Ehizopoden und Heliozoen eine Grenze wird ziehen lassen, geht auch noch daraus hervor, dass es auch heliozoenartige Formen gibt, die sich mit einer aus Fremdkörpern erbauten HüUe umkleiden, was bei der Erörterung der verwandtschaftlichen Beziehungen der oben aufgeführten, im ganzen bis jetzt sehr wenig ge- kannten homaxonen Sandforaminifera nicht aus dem Auge zu lassen ist. Schalengestaltunj. (Monaxone Monothalamien.) 37 artenreichen Gattung treten nämlich neben typischen einmiindigen Formen auch eine kleine Anzahl doppelmündiger auf, die in ihren Gestaltsver- hältnissen sich innigst an die erwähnten Amphistoraen anschliessen , in ihrem übrigen Verhalten jedoch so nahe mit den einmündigen Lagenen übereinstimmen, dass eine generische Trennung von diesen nicht wohl gerechtfertigt erscheint. (Vergl. Lagena distoma P. u. J. , Lyelli Segu. und gracillima Segu. VII. 20.) Bei den übrigen Rhizopodenschalen sehen wir den monaxonen und ungleichpoligen Schalenbau entweder an der ausgebildeten Schale aufs deutlichste ausgeprägt oder, da durch die mannigfachen mit der Kammer- bildung Hand in Hand gehenden Modificationen die Gcsammtgestalt der ausgebildeten Schale eine sehr wechselnde, bis ganz unregelmässige wer- den kann, diesen Charakter doch noch an dem jugendlichen Anfangstheil derselben oder der sogen. Embryonalkammer ausgeprägt. Betrachten wir hier zunächst die einkammerigen , monaxonen und ungleichpoligen Schalen, die sowohl in der Abtheilung der Imperforata als der Perforata vertreten sind und in beiden Gruppen, abgesehen von dem feineren Bau der Schalenwandungen, sehr ähnliche Gestaltungsver- hältnisse und parallel laufende Modificationen zeigen, wie denn auch in beiden Gruppen sandschalige Vertreter dieses Formtypus sich finden. Zunächst gehört von den Imperforaten hierher die ganze Reihe der beschälten Süsswasserforraen (mit Ausnahme der schon erwähnten wenigen abweichenden Gattungen). Die bei weitem vorherrschendste Gestaltung dieser chitinösen, kieseligen oder sandigen Schalen, mit deren feinerer Structur wir uns schon früher beschäftigt haben, ist im Allgemeinen eine sack- bis eiförmige, die jedoch nicht selten durch etwas röhrige Verlänge- rung des die Mündung tragenden Pols eine mehr fiaschenförmige wird (z. B. bei Mikrogromia III. 15, Platoum III. 17 a, Lecythium etc.). Durch starke Verkürzung der Längsaxe und scharfe Absetzung einer abgeflachten, die Mündung tragenden Oralfläche von einer kuglig gewölb- ten Aboralfläche geht die bekannte Schalengestalt der Arcella hervor (II. 9 a), die sich ähnlich auch bei den als Pyxidicula und Pseudochlamys (II. 8) unterschiednen Formen findet, wo jedoch die Oralfläche der Schale entweder nur als dünne Haut oder als schmaler Saum ausgebildet ist, der zuweilen auch vöillig fehlt*). Gewöhnlich ist die Gestalt der hier zunächst zu erörternden Arcellinen, Euglyphinen und Gromiinen eine drehrunde, also ohne Hervortreten be- sondrer Queraxen, zuweilen bilden sich jedoch durch Abplattung der Schale in einer der Längsaxe parallelen Ebene zwei solcher Queraxen deutlich aus und die Schalengestaltung wird dadurch eine zweistrahlige. Sehr deutlich tritt dies unter den Arcellinen bei den Gattungen Hyalo- sphenia (II. 10) und Quadrula hervor (II. 12), z. Th. jedoch auch bei *) üeber die wahrscheinlichen Beziehungen dieser beiden Gattungen zu Arcella vergl. im System. Abschnitt. 38 Rhizopoda. Difflugia. Die Abplattung kann sich bei gewissen, wohl zu Hyalosphenia gehörigen Formen so vermehren, dass der Schalenrand zu einem zuge- schärften Kiel ausgezogen erscheint (vergl. die sogen. Difflugia carinata*), auch bei einer gewissen Form des Leidy'schen Genus Nebela soll sich eine ähnliche Kielbildung finden. Auch bei Angehörigen der Gattung Euglypha tritt eine solche Abplattung z. Th. sehr ausgeprägt hervor (so E. com- pressa Gart.) und fehlt ferner nicht gewissen Gromiinen, ja es kann die Gesammtgestalt des Körpers hier zuweilen platt schildförmig werden (vergl. Gromia [Plagiophrys] scutiformis H. u. L,, III. 18). Durch eintretende Excentricität der Mündungsöflfnung kann die öchalen- gestalt jedoch auch in eine bilateral-symmetrische übergehen, wie solches mehr oder weniger deutlich in jeder der 3 genannten Abtheilungen der beschälten Süsswasserrhizopoden hervortritt. Ein derartiges Verhalten finden wir zunächst bei einer ganzen Anzahl Difflugiaformen (so z. B. D. aculeata Ehbg. III. 4, marsupiformis Wall. III. 2, 3, cassis Wall.). In- dem sich zu solcher Excentricität der Münduug bei der Difflugia spiralis (III; 9) noch eine spiralige Einkrümmung der Schalenhauptaxe gesellt, zeigt sich die erste Hinneigung zu spiraliger Einrollung der bilateral-sym- metrischen Schale, eine Eigenthümlichkeit, die in so grosser Verbreitung den marinen Formen zukommt. Unter den Süsswasserformen bilden die erwähnte Art und die etwas zweifelhafte Pleurophrys (?) Helix Entz (III. 11) die einzigen bis jetzt bekannten Beispiele spiraliger Einrollung, jedoch erreicht dieselbe hier höchstens ^/g Umgang. Die Excentricität der Mündung ist unter den Euglyphinen charakte- ristisch für die G. Trinema, deren Schalengestaltung sehr an die ähnlich ausgezeichneten Difflugien erinnert, wogegen bei der G. Cyphoderia eine bilaterale Gestaltung durch die schiefe Neigung des die Mündung tragen- den Halses hervortreten kann (C. margaritacea III. 13). Auch für eine Anzahl Genera der Gromiinen ist eine geringe Excen- tricität der Mündung charakteristisch, so z. B. deutlich ausgeprägt bei Lieberkühnia (III. 16), Mikrogromia (III. 15), Platoum (III. 17) und Pseudodifflugia zum Theil. Es geht aus dieser Betrachtung hervor, dass eine Hinneigung zu bi- lateraler Schalengestaltung unter den erwähnten Süsswasserformen sehr verbreitet ist und ihr gelegentliches Auftreten nicht einmal immer zur Charakteristik bestimmter Genera geeignet erscheint. Ganz ähnliche Gestaltungsformen zeigen uns auch die monothalameu marinen Rhizopoden, seien dies nun kalkschalige oder mit Fremdkörper- schalen versehene. In sehr regelmässig monaxoner Bildungsweise und sehr mannigfaltiger Entwicklung tritt uns zunächst die Gattung Lagena unter den kalkschali- gen Perforaten entgegen (VII. 2 — 17). *) Archer, Qu. j. micr. sc. VII. Schalengestaltiiiig. (Moiiaxone Mouothalamia.) 39 Hier finden wir meist einen sehr regelmässig drelirunden, ei- bis spindelförmig längsgestreckten Körper, der an einem Pol in einen mehr oder minder verlängerten, halsartigen Fortsatz ausgezogen ist, auf dessen etwas knopfartig angeschwollenem Ende die, meist von strahligen Furchen oder Rippen umstellte Mündung liegt. Die drehrunde Gestalt kann jedoch durch Entwicklung von Längsrippen in eine auf dem Querschnitt poly- gonale übergehen, oder die Schale ist mehr oder minder comprimirt, wo- bei der Rand ebenfalls sehr gewöhnlich als Kiel vorspringt, ja es kann dieser Randkiel zu einer ansehnlichen Lamelle auswachsen, die wie ein Hof die Schale umzieht (H. 14). Auch die sonst rundliche Schalenmündung wird bei den comprimirten Formen häufig spaltartig ausgezogen (Fissu- rina Rss.). Eine besondere Eigenthümlichkeit dieser comprimirten Lagenaformen mag hier noch kurz erwähnt werden. Bei einer grossen Reihe von in allen übrigen Beziehungen mit den ebengeschilderten übereinstimmenden Formen (VH. 13) findet sich nämlich keine halsartige Verlängerung der Schale, dagegen ist eine von der äusseren, einfachen Mündung in die Schalenhöhlang, z. Th. bis zum Grunde derselben, hineinreichende, an ihrem Ende ofifne Röhre (gewissermaassen der umgestülpte Hals) vorhan- den (Entosolenia Ehbg). Auch sandige, an Lagena sich wohl anschliessende Formen sind neuerdings von Brady aufgefunden und mit anderen nodosariaartig ge- stalteten Formen unter dem Namen Hormosina (V. 8) beschrieben worden. Unter den kalkschaligen marinen Imperforaten tritt die regulär mon- axone Gestaltung nicht deutlich hervor, sondern sie sind entweder stets ent- schieden bilateral entwickelt oder unregelmässig ausgebildet, wie dies bei der M. Schultze'schen Squammulina der Fall ist, einer etwa linsenförmig gestalteten kleinen, mit der einen abgeflachten Seite festgehefteten Schale (IV. 7), die auf der convexen Oberseite eine excentrisch gelegene, ziem- lich weite Mündung zeigt. Sehr wohl entwickelt tritt jedoch die regulär monaxone und monothalame Bildung bei einem Theil der gewöhnlich zu den Imperforaten gestellten*), sandigen marinen Rhizopoden hervor und bedürfen diese Formen daher hier noch einer kurzen Erwähnung. Die Gestaltung ihrer Schalen ist entweder eine mehr kuglige bis ei- förmige, mit an einem Fol hervortretender Mündungsöffnung, die häufig auch auf einer halsartigen verlängerten Röhre sich findet (so z. Th. bei Pelosina [V. 7], Webbina) oder aber die Schale ist länger gestreckt kegel- bis stabförmig, auch pokalförmig (Haliphysema) , wobei das erweiterte Ende die gewöhnlich weit geöffnete Mündung darstellt (so Hyperammina z. Th., Jacullela, Botellina, Rhabdopleura). Dabei sind die Formen ent- *) Die Zutheiluiig dieser Formen zu den Imperforata ist Ijis jetzt keineswegs gesichert, wenigstens können sicli darunter recht wohl perforirte Formen befinden. Der kleinste Theil derselben ist bis jetzt im lebenden Zustand beobachtet worden, meist sind es nur leere Schalen, die bekannt geworden sind und über deren Zugehörigkeit zu den Ehizopoden sogar in einigen Fällen die Acten noch nicht geschlossen erscheinen. 40 Khizopoda. weder frei, oder mit dem aboralen Ende aufgewachsen (Haliphysema, Bo- tellina wahrscheinlich), oder auch ähnlich der schon beschriebnen Squam- mulina mit einer Flachseite, die dann häufig nur unvollständig ausgebildet ist, befestigt (so Webbina zum Theil). Die hals- oder röhrenartige, die Mündung tragende Schalenverlänge- rung kann ihre einfache Bildung mit einer verästelten vertauschen (so flyperammina z. Th.), wobei dann statt der einfachen Mündungsöflfnung mehrere an den Zweigenden der verästelten Röhre auftreten, eine Er- scheinung, die auch unter den kalkschaligen Monothalamen, wenn auch selten hervortritt, indem bei gewissen abweichenden Lagenaformen accesso- rische Mündungen, die selbst wieder auf kurzen Röhren sich finden, an dem Schalenhals auftreten können. Auch bei der schon erwähnten sand- schaligen Haliphysema tritt eine Verästelung der Schale zuweilen auf (H. ramulosa Cart). Andrerseits tritt bei einer Reihe sich hier anschliessender Sandschalen eine Mündungsbildung auch am anderen Pol der Schale auf, so dass die- selbe hierdurch den amphistomen Charakter annehmen, womit jedoch ebensowenig wie bei Lagena eine schärfere Abgrenzung derselben von den monostomen Formen angezeigt scheint. Die Gestalt wird in diesem Falle bei langgestreckten Schalen etwa eine spindelförmige mit etwas ver- dickter Mittelregion (Marsipella V. 10) oder die beiden Mündungen liegen auf röhrenförmigen Verlängerungen einer mehr kugligen oder scheiben- förmigen Schale (Rhabdammina zum Theil). Die Zahl der Mündungsöfi'nungen kann aber bei den hier zu be- sprechenden Formen noch eine weitere Vermehrung erfahren. So können bei der eben erwähnten Rhabdammina an Stelle zweier sich 3 — 5 mit endständigen Mündungen versehene armartige Röhren entwickeln, so dass, da diese Arme sich gewöhnlich nur in einer Ebene ausbreiten, eine rad- oder sternförmige Gestalt entsteht. Die Entwicklung dieser Arme kann so weit gehen, dass von einem scheibenförmigen Centraltheil der Schale nichts mehr übrig bleibt. In noch beträchtlicherer Zahl können solche Arme aus dem scheibenförmigen Centraltheil der Schale bei der Gattung Astrorhiza sich entwickeln, wobei die Arme entweder unverzweigt bleiben, und die Centralscheibe einen ansehnlichen Durchmesser erreicht (V. 11) oder die Arme verzweigen sich geweihartig und die Centralscheibe redu- cirt sich sehr oder ist kaum angedeutet. Während bei den eben erwähnten Formen die die Mündungen tra- genden Arme gewöhnlich nur in einer Ebene an den Scheibenrändern hervortreten, strahlen bei einer weiteren, gleichfalls zu Astrorhiza gestell- ten Form (A. catenata) von dem etwa eiförmigen Centraltheil allseitig ähn- liche armartige Fortsätze aus und schliesslich bilden sich auch ganz röhrige, unregelmässig verzweigte Formen. Im Gegensatz zu den ebenerwähnten interessanten Gattungen Rhabdammina und Astrorhiza ist die nahver- wandte Dendrophrya mit der Centralscheibe der Schale aufgewachsen und Schalengestaltung. (Spirale Monothalamicn.) 41 von ihr entspringen wie bei Astrorhiza eine grössre Zahl geweihartig ver- ästelter Röhren, die an ihren Enden geöffnet, den Pseudopodien Durch- tritt gewähren. Schliesslich können dann hier noch einige Formen angereiht werden, die vielfach verästelte, entweder freie (Rhizammina) oder auf einer Unter- lage aufgewachsene Röhren bilden (Sagenella V. 16), wobei die einzelnen Zweige entweder frei ohne gegenseitige Verbindung bleiben können oder aber mit einander Anastomosen zu bilden vermögen (Sagenella), so dass die Gesammtbildung dann gewissermaassen an ein Plasmodium erinnert, das sich allseitig mit sandiger Hülle umkleidet hat, ausgenommen die freien Enden seiner Zweige. Wenden wir uns nach dieser Betrachtung der sandigen monothalamen Formen von eigenthümlichem Bau nun wieder zu den kalkschaligen Mono- thalamien mit ausgeprägter Bilateralität. Eine solche Bildung wird bei den marinen Formen sehr gewöhnlich dadurch hervorgerufen, dass die Schalenhauptaxe ihre gerade Streckung aufgibt und sich spiralig einkrümmt. Die Einrollung erfolgt bei den bi- lateral gebildeten Schalen natürlich in einer Ebene, die als die Windungs- ebene bezeichnet wird und die Medianebene der Schale repräsentirt. Der- artige Schalenformen sind sowohl unter den Imperforaten, wie Perforaten verbreitet und auch durch sandschalige Formen vertreten. Da die spiralig eingerollten Schalen sowohl unter den Monothalamen wie den Polythalamen eine so hervorragende Rolle spielen, wird es hier gerechtfertigt erscheinen, über eine Anzahl technischer Ausdrücke, die zur Verständigung über die Eigenthümlichkeiten solcher Schalenformen von Nutzen sind, noch vorläufig kurz zu berichten. Schon oben wurde der Windungsebene gedacht; eine auf dieser Ebene in dem Anfangs- punkt der spiralig gekrümmten Längsaxe errichtete Senkrechte wäre als Windungsaxe zu bezeichnen, während die spiralig eingerollte Längsaxe wohl am besten als Spiralaxe bezeichnet wird. Den, einem vollständigen Umlauf dieser Spiralaxe ent?jprechenden Schaleutheil bezeichnen wir als einen Umgang und messen demnach auch die Spiralaxe nach der Zahl ihrer Umgänge. Der Abstand der beiden Punkte, in welchen ein Radius der Spiralaxe die innere und äussere Oberfläche eines Umgangs schneidet, wird Umgangshöhe genannt. In gleicher Weise, wie für die ähnlich spiral aufgerollten Schalen der Cephalopoden und Gastropoden eine mathematisch gesetzmässige Bildung der Spiralität hauptsächlich durch Naumann nachgewiesen wurde, konnte auch in neuerer Zeit das Gleiche für die entsprechenden Rhizopodenschalen durch V. Möller bestätigt werden (116). Es hat sich ergeben, dass eine sehr auffallende Uebereinstimmung der spiral gewundenen Rhizopo- den- und Cephalopodenschalen existirt. Zur genaueren Untersuchung der der spiralen Aufrollung zu Grunde liegenden mathematischen Ge- setzmässigkeit betrachtet man gewöhnlich die sogen. Rückenspirale, d. h. die spiralige Durchschnittslinie der peripherischen Wandung der 42 Rhizopoda. Schalenwindiingen mit der Windimgsebenc. Ein tieferes Eingehen auf die von Möller für eine Reihe von Geschlechtern der Nummuliniden festgestellten mathematischen Gesetze der Spiralen Aufrollung glau- ben wir hier unterlassen zu können, namentlich auch deshalb, weil, so interessant diese Erscheinungen auch an und für sich und vorzüglich im Vergleich mit den spiral gewundnen Cephalopoden erscheinen, bis jetzt doch alle Anhaltspunkte fehlen, um diese Regelmässigkeiten mit ander- weitigen Organisations- und Wachsthumsverhältnisseu in Beziehung zu setzen und eventuell hierdurch zu einer Erklärung derselben zu gelangen. Nach welchen Gesetzen sich die Spirale bei den Monothalamen , die uns hier zunächst interessireu, aufbaut, ist bis jetzt noch nicht ermittelt, die später erst genauer zu erörternden gekammerten Formen sind hin- gegen fast durchaus nach der sogen, cyclocentrischen Conchospirale Nau- mann's gewunden, d. h. einer Conchospirale, deren Mittelpunkt sich ge- wissermaassen zu einem Kreis erweitert hat. Letztres hängt damit zu- sammen, dass bei diesen gekammerten Formen stets eine im Median- schnitt nahezu kreisförmige sogen. Central- oder Embryoualkammer sich findet, auf welche erst die spiralige Einrollung der Schalenwände folgt. Der Charakter der sogen. Conchospirale ist dadurch bestimmt, dass bei ihr nur die sich entsprechenden Windungsabstände (also die auf einem Radius liegenden) in geometrischer Progression zunehmen, während bei der logarithmischen Spirale (die nur einen besondern Fall der Concho- spirale darstellt) auch die Durchmesser und Halbmesser in geometrischer Progression wachsen. Aber auch der Specialfall der logarithmischen Spi- rale wird nach den Untersuchungen MöUer's von einem Theil der ge- kammerten Formen repräsentirt. Zur Bestimmung der Gleichung einer gewissen cyclocentrischen Conchospirale ist erforderlich die Kenntuiss des Radius desjenigen Kreises, auf dessen Peripherie der Anfangspunkt der Spirale liegt. Dieser sogen. Archiradius (a) ist also nach dem oben bemerkten gleich dem Halbmesser der Centralkammer. Ferner wird noch erfordert der sogen. Parameter (a), die absolute Höhe der ersten Windung an ihrem Endpunkt und schliess- lich der sogen. Windungsquotient (p), d. h. das Verhältniss zwischen zwei aufeinanderfolgenden, entsprechenden Windungshöhen. Aus diesen Grössen ergibt sich die Grösse des Radius (r) der Spirale für einen beliebigen Umlaufswinkel desselben (v) zu Die logarithmische Spirale ist derjenige bestimmte Fall dieser cyclo- centrischen Conchospirale, in welchem der Archiradius a = ^ wird, woraus für dieselbe die entsprechende Gleichung r = ^ P Jn ^^^^ ^^'' giebt. Wie jedoch von Naumann schon für die spiralgewundenen Schalen der Mollusken gezeigt wurde, erfolgt auch für die ähnlichen der Rhizo- Sclialeiigestaltung. (Spirale Moiiothalauiia.) 43 poden häufig die spirale Aufrollung- nicht durchaus nach derselben Concho- spirale, sondern durch plötzliche Aenderung des Windungsquotienten und zwar sowohl Vergrösserung als Verkleinerung desselben, kann plötzlich die spirale Aufrollung nach einer cyclocentrischen Conchospirale von an- derer Gleichung weitergehen, für welche der Abstand des Anfangspunktes (Aenderungspunktes) vom dem Centrum den sogen. Archiradius bildet. Es finden sich also auch hier bei den Rhizopoden die zusammengesetzten sogen. Pleospiralen Naumann's wieder und lassen sich im speciellen Fall als Diplo-, Triplospiralen und so fort bezeichnen. Da die Veränderung des Windungsquotienten hierbei sowohl in einer Vergrösserung als Ver- kleinerung gegenüber der Anfangsspirale bestehen kann, so lassen sich auch hier exostehne und entostehne Pleospiralen unterscheiden. Noch eine weitere Eigenthümlichkeit der Spiralen Aufrollung der Rhizopodenschalen wurde hauptsächlich durch von Möller aufgedeckt, nämlich der unter den Nummuliniden häufige Uebergang der letzten Win- dung aus dem spiralen in ein kreisförmiges Wachsthum. Hiermit muss natürlich schliesslich eine Berührung der letzten Windung mit der äusse- ren Oberfläche der vorletzten und damit ein Verschluss und Abschluss der Schale eintreten. Dieser Fall tritt natürlich dann ein, wenn der Windungs- quotient der Spirale plötzlich gleich Null wird. Im Gegensatz hierzu ist es jedoch bei den spiralgewundnen Rhizo- poden eine nicht seltene Erscheinung, dass die spirale Einrollung allmäh- lich in gerade gestrecktes Wachsthum übergeht, so dass ein spiral auf- gerollter Anfangstheil von einem geradlinigen Endtheil zu unterscheiden ist. Ausserdem treten jedoch mannigfache weitere Unregelmässigkeiten in der spiraligen Aufrollung noch hervor, die späterhin eingehender zu erörtern sein werden. Nach dieser allgemeinen Betrachtung der mathematischen Gesetz- mässigkeiten, die sich im Spiralen Aufbau der Rhizopodenschalen erkennen lassen, gehen wir jetzt wieder über zur Besprechung des morphologischen Aufbau's der einkammerigen spiralgewundenen Formen. Es finden sich solche sowohl unter den Injperforata wie Perforata und werden auch durch sandige Formen repräsentirt. Die einfachsten Gestaltungsverhältnisse erkennen wir unter den Imperforata bei der Gat- tung Cornuspira (IV. 8), unter den Perforata bei der ganz ähnlich ge- bauten Spirillina (VIII. 1), unter den Formen mit sandiger Schale bei Ammodiscus (V. 20—22) Bei diesen sämmtlichen Formen berühren sich die mehr oder minder zahlreichen Windungen der Schale nur, ohne sich zu umgreifen, und die Umgangshöhe wächst entweder in Zusammenhang mit einer Abplattung der Umgänge (parallel der Windungsebene) rasch an (Cornuspira) oder nur sehr allmählich (Spirillina und Ammodiscus). Während bei Cornuspira die spiralige Aufrollung eine ganz regelmässig symmetrische ist, treten dagegen bei Spirillina auch asymmetrische For- men auf, bei welchen die Aufrollung nicht mehr in einer Ebene, sondern niedrig schraubenspiralig erfolgt (Brady 117, II) und noch weit unregel- 44 Rhizopoda. massiger erfolgt z. Tb. die Aufrollung bei der sandscbaligen Gattung Ammodiscus. Hier finden sieh neben ganz regelmässig symmetrisch spi- raligen Formen auch solche, bei denen die Aufwindung nicht mehr nur in einer Ebene erfolgt, sondern eine ganz unregelmässige, knäuelförniige wird (V. 21 u. 22), ein Uebergang zu unregelmässigem Wachsthum, wie ihn auch andere Rhizopodengattungen noch zeigen. Auch ein Aufgeben der spiraligen Einrollung und Weiterwachsthum in gestreckter Linie ist hier z. Th. schon zu bemerken. Im Gegensatz zu diesen eben erwähnten Formen mit sich nur berüh- renden, äusserlich wohl sichtbaren Umgängen stehen zwei im Grunde sehr ähnlich gebaute perforate Gattungen: Involutina (IX. 12) und Archaeo- discus (IX. 13), bei welchen sich zwar die Hohlräume der aufeinander- folgenden Umgänge nur wenig umfassen, wo jedoch die die Wandungen der Jüngern Umgänge bildende Schalenmasse über die älteren successive sich ausdehnt, so dass also dennoch eine Umwachsung der älteren durch die jüngeren Umgänge vorliegt. Hierbei kommt denn weder eine nabel- artige Vertiefung zur Ausbildung, noch ist äusserlich von den einzelnen Umgängen etwas zu erkennen, sondern die Schale besitzt eine einfach linsen- bis scheibenförmige Gestaltung. Während bei Involutina die Aufrollung regelmässig in einer Ebene vor sich geht, verläuft dieselbe hingegen bei Archaeodiscus, ähnlich wie dies schon für gewisse Am- modiscen hervorgehoben wurde, etwas unregelmässig (s. den Querschnitt IX. 13b), indem die Windungsebene im Verlaufe des Wachsthums sich mehrfach ändert. y. Mehrkammerige (polythalame) Schalenbildungen. Weitaus die meisten marinen Rhizopoden bilden durch periodische Unterbrechungen und darauf folgende besondere Intensität des Wachs- thums Schalen, welche mehr oder weniger deutlich diese Wachsthums- perioden durch ihre Zusammensetzung aus einer mit dem Alter des Thiers sich erhöhenden Zahl von Abschnitten, sogen. Kammern, verrathen. Wie wir jedoch die mannigfaltigen Gestaltsbildungen der monothalamen Schalen durch sehr allmähliche Uebergänge mit einander verbunden sahen, so stehen auch die mehrkammerigen keineswegs unvermittelt den ersteren gegenüber, sondern sind durch Zwischenbildungen mit denselben ver- knüpft. Schon bei gewissen spiralgewundenen monothalamen Geschlechtern, so Cornuspira und Ammodiscus, verräth sich zuweilen eine Hinneigung zur Bildung einer Anzahl Abschnitte durch seichte in unregelmässigen Ab- ständen die Umgänge umziehende Einschnürungen der Schalenwandung, die nur wenig tiefer greifen und in regelmässigerer Folge auftreten müss- ten, um die monothalame Schale in eine polythalame überzuführen. Die Bildung regelmässig sich wiederholender Kammerabschnitte findet sich in ganz entsprechender Weise durchgeführt sowohl bei Imperforata als Per- Schalengcstaltung. (Polythalamia.) 45 forata und wie wir nach den Beziehungen der sandigen Formen er- warten dürfen, auch bei diesen. Ihre innigen Beziehungen und ihre ursprüngliche Herleitung von mono- thalamen Formen, verrathen jedoch die poly thalamen , spiralig auf- gerollten SchalenbilduDgen auch noch dadurch, dass sie ihr Wachsthum stets mit einer kugeligen oder eiförmigen Anfangskammer beginnen, die mouaxon gebildet ist und durch diesen Bau verräth, dass auch diese For- men sich ursprünglich von gestreckten, monaxonen Gestalten herleiten, die erst späterhin zu einem Spiralen Wachsthum übergingen. Die Art der Kammerbildung bei den polythalamen Formen ist etwas verschieden, was hauptsächlich von der Bildungsweise der Kammern selbst herzurühren scheint. Sind dieselben ungefähr röhrenförmig mit weite- rer, wenig verengter Mündung, so lagert sich jede folgende Kammer so an die vorhergehende an, dass zwischen beiden nur eine wenig scharfe Grenzmarke sich findet, meist als eine Einschnürung auf der Grenze bei- der Kammern, die von der etwas verengten Mündung der altern Kammer herrührt. Sind hingegen die Mündungsöffnungen der Kammern sehr ver- engt, so lagert sich jede neue Kammer gewöhnlich in der Weise, die Mün- dung überdeckend auf die vorhergehende auf, dass der überdeckte Theil der Wand der vorhergehenden Kammer nun eine Scheidewand zwischen den Höhlungen der beiden aneinandergelagerten Kammern bildet. In den meisten Fällen wird diese Scheidewand in der geschilderten Weise nur von einer einfachen Schalenlamelle, nämlich der Fortsetzung der Wand der älteren Kammer gebildet, indem nämlich derjenige Abschnitt der neuen Kammer, der sich an die alte anlehnt, keine besondere neue Wand er- hält, sondern einfach durch die Wand der vorhergehenden Kammer ver- vollständigt wird. So ist das Verhalten wenigstens durchweg bei den poly- thalamen Imperforaten und einem grossen Theil der einfacheren Perforaten. Bei den höher entwickelten Formen dieser letzten Abtheilung hingegen erhält die Scheidewand jedoch noch eine Verstärkung dadurch, dass sich an ihrer Bildung auch die Wand der neuen Kammer betheiligt. In dieser Weise wird demnach bei jenen letzterwähnten Formen jede Scheidewand aus zwei Lamellen aufgebaut, die sich entweder dicht aufeinanderlegen oder LückcDräume zwischen sich lassen, welche zur Bildung eines sogen. Kanalsystems der Schale beitragen. Die genauere Besprechung der ver- schiedenen Bildungsvorgänge der polythalamen Schalen wird die eben an- gedeuteten Verschiedenheiten klarer darlegen und werden wir in der fol- genden Darstellung dieser höchst mannigfaltigen und zum Theil sehr com- plicirten Schalenbildungen uns weniger von allgemeinen morphologischen Gesichtspunkten, die bei den verschiedenen Unterabtheilungen z. Th. in recht ähnlicher Weise zur Ausbildung gelangen, leiten lassen, als weit mehr von dem genetischen Zusammenhang der Formen unter einander, der ein sehr inniger ist, und beginnen daher naturgemäss mit den ein- facheren Imperforata. 46 Ehizopoda. y/ Imperforate Poly thalamia. Als ein Beispiel sehr unvollständiger Sonderung der aufeinander- folgenden Kammern einer polytlialamen Imperforaten verdient hier zu- nächst die sehr eigenthümliche Gattung Nubecularia hervorgehoben zu werden (IV. 9). Ausser durch den eben erwähnten Charakter wird dieses Geschlecht noch durch seine grosse Mannigfaltigkeit und meist auch Unregelmässigkeit der Gestaltung ausgezeichnet, welche letztere Eigenthtimlichkeit ohne Zweifel in Zusammenhang mit der festsitzenden Lebensweise steht. Wir haben es hier mit einem der nicht seltnen pro- teisch vielgestaltigen Formenkreise zu thun, wie sie gerade die aufge- wachsenen marinen Rhizopoden mehrfach darbieten. Das Wachsthum der Schale ist ursprünglich ein spiralig aufgerolltes (9 c), ähnlich etwa dem von Cornuspira, jedoch ein polythalames , wenngleich die einzelnen Kammer- abschnitte nicht durch wohl ausgebildete Scheidewände von einander ge- schieden werden, sondern ihre Sonderung nur durch eine Verengerung des Endtheils der Kammern, und eine beträchtliche Erweiterung des hin- tern Abschnittes der folgenden Kammer zu Stande kommt. In der Art wird eine Scheidewand zwischen den aufeinanderfolgenden Kammern nur durch eine schwache Einfaltung der Kammerwand angedeutet. Da die Schale mit einer der Windungsebene parallelen und abgeplatteten Fläche aufgewachsen ist, ist eine symmetrische Ausbildung der Spiralschale hier nicht möglich und diese asymmetrische Bildung wird dadurch noch er- heblich vermehrt, dass die Schalen wand der aufgewachsenen Seite ent- vs^eder nur sehr dünn oder, was noch häufiger, überhaupt nicht entwickelt ist, so dass also der als Unterlage dienende Fremdkörper den Ab- schluss der Schalenwandung bildet. Dagegen besitzt die freie Seite sehr dicke, starke Kalkwände, welche meist so sehr verdickt sind, dass äusser- lich eine Unterscheidung der einzelnen Kammerabschnitte und ihrer An- ordnung nicht mehr möglich ist. Nur sehr selten bleibt jedoch das regu- lär spiralige Wachsthum während der ganzen Lebensdauer erhalten, sehr häufig geht es nach einiger Zeit in ein geradliniges, ebenso häufig jedoch auch in mehr oder weniger uuregelmässig hin- und hergebogenes über, ja es finden sich auch solche geradlinig oder unregelmässig entwickelte For- men, welchen ein spiraliger Anfangstheil ganz abgeht. Auch Verzwei- gungen der einfachen Kammerreihe sind zu beobachten, wo dann mehrere neben einander hinlaufende Reihen sich finden können, und durch vielfache, hier nicht näher zu erörternde Foimbildungen hindurchgehend, treffen wir schliesslich auch auf ganz unrege massig neben- und überein- ander gehäufte Kammermassen (9 a), die nur durch Berücksichtigung aller der Mittelstufen und der Schalentextur etc. als in diesen Formenkreis gehörig erkannt werden können. Eine Abweichung nach anderer Richtung muss hier noch kurz erwähnt werden, es besteht dieselbe nämlich in beträcht- licher Verbreiterung der Kammern, so dass diese bei ihrer geringen Höhe eine bandartig ausgedehnte Form annehmen (9 b). Hiermit ist jedoch Sclialeugcstaltung. (Nubecularia etc., Miliolina.) 47 eine etwas vollständigere Ausbildung der Scheidewände zwischen den Kammern verknüpft, indem die einfache weite Verbindungsöffnung zwi- schen den aufeinanderfolgenden Kammern durch einwachsende Brücken in eine grössere Zahl secundärer Oeffnungen zerlegt wird. Durch der- artige Wachsthumsmodificationen können sogar Formen entstehen, die eine gewisse morphologische Aehnlichkeit mit den später zu schildern- den Geschlechtern Peneroplis und Orbitolites aufweisen. Wie zahlreiche andere Geschlechter der kalkschaligen marinen Rhizo- poden zeigt auch die Gattung Nubecularia eine ziemlich ausgesprochene Neigung (wenigstens in gewissen Modificationen ihrer Bildung) Sand zur Verstärkung in die Schalenwandungen aufzunehmen. Es erscheint dieses Verhalten gerade hier nicht uninteressant, da sich auch unter den rein sandigschaligen marinen Rhizopoden eine Anzahl Formen finden, welche eine ziemliche morphologische Aehnlichkeit im Schaleubau mit der soeben beschriebenen Gattung aufweisen. Dies gilt hauptsächlich von der d'Or- bigny'schen Gattung Placopsilina, welche von den englischen Forschern gewöhnlich in ihrem sehr erweiterten Genus Lituola eingeschlossen wird. Wir haben es hier mit äusserlich rauhen sandigschaligen Formen zu thun, die ähnlich wie bei Nubecularia gewöhnlich einen deutlich spiraligen Wachsthumsbeginn zeigen, ja meist deutlicher als bei dieser kalkschaligen Gattung. Mit der einen Seite sind sie aufgewachsen und ähnlich Nube- cularia ist dann die Wandung dieser aufgewachsenen Seite häufig nur sehr unvollständig ausgebildet. Gewöhnlich wird das spiralige Wachs- thum nicht bis zu Ende fortgesetzt, sondern geht in gerades bis unregel- mässiges über ; auch Verzweigungen treten ähnlich wie bei Nubecularia auf, wie denn auch aus ganz unregelmässig zusammengehäuften Kammern gebildete Formen hier nicht fehlen. Einen nur geringen Grad der Sonderung der Kammern von einander zeigen auch die hier zunächst sich anschhessenden Miliolinen. Durch die Gattung Spiroloculina reihen dieselben sich recht innig an die früher er- wähnte monothalame Cornuspira an. Mit einer nahezu kugeligen Anfangs- kammer beginnend wächst die Schalenröhre in spiralig sich aufrollenden, sich berührenden Umgängen symmetrisch vreiter (IV. 10), wobei nach Car- penter der innere Abschluss jedes neuen Umgangs gar nicht von besonderen Wandungen, sondern von der peripherischen Wand des vorhergehenden Umgangs gebildet wird, eine Regel, die wenigstens für Spiroloculina nach meinen Erfahrungen nicht durchaus richtig ist. Indem die Schalenröhre am Ende jedes halben Umgangs eine Einschnürung erhält, die ohne Zweifel eine Wachsthumspause ver- räth, während welcher die Einschnürungsstelle als häufig noch durch be- sondere Eigenthümlichkeiten ausgezeichnete Mündungsöfifnung fungirt, wird eine vielkammerige Schale gebildet, deren einzelne Kammern je einen halben Umgang Ausdehnung besitzen. Sämmtliche Einschnürungsstellen einer solchen Schale liegen, wie aus obiger Schilderung hervorgeht, in 48 Ehizopoda. einer geraden Linie, die wohl auch die ursprüngliche Hauptaxe der durch excentrische Verlagerung der Mündungsöffnung symmetrisch bilateral ge- wordenen Embryonalkammer darstellt. In der Richtung dieser Hauptaxe zeigen die Angehörigen der Gattung Spiroloculina sowohl als die übrigen Miliolinen gewöhnlich eine Längsstreckung, wodurch die regulär spira- lige Aufrolluug etwas alterirt wird. Eine weitere Abweichung zeigen die übrigen Miliolinen dadurch, dass die bei Spiroloculina sich nur berührenden, daher auf beiden Seitenflächen der Schale völlig sichtbaren Umgänge (oder die sie constituirenden Kammerabschnitte) sich bei den übrigen mehr oder minder umfassen, so dass jeder neue Umgang den vorhergehenden entweder nur zum Tbeil (Quinque- loculina) oder gänzlich (Biloculina) verdeckt. Bei Quinqueloculina (IV. 11) wird die Schale durch abwechselnde ungleiche Umfassung auf den beiden Seitenflächen gleichzeitig asymmetrisch (s. den nebenstehenden Holzschnitt a), so dass gewöhnlich auf der einen Seitenfläche der Schale 4, auf der entgegengesetzten durch stärkere Umfassung hingegen nur 3 Kammerabschnitte sichtbar bleiben.*) Biloculina (IV. 12 u. 13) hingegen ist durch völlige und symmetrische Involubilität ausgezeichnet, so dass hier stets nur die beiden jüngsten Kammerabschnitte sichtbar bleiben (vergl. auch den Querschnitt der ent- sprechend gebauten Fabularia IV. 21). Bedeutsamer erscheint die Abweichung von der den Ausgangspunkt unserer Be trachtung bildenden Spiroloculina bei der Gattung Triloculina, die äusserlich nur 3 um die Längsaxe regelmässig gruppirte Kammerabschnitte bemerken lässt(VIII. 3). Es lässt sich diese Form entweder so deu- ten, dass hier die Winduugsebene nach je- dem halben Umgang sich um 120*' um die Längsaxe verschiebt, oder aber auch durch eine besondere Art der gegenseitigen Um- wachsung der einzelnen Kammerabschnitte in der Weise, dass während der 2. (vergl. nebenstehenden Holzschnitt b) sich nach bei- den Seitenflächen hin gleichmässig aus- dehnt, der 3. hingegen hauptsächlich über die linke, der 4. über die rechte Seitenfläche hinwächst u. s. f. Von besondrem Interesse ist noch eine sehr gewöhnliche Auszeich- nung der Mündungsöffnung der besprochnen Miliolinen, indem in dieselbe ein zungenartiger, bei den einzelnen Formen recht mannigfach gestalteter Vorsprung von der Aussenvvand des vorhergehenden Umgangs hineinragt a. Idealer Querschnitt von Quinqueloeulina, b. ebens. von Triloculina. *) Doch herrscht bezüglich der Zahleaverhältaisse der sichtbaren Kammern ziemliche Variabilität. Monothalame Impcrforata. (Miliolina, Peneroplina.) 49 (IV. 13, 14 u. 15), eine Einrichtung, die vielleicht mit der bei verwandten Formen auf der Grenze der Kammern auftretenden Scheidewandbildung in Verbindung gebracht werden darf. Letzteres scheint um so mehr ge- stattet, da zuweilen (Quinqueloculina saxorum) durch diese vorspringende Zunge und noch weitere hierzu sich gesellende rippenartige Vor. Sprünge der innern Mündungsränder, welche mit jener verwachsen, die Mihidung bis auf eine Anzahl Durchlassporen ganz verschlossen werden kann. Wie schon oben im Allgemeinen hervorgehoben wurde, ist es eine unter den spiralgewundnen Rhizopoden sehr verbreitete Erscheinung, dass nach einer Anzahl von Umläufen die spiralige Krümmung allmählich ge- ringer wird und schliesslich in ein geradliniges Wachsthum übergeht. Diese Erscheinung tritt auch bei dem zunächst mit den Miliolinen ver- wandten Genus Vertebralina hervor, wie bei der gleichfalls nahe verwandten Peneroplis. Bei Vertebralina (IV. 17) ist der ältere Anfangs- theil der Schale in miliolinenartiger Weise spiralig eingerollt, so jedoch, dass gewöhnlich 3 — 4 Kammerabschnitte einen Umgang bilden, worauf dann die Schale ihr Wachsthum in gerader Linie mehr oder weniger lang fortsetzt. Auch hier sind zwischen den einzelnen Kammern Scheidewände noch kaum gebildet, sondern jede folgende Kammer ist auf die gewöhnlich etwas erweiterte Mündung der vorhergehenden aufgesetzt. Gelegentliches Fehlen des geradlinigen Endtheils der Schale schliesst diese Formreihe noch näher an die Miliolinen an, wie jedoch andrerseits auch der gerad- linig gestreckte Schalentheil bei weitem überwiegen kann, so dass schliesslich ein spiralig eingerollter Anfangstheil ganz unterdrückt wird (ünterg. Aiticulina d'Orb. IV. 18). Sehr ähnlich dem spiralig aufgerollten Anfangstheil der Vertebralina- schale ist auch hinsichtlich ihrer allgemeinen Configuration die Gattung Hau er in a (IV. 20), welche von Carpenter zu Miliola gezogen wird. Sie beginnt ganz miliolartig, setzt jedoch ihr weiteres Wachsthum mit 3 bis 4 Kammern auf den Umgang fort. Der vorzugsweise hervorstechende Charakter dieser Form ist jedoch die Umbildung der Mündung zu einer siebförmig von Poren durchbrochnen Platte (IV. 20 b, ähnlich der er- wähnten Quinqueloc. saxorum), so dass füglich hier auch die aufeinander- folgenden Kammern durch solche von Poren durchsetzte Scheidewände geschieden werden. In nahem Anschluss an die soeben erwähnten Formen steht die Gruppe der Peneropliden (IV. 22, V. 1, VIII. 12) mit der Hauptgattung Peneroplis. Wir haben es hier mit symmetrisch-spiralig aufgerollten Formen zu thun, die jedoch schon von Beginn eine ziemlich beträchtliche Zahl von Kammern in den Umgängen aufweisen. Es ist nämlich die Länge jeder Kammer nur eine geringe, dagegen die Höhe meist recht beträchtlich. Gewöhnlich sind die Umgänge parallel der Medianebene sehr comprimirt, wodurch, in Zusammenhang mit der beträchtlichen Kammerhöhe, die Mündungsfläche, sowie die entsprechenden Septalflächen, Bronn, Klassen des Thier-Eeichs. Protozoa. 4 50 Rhizopoda, hoch und schmal werdeo. Die Septalflächen sind hier durch eine Ein- faltung- der Kainmerwand zum grösseren Theil geschlossen, so dass also wohlgebiidete Scheidewände und eine entsprechende Mündungswand sich finden, die entweder von einer langgestreckten spaltartigen und dendritisch verzweigten Mündungs- oder Septalötfnung durchsetzt werden (Dendritina IV. 24), oder nur eine, bei breiterer Gestaltung der Septalflächen jedoch auch zwei Eeihen von Porenöffnungen aufweisen (Peneroplis V. 1). Letzteres Verhalten leitet sich wohl von der Auflösung der dendritisch verzweigten Mündungsspalte in eine grössere Zahl von Poren her (eine Art Uebergangs- bildung siehe IV. 25). Die Zahl dieser Poren der Scheidewände vermehrt sich successive, die älteste weist nur einen Porus auf, in den folgenden nimmt ihre Zahl stetig zu. Eine weitere Mannigfaltigkeit dieser Formen- reihe wird noch dadurch erreicht, dass die sich gewöhnlich nur berührenden Umgänge sich mehr umfassen, ein Verhalten, das namentlich häufig an der jüngeren Hälfte des letzten Umgangs hervortritt, sich jedoch auf die gesammten Umgänge ausdehnen kann , so dass die Schale hierdurch ziemlich iuvolut wird (Dendritina) und die Septalflächen eine mehr huf- eisenförmige Gestaltung annehmen. Auch Uebergang in geradliniges Wachsthuni tritt sehr häufig bei Peneroplis wie Dendritina hervor. Von besonderem Interesse ist ferner noch, dass in Verbindung hiermit bei Peneroplis sehr gewöhnlich die letzten Kammern besonders in der Rich- tung der Umgangshöhe, also senkrecht auf die Längsaxe (Spiralaxe) ausvvachsen, wobei gleichzeitig die Kammerlänge sehr gering wird (V. 1). Indem in dieser Weise die letzten Kammern sich successive sehr rasch senkrecht zur Längsaxe, verbreitern, nimmt so der Endtheil der Schale eine fächerartig ausgebreitete Gestalt au und werden die Septalflächen sehr lang und stark gekrümmt. Indem sie sich mit ihren Enden stark nach den äheren Schalentheilen zurückbiegen, kann die Ausdehnung der Mündungsfläche schliesslich nahezu ^/^ des ganzen Schalenumfanges be- tragen. In solcher Weise ist hier schon eine Hinneigung zum Uebergang in das sogen, cyklische Wachsthum gegeben, wie es bei den später zu besprechenden Orbiculina- und Orbitolitesformen in hoher Ausbildung hervortritt, wo die einzelnen Kammern sich bis zur Bildung geschlossener Ringe zurückbiegen. Auch die früher erwähnte Gattung Vertebralina zeigt schon eine ähnliche Modifikation ihres Wachsthums in den als Renulites bezeichneten fossilen Formen (IV. 19). In allgemein morphologischer Hinsicht scheinen die mit sandiger Schale versehenen Gattungen Lituola Lmck. und Haplophragmium Rss. in ziemlich naher Beziehung zu den eben geschilderten Formen der Pene- ropliden zu stehen (fraglich bleibt jedoch bis jetzt, ob eine solche An- näherung auch in genetischer Beziehung gerechtfertigt ist). Es sind dies freie Formen mit symmetrisch spiraliger Schale, deren Umgänge gewöhnlich einen ziemlich hohen Grad von Involubilität zeigen und entweder ihr ganzes Wachsthum in der begonnenen spiraligen Aufrollung fortsetzen (so dass die Gesammtgestalt der Schale dann von einem Dendritina-artigen Polythalame Imperforata. (Lituola, Orbitolitiiia.) 51 Habitus ist [V. 17]) oder es gehen, ähnlicli wie bei den als Spirolina be- zeichneten Modifiliationen von Dendritina, die letzten Kammern in ein geradliniges Wachsthiim über und wird die Gesammtform der Schale hierdurch eine bischofstabförmige (V. 18 a). Die Mündungsbeschaffenheit dieser saudigen Formen ist eine etwas verschiedenartige; entweder sind die Kammerscheidewände von einer einfachen, jedoch häufig unregel- mässigen Oeffnung durchbrochen, die auch ähnlich wie bei Dendritina eine dendritisch verzweigte Beschaffenheit besitzen kann, oder es finden sich bei Lituola statt der einfachen Mündung zuweilen auch mehrere Durchbrechungen der Scheidewände, die Mündung nimmt eine zusammen- gesetzte Beschaffenheit an, ja die Scheidewände werden z. Th. siebartig (V. 18 b). Letztere Eigenthtimlichkeit steht wohl ohne Zweifel in Zu- sammenhang mit den labyrinthischen Auswüchsen, die hier von den innern Flächen der Kammerwände entspringen und, wie dies früher schon im All- gemeinen als für einen Theil der sandigschaligen Formen charakteristisch geschildert wurde, die Kammerhöhlungen in ein Maschenwerk von zahl- reichen uuregelmässigen Kämmerchen theilen. Zu den interessantesten morphologischen Wachsthumsverhältnissen der polythalamen Schalen der marinen Rhizopoden gehört die eigenthüm- liche Umwandlung des spiralig symmetrischen Wachsthums in das sogen, cyklische, wie wir solches unter den Imperforaten bei den Geschlechtern Orbiculina und Orbitolites, unter den Perforaten hingegen bei Heterostegina, Cycloclypeus und Orbitoides antreffen. In beiden morphologischen Reihen, welche durch diese besonderen Wachsthumsverhältnisse charakterisirt werden, tritt noch eine weitere Eigenthümlichkeit, die wohl nicht ausser Zusammen- hang mit der ersteren steht, hervor, nämlich eine Unterabtheilung der ursprünglichen Kammerräume durch secundäre, in senkrechter Richtung zu den primären verlaufende Scheidewände in eine mehr oder minder grosse Zahl secundärer Kammern oder Kämmerchen (chamberlets, Carpenter). Dieselbe Erscheinung fanden wir, wenngleich von viel unregelmässigerer Ausbildung, schon bei den sandschaligen Rhizopoden und letzthin speciell bei der Gattung Lituola. Obwohl es sich hier um ganz unregelmässige Untertheilungen der Kammerräume handelt, so unterliegt es doch wohl keinem Zweifel, dass in beiden Fällen im Princip dieselbe Erscheinung vorliegt. Das beste Verständniss für die Herleitung dieses cyklischen Wachs- thums aus dem einfach spiraligen bietet die imperforate Gattung Orbiculina dar (VI. 2) und indem wir die Betrachtung der durch ähnliche Wachthums- vorgänge ausgezeichneten, jedoch ohne Zweifel genetisch nicht hierher gehörigen Gattungen der Perforata auf später verschieben, beschäftigen wir uns zunächst mit den cyklischen Imperforata und zwar der erwähnten Gattung Orbiculina. Diese Form lässt sich am natürlichsten herleiten von gewissen Modi- fikationen der schon früher geschilderten Peneroplis und es unterliegt 4* 52 Khizopoda. wohl auch keinem Zweifel, dass es sich hier um einen wirklich genetischen Zusammenhang handelt. Die hier in Betracht kommenden Peneroplis- formen sind die schon erwähnten , bei welchen die jüngsten Kammern, indem sie ihr spiraliges Wachsthum aufgeben, sich sehr rasch verbreitern, so dass die Gesammtgestalt der Schale hierdurch eine fächerföraiige wird. Denkt man sich diese Verbreiterung rasch noch mehr anwachsen, indem die Kammerenden sich dabei mehr und mehr um den spiraligen Anfangs theil der Schale herumlegen (VI. 2A), so dass schliesslich die Enden einer gewissen Kammer sich treffen und zu einer kreisförmig geschlossenen verschmelzen (VI. 2B), so erhält man eine ungefähre Vorstellung davon, in welcher Weise aus den in spiraliger Anordnung aufeinanderfolgen- den Kammern schliesslich kreisförmig geschlossene hervorgehen und das Weiterwachsthum dann durch peripherische Neubildung solcher kreis- förmiger Kammern cyklisch vor sich geht. Eine etwas eingehendere Darstellung der Bauverhältnisse von Orbi- culina wird diese Wachsthumsvorgänge noch deutlicher machen. Mit einer oder mehreren ziemlich ansehnlichen Embryonalkammern beginnend, geht diese Form dann in ein symmetrisch spiraliges Wachsthum über, das sie in regelmässiger Weise mehrere Umgänge hindurch verfolgt (VI. 2 C). Diese spiraligen Umgänge werden ähnlich wie bei Peneroplis von zahlreichen, sehr schmalen Kammern gebildet, die sich rasch ver- breitern, da die Umganghöhe schnell zunimmt. Diese spiraligen Umgänge umhüllen sich völlig und es besitzt daher die junge Schale oder der spiralige Anfangstheil älterer Schalen eine nahezu kuglige Gestaltung. Die die Kammern scheidenden Septen sind sehr stark nach vorn convex gekrümmt und die Kammerräume, wie schon erwähnt, durch auf den pri- mären Septen senkrecht aufstehende secundäre in zahlreiche Kämmerchen getheilt, deren Zahl sich natürlich mit der Verbreiterung der Kammern (entsprechend der Zunahme der Umgangshöhe) rasch vermehrt. Unter sich stehen alle diese Kämmerchen eines Kammerabschnitts durch eine, oder bei bedeutenderer Höhe der Secundärsepten (die Höhe hier parallel zur Windungsaxe genommen) durch mehrere Verbindungskanäle in Com- munication. Ebenso stehen auch die Kämmerchen der aufeinanderfolgenden Kammerabschnitte durch Porenkanäle in Verbindung, die in Zahl ähnlichen Schwankungen unterliegen, wie die zuvor geschilderten, und die nicht von den Kämmerchen selbst ausgehen, sondern von den oben geschilderten Verbindungskanälen zwischen den benachbarten Kämmerchen eines Kammerabschnittes (vergl. die ähnliche Bildung bei Orbitolites VI. lA, c). Diese letzterwähnten Porenkanäle sind es dann natürlich auch, die, indem sie auf der Septalfläche der jüngsten Kammer münden, die Verbindung mit der Aussenwelt herstellen (VI. 2D). — Aehnlich wie bei Peneroplis fungiren daher statt einer einfachen Mündung hier eine oder mehrere Reihen von Poren auf der Münduugsfläche (VI. 2 E). — Die stark convexe Vorwärtsbiegung der Primärsepten macht, dass, im Zusammenhang mit der bedeutenden Höhe der Umgänge, die Septalflächen rasch zu sehr Polytlialame Imperforata. (Orbitolitina.) 53 ansehnlicher Ausdehnung gelangen, so dass sie bald etwa Va ^er ge- samniten Schalenperipherie bilden. Das Weiterwachsthura vollzieht sich nun in etwas verschiedener Weise. Entweder indem das spiralige Wachs- thum in ein geradliniges übergeht und der periphere Schalenrand in einer ziemlich geraden Linie weiterwächst (VI. 2C*), so dass demnach hier die Kammerenden in gerader Linie übereinander aufgestapelt sind , während im Gegensatz zu diesem Halt, der den peripheren Kammerenden hier ge- setzt ist, die Kammern sehr rasch nach der entgegengesetzten freien Seite auswachsen, indem sie sich, sich immer mehr und mehr vcrgrössernd, um den spiraligen Theil der Schale allmählich völlig herumziehen. Endlich legen sie sich bei fortdauernder Neubildung und Vergrösserung um den oben erwähnten geradlinig fortgewachsenen peripheren Schalenrand herum, bis schliesslich eine der Kammern mit dem Ende ihrer cyklisch um die älteren Theile herumgelagerten Partie wieder auf ihren peripherischen Anfangstheil stösst, und so die erste völlig kreisförmig abgeschlossene Kammer gebildet worden ist (VL 2 B). Durch weitere Neubildung solcher kreisförmiger Kammern kann dann auch der Gesammtumriss der Schale sich der Kreisgestalt mehr und mehr nähern , jedoch wird dieselbe in diesem Falle gewöhnlich nicht völlig erreicht, da der geradlinig fort- gewachsene peripherische Rand sich noch durch eine Einbiegung oder Abstumpfung der Peripherie merklich macht. Bei der zweiten Art des Uebergangs ins cyklische Wachsthum bildet sich dagegen eine ziemlich reguläre Kreisform aus, indem hier das rasche Auswachsen der Kammer- enden beim üebergang ins geradlinige Wachsthum gleichmässig nach dem peripherischen wie nach dem centralen Kammerende hin geschieht. Es lagern sich daher hier die Enden der Kammern allmählich von beiden Seiten um den spiraligen Anfangstheil der Schale herum (VL 2A), und das Zusammenstossen derselben zur Bildung der ersten cyklischen Kam- mer vollzieht sich also in der Verlängerung der Axe des geradlinigen Wachstbums. Mit der Neubildung von cyklischen Kammern wird hier die ursprünglich noch vorhandene Einschnürung rasch ausgeglichen und der Umriss der Schale nahezu kreisförmig. Noch ist zu erwähnen, dass mit dem Üebergang des ursprünglich spiraligen Wachsthums ins geradlinige die Umfassung der früheren Windungen durch die neugebildeten Kammern allmählich gänzlich aufhört, womit sich gleichzeitig auch die Höhe der neugebildeten Kammern (im Sinne der Windungsaxe) verringert, so dass die Schale nach dem Rande hin dünner wird und die Porenreihen auf den Scheidewänden sich verringern, während der spiralige Anfangstheil der Schale knopfartig hervorsteht. In noch viel vorzüglicherer, jedoch jedenfalls principiell überein- stimmender Weise tritt das cyklische Wachsthum bei der nächstver- wandten Gattung Prbitolites hervor (VI. 1). Das wichtigste Charakte- ristikum dieser Gattung gegenüber Orbiculina besteht in der sehr früh- zeitigen Ausbildung der cyklischen Wachsthumsweise, indem hier bei Orbitolites gewöhnlich auf eine recht ansehnliche Embryonal- 54 Rhizopoda. kammer (VI. 1 E, a), die von einer dieselbe zur Hälfte oder nahezu völlig umfassenden, ansehnlichen und nur zuweilen durch eine senkrechte Scheidewand theilweis untergetheilten zweiten Kammer umgeben wird (b), sogleich die kreisförmig geschlossenen Reihen von kleinen Orbiculina- artigen Kämmerchen folgen. Indem sich zahlreiche weitere derartige Cyklen von Kämmerchen beim Weiterwachsthum ausbilden, wird die Schalengestaltung sehr bald eine scheibenförmige mit ganz regulär kreisförmigem Umriss (VI. lA), Da ferner im Gegensatz zu Orbiculina die jüngeren Cyklen allmählich an Höhe (im Sinne der Windungsaxe) zunehmeo, so verdickt sich die Scheibe nach den Rändern zu mehr oder minder regelmässig, so dass die Flachseiten der Scheibe schwach concav ausgehöhlt erscheinen (VI. 1, B— D), oder doch wenigstens im Centrum eine derartige concave Aushöhlung und starke Verdünnung der Scheibe aufweisen (im Gegensatz zu der knopfartigen Verdickung bei Orbiculina). Die ursprüngliche Herleitung dieser cyklischen Wachsthumsweise aus der spiraligen lässt sich jedoch zuweilen noch, wenn auch nicht so charakteristisch wie bei Orbiculina, bei gewissen fossilen Orbitoliten nach- weisen (auch bei dem recenten Orb. tenuissimus*) soll sich dieses Ver- halten zum Theil zeigen), indem die ersten Kämraerchenreihen nicht als geschlossene Cyklen hervortreten, sondern sich wie bei Orbiculina auf die üntertheilung von spiralig angeordneten primären Kammern zurück- führen lassen, welche jedoch hier sehr bald in das cykliscbe Wachsthum übergehen. Die feineren Bauverhältnisse der kreisförmigen Kämmerchen- reihen zeigen auch bei Orbitolites eine ziemliche Mannigfaltigkeit der Bildung, die zur Unterscheidung von einfachen und complicirt gebauten Formen geführt hat. Bei den ersteren (VI. 1, A u. B) besitzen die Kämmerchen die einfache Bildung wie bei Orbiculina und eine verhältniss- mässig geringe Höhe; jedes der Kämmerchen steht mit den benachbarten desselben Cyklus durch eine Verbindungsröhre in Communication, während die Verbindung der Kämmerchen der aufeinanderfolgenden Cyklen durch radiale Röhrchen, die von jenen erstgenannten Verbindungsröhrchen ent- springen und in die alternirend gestellten Kämmerchen des nächst jüngeren Cyklus münden, vermittelt wird (VI. 1, A, c). Auf der peripherischen Randfläche der Scheibe tritt so eine Reihe von Mündungsporen hervor, welche die Ausmündungsstellen solcher radialen Röhrchen darstellen und über denen sich in der Folge die Kämmerchen eines neuen Cyklus bilden werden (VI. 1, A, d). Bei den complicirter gebauten Formen hingegen (VI. 1, C u. D) beginnen die cyklischen Kämmerchenkreise im Centrum der Scheibe in ähnlich ^einfacher Weise, gehen jedoch, indem die Höhe der Kämmerchen rasch zunimmt, früher oder später in complicirtere Bildungsverhältnisse über. Zunächst nämlich treten statt der einfachen cirkulären Verbindungsröhren zwischen den Kämmerchen der einzelnen Cyklen zwei solcher Verbindungsröhren auf, die nahe an die Ober- und *) Carpenter etc. Proc. roy. soc. XYIII. u. Brady 115 II. Polytbalamo Iinperforata. (Orbitolitos.) 55 Unteifläche der Scheibe rücken (V.4,h%^). Gleichzeitig sondern sich hiermit die jenseits dieser cirkulären Verbindungsröhren den Scheibenflächen anlie- genden Theile der Kämmerchen von dem mittleren Abschnitt ab, so dass durch diese Sonderung die peripherischen Scheibentheile wie aus 3 Kämmerchenlagen zusammengesetzt erscheinen; nämlich einer mittleren, die nach aussen rasch an Höhe anwächst und zwei oberflächlichen (c^), die sich auf der gesammten Scheibe nahezu in gleicher Höhe erhalten (VI. 1 D). Unter sich stehen die jedem Cyklus entsprechenden 3 Kämmerchen- lagen (wenigstens bei den typischen Exemplaren) in Verbindung durch Vermittlung der beiden cirkulären Verbindungsröhren jedes Cyklus, indem sich die Kämmerchen der mittleren Lage direct (gewissermaassen wie Communikationskanäle) zwischen den beiden cirkulären Eöhren ausdehnen, wogegen die oberflächlichen Kämmerchen so geordnet sind, dass sich ein Cyklus von ihnen zwischen zwei aufeinanderfolgende cirkuläre Verbindungs- röhren einschiebt und jedes der oberflächlichen Kämmerchen sich durch je ein feines Verbindungsröhrchen mit diesen beiden cirkulären Verbindungs- röhren in Communikation setzt. Die hohen Kämmerchen der mittleren Lage sind wie die der einfachen Formen alternirend gestellt in den aufeinander- folgenden Cyklen (V. 4, c) und es stehen auch die der benachbarten Cyklen in Communikation durch feine Verbindungsröhren, die von jedem Kämmer- chen der mittleren Lage in verschiedener, meist jedoch recht beträchtlicher Zahl (je nach der Höhe derselben) alternirend nach rechts und links hin entspringen und sich zuden beiden alternirend gestellten Kämmerchen des folgenden Cyklus begeben (c u. e^). Auf dem peripherischen Rand der Scheibe münden die entsprechenden Verbindungsröhrchen des letzten Cyklus der mittleren Lage in Gestalt zahlreicher in mehr oder weniger regelmässigen senkrechten Reihen neben einander gestellter Poren aus (f). Ueberhaupt ist jedoch die Regelmässigkeit in der Bildung der mittleren Kämmerchen keine sehr grosse; häufig nehmen sie zum Theil eine recht unregelmässige Gestaltung an und in Verbindung hiermit bilden sich accesorische, zum Theil gleichfalls recht unregelmässig beschaffene Communikationen zwischen den benachbarten Kämmerchen aus. Im Gegensatz hierzu stehen die Kämmerchen der oberflächlichen Lagen unter einander in keiner directen Communikation und die der aufeinanderfolgenden Cyklen alterniren auch nicht mit einander. In Betreff der Zahlenverhältnisse besteht keine Be- ziehung zwischen den Kämmerchen der mittleren und der oberflächlichen Lagen , stets jedoch sind die letzteren an Zahl viel reichlicher wie die ersteren, so dass ca. 3 — 4 in jeder oberflächlichen Lage auf 1 Kämmerchen der mittleren Lage kommen. Aus dieser Schilderung der Bauweise der complicirten Formen dürfte hervorgehen, dass eine so directe Ableitung derselben von den ein- fachen, wie sie oben der Einfachheit der Darstellung wegen gegeben worden ist und wie sie Carpenter darzustellen versucht, in der Natur nicht begründet erscheint. Die Herleitung der complicirten Formen aus den einfachen scheint sich vielmehr in der Weise vollzogen zu haben, 56 ßhizopoda. dass sich allmählich die mittlere Kämmerchenlage zwischen die beiden Hälften der ursprünglich einfachen Kammern eingeschaltet hat und im wesentlichen darauf zu beruhen, dass sich mit der Ausbildung der zwei gesonderten cirkularen Verbindungsröhren und ihrer weiten Trennung von einander ein System von Verbindungsröhren (die Kämmerchen der mitt- leren Lage) entwickelt hat. Hieraach würden also die oberflächlichen Kammerlagen eigentlich den Kämmerchen der einfachen Form entsprechen, jedoch zeigen sie durch ihre abweichenden Stellungsverhältnisse (nicht alternirend in den aufeinanderfolgenden Cyklen) sich gleichfalls etwas verschieden von dem Verhalten bei den einfach gebauten Formen. Nach Carpenter sollen sich jedoch zahlreiche Uebergangsformen zwischen dem einfachen und dem complicirten Typus finden, die hier näher zu schildern der Raum gebricht, so dass gleichwohl eine nähere Beziehung zwischen diesen beiden zu existiren scheint, wenn auch durch die bis jetzt vor- liegenden Schilderungen der morphologische Zusammenhang derselben keineswegs völlig aufgeklärt scheint. Von Interesse erscheinen einige morphologische Besonderheiten im Schalenbau gewisser Orbitoliten. So wird zuweilen (namentlich bei ge- wissen fossilen durch Gümbel*) näher bekannt gewordenen Formen) das Dickenwachsthum der Randzone ein abnorm starkes, so dass die- selbe zu einem dicken ringförmigen Wulst auswächst (Orbitolites circum- valvata Gmb.). Auf ähnliche abnorme Wachsthumsvorgänge in der Rand- region der Scheibe dürfen auch die recenten Formen des complicirten Typus zurückgeführt werden, bei welchen die Raudpartie der Scheibe eine krausenartige Faltung zeigt und woran sich dann schliesslich die eigen thümlichsten Formen anreihen, wo sich von der Höhe dieser Falten, hauptsächlich auf der einen Seite der Scheibe, senkrechte leistenartige Auswüchse von ziemlicher Höhe entwickeln (V. 5); indem sich die Enden dieser Leisten brückenförmig zusammenneigen, können sie schliesslich mit einander verwachsen und der Art durch weitergehende Entwicklung in dieser Richtung ein netzartiges durchbrochnes Dach über der einen Seiten- fläche der Scheibe bilden. Einen besondern Typus der morphologischen Entwickelung weist noch unter den Imperforaten die Gattung Alveolina auf (V. 2a— b), die in gewisser Hinsicht, nämlich durch die Untertheilung der pri- mären Kammerräume, an die soeben genauer geschilderten Formen sich anschliesst, dagegen in dem allgemein morphologischen Typus ihres Schalenbaues unter den Imperforaten kein eigentliches Ebenbild hat. Dagegen finden sich unter den Perforaten und zwar in der Abtheilung der Nummuliniden eine Anzahl um die Gattung Fusulina sich gruppirender Formen, die in Bezug auf die allgemeinen Gestaltsverhältnisse am meisten an den jetzt zu besprechenden Typus der Imperforaten sich anschliessen, wenn auch die feineren Bau Verhältnisse hier ebenso wenig an eine *) Jahrb. f. MineraJ. u. Geol. 1872. Imperforate Polythalainia. (Älveolina.) 57 genetische Zusammengehörigkeit denken lassen, als dies bezüglich der nach cyklischem Wachsthum sich entwickelnden Formen der Impertbraten und der Perforaten der Fall ist. Die zunächst ins Auge fallende Eigenthümlichkeit dieses Genus, welche dasselbe auch mit den soeben erwähnten Fiisuliniden unter den Perforaten gemein hat, ist die meist langgestreckte, etwa ei- bis spindel- förmige Gestaltung, welche in beiden Fällen auf den gleichen Bedingungen beruht. Wir haben es hier nämlich mit symmetrisch spiralig aufgerollten Schalen von völliger Involubilität zu thun, bei welchen die Umgangshöhe im Allgemeinen eine recht geringe ist und auch nur sehr allmählich zunimmt (siehe den Querschnitt V. 2 b). Besonders ansehnlich stark sind dieselben hingegen in der Richtung der Windungsaxe verlängert, sodass bei Alveolina die Länge der Windungsaxe wenigstens dem Durchmesser der Schale (in der Windungsebene gleichkommt, und die Gestalt der ganzen Schale der Art nahezu oder völlig kugelförmig wird; gewöhnlich übertrifft jedoch die Länge der Windungsaxe den erwähnten Durchmesser sehr beträchtlich und damit wird die Schalengestalt eine verlängert eiförmige bis spindel- förmige, ja sogar cylindrische (V. 2 a). Die feineren Verhältnisse der inneren Organisation zeigen auch bei diesem Formtypus einen verschiednen Grad von Complication , ähnlich wie wir solches schon von Orbitolites kennen gelernt haben. Bei den einfacheren, fossilen Formen wird jeder Umgang durch eine Anzahl primärer Septen, die jedoch im Ganzen wenig entwickelt sind, in eine massige Zahl von primären Kammern getheilt. Dieselben haben im Zusammenhang mit der allgemeinen Configuration der Schale eine niedere, jedoch in der Richtung der Windungsaxe sehr ver- längerte bandförmige Gestalt. Die Septalflächen und die Endfläche der letzten Kammer haben natürlich eine entsprechende Gestaltung; sie besitzen nur eine sehr geringe Höhe, dagegen eine Länge, die von dem einen Pol der Schale bis zu dem andern reicht. Jede Primärkammer wird durch eine grosse Anzahl secundärer, senkrecht zur Windungsaxe verlau- fender Septen in zahlreiche ziemlich schmale, langgestreckte secuudäre Kämmerchen getheilt, jedoch bleiben an ihrem Hinterende sämmtliche secundäre Kämmerchen durch einen parallel der Windungsaxe in jedem primären Karamerabschnitt ziehenden, dicht unter der äussern Oberfläche verlaufenden Kanal in Verbindung. Auf der Endfläche der letzten Kammer münden, wie zu erwarten, die secundären Kämmerchen je durch einen Mündungsporus aus, so dass die Gesammtheit dieser Poren in einer Reihe etwa längs der Mittellinie der Mündungsfläche hinzieht. Zuweilen tritt jedoch auch hier schon eine Vermehrung der Müudungs- poren jedes Kämmerchens zu zweien auf und eine noch reichere Ver- mehrung dieser Poren in Zusammenhang mit weiteren inneren Com- plicirungen charakterisirt nun die complicirter gebauten recenten Alveolinen (V. 2). Bei diesen letzteren finden wir, dass jedes der secundären Kämmerchen der einfachen Form durch das Auftreten von Septen 3. Ord- nung (V. 2'' d— dg), die in der 2—5 Zahl vorhanden sein können (jedoch 58 Eliizopoda. gewöhnlich in der Dreizahl jedes Kämmerchen durchziehen) in weitere und zwar röhrige Kämmerchen 3. Ordnung zerlegt wird (e — eg), von denen nun jedes auf der Septal- oder Miindungsfläche durch einen besonderen Porus nach Aussen mündet, so dass sich hier auf der MUndungsfläche zahlreiche vertikale Reihen von gewöhnlich je 4 Poren neben einander finden (V. 2 a). Diese tertiären Septen theilen jedoch die Kämmerchen 2. Ordnung nicht völlig, sondern lassen in jedem den hintersten Abschnitt ungetheilt (2b, f), durch welchen, wie durch eine radiale Verbindungs- röhre, die 4 — 5 Kämmerchen 3. Ordnung in Verbindung stehen. Unter sich stehen jedoch diese hintern Reste der secundären Kämmerchen jeder Primärkammer gewöhnlich durch 2 longitudinal, parallel der Windungsaxe, verlaufende Kanäle (2 b, c u. b) in Communikation. Zu bemerken dürfte noch sein, dass die oberflächlichsten Kämmerchen 3. Ordnung in viel grösserer Zahl neben einander in jeder Primärkammer zu finden sind, wie die tiefer liegenden, wodurch die oben gegebene und im Interesse des leichteren Verständnisses gewählte Art der Ableitung dieser complicirten Formen von den einfachen ähnlich wie bei Orbitolites etwas unsicher wird. Es erinnert aber gerade diese Kleinheit und die entsprechende grössere Zahl der oberflächlichen Kämmerchen an ähnliche Verhältnisse bei Orbitolites.*) Neuerdings wurde von v. Möller (116) eine fossile Foraminiferengattung unter dem Namen Fusulinella aus dem Kohlenkalk beschrieben, die sich in allen ihren Bauverhältnissen auf das innigste an die schon erwähnten perforirten Fusuliniden anschliesst, unter anderem auch ein sogen. Kanalsystem aufweist, wie solches bei keiner Gattung der Imperforaten bis jetzt gefunden wurde. Nach v. Möller soll jedoch diese Gattung Fusulinella sich durch die fehlende Perforirung der Schalenwände von den eigentlichen Fusuliniden unterscheiden imd daher zu den Imperforata zu rechneu sein. Trotz der Güte der v. MöUer'schen Untersuchungen können wir doch unsere Zweifel an der Richtigkeit seiner Beobachtung nicht unterdrücken, um so mehr, als auch die Zugehörigkeit der übrigen Fusuliniden zu deu Perforaten erst sehr allmählich festgestellt wurde. Wir werden daher erst späterhin bei der Besprechung der Fusuliniden auf die Besonderheiten dieses Genus zurückkommen. y,^ Morphologische Verhältnisse der hauptsächlichsten Typen der poly- thalamen Perforata. Während uns die Betrachtung der Formtypen der Imperforaten mehr- fach Gelegenheit gegeben hat, den Uebergang des ursprünglich spiraligen Wachsthums in das geradlinig gestreckte zu verfolgen, bieten uns die *) Carpeuter (74, p. 104) glaubt zwischen den Orbiculinen und Alveolinen eine nahe Verwandtschaft annehmen zu dürfen, indem sich die letztern aus den erstem durch ent- sprechende Aenderung der allgemeinen Gestaltung leicht ableiten Hessen. Gegen diese Be- ziehung dürften sich jedoch gegründete Bedenken erheben lassen, da die secundären Septen der Orbiculinen mit denen der einfachen Formen der Alveolinen, die doch hier zunächst in Betracht kommen, der Lage nach gar nicht übereinstimmen, wie sich solches durch einige üeberlegung leicht ergibt. Während diese secundären Septen bei Orbiculina parallel zur Windungsaxe gestellt sind, verlaufen sie dagegen, wie oben hervorgehoben, bei Alveohna senk- recht zu dieser, womit meiner Ansicht nach ein recht principieller Unterschied zwischen beiden Formen gegeben ist. Pcrforate Polytlialamia. (Nudosarien.) 59 jetzt zunächst in Betrachtung zu ziehenden einfachsten morphologischen Bildungsverhältnisse der Perforata, die wir in der Abtheilung der Lagenida, jedoch auch z. Th. ähnlich in der der Globigerinida antreffen, Gelegenheit, uns davon zu überzeugen, dass auch die morphologischen Umbildungs- verhältnisse in umgekehrter Weise ihren Verlauf nehmen können, dass nämlich ein ursprünglich gestreckt geradliniges Wachsthum durch Ein- krümmung in ein spiraliges sehr allmählich überführen kann. Aus den uns früher schon bekannt gewordenen einfachsten monothalamen Formen der Perfo raten, die in der Gattung Lagena (einschhesslich Entosolenia) zusammen- gefasst werden, gehen nämlich in sehr natürlicher und einfacher Weise eine Reihe sehr nahe mit einander verwandter polythalamer Formen her- vor, die von Carpenter sämmtlich dem Genus Nodosa rina eingereiht werden. Im Allgemeinen vollzieht sich die Bildung solcher polythalamer Formen, ausgehend von der monothalamen Lagena, in der uns schon von den Imperforaten her bekannten Weise, indem sich nämlich über die Mün- dung einer einfachen Kammer eine neue aufsetzt, so dass die hintere nicht mit eigenen Schalenwandungen versehene Partie dieser neuen Kammer durch den überdeckten Theil der alten ihren Abschluss erhält und die Mündungsöffnung der ersten Kammer in den Hohlraum der zweiten führt. Der von der neuen Kammer überdeckte Theil der Wandung der ersten fungirt nun als Scheidewand zwischen beiden Kammern. Dass die Ab- leitung solcher polythalamen Formen von dem monothalamen Geschlecht Lagena gerechtfertigt ist, ergibt sich aus gelegentlich bei gewissen Formen des letztern auftretenden Doppelbildungen, die ganz einen solchen Typus der Kammervermehrung darstellen. In dieser Weise können sich eine mehr oder minder grosse Anzahl von Kammern zur Bildung einer derartigen polythalamen Form aneinanderreihen , jedoch bieten sich im speciellen zahlreiche, durch besondere Wachsthumsbedingungen und Ge- staltungsverhältnisse hervorgerufene Modifikationen dar. Die einfachsten Verhältnisse treffen wir zunächst bei einer Reihe von Formen an, bei welcher die Kammern so aufeinander aufgesetzt sind, dass die Axen sämmtlicher monaxoner Einzelkammern zusammen eine gerade Linie, nämlich die Hauptaxe der ganzen polythalamen Schale bilden. Im All- gemeinen wird die Gestalt einer solchen Schale, als deren typischer Ver- treter die Gattung Nodosaria (in weiterem Sinne) zu betrachten ist, eine ge- streckte, stabförmige sein (VIII. 14), jedoch geht dieselbe häufig über in eine mehr kegelförmige, wenn nämlich die jüngeren Kammern an Grösse mehr zunehmen; und durch besondere Gestaltungsverhältnisse der einzelnen Kam- mern, sowie ihr gegenseitiges Verhalten, werden noch eine grosse Zahl spe- cieller Modifikationen hervorgerufen. Bleiben die Einzelkammern nahezu kugelig, indem sie sich gegenseitig nur wenig umfassen, so dass die Gren- zen oder Nähte zwischen ihnen ziemlich vertieft erscheinen, so sehen wir die wesentlichsten Eigenthümlichkeiten der Gattung Nodosaria vor uns. Natürlich ist bei der regulären Gestaltung der Einzelkammern hier die Mündung auch eine rundliche und genau axial gelegene (VIII. 14 e). 60 Khizopoda. Variationen in der Form sind hier hauptsächlich durch innigeres Zusamnaen- rücken der einzelnen Kammern oder aber durch Auseinanderrücken der- selben gegeben, was in der Weise zu Stande kommt, dass, ähnlich wie dies bei der monothalamen Lagena gewöhnlich, jede Einzelkammer eine die Mündung tragende halsartige Röhre entwickelt und die folgenden Kammern nur auf diese Halsröhren aufgesetzt sind, so dass demnach die Gesammtgestalt einer solchen Nodosaria ein perlschnurartiges Aussehen darbietet. Durch einfache Modifikation der Gestaltung der Einzelkammern sehen wir aus Nodosaria die als Lingulina bezeichneten Formen hervor- gehen (VII. 23), indem nämlich die Kammern ihre kugelige Form mit einer parallel der Hauptaxe comprimirten vertauschen und gleichzeitig auch die axenständige Mündung entsprechend der Comprimirung der Schale eine in die Länge gezogene, schlitzförmige wird (VII. 23 b). Rücken die Kammern inniger aufeinander als dies bei Nodosaria der Fall ist, so dass jede jüngere ungefähr die Mündungshälfte der nächst altern umfasst, so entstehen kürzere, mehr oder weniger eiförmige Gestalten, indem die umfassenden jüngeren Kammern verhältnissmässig rasch anwachsen müssen (VII. 25). Für solche Formen wurde von d'Orbigny der Name Glandulina aufgestellt. Bei der Gattung Frondicularia umfassen sich hingegen die Kammern nahezu völlig oder völlig und die eigenthümliche Form dieser Gattung wird noch weiter durch eine sehr starke Compri- mirung parallel der Hauptaxe bestimmt, wodurch die Gesammtgestalt blattartig wird (VII. 26). Auch eine vier- oder dreiseitig- prismatische Gestaltung der einzelnen Kammern ist bei der Gattung Orthocerina d'Orb. anzutreffen und da die Kammern sehr dicht zusammengerückt sind, wird die Gesammtgestalt der Schale hier eine drei- bis vierseitig pyra- midale. Bemerkenswerthere Modifikationen des allgemeinen Typus entstehen jedoch dadurch, dass die Hauptaxe, längs welcher die Kammern gruppirt sind, ihren geradlinigen Verlauf aufgiebt und eine mehr oder minder aus- geprägte Einkrümmung aufweist, welche schliesslich bis zu regulär spiraliger Einrollung führt. Die ersten Anfänge einer solchen Einkrüm- mung sehen wir in dem Genus Dentalina realisirt, dessen Formen sich im Allgemeinen aufs innigste an Nodosaria auschliessen , im wesent- lichen nur durch eine schwache, bogenförmige Krümmung der Hauptaxe unterschieden. In Verbindung hiermit steht die fast stets excentrische Lage der Mündung, die der concaven Einkrümmungsseite der Schale genähert ist. Aehnlich wie seitlich comprimirte nodosariaartige Formen sich finden (Lingulina), sehen wir auch solche von Dentalina-artigem Bau auftreten, sie sind durch die Benennung Vaginuli na d'Orb. ausgezeichnet worden. Ist mit einer solchen Vaginulina-artigen Gestaltung eine sehr langgestreckte über einen ansehnlichen Theil der convexen Schalen- seite sich hinziehende, schlitzförmige Mündung verbunden, so gilt die Bezeichnung Rimulina d'Orb. (VII. 24). Polythalame Perforata. (Nodosarien.) 61 Gebt die Einkrümraung der Hauptaxe in völlig spiralige Aufrollnng über, so entstebt das Genus Cristellaria (VII. 27; VIII. 10). Jedoch scheint dies nicht unmittelbar aus den seither beschriebenen Formen her- vorzugehen, sondern durch Einschaltung einer vermittelnden Uebergangs- stufe, welche durch das Geschlecht Margin ulina repräsentirt wird. Bei letzterem sehen wir die ältesten Kammern spiralig eingerollt oder doch stark eingekrümmt, während die jüngeren in ein schwach gebogenes, Dentalina-artiges Wachsthum übergehen. Eine starke seitliche Compri- mirung zeichnet diese Form wie die völlig spiralige Cristellaria aus und macht die bilaterale Bildung der Schale, die sich schon in der Einlcrüm- mung ausspricht, noch hervorstechender. Wie bei Dentalina treffen wir auch hier die Mündungen nicht mehr central, axenständig auf den Einzelkammern (speciell der letzten Kammer, wo sie frei hervortritt) an, sondern excentrisch. Jedoch zeichnet sich die Mehrzahl der hierher- gehörigen Formen durch eine entgegengesetzte Verschiebung der Mündung aus; dieselbe ist nämlich hier bei Marginulina wie Cristellaria an die con- vexe Krümmungsseite der Schale verschoben , wo sie meist etwas zu- gespitzt hervortritt (VIII. 10, o). Wie bei Dentalina und Cristellaria ver- laufen auch bei Marginulina die Kammernähte (oder Septalgrenzen) sehr schief zur Hauptaxe (resp. Spiralaxe bei Cristellaria), ein Umstand, der wohl mit der excentrischen Verlagerung der Mündung im Zusammenhang steht. Wie gesagt, ist bei Cristellaria die spiralige Einrollung eine völlige geworden; die einzelnen Umgänge sind verhältnissmässig stark involut (VII. 27). Charakteristisch ist die schon erwähnte Lagerung der kleinen gewöhnlich rundlichen Mündung. Obgleich meist rundlich gestaltet, nimmt sie doch z. Th. auch die Form eines Schlitzes an, ja wird auch läng- lich dreieckig (eine Mündungsform, die den wesentlichsten Charakter des LJntergenus Roh ulina darstellt, das jedoch kaum von den eigentlichen Cristellarien mit einiger Schärfe zu scheiden ist). Die mannigfachen Modifikationen der Cristellaringestalt, die sich durch sehr wechselnde äussere Verzierungen (VII. 27) und dergleichen entwickeln, können hier nicht Gegenstand unserer Betrachtung sein. Doch auch in anderen der oben kurz charakterisirten nodosaria- artigen Formtypen macht sich z. Th. eine Marginulina-ähnliche Neigung zur spiraligen Einrollung des Anfangstheiles der Schale geltend; so unter- scheidet Reuss einen sogen. Mischtypus Lingulinopsis, der sich von der oben erwähnten Form Lingulina durch cristellaria-artige Einrollung der Anfangskammern herleitet, und in ähnlicher Weise verhält sich die d'Orbigny'sche Gattung Fl ab eil in a (VII. 26) zu der schon charakterisirten Frondicularia. Nach ihrer Bauweise schliessen sich den nodosaria-artig entwickelten Formen jedoch auch eine Anzahl, z. Th. erst in neuerer Zeit bekannt gewordener Rhizopoden mit sandiger Schale an , die früher wenigstens theilweise den Geschlechtern Lituola und Trochammina zugesellt wurden und auch jetzt gewöhnlich noch in näheren Anschluss an dieselben ge- ß2 RUzopoda. bracht werden. Ueber ihre Zugehörigkeit zu den Imperforatea oder Per- foraten scheint mit Sicherheit noch keine Entscheidung gegeben werden zu können, obgleich sie, wie erwähnt, gewöhnlich als imperforirt be- trachtet werden. Von ganz nodosaria-artigem Bau erscheinen die Ge- schlechter Reophax Montf. (emmeud. Brady 117 L), Haplostiche Reuss und Hormosina Brady (V. 14, 15). Die beiden erst erwähnten Geschlechter besitzen äusserlich eine rauhe, sandige Oberfläche und werden daher von den englischen Forschern dem Genus Lituola näher angeschlossen, während Hormosina wegen ihrer geglätteten Schalenoberfläche dem proteischen Genus Trochammina P. u. J. angereiht wird. Haplostiche unterscheidet sich von Reophax durch eine labyrinthische Kämmerchenbildung in den Hauptkammern in ähnlicher Art, wie sich die früher erwähnte Gattung Lituola von Haplophragmium unterschied. In ähnlicher Weise wird denn auch die bei Reophax einfache Mündung bei Haplostiche häufig dendritisch bis zusammengesetzt. Auch die bis jetzt nur fossil gefundene sandige Gattung Nodosinella Brady (105) zeigt eine ziemliche Aehnlichkeit in ihren Wachsthumsverhältnissen, ist jedoch bis jetzt noch sehr wenig genau bekannt. Schliesslich dürften ihrer Bauweise nach (abgesehen von ihrer wahren systematischen Stellung) hier auch noch angereiht werden die polythalamen Formen des Genus Saccammina Sars (V. 13b), die aus einer Anzahl von spiudel- bis birnförmigen Kammern bestehen, welche kurze Röhrchen mit einander in Verbindung setzen (ähnlich wie dies auch bei gewissen Nodosarien der Fall ist), und eine gerade oder wenig gebogene polythalame, perlschnurartige Schale bilden. Es darf wohl mit Recht vermuthet werden , obgleich hierüber die bis jetzt vorliegenden Unter- suchungen der Sacc. Carter! und Schwageri, die nach diesem Typus gebaut sind, keinen Aufschluss geben, dass die Schale auch hier ihr Wachsthum mit einer einmündigen Kammer ähnlich Nodosaria beginnt, und die gewöhnlich gefundenen doppelmündigen Einzelkammern (13a) nur von dem Zerfall der vielkammerigen Schalen herrühren. Im Anschluss an die nodosaria-artig gebauten Schalen sei hier kurz noch einiger sehr eigenthümlicher Formtypen gedacht, die sich bis zu einem gewissen Grade hier anzureihen scheinen, obgleich über ihre wahren Beziehungen durch die Besprechung an diesem Ort kein Urtheil abgegeben werden soll. Zunächst ist es die nur fossil bekannte Gattung E 11 ipso i- dina Segu., deren wir hier zu gedenken haben und deren noch nicht völlig aufgeklärter Bau sich vielleicht in der Weise kurz versinnlichen lässt, dass man eine Anzahl an Grösse ziemlich rasch zunehmender eiförmiger, lagena- artiger Kammern sich vollständig successive einhüllend denkt, so dass die aboralen Polflächen der in einander steckenden Kammern ziemlich dicht bis zur Berührung aneinander gelagert sind, wogegen die vorderen durch weitere Abstände getrennt werden. Unter einander stehen jedoch die Vorderenden der Kammern durch eine axial verlaufende, säulenartige Bildung in Verbindung, die sich nicht etwa als Homologon der röhren- förmig ausgezogenen Mündung der Lagenen und gewisser Nodosarien Polythalame Perforata. (Chilostomella, Üvigerina.) 63 betrachten lässt, sondern als ein besonderer, häufig wenig solider Ein- wuchs des oralen Pols der respectiven Kammern, An der Basis jedes zwischen zwei Kammern ausgespannten Säulenstücks findet sich ein diese Basis halbkreisförmig umgreifender Mündungsschlitz, der häufig noch durch zwischen seinen Rändern sich ausspannende Querbrücken in eine Anzahl von secundären Oeffnungen getheilt wird. Auch die erst in neuerer Zeit auch im recenten Zustand gefundene Gattung Chilostomella Reuss besteht aus einer Anzahl eiförmiger, sich völlig einhüllender und mit ihren Axen nahezu oder völlig zusammen- fallender Kammern. Jede neue Kammer wächst hier mit ihrem Mündungs- ende so an dem aboralen Pol der vorhergehenden fest, dass eine gewisse, ziemlich schief umschriebene Fläche dieses Pols der älteren Kammer unbedeckt bleibt. Die Mündung ist ein halbkreisförmig die Schale umfassender Schlitz an jener Verwachsungsstelle, der eben dadurch entsteht, dass hier keine Verwachsung der Wand der jüngeren Kammer mit der der älteren stattfindet. Aus den geschilderten Wachsthumsvorgängen der Schale ergibt sich natürlich, dass ähnlich, wie wir dies bei den Miliolinen unter den Imperforaten gesehen haben, die Mündung der auf- einanderfolgenden Kammern abwechselnd nach dem einen und dem andern Pol der Axe schauen , wie denn überhaupt die allgemeinen Bildungs- verhältnisse dieser Perforaten sich sehr innig an die für das angebliche Miliolidengenus Uniloculina*) geltend gemachten anschliessen. Etwas modificirt erscheint dieselbe Bauweise in dem nächst ver- wandten Geschlecht Allomorphina Reuss, hier bleibt die Umfassung der Kammern unvollständig, so dass äusserlich die 3 jüngsten, ähnlich wie bei Triloculina, sichtbar sind ; wie denn überhaupt die allgemeine Kammer- anordnung dieser Gattung ebenso Triloculina zu entsprechen scheint, wie für Chilostomella eine derartige Analogie zu Uniloculina wahrscheinlich wurde. In naher Beziehung zu den früher besprochenen Nodosarinen und daher von Carpenter und den übrigen englischen Forschern mit denselben in der Abtheiluug der Lagenideen vereinigt, stehen zwei Gattungen, die uns zum ersten Male einen weiteren Formtypus der polythalamen Schalen- bildung vorführen , nämlich die Aufrollung der Kammern nicht in einer symmetrischen, sondern in einer asymmetrischen Spirale oder, besser aus- gedrückt, in einer schraubenförmigen Spirallinie. Es sind dies die haupt- sächlich wegen der feineren Bauverhältnisse ihrer Schalenwände, sowie ihrer Mündung als Verwandte der Nodosarinen zu erkennenden Gattungen Üvigerina und Polymorphina (VII. 31, VIII. 4). Bei beiden sind die Kammern in einer hohen Schraubenspirale aufgerollt, so dass die Gesammt- gestalt eine gewöhnlich ziemlich langgestreckt kegelförmige bis ovoide wird. Stets bleibt die Zahl der auf einen Umgang kommenden Kammern eine nur geringe. Bei Üvigerina (VII. 31) treffen wir gewöhnlich 3 ziem- lich kugelige, nodosaria-artige Kammern in einem Umgang an, so dass, *) Vergl. hierüber den system. Absclm. {j4 Ehizopoda. da die entsprechenden Kamnaern der aufeinanderfolgenden Umgänge sieb reihenweis übereinander ordnen, eine niehr oder minder regelmässige dreizeilige Anordnung resultirt. Die nahe Beziehung dieser Formen zu den Nodosarien ergibt sich auch aus den nicht seltenen Uebergängen zu zweizeiliger und einzeiliger Anordnung der jüngeren Kammern (gewöhn- lich als Sagrina d'Orb. bezeichnete Formen). Bei Polymorphina (VIII. 4), einem äusserst formenreichen und viel- gestaltigen Geschlecht, ist die Anordnung der ziemlich schief zur Schrauben- axe gestellten Kammern gewöhnlich eine mehr oder minder deutlich zwei- zeilige. Die Kammern sind bald ziemlich stark blasig angeschwollen und dann äusserlich schärfer gegen einander abgesetzt, oder indem die Einzel- kammern sich nur wenig scharf von einander absetzen, bleibt die äussere Schalentläche abgerundet ohne Septalfurchen. Die jüngeren Kammern greifen in verschiedenem Grad nach hinten auf die älteren über und zwar geschieht dieses Uebergreifen gewöhnlich in beiden Kammerreihen in verschiedenem Maasse, wodurch die ganze Schale etwas asymmetrisch wird; ja es kann die Umhüllung der älteren Kammern so weit gehen, dass nur die beiden jüngsten äusserlich sichtbar bleiben. — Von morphologischem Interesse ist ein bei gewissen Formen von Polymorphina zu beobachtendes excessives Wachsthum der letzten Kammer. Bei Polym. concava Williamson wächst dieses keine Mündung zeigende letzte Segment in Gestalt einer ringförmigen ansehnlichen Scheibe um die ganze Schale in der Ebene der beiden Kammerreihen herum, so dass die nach gewöhnlichem Typus gebauten jüngeren Kammern gleichsam im Centrum dieser Scheibe eingelagert erscheinen. Bei Polym. d'Orbignyi Zborz.*) (VII. 37) hingegen entwickeln sich von der Mündungsgegend des letzten Segmentes röhrige Auswüchse, die nach hinten zu die Schale mehr oder minder völlig überwachsen und von denen, oder auch direct von dem letzten Segment mehr oder minder zahlreiche, sich frei erhebende, häufig sehr reichlich verästelte, dünnwandige Eöhrchen entspringen. Bei reichlicher Entwickelung solcher verzweigter Röhrchen, welche die Schale mehr oder weniger umwachsen haben, erscheint dieselbe wie mit hirsch- geweihartigen Auswüchsen bedeckt. Die Mündung des letzten Segmentes wird nicht selten durch solche Auswüchse ganz geschlossen, wogegen die frei sich erhebenden Röhrchen an ihren Enden z. Th. geöffnet und daher die Function der Mündung zu übernehmen im Stande sind, wenngleich es zwar den Anschein hat, dass sie ursprünglich blind geschlossen sich bilden und ihre Oeffnungen durch Zerbrechen der Enden entstehen. Eigen- thümlich ist ferner, dass sich in den von den röhrigen Auswüchsen überzoge- nen Wänden der älteren Kammern Durchlöcherungen, zuweilen von ziemlicher Weite finden, die wohl ohne Zweifel durch nachträgliche Resorption der *) Jedocli nur ein Sammelname fiir in ähnlicher Weise variirende Modifikationen zahl- reicher Polymorphina-Arten. Vergl. hierüber Brady, P. u, J,, Monogr. of the g. Polymor- phina (s. unt. b. Polymorphina). Polytlialame Perforata. (Textulariden.) 65 Kalkwände erzeugt werden. (Derartige Lochbildungen sind auch in den Wänden anderer Poly morphinen gar nicht sehr selten.) Auch die die einzelnen Kammern scheidenden Septen des Schaleninneren zeigen sich nicht selten stark rückgebildet bis fast gänzlich geschwunden, was wohl gleichfalls nur auf nachträgliche Resorption zurückzuführen sein dürfte. *) Wie wir schon bei Uvigerina die ursprüngliche Anordnung zuweilen in eine einreihige übergehen sahen, so tritt dieser Fall auch bei poly- raorphina-artigen Formen auf, welche auf Grund dieses Verhaltens zu einem besonderen Geschlecht Dimorphina erhoben worden sind. Ganz entsprechenden Wachsthumsverhältnissen und Schalengestal- tungen, wie wir sie soeben bei den Gattungen Polymorphina und Uvigerina kennen gelernt haben, treten uns auch in einer grossen Mannigfaltigkeit der Ausführung bei der Gruppe der Textulariden unterj der Abtheilung der Globigeriniden entgegen. Auch hier finden wir im Allgemeinen ein hoch schraubenspiraliges Wachsthum, was im Zusammenhang mit der Grössenzunahme der jüngeren Kammern den Schalen im Ganzen ein spitz kegelförmiges Aussehen gibt; und wie bei den letzthin besprochenen Geschlechtern der Lagenideen variirt die Zahl der auf jedem Umgang sich findenden Kammern in ziemlicher Ausdehnung, so dass wir zwei- zeilige, dreizeilige und schliesslich auch eine mehr oder minder regelmässige schraubenspiralige Anordnung, ohne den Ausdruck einer Reihenordnung der Kammern, antreffen. Die Gestaltungsverhältnisse zeigen sogar in den einzelnen Geschlechtern einen ziemlichen Spiel- raum für Modifikationen, so dass es meist eigentlich untergeordnet er- scheinende Eigenthümlichkeiten , so namentlich die Gestaltungsverhält- nisse der Mündung, sind, durch welche die einzelnen Formkreise gesondert werden. Eine regulär zweizeilige und alternirende Anordnung der Kammern herrscht in dem Genus Textularia (im engeren Sinne) ; indem die Kammern ziemlich stetig anwachsen, wird die Gestalt der Gesammtschaie eine kegel- oder keilförmige (VIII. 5), da sehr häufig die Schale in der Ebene der beiden Kammerreihen stark abgeplattet ist. Die Mündung hat eine für dieses und die verwandten Geschlechter ziemlich charakteristische Lagerung, sie ist nämlich nach der Schalenaxe gewendet und liegt dem Nahtrand an, welchen die zwei aufeinanderfolgenden Kammern der beiden Reihen bilden (VIII. 5 a u. b). Indem sie diesem Nahtrand meist aut eine gewisse Ausdehnung folgt, zeigt sie gewöhnlich eine halbkreis- bis schlitzförmige Beschaffenheit. (In seltneren Fällen sehen wir sie jedoch auch auf die nach vorn gerichteten Endflächen der Kammern hinaufrücken. *) Vergl. über diese Verliältaisse Alcock, Quart, jourii. of microsc. sc. T. VII. p. 237, und Mem. of the litter. and philos. soc. of Manchester 1868 III. y. 241, sowie Brady, P. a. J., Transact. of Linn. soc. Yol. 27. p. 244. Bronn, Klassen des Thier-Eeichs. Piotozüa. 5 66 Ehizopoda. ja sogar etwas röhrenförmig ausgezogen; auch eine labyrinthisehe und zusammengesetzte Beschaffenheit derselben wird z. Tti, angegeben.) Wie wir schon früher zu erwähnen Gelegenheit hatten, nehmen die Textularia-Arten sehr häufig Sand in ihre Schalenwände auf (wie dies überhaupt für die gesammte Gruppe dieser Formen mehr oder weniger gültig zu sein scheint). Ganz sandschalige Formen, von Textularia entspre- chender Bauweise, hat Reuss durch den Namen Plecanium ausgezeichnet. An die eigentlichen Textularien schliessen sich aufs innigste Formen an, welche die ursprünglich zweireihige Anordnung der Kammern später mit einer einreihigen vertauschen ; rein kalkschalige derartige Formen werden unter der Bezeichnung Gemmulina d'Orb. beschrieben, während die Mehr- zahl der hierhergehörigen Formen eine ziemlich sandige Schale besitzen und als Bigenerina d'Orb. zusammengefasst werden. Auch eine sehr alte Form der Kohlenformation, die von Brady (105) den Namen Climacimma erhalten hat, zeigt einen sehr ähnlichen Bau, soll jedoch angeblich im- perforirt sein. In die Reihe dieser sich an Textularia zunächst an- schliessenden Formen gehören auch einige mit abweichend gebauter Mün- dung, so zunächst die Gattung Grammostomum Ehrbg., welche eine sehr stark comprimirte Textularia mit sehr schief zur Längsaxe gestellten Kammern darstellt, deren Mündung ein auf dem Vorderende der Kammern befindlicher und parallel der Compressionsebene laufender Schlitz ist. Etwas abweichender gestaltet sich der Bau bei der Gat- tung Pavonina (VIII. 13), deren Zugehörigkeit zu der hier besprochenen Gruppe erst neuerdings durch Brady (117 II.) festgestellt wurde. Wir haben hier eine bigenerina-artige Schale, deren Anfangskammern deutlich alternirend zweizeilig geordnet sind, während die sehr rasch in die Breite anwachsenden jüngeren Kammern in eine einzeilige Anordnung übergehen; gleichzeitig ist die Schale sehr stark textularia-artig comprimirt, so dass die Gesammtgestalt eine fächerartige wird. Statt einer einfachen Mündung finden wir auf der lang bandförmigen Endfläche der jüngsten Kammer eine Reihe von grossen Poren (13 b). In Bezug auf die allgemeineren Gestaltsverhältnisse und die Beschatfenheit der Mündung schliesst sich die d'Orbigny'sche Gattung Cuneolina sehr nahe an die eben erwähnte Pavo- nina an, obgleich ihr allgemeines Gestaltungsprincip ein wesentlich ver- schiedenes ist, indem wir es hier mit einer Textulariaform zu thun haben, die nicht im Sinne der gewöhnlichen Formen comprimirt ist , sondern in einer hierzu senkrechten Ebene, so dass demnach bei dieser breit fächer- förmigen Cuneolina jede der Breitseiten von einer der Kammerreihen gebildet wird. In nächster Beziehung zu den typischen Textularien stehen nun jedoch noch Formen, die statt einer zweizeiligen eine dreizeilige Anordnung der Kammern zeigen, es sind dies die zur Gattung Verneuilina d'Orb. gerechneten Formen, welche jedoch leicht in solche übergehen, bei welchen die jüngeren Kammern eine zweizeilige (Gaudryina d'Orb.) und sogar eine einzeilige Anordnung annehmen (Clavulina d'Orb. p. p.). I Polythalamc Peii'orata. (Biilimina, Valvulina etc.) (57 Ihren allgemeinen Formverhältnissen nach reiht sich die Gattung Bnli- mina (VII. 32) mit ihren Untergeschlechtern aufs innigste hier an und wird vorzugsweise durch Eigenthümlichkeiten der Müiaduug von den ähnliche Wachsthumsverhältnisse zeigenden textularia-artigen Formen unterschieden. Es sind hoch schraubenspiralige Formen , bei welchen eine 2 — 3 zeilige Anordnung der Kammern meist nur wenig deutlich ausgeprägt ist (Buli- mina im engeren Sinne) oder aber eine zweizeilige Textularia artige An- ordnung ziemlich deutlich hervortritt (Virgulina d'Orb. und Bolivina d'Orb.). Wie gesagt, liegt das Hauptcharakteristikum in der Gestaltung der Mün- dung. Dieselbe ist wie bei den typischen Textularien auf der nach der Schalen axe schauenden Fläche der Kammern angebracht und entweder rundlich oder meist schlitzförmig in der Richtung der Axe oder etwas schief zu ihr in die Länge gezogen. Dabei ist ihr vorderes Ende meist rundlich erweitert, so dass sie das Aussehen eines Komma's erhält. Die Mündungsränder, welche gewöhnlich etwas lippenförmig aufgeworfen sind, schieben sich mit ihren hinteren Abschnitten etwas übereinander, was gleichfalls für recht charakteristisch gelten darf. Bei den zur Gattung Bulimina (im engeren Sinne) gehörigen Formen macht sich zuweilen eine ziemliche Involubilität der Umgänge geltend, indem die abgeflachten hinteren Ränder der Kammern über die früheren Umgänge mehr oder weniger nach hinten sich hinüberlegen oder in stachelartige Fortsätze auswachsen. Aehnliche allgemeine Formverhältnisse, jedoch in noch grösserer Breite schwankend, bietet auch die Gattung Valvulina dar (VII. 34. 35), die wegen ihrer im Alter stets sandigen Schalenbeschaffenheit früher zu den Lituolida Carpenter's gerechnet wurde. Hoch schraubenspiralige Formen von mehr bulimina-artigem Aussehen reichen sich hier die Hand mit niedergedrückten kreiselförmigen und den wesentlich verbindenden Charakter derselben bildet die Gestaltung der Mündung, die einen bogenförmigen Schlitz darstellt, dessen einer Rand mehr oder minder zungenförmig gegen den anderen vorspringt. Auch solche Formen können in einreihiges Wachsthum übergehen (VII. 36) und sind von d'Orbigny dann seinem Genus ClavuHna zugerechnet worden. Ein weiterer sehr eigenthümlicher Formtypus lässt sich von der Gattung Textularia herleiten , indem die Axe , um welche die Kammern zweizeilig alternirend geordnet sind, ihre gerade Streckung aufgibt und sich selbst spiralig oder flach schraubenspiralig einrollt. In dieser Weise gebildet sind die Genera Cassidulina d'Orb. (VIII. 6) und Ehrenbergina Reuss. (VII. 33), von welchen sich das letztere dadurch auszeichnet, dass bei ihm die spiralige Einrollung nur auf den älteren Schalentheil be- schränkt ist, während der jüngere in gestrecktes Wachsthum übergeht. Auch die zahlreichen übrigen Formen der Abtheilung der Globigerinida sind fast sämmtlich nach dem jetzt schon vielfach erörterten Schema der Schraubenspirale gebaut, jedoch dadurch von den seither besprochenen Formen abweichend, dass unter ihnen die niedere, flache Entwicklung 68 KMzopoda. der Schraubenspirale herrscht, während die seither besprochenen Formen sich fast durchaus durch eine sehr hohe Form derselben auszeichneten. Im Zusammenhang hiermit steht dann ferner die Eigenthümlichkeit, dass die jetzt zu besprechenden Formen gewöhnlich eine grössere Zahl von Kammern in einem Umgang bilden, also die Entwicklung zwei- und drei- zeiliger Formen nicht mehr zu verfolgen ist. Zunächst ist es die Gattung Globigerina selbst, die unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt, und auch ein erhöhtes Interesse verdient, weil sie sich durch eine ziemliche Variabilität ihrer Gestaltung bemerkbar macht. Die typische Form der- selben wird eben durch eine flache schraubenspiralige Anordnung ihrer kugeligen oder nahezu kugeligen und nur wenig innig mit einander ver- bundnen Kammern charakterisirt (VIII. 9). Indem die jüngeren Kammern sich nur massig vergrössern, bleibt auf der basalen Seite der Schale eine ziemlich weite nabelartige Höhlung frei, um die sich die Kammern herum- legen und in diese sogen. Nabelhöhle öffnen sich dann auch die gewöhnlich halbmondförmigen Mündungen der einzelnen Kammern. Diese letztere Eigenthümlichkeit verräth noch besonders die, auch schon aus der ge- sammten Anordnung hervorgegangene, relative Selbständigkeit der einzelnen Kammern. Daneben finden sich jedoch auch Globigerinaformen, bei welchen die jüngeren Kammern so ansehnlich wachsen und anschwellen, dass sie in der Scbraubenaxe zusammenstossen und so eine Nabelhöhle nicht mehr zur Ausbildung kommt. Auf der apicalen Seite sind hier sämmtliche Kammern in ihrer schraubenspiraligen Anordnung zu bemerken, auf der basalen Seite hingegen nur einige (3, 4) der jüngsten (VIII. 9), Gleich- zeitig tritt jedoch bei den hierhergehörigen Formen (deren Typus Glob. inflata d'Orb. bildet) nur an der jüngsten Kammer noch eine freie, an- sehnliche Mündung auf, während die Mündungen der älteren durch die jüngeren überdeckt worden sind. Hierzu gesellt sich dann drittens noch eine Reihe von Formen, welche sich in ihrem allgemeinen Bau ziemlich nahe an die Letztbesprochenen anschliessen, bei denen jedoch die Mündung der jüngsten Kammer klein bleibt. Dagegen entwickeln sich nun aber hier (nach den Beobachtungen von van den Broeck [102J und Brady [117 II.]) auf der apicalen Seite der Schale au einer ganzen Reihe von Kammern accessorische und ziemliche weite Oeffnungen (z. Th. sogar in Zweizahl auf einer Kammer). Interessant ist jedoch, dass auch die schraubenspiralige Anordnung der Kammern in eine symmetrisch spiralige übergehen kann, wie wir dies unter den echten Globigerinen bei einer Form (Glob. aequilateralis Brdy. 117 II) antreffen, fernerhin jedoch auch in dem Globigerina sehr nahe verwandten Genus Hastigerina Wyw. Thoms. sehen (IX. 1), welche Form sich noch durch völlige Involubilität der Umgänge und eine einzige ansehnliche Mündung auf der Endfläche der jüngsten Kammer auszeichnet. In einer eigenthümlichen und noch keineswegs völlig aufgeklärten Beziehung zu der besprochenen Gattung Globigerina steht die schon früher unter den monothalamen Formen erwähnte Orbulina, welche ohne Zweifel Polythalame Perforata. (Globigerina, Gymbalopora.) 69 zunächst mit Globigerina verwandt ist. Es hat sich nämlich durch eine Reihe Untersuchungen von Pourtales*), M. Schnitze und Krohn**), Reuss***), Major Owen t) undAlcockff) herausgestellt, dass die kugelige Schale zahlreicher Orbulinen eine kleine, häufig sogar bestacbelte Globigerina im Innern einschliesse (VII. 30). Es ist dieses Verhalten in verschiedener Weise beurtheilt worden, entweder, wie späterhin bei der Besprechung der Fortpflanzung noch genauer zu erörtern sein wird, als ein Fortpflanzungsakt, so von Pourtales, M. Schnitze und Reuss, indem man sich die Orbulinen als losgelöste Endkammern von Globigerinen dachte, die nun, als Brutkammer fungirend, eine junge Globigerina in sich erzeugten, oder sich die Globigerinen enthaltenden Orbulinen durch be- sondere Wachsthumsvorgänge aus gewöhnlichen Globigerinen hervor- gegangen dachte. Letztere Betrachtungsweise, die zuerst von Major Owen aufgestellt und neuerdings von Brady adoptirt wurde, erklärt sich die Entstehung dieser globigerinenhaltigen Orbulinen in der Weise, dass von einer gewöhnhchen Globigerina eine excessiv grosse, sämmtliche früheren Kammern einschliessende, sphärische Endkammer gebildet werde. So wahrscheinlich auch letztere Bildungsweise der globigerinenhaltigen Orbulinen erscheint, so wird doch daraus noch nicht nothwendig folgen, dass die Gattung Orbulina überhaupt gestrichen oder doch nur als Unter- genus von Globigerina betrachtet werden müsse, wie dies Brady (und vor ihm schon S. Owen) will, da bekanntlich, worauf namentlich Carpenter (74) hingewiesen hat, keineswegs sämmtliche Orbulinen den Globigerina- einschluss aufweisen. Wollte man auch letztere Formen in der von Owen und Brady vermutheten Weise entstanden sein lassen, so müsste man zur Erklärung eine spätere Resorption der eingeschlossenen Globigerinaschale zu Hülfe nehmen. In ziemlich naher morphologischer Beziehung zu Globigerina scheint die Gattung Gymbalopora Hagen, zu stehen (IX. 4). Wir haben hier eine etwa flach kegelförmige Schale, die ihr Wachsthum in deutlich schraubig spiraliger Anordnung der niedrigen Kammern beginnt, wobei, ähnlich gewissen Globigerinaformen, eine axiale Nabelhöhle auf der Basalseite offen bleibt. Bald jedoch geht dieses schraubenspiralige Wachsthum in ein cyklisches über, indem Ringe von Kammern, von all- mählich sich vergrösserndem Durchmesser, an den schraubenspiraligen Anfangstheil sich ansetzend untereinanderlagern. Wie bei den erwähnten Globigerinaformen öffnet sich jede Kammer mit einer auf einem röhren- förmigen Hälschen gelegenen Mündung in die gemeinsame Nabelhöhle, soll jedoch nach Carpenter jederseits noch eine grosse gelippte Oefifnung besitzen, vermittels welcher die benachbarten Kammern in Communikation *) Sillim. Americ. j. 1858. XXVI. •**) Arch. f. Naturgesch. 1860. I. ***) Sitzungsb. der k. böhm. G. d. W. 1861. f) Journ. Linn. soc. Zool, IX. tt) Mem. of the litterar. and pliilos. soc. Manchester 1868. III. YO Rhizopoda. treten (ohne dass jedoch diese Commnnikation eine directe wäre). Es scheint von Interesse, namentlich im Hinblick auf die verwandtschaft- lichen Beziehungen dieser Form zu Globigerina, dass eine ihrer Arten (C. bulloides d'Orb.) sich durch die Bildung einer abnorm grossen orbulina- artigen Endkammer auszeichnet, welche die Nabelhöhle erfüllt und sich wie Orbulina durch den Besitz weiterer Porenöffnungen neben feineren (bei mangelnder grösser Mündungsöffnung) auszeichnet. Eine noch eigenthümlichere Modifikation des globigerina -artigen Baues, wie wir sie soeben bei Cymbalopora kennen gelernt haben, treffen wir bei der aufgewachsenen Gattung Carpenteria an (IX. 2). Hier tritt einmal mit der Festheftung eine gewisse und zum Theil sogar recht unregelmässige Bildungsweise ein, wie solches ja bei festsitzenden Formen von uns schon mehrfach beobachtet wurde, andererseits dagegen zeigt diese Gattung auch Spuren einer höheren Ausbildung, wie wir sie in besserer Entwickelung in der zunächst zu besprechenden Abtheilung der Rotalinen antreffen werden. Im Allgemeinen können wir uns die Bauweise der Carpenteria in der Art kurz versinnlichen , dass wir uns eine in flacher Schraubenspirale aufgerollte Globigerina mit dem Apex der Spirale, also den ältesten und kleinsten Kammern, auf eine Unterlage aufgewachsen denken; gleichzeitig jedoch auch die einzelnen Kammern so innig mit einander verbunden, dass sie äusserlich nur noch sehr wenig von einander geschieden erscheinen und die Gesammtschaie etwa die Gestaltung eines Kegels erhält, der auf der Spitze eine Oeflfnung (a) zeigt. Diese Oeflfnung und die durch sie ausmündende, ziemlich vertikal in die Schale hinabsteigende Höhlung (2 b, a) entspricht der uns von Globigerina und Cymbalopora her bekannten Nabelhöhle und wie bei jenen Formen, so münden auch hier sämmtliche Kammern (k, k', k") in diese Central- höhle. Die Mündungsöfifnung der gemeinsamen Centralhöhle auf der Spitze des Kegels ist häufig noch der Sitz einer besonderen Entwickelung, wie sie nur selten bei den Foraminiferen uns entgegentritt. Sie wächst nämlich bei gewissen Formen röhrenförmig aus , ja verästelt sich dann baumförmig (wie dies namentlich durch Carter*) und dann weiterhin durch Möbius**) bei einer sehr interessanten neuen und durch sehr unregel- mässige Kammeranordnung sich auszeichnenden Form, C. raphidodendron, nachgewiesen wurde), wobei jedes der häufig zahlreichen Aestchen dieser Mündungsröhre eine Oeflfnung zur Ausstrahlung der Pseudopodien auf- weist. Abgesehen von untergeordneten morphologischen Bauverhält- nissen , wie eine mehr oder minder vollständige Unterabtheilung der ursprünglichen Kammern durch secundäre Septen, sehen wir, wie schon oben angedeutet, eine höhere Entwickelungsstufe im Schalenbau dieser Gattung noch darin ausgeprägt, dass die Scheidewände zwischen den *) Ann. m. n. Ii. 4. XX. **) PalaeontograiJliica XXV. Polythalame Perforata. (Rotalinen.) 71 Kammern in ihrer feineren Beschaflfenheit sich von den äusseren Kammer- vvandungen differenzirt haben. Während nämlich die letzteren die grobe Perforation der Globigerinen zeigen, sind die ersteren imperforirt und aus zwei Lamellen zusammengesetzt ('2Q, d — d^). — Indem letztere jedoch nicht überall vollkommen bis zu völliger Berührung aufeinander gelagert sind, bleiben zwischen ihnen hier und da kanalartige Lücken übrig, die, indem sie sämmtliche Septen (auch die unvollständigen, secundären) zusammenhängend durchziehen, ein sogenanntes Kanalsystem formiren (2 b, g, g^), das uns hier zum ersten Mal begegnet, welches wir jedoch bald bei den höher entwickelten Typen in seiner ganzen reichen Ausbildung kennen lernen werden. Noch einmal tritt uns der flach schraubenspiralige Typus des Schalenbaues in einer sehr reichen und z. Th. sehr eigenthUmlichen Entfaltung in der grossen und mannigfaltigen Abtheilung der Rota- linen entgegen. Die ziemlich beträchtliche Zahl von Gattungstypen, welche in dieser Abtheilung, bei verhältnissmässig hohem Grad von Ueber- einstimmung in den allgemeinen Bauverhältni^sen, unterschieden werden (welche also im wesentlichen durch Charaktere von secundärer Bedeutung gekennzeichnet sind), veranlasst uns, bei Gelegenheit dieser morphologi- schen üebersicht, die zahlreichen Formen nur im Allgemeinen und im Hinblick auf ihre mehr gemeinsamen morphologischen Charaktere zu verfolgen. Die einfacheren Formen der Eotalinen bieten uns im Allgemeinen eine ähnliche Gestaltungsweise dar, wie wir sie schon bei den schrauben- spiraligen Globigerinen kennen gelernt haben, wie sich denn auch durch die grob perforirte Beschaffenheit der Schalenwandungen (Dis- corbina und Planorbulina) noch eine nähere Beziehung zu den Globi- gerinen ergibt. Wie gesagt, ist die Höhe der Schraubenaxe stets nur wenig beträchtlich, so dass die steilsten Formen gewöhnlich eine massig hohe kegelförmige Gestaltung nicht überschreiten, meist jedoch die Erhebung der Schalenaxe eine noch geringere bleibt. Die Gesammtgestalt der Schale ist dann eine kreisel- bis flach scheiben- förmige (IX. 3, 6). Natürlich sind, wie dies sich aus der morpho- logischen Bildungsweise dieser flachen scheibenförmigen Schalen ergibt, auch bei ihnen die beiden Flachseiten verschieden gebaut und die Gesammt- schaie daher asymmetrisch. Wir bezeichnen diejenige Seite, auf welcher sich die Spitze (Apex) der Schraubenspirale, also die älteste und kleinste Kammer findet, als die apicale, die entgegengesetzte Seite hingegen, welche durch die ansehnlichsten jüngsten Kammern ausgezeichnet wird, als die basale. Die Verschiedenheit dieser beiden Seiten der Schale wird noch dadurch erhöht, dass auf der apicalen Seite die meist recht zahl- reichen Umgänge sämmtlich zu sehen sind (3 a), da jeder folgende durch einen etwas grösseren Durchmesser über den vorhergehenden randlich ein wenig hervorragt. Auf der basalen Seite bleibt hingegen gewöhn- lich nur der letzte oder doch wenig mehr als dieser Umgang sichtbar, indem 72 Rhizopoda. die Kammern der jüngeren Umgänge sich nach der Schraubenaxe zu so ansehnlich erweitern, dass jeder folgende Umgang den vorhergehenden völlig oder doch nahezu völlig auf der Basalseite bedeckt. Ausserdem ist die meist nicht sehr ansehnliche axiale Nabelhöhle, welche sich z. Th. erhält, meist noch durch secundäre Auflagerung von Schalenmasse aus- gefüllt, so dass in ihr nichts von den älteren Umgängen sichtbar bleibt. Mit der asymmetrischen Entwickelung dieser Rotalinenschalen steht im Zusammenhang, dass dieselben häufig mit einer Seite aufgewachsen sind (Planorbulina, Truncatulina) oder doch die lebenden Thiere sich mit einer ihrer Seiten anheften. Je nach der speciellen morphologischen Gestaltung kann diese zur Befestigung dienende Seite bald die apicale, bald hin- gegen die basale sein , da nämlich die Befestigung gewöhnlich mit der flacheren Seite geschieht und in dieser Hinsicht die beiden Seiten sehr variiren. So sehen wir z. Th. eine ziemlich gleichmässige Wölbung beider Seitenflächen bei der Gattung Rotalia (abgesehen natürlich von der sonstigen Verschiedenheit dieser beiden Seiten , welche diese ziemlich biconvexen Schalen dennoch zu asymmetrischen stempelt), oder aber es erhebt sich die apicale Seite convex bis kegelförmig, während die basale flach convex oder abgeplattet bleibt und zur Befestigung dient, wie dies namentlich auch in den Gattungen Discorbina und Pulvinulina deutlich hervortritt. Der umgekehrte Fall dagegen ist bei den Gattungen Plan- orbulina und Truncatulina anzutreffen ; hier bleibt die apicale Seite flach oder ist sogar etwas concav ausgehöhlt, und dient daher zur Befestigung, die basale hingegen wölbt sich convex feis kegelförmig hervor, so dass hier die gesammte Schalengestaltung gewissermaassen umgekehrt ist. Bei diesen letztgeannten Formen ist denn eigentlich auch von einer schrauben- spiraligen Aufwindung nicht mehr die Rede, sondern man kann sich die Schalengestaltung besser in der Weise entstanden denken, dass die Um- gänge sich in regulär spiraliger Weise aufrollen, jedoch in sehr asym- metrischer Weise nach den beiden Seiten der Spiralaxe sich entwickeln; auf derjenigen Seite der Spiralaxe, auf welcher ihre Entwickelung gering bleibt, sind sie sämmtlich sichtbar (apicale Seite) und diese Seite bleibt flach, auf der entgegengesetzten aber schwellen die Umgänge rasch sehr an, so dass die jüngeren die älteren überdecken und nur der letzte sichtbar bleibt, die ganze Seite aber eine convex hervorgewölbte Beschaffen- heit erhält. Auch bei der oben schon erwähnten Gattung Rotalia tritt häufig in ähnlicher Weise die basale Seite gegenüber der apicalen durch stärkere Wölbung hervor. Die soeben gegebene Auffassung des Schalenbaues der Gattungen Planorbulina und Truncatulina lässt jetzt auch leicht verstehen, dass in nahem Anschluss an dieselben sich auch gewisse Formen finden , welche eine nahezu symmetrisch-spiralige Bildung aufweisen, wie wir ja auch schon bei den Globigerinen solche symnietrisch-spiralige Formen kennen gelernt haben. (Hierher gehören die sehr flach scheibenartigen Planorbulina- Polythalamo Perforata. (Rotalinen.) 73 Alten und die Anomalinen d'Orbigny's, doch zeigt auch die Gattung Discorbina z. Tb. eine Hinneigung zu regulär spiraliger Ausbildung.) Die Zahl der auf einen Umgang kommenden Kammern ist gewöhnlich ziemlich beträchtlicb. Entweder treten diese Kammern äusserlich blasig kugelig hervor (wie dies bei Discorbina gewöhnlich (IX. 6), z. Tb. jedoch auch bei Planorbulina der Fall ist), oder aber sie sind innig zusammen- gepresst, so dass die Oberfläche der Schale mebr oder weniger eben wird und die Grenzen der Kammern nur noch als Nähte hervortreten. Häufig sind diese Nähte noch besonders ausgezeichnet durch Auflagerung von unperforirter secundärer Schalensubstanz, die dann besondere Nahtbänder bildet und gleichzeitig noch in verschiedener, hier nicht näher zu be- sprechender Weise, Verzierungen auf der Oberfläche der Schale hervorruft. Unter einander stehen die Kammern durch Septalöffnungen in Ver- bindung, welche sich an der Basis der Septen, also da, wo die letzteren auf den vorhergebenden Umgang sich aufsetzen, befinden. Im Allgemeinen stellen sich diese Oefifnungen als etwa halbmondförmige Schlitze dar; im speciellen hingegen zeigen sie bei den einzelnen Gattungen ziemliche Verschiedenheiten, sowohl in ihrer Gestaltung als Lagerung. Bei den oben erwähnten spiralig symmetrischen Formen lagern sich die Septal- öffnungen gleichfalls symmetrisch. Bei den übrigen Formen dagegen ist auch ihre Lagerung eine asymmetrische. So sind sie bei Discorbina und Pulvinulina ganz auf die basale Seite gerückt, während sich bei der Gattung Rotalia meist nur eine geringere Asymmetrie der massig grossen Mündungsöifnung durch Verschiebung nach der Basalseite findet. Etwas eigenthümlich ist die Lage der Mündung bei der Gattung Truncatulina; auch hier dehnt sie sich mit ihrem Haupttheil auf der basalen, hervor- gewölbten Seite der Schale lang schlitzartig aus, erstreckt sich jedoch auch auf die abgeflachte Oberseite, wo sie sich längs der Naht, welche die betreifende Kammer mit dem vorhergehenden Umgang bildet, hin- erstreckt. Da dieser letzterwähnte Theil der Mündungsöifnung auf der abgeflachten Oberseite bei der Bildung der folgenden Kammer nicht um- schlossen und verdeckt wird, so zeigt sich demnach hier die Eigenthüm- lichkeit, dass wenigstens noch eine Anzahl der jüngsten Kammern durch besondere Oeff'nungen nach aussen münden; an den älteren Kammern hingegen wird dieser frei bleibende Theil der Mündung durch Auflagerung secundärer Schalensubstanz geschlossen. In der Beschaffenheit der Septen zeigt sich in bei weitem den meisten Fällen noch das einfachste Bildungsverhältniss, indem dieselben nur aus einer einfachen Lamelle durch Einfaltung der Vorderwand jeder Kammer gebildet werden, und meist auch in derselben Weise wie die übrigen Schalenwände perforirt sind. In letzterer Beziehung macht sich jedoch schon hier und da eine höhere Ausbildungsstufe geltend, indem sich die gewöhnliche Perforation der Scheidewände verliert und die letzteren nur von einer geringen Anzahl gröberer Poren durchbohrt werden. 74 Khizopoda. Dagegen schliesst sich die Gattung Rotalia in Betreff der Entwickelung der Scheidewände an die höheren Ausbildungszustände der Nummuliniden an, indem sie, ähnlich wie wir das schon bei Carpenteria fanden, Septen besitzt, die aus zwei Lamellen bestehen, von welchen die hintere durch Einfaltung der Wand der hinteren Kammer, die vordere durch eine ent- sprechende Einfaltung der Wand der vorderen Kammer hervorgegangen ist. In gleicher Weise wie bei Carpenteria, bleibt zwischen diesen beiden Septallamellen, indem sie nicht völlig zusammenschliessen, ein Interseptal- raiim übrig, der auf Längsschnitten des Septums ein kanalartiges Ansehen darbietet, sich jedoch spaltartig fast durch das ganze Septum erstreckt (IX. 3b). Längs der Kammernähte, auf der äusseren Oberfläche der Schale, münden jederseits eine Reihe von Kanälchen durch Poren aus, welche von dem entsprechenden Interseptalraum ihren Ursprung nehmen. Indem sich nun die Interseptalräume der jüngeren Umläufe durch diese Poren und die zu ihnen führenden Kanälchen mit den Interseptahäuraen der früheren Umgänge in Verbindung setzen, steht das gesammte sogen. Kanalsystem der Schale in organischem Zusammenhang und gibt uns schon eine ungefähre Vorstelkmg von der Entwickelung der entsprechenden Einrichtung bei den höheren Nummuliniden. Zum Beschluss unserer Betrachtung der Morphologie der Rotalinen- schalen müssen wir noch auf gewisse Unregelmässigkeiten und Ab- weichungen im Wachsthum hinweisen , die wir ja schon mehrfach und namentlich bei festgewachsenen Rhizopoden eine nicht unbedeutende Rolle spielen sahen. — So geht zunächst die typische Gattung Planorbulina in ihrem entwickelteren Zustand gewöhnlich in das cyklische Wachsthum über (IX. 8) , indem in der von uns schon mehrfach , zuletzt wieder bei der Gattung Cymbalopora, angetroffenen Weise von dem letzten spiraligen Umgang randlich allseitig Kammern hervorsprossen, die einen ersten Cyklus bilden, auf dem nun in ähnlicher Weise eine grössere oder klei- nere Zahl weiterer Cyklen folgt. Jede Kammer dieser Cyklen besitzt statt der früheren einfachen Oeffnung deren zwei, welche seitlich und nach Aussen schauend angebracht sind und sich gewöhnlich mit den zwei alternirend gestellten benachbarten Kammern des folgenden Cyklus in Verbindung setzen. Diese meist etwas lippenförmig aufgeworfenen Mün- dungen können sich zuweilen auch hals- bis röhrenförmig ausziehen und die durch sie in Verbindung gesetzten Cyklen von Kammern , sowie die einzelnen Kammern selbst, auseinanderrücken, so dass in dieser Art ein flach ausgebreitetes reticuläres Werk von Kammern und Verbindungs- röhrchen entsteht. Jedoch sehen wir auch die Gattung Planorbulina (und ähnlich verhalten sich zuweilen auch die jüngsten Kammern anderer Gattungen) in ein ganz unregelmässig zusammengehäuftes Wachsthum tibergehen, das, nachdem M. Schnitze eine hierhergehörige Form unter der Bezeichnung Acervulina beschrieben hat (VIII. 17), gewohnlich als acer- vuline Bildungsweise oder acervulines Wachsthum unterschieden wird. Eine sehr merkwürdige Modifikation bietet noch die Gattung Pulvinulina Perforate Polythalamia. (Calcariua.) 75 dar (IX. 5), indem sie durch starke Abfiachung in eine scheibenförmig entwickelte Form llbergeht, deren Kammern sich allmählich sehr ver- längern, so dass schliesslich nur wenige, bis zwei, auf den Umgang kom- men, was auch hier schliesslich in cirkuläre Anordnung überführt. Ja es treten in diesem Fall sogar Ringe auf, welche nur aus einer einzigen in sich zurückkehrenden Kammer bestehen (Pulvin. vermiculata d'Orb. sp.). Eine besonders eigenthümliche Entwickelung erreicht der Rotalinen- typus in der Gattung Calcarina und zwar nicht durch beson- dere morphologische Anordnuugs- und Wachsthumsverhältnisse der Kammern, sondern durch die ungemein reichliche Entwickelung secundär aufgelagerter Schalenmasse, wie wir sie ja auch schon bei den seither besprochenen Rotalinen fanden. Dieser besonderen Bilduugsverhältnisse wegen verdient die genannte Gattung hier noch eine kurze Besprechung. Bezüglich der allgemeinen Anordnungsverhältnisse der Kammern verhalten sich die hierhergehörigen Formen (IX. 7) wie die meisten übrigen Rota- linen, es bilden die Kammern eine flache Schraubenspirale, die jedoch hier, da die Umgänge nur ziemlich allmählich an Breite zunehmen und mit ihren axialen Rändern weit von der Schraubenaxe entfernt bleiben, eine weite Nabelhöhle aufweisen würde, wenn nicht schori seit dem ersten Beginn der Schalenbildung eine dicke Lage von secundärer Schalenmasse (sogen, supplementäres Skelet Carpenter's d, d') auf die primären Kammer- wände allseitig aufgelagert würde. Durch diese Auflagerung wird die weite Nabelhöhle völlig ausgefüllt. Es bildet demnach diese secundäre Schalenmasse hier eine dicke Auflagerungsschicht über die ganze Schale und lässt äusserlich keine Unterscheidung der Kammern mit Ausnahme der jüngsten zu. Es ruhen daher auch hier die primären Wandungen der jüngeren Umgänge nicht auf den entsprechenden der älteren direct auf, sondern auf der secundären Schalenmasse, welche diese älteren Um- gänge überdeckt (7, d', d'). Diese secundäre Schalenmasse entwickelt jedoch hier noch einen besonderen, in geringerem Grad auch bei gewissen Rotalinen ausgeprägten Charakter, indem sie, schon von dem ersten Um- gang aus, und so fort von den übrigen, am peripherischen Rand in ziem- lich ansehnliche Stacheln auswächst (7, f, f). Zahl, Länge und Gestaltung dieser Stacheln, welche die äussere Erscheinung der Schale hier vorzugs- weise bestimmen, variiren sehr; bald sind sie einfach, bald an ihren Enden verzweigt, meist jedoch stumpf abgerundet. Während die dünnen primären Schalenwandungen grob perforirt erscheinen, wird dagegen die gesammte secundäre Schalensubstanz von zahlreichen, im Allgemeinen radiär nach der Oberfläche der Schale strah- lenden, unter einander jedoch vielfach auastomosirenden Kanälen durch- zogen, die auf der Schalenoberfläche ausmünden. Indem jedoch gewisse gleichfalls radial ziehende Partien von solchen Kanälen frei bleiben, bilden sie zapfenähnliche solide, in der kanaHsirten Masse steckende Partien (7, e', e'), die auf der Oberfläche tuberkelartig vorspringen (7, e). Carpenter bezeichnet das die secundäre Schalensubstanz durchziehende Kanalwerk 76 Rhizopoda. auch hier als Kanalsystem und stellt es in eine Kategorie mit dem oben beschriebenen Kanalsystem der Carpenteria, Rotalia und dem noch weiter- hin zu besprechenden der Nummuliniden. Ich kann hingegen eine Bildung, äholich dem Kanalsystem der erwähnten übrigen Formen, hier nicht er- kennen, da ihm der wichtige Charakter desselben, nämlich aus Inter- septalräumen wenigstens zum Theil hervorgegangen zu sein, abgeht. Die Septen der Calcarina sind einfach und enthalten keine Kanalräume. Auch in der Bildung der Septalöffnung zeigt sich bei Calcarina eine Abweichung von den eigentlichen Rotalinen; statt einer einfachen findet sich hier am basalen Rand des Septums eine Reihe porenartiger Oefif- nungen; im Uebrigen sind die Scheidewände hier imperforirt.*) Die höchste Ausbildungsstufe erreicht der Schalenbau der Rhizopoden, wie schon mehrfach angedeutet wurde, in der Abtheilung derNummuli- niden; wo, wie dies ja ein überhaupt in der Thierwelt mehr oder minder gültiges Gesetz zu sein scheint, mit der höheren Stufe der Entwickelung im Allgemeinen auch eine ansehnliche Grösse verbunden ist. Innerhalb dieser Abtheilung begegnen wir aber dennoch einfacheren, ja verhältniss- mässig sehr einfach gebauten Formen neben den complicirten, und sind im Stande, eine mehr oder minder zusammenhängende Reihe von allmählich fortschreitenden Ausbildungszuständen nachzuweisen, von den einfachsten ausgehend, bis zu den höchst entwickelten fortschreitend. Was die gemeinsamen morphologischen Charaktere der hier zusammen- gefassten Formen betrifft, so können wir die fast durchweg regulär spi- ralige Aufrollung hervorheben, welche in seltenen Fällen etwas zur asym- metrisch schraubenförmigen hinneigt und bei den höchstentwickelten Formen in ähnlicher Weise den Uebergang ins cyklische Wachsthum darbietet, wie wir dies auch schon in der Reihe der Imperforaten gesehen haben. Fast durchaus ist fernerhin diese regulärspiralige Schale durch einen hohen Grad von Involubilität ausgezeichnet, obgleich in dieser Hin- sicht auch Modifikationen sich finden. Die höher entwickelten Formen zeichnen sich durch die sehr vollständige Ausbildung eines, von uns schon in geringeren Entwickelungsstufen besprochenen, sogen. Kanalsystems aus und als weiteren Charakter, der uns zwar hier nicht näher berührt, dürfen wir noch die fast durchaus sehr feine Perforirung der Schalen- wände hervorheben. Als einfachste hierhergehörige Form können wir, indem wir absehen von gewissen schon kurz besprochenen monothalamen, durch engere Ver- wandtschaftsbande sich hier wahrscheinlich anschliessenden Typen (wie Involulina und Archaeodiscus), die Gattung Pullenia P. u. J. betrachten *) unter den sandschaligen und angeblich imperforaten Formen des, wie schon mehrfach bemerkt, eine grosse Zahl sehr verschiedenartiger Gestalten umschliessenden Genus Trocham- mina P. u. J. finden sich auch eine Anzahl Arten, die sich in ihrer allgemeinen Bauweise sehr nahe an die Kotalinen anschliessen. Es erscheint daher wohl nicht unmöglich, dass sich durch genauere Untersuchungen für diese Formen ein näherer Anschluss an die eben betrach- tete Gruppe der Globigeriniden herausstellen dürfte. I Perforate Polythalamia. (Pullenia, Sphaeroidiua etc.) 77 (IX. 14), Dieselbe wird zwar gewöhnlieh in die Nähe der Globigerinen gestellt, mit deren symmetrisch spiraligen Formen sie wohl auch durch verwandtschaftliche Beziehungen verknüpft sein dürfte, doch scheinen ihre Beziehungen zu den Nummuliniden, hauptsächlich bei Berücksichtigung erst in neuerer Zeit aufgefundener Zwischenstufen, recht innige. Diese nur durch wenige Modifikationen vertretene kleine Form bietet uns das Bild einer symmetrisch spiraligen Schale mit nahezu oder völlig involuten Umgängen, die sich aus einer geringen Anzahl (4 — 5) verhältnissmässig sehr rasch an Grösse zunehmender Kammern zusammen- setzen. Die verhältnissmässig geringe Höhe der Kammern in Verbindung mit ihrer ansehnlichen Breite macht die Gesammtgestalt der Schale zu einer nahezu kugeligen. Die Septalöffnung ist ein sehr breiter und niedriger Schlitz an der Basis der Septen. Letztere sind, so weit die vorliegenden Untersuchungen hierüber Aufschluss verleihen, einfach und von derselben feineren Structur wie die übrigen Theile der Karamer- wandung. Als nahe verwandt mit der soeben kurz beschriebenen Form wird gewöhnlich die Gattung Sphaeroidina (IX. 15) betrachtet, der wir daher hier noch einige wenige Worte widmen wollen. In vieler Hinsicht an Pullenia sich anschliessend, weicht sie von dieser durch die etwas asymmetrische schraubenspiralige Aufrollung ab, ist gleichfalls ganz involut, so dass äusserlich meist nur die 3 letzten Kammern sichtbar sind. Am abweichendsten verhält sich die Mündung, welche sich durch Kleinheit und asymmetrische Lage sehr von der von Pullenia unterscheidet. Möglicherweise dürfte sich eine neuerdings von Wallich*) beschriebene, jedoch noch nicht ausreichend bekannte Gattung (Rupertia) ebenfalls näher an Pullenia anschliessen. Es ist dies eine Form, welche namentlich durch einen nur selten bei den kalkschaligen Rhizopoden beobachteten Charakter sich auszeichnet. Sie erhebt sich nämlich auf einem, jedenfalls durch Aus- scheidung secundärer, nichtperforirter Schalenmasse gebildeten Stiele. Auf diesem ziemlich dicken Stiel ist eine an Pullenia, hauptsächlich durch die ähnlich gestaltete Mündung, erinnernde Schale aufgewachsen, welche jedoch eine viel unregelmässigere Bildung besitzt und daher auch in mancher Beziehung an gewisse Rotalinen, so namentlich die Gattung Planorbulina, erinnert. Wir erlauben uns an dieser Stelle einzuschalten, dass schon früher gelegentlich durch Macdonald (59) eine ähnliche, wenngleich nicht ganz sichere, Stielbildung bei einer zu den Rotalinen gehörigen und von Parker und Jones als Calcarina Spengleri gedeuteten Form beschrieben wurde, auch bei einer Nummulites ähnlichen, jedoch nicht näher zu bestimmenden Form will er eine solche Stielbildung beobachtet haben (wogegen die übrigen von ihm als Stielbildungen beschriebenen Verlängerungen nichts *) A. m. n. h. 4, XX. 78 Ehizopoda. weiter wie die bekanntlich bei gewissen Formen röhrenförmig- ausgezogenen Schalenmündungen sind). In nahem Anschluss an die jetzt noch lebende Gattung Pullenia scheinen mir eine Anzahl fossiler, erst in neuerer Zeit, vorzüglich durch Brady (105) und v. Möller (116), näher bekannt gewordener Gat- tungen zu stehen, welche jedoch wenigstens zum Theil schon auf einer höheren Ausbildungsstufe stehen. In ihrer allgemeinen Gestaltung nähern sich diese, hauptsächlich durch Endothyra Phill, (IX. 16) und Bradyina V. Moll. (IX. 17) vertretenen Formen der Gattung Pullenia recht sehr, unterscheiden sich jedoch durch eine, wenngleich sehr geringe, schraubig spiralige Aufrollung der Umgänge, welche zwar bei der völligen Involu- bilität der Umgänge nur wenig hervortritt, aber doch eine etwas asym- metrische Gestaltung der Schale bedingt. Die Zahl der Kammern in den Umgängen ist auch hier im Ganzen gering und ihr Wachsthum in die Breite rasch, wodurch eben, im Zusammenhang mit den schon hervor- gehobenen Charakteren, die allgemeine Aehnlichkeit mit Pullenia wesentlich bedingt wird. Bei Endothyra sehen wir denn auch dieselbe weite Mündung wie bei Pullenia die einfachen und in ihrer feinporösen Beschaffenheit sich nicht von den übrigen Kammerwandungen unterscheidenden Septen durch- setzen. Sehr eigenthümlich gestalten sich hingegen die Mündungsverhältnisse bei der Gattung Bradyina und der nahe verwandten Cribrospira; hier soll nach den Möller'schen Untersuchungen jedes Septum anfänglich völlig geschlossen gebildet werden, so dass also das jüngste Septum oder die Endfläche der jüngsten Kammer keine Mündung aufweist. Nach Bildung einer weiteren Kammer wird der dünne Basaltheil des Septums zerstört und damit eine ähnliche weite Communikationsöffnung zwischen den Kammern hergestellt wie bei Endothyra und Pullenia. Während bei der genannten Cribrospira die Septen noch einfach gebaut, jedoch von grösseren Poren wie die übrigen Schalenwandungen durchbrochen werden, stehen dagegen die Septen von Bradyina auf einer höheren Ausbildungsstufe, indem sie von zwei Lamellen zusammengesetzt werden, zwischen welchen eine Anzahl radiär verlaufender Interseptal- kanäle frei bleiben, die auf der Oberfläche der Schale längs der Kammer- nähte in ziemlich ansehnlichen Poren ausmünden. Andererseits münden jedoch diese Interseptalkanäle auch frei in die Kammerhöhlungen aus und zwar sowohl auf der centralen freien Schneide der Septen wie auch auf deren vorderer und hinterer Fläche. Im Princip gestaltet sich daher das Kanalsystem hier recht ähnlich dem schon früher bei Rotalia kennen gelernten und schliesst sich an die noch weiter bei den Nummuliniden auftretenden höheren Ausbildungsstufen desselben an. Sehr nahe Beziehungen zu den seither besprochenen Formen scheint mir die Gattung Aniphistegina d'Orb. (X. 1 — 3) aufzuweisen, wenngleich dieselbe auch von neueren Forschern gelegentlich zu den Rotalinen gezogen wurde. An die letztbesprochenen Genera schliesst sich Aniphistegina Perforate Polythalamia. (Amphistegina, Nonionina etc.) 79 speciell dadurch näher an, dass ihre ganz involute iSchale eine ziemlich bedeutende Asymmetrie der beiden Seiteuflächen aufweist (X. 3). Es lässt sich diese Asymmetrie entweder auf eine schwach schraubenspiralige Anordnung; oder, wie es hier auf dem Durchschnitt der Schale eigentlich mehr den Anschein hat, nur auf eine stärkere, asymmetrische Ausbildung der einen Seite zurückführen. Diese durch stärkeres, etwa stumpf- kegeliges Hervorspringen ausgezeichnete Seite (X. 3, b^) wird, da die Septalöflfnungen ähnlich wie bei den asymmetrischen Rotalinen sämmtlich auf diese Schalenseite verschoben sind (3, f), als die Unterseite bezeichnet. Im Gegensatz zu den seither besprochenen Formen sehen wir hier die Umgangshöhe nur sehr allmählich anwachsen und da gleichzeitig die Umgänge auch in der Richtung der Windungsaxe nur massig zunehmen, besitzt die Gesammtgestalt hier nicht das kugelige Aussehen der letzt- besprochenen Formen, sondern nähert sich mehr einer biconvexen Gestal- tung (X. Ic). Die Zahl der auf einen Umgang kommenden Kammern ist sehr ansehnlich, die die Kammern scheidenden Septen sind sehr schief zur Spiralaxe gestellt und zeigen noch eine besondere, auf der Unterseite hervortretende Eigenthümlichkeit, welche für unsere Gattung vorzugsweise bemerkenswerth ist. Auf der Oberseite der Schale reprä- sentiren sich die zahlreichen Kammernähte als stark nach vorn geknickte Linien (X. la); auf der Unterseite dagegen sehen wir anscheinend zwxi concentrisch umeinander gelagerte Kämmerchenspiralen (X. Ib). Und in der That ist etwas derartiges hier auch wirklich zur Ausbildung gelangt. Es hat sich nämlich auf der Unterseite die flügelartig nach der Axe hin um die frühereu Umgänge herumlegende Verlängerung der Kammern durch eine secundäre Scheidewand von dem peripherischen Kammertheil abgesondert und diese beiden Theile jeder Kammerhälfte der Unterseite stehen nur noch durch eine meist enge Communikationsöffnung in Ver- bindung, was sich namentlich gut an Steinkernen fossiler Schalen nach- weisen lässt (X. 2, a). Die Septen selbst sind von einfacher Bildung und ausser der basal und auf der Unterseite der Schale gelegenen ziemlich ansehnlichen Septalöfifnung weisen sie gewöhnlich nur noch eine Anzahl grober Poren auf. Wie wir ähnliches auch noch bei den weiterhin zu besprechenden Formen finden werden, sehen wir auch hier die um die Windungsaxe gelagerte Schalenpartie (X. 3, b, b^) aus dichter, nicht perforirter Schalensubstanz aufgebaut und ein Streif ähnlicher nicht per- forirter Substanz bildet ferner ein durch den Verlauf der Rückenspirale bezeichnetes Band in den Umgangswandungen, das man seiner Lage nach den Dorsal st rang nennt (3, c^, c^). Ein Kanalsystem ist bei der eben kurz geschilderten Form nicht angedeutet. Eine hohe, ja die höchste Entwickelungsstufe erreicht hingegen das Kanalsystem bei den beiden in sehr naher Beziehung zu einander stehen- den Gattungen Nonionina und Polystomella, zwischen welchen, da sie durch zahlreiche Uebergangsformen mit einander verknüpft scheinen, eine scharfe Grenzlinie nicht zu ziehen ist. 80 Ehizopoda. Die bei weitem einfacheren Formen umscbliesst die Gattung Non io- nin a, die in ihren allgemeinen Gestaltsverhältnissen sich z, Th. noch sehr nahe an Pullenia und Endothyra anreiht. Im Gegensatz zu letzterer Gattung jedoch haben wir hier fast durchaus regulär-symmetrisch gestal- tete Formen von gewöhnlich sehr bedeutender, bis völliger Involubilität. Die Zahl der auf einen Umgang kommenden Kammern ist meist ziem- lich beträchtlich und die Zunahme der Umgangshöhe nicht sehr be- deutend. Zuweilen jedoch wächst der letzte Umgang recht beträchtlich in die Höhe und es nähert sich damit die ganze Gestaltung der nahe verwandten Gattung Operculina. Die weniger involuten Formen können jederseits eine recht deutliche Nabelhöhle aufweisen, meist jedoch wird dieselbe durch secundäre Schalenmasse völlig ausgefüllt und die Ablagerung derselben erstreckt sich zuweilen strahlenartig von dem Nabel aus auf die Kammernähte, so dass hierdurch eine sternartige Figur auf den Seiten der Schale gebildet wird. Die ziemlich senkrecht zur Spiralaxe verlaufenden Septen werden von einer basalen schlitzartigen Mündung durchbohrt. Sie sind nicht perforirt wie die Kammerwandungen, aus zwei Lamellen zusammengesetzt, zwischen welchen sich ein Kanalsystem entwickelt. Wie sich die Ent- faltung dieses Kanalsystems speciell bei den Nonioninen gestaltet, scheint noch wenig sicher bekannt zu sein. Nach den Angaben von Parker und Jones ist es häufig sehr wenig ausgebildet oder soll sogar gänzlich fehlen. Wir schildern hier die Ausbildung des Kanalsystems bei den Nonionina so nahestehenden Polystomellen (nach den Untersuchungen Carpenter's), welchen sich in dieser Hinsicht auch die Nonioninen, wenigstens in ihren höher entwickelten Formen, anschliessen werden. Jederseits bemerkt man hier in jedem Septum einen Interseptalkanal, der dicht unterhalb der äusseren Schalenoberfläche verläuft und an der Rückenseite des Septums in den der andern Seite übergeht (X. 6 c, d). Von jedem dieser Kanäle entspringen vorn und hinten, nach der Schalenoberfläche zu, zahlreiche secundäre Kanälchen (6 c, f), die wie bei Rotalia auf der Oberfläche der Kammern längs der Kammernähte in je einer vordem und hintern Reihe von Poren ausmünden. Die Interseptalkanäle jeder Seite nehmen ihren Ursprung von einem jederseits der Schale verlaufenden Spiralkanal (X. 6c, e; 6 b, e u. e^), der in der Gegend der Embryonalkammer aus einer Art lakunären Lücken werks, wie es häufig scheint, beginnend, die nach der Winduugsaxe schauenden Ränder der Umgänge begleitet. Die Bildung dieser Spiralkanäle kann man sich in der Weise vor sich gehend denken, dass, bei der Auflagerung jedes neuen Umgangs auf den vorhergehenden, ein solcher spiraliger Kanal zwischen der Oberfläche des vorhergehenden Umgangs und der sich auflagernden Wandung des folgenden frei gelassen wird. Von diesen Spiralkanälen entspringen dann noch bei denjenigen Formen, bei welchen der Nabel von einer secundären Auflagerungsmasse ausgefüllt wird, zahlreiche letztere durchsetzende Kanälchen, welche in Polythalamc Perforata. (Polystomclla, Oiierculina.) 81 ziemlich gestreckter Richtung nach der Schalenoberfläche aufsteigen und hier ausmünden (X. 6 b). Wie gesagt, besitzt dieses Kanalsystem seine höchste, eben geschil- derte Ausbildung bei der Gattung Polystomclla; jedoch sind es noch einige nicht uninteressante morphologische Eigenthümlichkeiten , welche letztere weiterhin charakterisiren. Schon bei eigentlichen Nonioninen zeigt sich nicht selten eine Hinneigung zum Zerfall der schlitzartigen Septal- öfifnung in eine grössere Anzahl secundärer, porenartiger Oeffnungen. Letzteres Verhalten ist dann für die eigentlichen Polystomellen typisch geworden; es findet sich also hier statt einer einfachen Septalöfifnung eine Reihe längs des ganzen Basalrandes des Septums hinziehender Poren (6 b u. 6 c, s). Ausserdem bilden sich jedoch hier weiterhin am periphe- rischen Rand der Septen eigenthümliche, dicht unter der Schalenoberfläche sich entwickelnde und entweder in die hintergelegene Kammer hinein- ragende, sackartige Ausstülpungen, oder röhrenförmig in die äussere Kammerwandung sich erstreckende Fortsetzungen. Auch auf die Con- figuration der Schalenoberfläche sind diese Bildungen von Einfluss, indem entweder bei der letzterwähnten Ausbildungsform derselben längs dem hinteren Rand jeder Kammer grubenförmige, je zwischen zwei der Septal- röhrchen gelegene Einsenkungen sich finden (XL 2 g), oder aber bei der erstgenannten Ausbildungsform eine Längsfurchenbildung, welche haupt- sächlich auf dem jüngsten Umgang hervortritt (X. 6 a), von jener eigen- thümlichen Beschaffenheit der Septen äusserlich Zeugniss gibt. Wie wir schon öfter den innigen Zusammenhang von kalk- und sandschaligen Formen zu constatiren hatten, so sehen wir denn auch sandschalige Rhizopoden auftreten, die sich in ihrer Gestaltung so nahe an Nonionina anschliessen, dass ich ihre Hierhergehörigkeit nicht bezweifeln kann. Eine solche Form ist z. B. von Brady (117 I.) als Angehörige der Gattung Trochammina (Tr. trulissata Brdy.) geschildert worden, eine andere, wohl gleichfalls sich hier anschliessende, sandschalige Form ist noch deshalb von besonderem Interesse, weil Carter*) bei ihr die Per- foration der Wände sehr wahrscheinlich gemacht hat. Es ist dies die von Brady (117 1.) zum besonderen Geschlecht erhobene Cyclammina, bei welcher sich nach letzterem Beobachter der von Sandrhizopoden schon vielfach hervorgehobene Charakter auch wieder zeigen soll, nämlich die z. Th. völlige Erfüllung der Kammerhöhlungen durch Auswüchse der Wände. In sehr inniger Beziehung zu einander stehen die beiden Gattungen Operculina (X. 4) und Nummulites (XII. 1 — 10), so dass es eigentlich nur gewisse Wachsthumsverhältnisse sind, welche dieselben unterscheiden. Andererseits schliessen sie sich auch recht innig an die letztbesprochenen Formen, Nonionina und Polystomclla, an. Wir haben hier gleichfalls wieder (mit seltenen kleinen Abweichungen) die regulär spiralische Aufrollung, welche zwischen völliger und geringer *) A. m. n. h. 4. XIX. Bronn, Klassen des Thier-Eeichs. Protozoa. 6 82 Ehizopoda. Involubilität schwanken kann. Da jedoch bei den wenig involuten Formen (wie z. B. Operculina und den in der Untergattung Assilina zusammen- gefassten Formen von Nummulites), wenn auch die Kammerhöhlungen der jüngeren Umgänge nicht bis zu völliger Umfassung der früheren Umgänge sich ausdehnen, doch die Schalenwandung der jüngeren Umgänge sich verstärkend auf die vorhergehenden überlegt, so darf hier dennoch, wie dies auch bei einem Theil der Polystomellen der Fall ist, von völliger Involubilität gesprochen werden. Die auf allgemeinen Wachsthumsverhältnissen beruhenden Unterschiede beider Gattungen sind hauptsächlich: das verhältnissmässig sehr rasche Anwachsen der Umgangshöhe bei Operculina (X. 4 a u. b), was sich namentlich in der raschen Höhenzunahme des letzten Umgangs ausspricht und mit der geringen Ausdehnung in der Richtung der Windungsaxe eine meist sehr abgeflachte, scheibenförmige Gestalt der Schale bedingt. Bei Nummulites hingegen wachsen die meist sehr zahlreichen Umgänge nur sehr allmählich, häufig nahezu unmerklich in die Höhe (XII. 1, 2, 6) und eine operculina-artige Erhöhung des letzten Umgangs tritt nie auf, sondern die ausgewachsene Schale scheint sich im Gegentheil ziemlich allgemein, wie dies schon früher angedeutet wurde, durch Uebergang der spiraligen Aufrollung in eine kreisförmige zu schliessen. Bei beiden Gattungen sehen wir zahlreiche ziemlich genau radiale und nach vorn etwas convex hervorgewölbte Septen die einzelnen Kammern scheiden, zwischen welchen an der Basis der Septen gelegene, spaltartige Oefifnungen die Communikation herstellen (X. 4b, e uud XI. 8, c). Gemeinsam für beide ist fernerhin die Ausbildung eines aus nicht per- forirter Schalensubstanz bestehenden sogen. Dorsalstrangs (X. 4 b, a — a^ u. XII. 6 u. 8, a — a^), wie wir ihn ähnlich auch schon bei der Gattung Amphistegina angetroffen haben. Hier zeichnet sich derselbe durch seine bei Operculina sehr deutliche Zusammensetzung aus parallel der Spiral- axe gelagerten Kalkspicula aus*), fernerhin jedoch noch durch die ihn der Längsrichtung nach durchziehenden zahlreichen Kanäle, welche unter sich vielfach anastomosiren und einen Abschnitt des hochausgebil- deten Kanalsystems darstellen, den wir bei Polystomella sammt dem Dorsalstrang vermissten. Bei Nummulites treten unter den Längskanälen des Dorsalstrangs hauptsächlich zwei Paar ansehnlich hervor (XII. 8, a). Das übrige Kanalsystem wird auch hier durch dasselbe Paar ansehnlicher Spiralkanäle gebildet (X. 4 b, 4 c, h, XII. 8), welche wir auch schon bei Polystomella angetroffen haben, jedoch ist ihre Lage hier eine etwas andere, indem sie einander näher gerückt sind, zu beiden Seiten des Dorsalstrangs und demselben aufgelagert hinziehen, also die Septen jeder- seits dicht neben den seitlichen Enden der spaltartigen Septalöffnung durchsetzen. Zwischen die beiden Lamellen jedes Septums schickt der *) Gegenüber Carpenter muss ich, nach eigner Untersuchung, die von Carter an- gegebene Zusammensetzung des Dorsalstrangs aus Kalkspicula bestätigen. Polythalame Perforata. (Nummulitcs.) ^3 Spiralkanal jeder Seite einen nach dem Dorsalstrang aufsteigenden Inter- septalkanal (X. 4b, 4c, g; u. XII. 8f, 10b), der sich während seines Ver- laufs meist vielfach verzweigt und indem die Zweige jeder Seite unter sich, häufig jedoch auch mit denen der gegenüberliegenden Seite anasto- raosenartige Verbindungen eingehen, entsteht ein netzartiges Kanalwerk von mehr oder minder regulärer Ausbildung. Von dem in der Dorsal- partie des Septums gelegenen Theil dieses Gefässwerkes nehmen denn auch die den Dorsalstrang durchziehenden Gefässe ihren Ursprung (X. 4 c, a^). Bei Nummulites wenigstens ist ferner der Zusammenhang der Kanäle des Dorsalstrangs mit den beiden ihm aufliegenden Spiralkanälen des folgenden Umgangs sichergestellt, so dass also in dieser Weise das Kanalsystem der aufeinanderfolgenden Umgänge und schliesslich das der ganzen Schale in Zusammenhang steht. Wie bei Polystomella sehen wir fernerhin auch bei Operculina von den Interseptalkanälen jedes Septums zahlreiche Aestchen nach der äusseren Schalenoberfläche dringen und hier jederseits der durch imperforirte Schalenmasse ausgezeichneten Kammer- nabt in je einer Porenreihe ausmünden (X. 4 b, b). Etwas anders hin- gegen gestalten sich diese Verhältnisse bei Nummulites, indem hier jene nach aussen führenden Aestchen nicht gleichmässig längs jeder Kammer- naht sich erstrecken (wie denn hier auch die Kammernähte nicht wie bei Operculina durch einen fortlaufenden Streif imperforirter Substanz aus- gezeichnet sind), sondern es dringen sowohl von den Interseptalkanälen, als auch direct von den Spiralkanälen, Bündel feiner nach aussen führender Zweigkanälchen in zapfenartige nach der Schalenoberfläche sich erweiternde und über den Septen die feintubulirten Schalenwände durchsetzende Par- tien imperforirter Substanz ein (XII. 8e), um auf der tuberkelartig vor- springenden Aussenfiäche dieser Zapfen oder Pfeiler auszumünden (XII. 6, e, 9 e). Wenn nun , wie dies bei den involuten Nummuliten gewöhn- lich der Fall ist, derartige Zapfen nicht perforirter, jedoch von Zweigen des Kanalsystems durchzogener Schalensubstanz der übereinandergelagerten Umgänge aufeinandertreff'en, so setzen sie sich direct ineinander fort (XII. 2, 9e). Wir begegnen dann auf den Durchschnitten solcher Schalen sehr häufig derartigen Pfeilern, welche durch mehrere, ja durch sämmtliche Umgänge hindurch sich fortsetzen. Die Septen werden ausser von der SeptalöffnuDg noch von einer Anzahl gröberer Poren durchbrochen, welche auch z. Th. eine Communikation der Interseptalkanäle mit den Kammer- räumen herstellen. Im übrigen sind wenigstens bei Operculina die Septen imperforirt, wogegen für Nummulites (z. Th.) von v. Möller (116), wie früher auch schon von d'Archiac und Haime, eine perforirte Beschaffenheit der Septen angegeben wird. Besondere Eigenthümlichkeiten zeigen sich noch im gegenseitigen Verhalten und der Anordnung der Septen bei Nummulites, wo eine be- deutende Mannigfaltigkeit in dieser Hinsicht angetroffen wird. Wie schon oben bemerkt wurde, ist ein Theil der Nummuliten sehr wenig involut, wenigstens in dem Sinne, dass die eigentlichen Kammerhöhlungen der 6* 84 Ehizopoda. aufeinanderfolgenden Unigänge sich ähnlich wie bei Operculiua nur wenig umfassen (XII. 4 a, 5). Bei den involuten Formen dagegen, bei welchen die Kammerhöhluugen die vorhergehenden Umgänge seitlich, flügelartig ausgezogen, bis zur Windungsaxe überdecken (XII. 2, 6), findet sich ent- weder ein einfach strahlenartig radiärer Verlauf der Septen bis zur Windungsaxe hin (XII. 3), oder diese nach der Windungsaxe jederseits sich erstreckenden Seitentheile der Septen zeigen einen mehr oder weniger unregelmässig hin- und hergewundenen Verlauf. Bei weiterer Entwicke- lung dieses Verhaltens trefiFen die Ausbuchtungen dieser seitlichen Flügel- theile der aufeinanderfolgenden Septen verschmelzend aufeinander (XII. 7 b^). Durch diese eigenthümlichen Wachsthumserscheinungen werden die ur- sprünglich einfachen Seitenflügel der Kammern in zahlreiche secuudäre Kämmerchen zerlegt (XII. 6). Ein in der Windungsaxe geführter Durch- schnitt eines solchen Nummuliten bietet daher in der Medianlinie eine Reihe grösserer Kammern (XII. 9, b), d. h. die centralen Kammertheile dar, welche seitlich von einer ganzen Anzahl Schichten sehr niederer Kämmerchen überdeckt werden (XII. 9d); es sind dies eben die aus der Umbildung der Seitenflügel der Kammern hervorgegangenen Kämmerchen. Eine eigenthümliche Parallelgruppe zu der von uns schon früher be- sprochenen iraperforaten Gattung Alveolina bilden unter den Nummuliniden die sogen. Fusuliniden (XII. 11 — 15) mit der Hauptgattung Fusulina. In mancher Hinsicht schliessen dieselben sich gerade der Gattung Nummulites au, von der sie sich jedoch durch eine im allgemeinen viel einfachere Bildungsweise wieder entfernen. Der hauptsächlichste morphologische Charakter dieser Formen, welcher dieselben gleichzeitig den Alveolinen nähert, ist die völlige Involubilität; die Umgänge umhüllen sich hier völlig (XII. 15), so dass jeder neue Umgangsraum allseitig den vorher- gehenden umfasst. Aeusserlich ist daher von den früheren Umgängen absolut nichts sichtbar. Gleichzeitig ist jedoch die Gesammtschaie in der Richtung der Windungsaxe sehr verlängert (XII. 11, 12, 13, 15); wes- halb, da die Umgangshöhe nur sehr allmählich anwächst, die Gesammt- gestalt der Schale derjenigen von Alveolina sehr ähnlich wird. Bei ge- ringerer Streckung der Windungsaxe erscheint sie demnach etwa kugelig (Schwagerina), bei grösserer Streckung hingegen spindelförmig bis cylin- drisch (Fusulina und Hemifusulina). Die Umgänge werden wie bei Nummulites durch zahlreiche Septa in Kammern zerlegt (XII. 14), die unter einander durch spaltartige, am Innenrand der Septa gelegene Oeff- uungen in Verbindung stehen (XII. lim). Aehnlich wie wir jedoch die seitlichen Theile der Septen bei gewissen Formen von Nummulites in sehr eigenthümlicher Weise gefältelt und damit die Erzeugung secundärer Kämmerchen verbunden sahen, finden wir solches auch bei den Fusu- linen. Bei der Gattung Schwagerina sind die Septen in ihrer grössten Ausdehnung von regelmässig ebenem Verlauf, an den Polen der Schale jedoch, wo sie sich der Windungsaxe nähern, gehen sie plötzlich in Polythalame Perforata. (Fusuliniden, Loftusia.) 85 wellenförmig gebogeuen Verlauf über, verzweigen sich auch und indem die hier zusammenkommenden zahlreichen Septen eines Umgangs — und, wie es scheint, sogar der aufeinanderfolgenden Umgänge — mit ihren Ver- zweigungen und Hin- und Herbiegungen vielfach anastomosiren , bildet sich in der Windungsaxe ein ganz unregelmässiges, labyrinthisches Fach- werk (XH. 15 n) kleiner Kämmerchen aus (sogen, filet cloisonnaire, nach der Bezeichnung von d'Archiac und Haime für das in mancher Hinsicht ähnliche Verhalten der seitlichen Septentheile der oben beschriebenen Nummuliten). Anders hingegen ist das Verhalten bei den Gattungen Fusulina und Hemifusulina. Hier sind die Septen durchaus wellenförmig gefältelt, parallel dem medianen Durchmesser der Schale (XH. 11 s, 13), jedoch verliert sich diese Fältelung etwa in Va bis ^/g der Höhe der Septen, so dass sich letztere in gestrecktem, geradem Verlauf an die äussere Schalenwandung anheften. Indem nun die sich gegenüberstehenden Ausbiegungen der aufeinanderfolgenden Septen mit einander verschmelzen, wird jeder Kammerraum in eine grosse Zahl secundärer Kämmerchen getheilt, welche jedoch sämmtlich mit ihren äusserlichen Theilen unter einander in Verbindung stehen, da ja hier, wie erwähnt, die Fältelung der Septen fehlt. Die einfachere Bauweise, gegenüber Nummulites etc., zeigt sich in dem völligen Mangel eines Kanalsystems bei Fusulina und Schwagerina, womit denn auch die Einfachheit der nichtperforirten Septen in Verbin- dung steht. Bei der Gattung Hemifusulina dagegen, die sich in allge- mein morphologischer Beziehung genau an Fusulina anschliesst, ist mit dem Auftreten einer doppelten Septenwand auch ein, wenn auch sehr mangelhaft ausgebildetes, Kanalsystem verbunden. Wir glauben, im Anschluss an die Fusuliniden, an eine sehr eigen- thümliche, von ihrem Monographen Brady (88) für eine sandschalige Form erklärte Rhizopode erinnern zu dürfen, über deren Stellung sich bis jetzt mit Sicherheit nur wenig bemerken lässt. Es ist dies die auch durch ihre Grösse bemerkenswerthe Gattung Loftusia (VII. 1), welche zuerst tertiär, neuerdings jedoch auch in der Kohlenformation nachgewiesen wurde. Wie die sandschaligen Formen überhaupt, wird auch die Loftusia von Brady für eine Imperforate gehalten, wogegen viel für ihre Zugehörig- keit zu den Perforaten zu sprechen scheint und auch die angebliche Zu- sammensetzung ihrer Schale aus Kalksand scheint etwas fraglich, da wir neuerdings durch v. Möller (116) erfahren haben, dass eine Reihe fossiler, angeblich kalksandschaliger Formen als echt kalkschalige zu betrachten sind, welche durch den Fossilisationsprocess eigenthümlich verändert wurden. In ihren allgemeinen morphologischen Bauverhältnissen nähert sich Loftusia in mancher Hinsicht den besprochenen Fusuliniden; sie ist gleichfalls eine völlig involute und in ihrer Windungsaxe sehr ver- längerte, daher ei- bis spindelförmige Form, die jedoch in ihrem feineren, inneren Bau mannigfache sehr eigenthümliche Verhältnisse darbietet. Auf der Innenfläche einer die Umgänge äusserlich bildenden, vcrhältnissmässig 3 Q Ehizopoda. dünnen Schalenlamelle hat sich nämlich eine ziemlich beträchtliche Menge einer secundären, eigenthümlich reticulären, bis labyrinthiscben Schalen- masse abgelagert (1, c), welche auch die elllpsoidische Centralkammer vollständig erfüllt. Von dieser Auskleidungsmasse entspringen zahlreiche sehr schief zur Spiralaxe die Umgangshöhlungen durchsetzende Septen, die keine regulären Communikationsöffnungen besitzen, jedoch, da sie aus der gleichen labyrinthisch reticulären Masse gebildet sind, vielfache Com- raunikationen zwischen den durch sie geschiedenen Kammern gestatten. Ausserdem erstrecken sich jedoch noch zahlreiche, hohle säulenartige Auswüchse zwischen den benachbarten Septen, durch welche der Kammer- raum vielfach unregelmässig untergetheilt wird. Wie gesagt, ist der eigenthümliche Bau dieser Gattung (deren Rhizopodennatur sogar von Carter,*) jedoch, wie ich glaube, mit Unrecht bezweifelt wird) bis jetzt in keine sichere Beziehung zu anderen Formen zu bringen, doch dürften die allgemeinen Bauverhältnisse den vorläufigen Anschlus^ an die Fusu- liniden wohl rechtfertigen. Schon früher wurde bei Betrachtung der Imperforata darauf hin- gewiesen, dass ein ganz ähnlicher Uebergang zur cyklischen Aus- bildungsweise, wie er von Peneroplis durch Orbiculina zu Orbitolites zu verfolgen ist, auch bei den Perforaten angetroffen wird. Hier wird dieser Uebergang durch die Gattung Heterostegina (X. 5) bewerkstelligt und zwar schliesst sich diese zunächst an Operculina an. Wie bei letzterer haben wir auch bei Heterostegina ein ursprünglich vollständig oder nahezu vollständig involutes Wachsthum, das jedoch mit dem raschen Höhen- wachsthum der Umgänge schliesslich in ein nur wenig involutes übergeht, indem sich wie bei Operculina der letzte Umgang sehr rasch bedeutend erhöht und in der Richtung der AVindungsaxe entsprechend abflacht. Eine sehr grosse Anzahl nach ^orn convexer und ziemlich schief zur Spiralaxe verlaufender Septen theilt die Umgänge in zahlreiche und nur sehr kurze Kammern, während dieselben natürlich sehr rasch an Höhe wachsen und so bei der Betrachtung von der Seite eine etwa bandförmige Gestalt zeigen. An der Basis jedes Septums existirt wie bei den meisten seither besprochenen Nummuliniden eine Communikationsöffnung zwischen den Kammern. Diese bandförmigen Kammern werden jedoch ähnlich wie bei Orbiculina durch zahlreiche secundäre Scheidewände, welche senkrecht auf die primären aufgesetzt sind, in secundäre Kämmerchen getheilt. Unter sich stehen diese secundären Kämmerchen jeder Kammer in keiner directen Verbindung, dagegen communiciren die alternirend gestellten der aufeinanderfolgenden Kammern in ganz ähnlicher Weise, wie wir dies schon mehrfach unter entsprechenden Verhältnissen fanden, indem jedes Kämmerchen sowohl mit den zwei benachbarten der vorhergehenden wie der folgenden Kammer durch schiefe Communikationsöffnungen in Ver- bindung steht. Sowohl die primären wie die secundären Scheidewände ") A. m. n. h. 4. XVII. Polythalame Perforata. (Cycloclypeus, Orbitoides.) 87 werden von zwei Lamellen zusammengesetzt, zwischen welchen ein Inter- Kanalsystem verläuft, das sich wie bei der nahe verwandten Opereulina mit einem in einem Dorsalstrang zur AusbilduDg kommenden Theil in Verbindung setzt. Das regulär -cyklische Wachsthum, wie wir es unter den Im- perforaten schon bei Orbitolites antrafen, linden wir unter den Perforaten bei 2 Gattungen, Cycloclypeus (VI. 3) und Orbitoides (XII. 17— 21) ver- treten, von welchen die erstere, als die einfacher gebaute, hier zunächst unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen wird. Wie bei der einfachen Form von Orbitolites sehen wir hier um eine ansehnliche Centralkammer zahlreiche, in einer Ebene ausgebreitete Kämmerchencyklen, die scheiben- förmige Schale bilden (VI. 3 B). Zwischen den Kämmeichen jedes Cyklus existirt auch hier keine directe Verbindung, dagegen stehen die alternirend gestellten der aufeinanderfolgenden Cyklen durch mehrfache übereinander- gelegene, schiefe Communikationen, ähnlich wie bei der complicirten Form von Orbitolites, in Verbindung (3, D, c, f). An jedem Kämmerchen lässt sich eine primäre innerste Schalenlamelle unterscheiden, welche jedoch auf den Seitenflächen der Schale von einer dicken Lage geschichteter, secundärer Schalensubstanz überlagert wird (3 D a), während gleichzeitig auch die aneinanderstosseuden primären Schalenlamellen der benachbarten Kämmerchen durch eine Zwischenlagerung ähnlicher, jedoch, wie die Scheidewände überhaupt, nicht perforirter Substanz gesondert werden. In dieser Zwischensubstanz der Scheidewände breitet sich nun ein hoch ent- wickeltes Interkanalsystem aus (3 D, c), das sich im wesentlichen aus zahlreichen radiären (3 C, g), die secundären Septen, und cirkulären (3 C, h, h^), die primären Septen durchziehenden Kanälen zusammensetzt. Aestchen, welche von den Kanälen der secundären Septen abgehen, münden in die Kämmerchenhöhlungen ein (3 C, g), während andere, in der Dickenrichtung der Schale von den radialen und cirkulären Kanälen aufsteigende Aestchen durch die nichtperforirte Schalensubstanz, welche die Fortsetzung der Septen durch die perforirten Auflagerungen der Seiten- flächen bildet, hindurchtretend (3 D, e), auf der Oberfläche der Schale in feine Poren ausmünden, lieber den Kanten, welche durch die zu- sammenstossenden Wände benachbarter Kämmerchen gebildet werden» verdicken sich, namentlich im centralen Gebiet der Scheibe, diese aus nichtperforirter Substanz bestehenden Fortsetzungen der Septen zu nach der Schalenoberfläche zu kegelartig sich verbreiternden Pfeilern (3 D, c, c, d). Aehnliche Bildungen haben wir bei verwandten Formen schon mehrfach angetroffen und wie dort sind sie auch hier von Ausläufern des Kanalsystems durchzogen. Von der einfacher gebauten Gattung Cyclo- clypeus unterscheidet sich der complicirtere Orbitoides (XII. 17 — 21) hauptsächlich durch die Eigenthümlichkeit, dass hier zwischen den zahl- reichen aufeinandergeschichteten Lamellen, welche wie bei Cycloclypeus die seitlichen Flächen der medianen Kämmerchenschicht überlagern, zahl- reiche Schichten secundärer und sehr niedriger Kämmerchen eingeschaltet §8 Ehizopoda. sind (21b, 20d), demnach in einer mehr oder minder dicken Lage jeder- seits die mediane Hauptkammerschicbt (a) überkleiden. Da ancb hier wie bei Cycloclypeus die seitlichen Auflagerungsmassen am stärksten in der centralen Partie der Scheibe entwickelt sind, so tritt diese einmal gewöhnlich knopfförmig hervor und weist ferner zahlreichere tiberein- andergestapelte Schichten von Nebenkämmerchen auf, als dies in den peripherischen Theilen der Scheibe der Fall ist. Zwischen den grösseren Mediankammern der aufeinanderfolgenden, häufig jedoch z. Th. nicht ganz vollständigen, Cyklen existiren ähnliche Communikationen (22, a b), wie bei Cycloclypeus; dagegen sollen hier gewöhnlich auch die Kämmerchen jedes Cyklus durch eine die secundären Septen durchsetzende Oeffnung (22 a^) in directer Verbindung stehen. Aber auch die Nebenkämmerchen der übereinandergeschichteten Lagen stehen durch Communikationskanäle in Verbindung (20 d), indem jedes derselben sich durch schief von ihm auf- und absteigende Kanäle mit den 2 benachbarten, jedoch alternirend gestellten der über- und untergelagerten Schicht in Communikation setzt. Auf der Scheibenoberfläche treten die nichtperforirten Scheidewände zwischen den Nebenkämmerchen gewöhnlich etwas leistenartig hervor (20) und die Gesammtheit dieser Leisten bildet eine erhabene netzartige Zeich- nung. Aehnlich wie bei Cycloclypeus entwickeln sich jedoch auch hier in den zusammenstossenden Kanten der Scheidewände der Nebenkämmer- chen kegelartige Pfeiler (20 e) von nichtperforirter Masse, welche in den Knotenpunkten des oberflächlichen Leistenwerks warzig vorspringen. In ähnlicher Weise wie bei Cycloclypeus ist ferner hier auch ein Kanalsystem (20 h, 22) entwickelt, das jedoch im Ganzen weniger genau bekannt ist. In Kürze mag noch erwähnt werden, dass sich in dem hierhergehörigen Formenkreis eine reiche Mannigfaltigkeit der äusseren Gestaltung kundgibt, welche jedoch durch gewisse Modifikationen aus der typisch scheibenförmigen ohne Schwierigkeit abgeleitet werden kann. Durch besondere Mächtigkeit der seitlichen Auflagerungen von Neben- kämmerchenschichten geht die allgemeine Gestaltung in eine linsenförmige, ja nahezu kugelförmige, über. Durch besonders ansehnliche Entwickelung der Mediankamraern in gewissen Radien der Scheibe bilden sich auf der Oberfläche hervorspringende Rippen (19), die gleichzeitig auch eine be- sondere randliche Verlängerung eingehen können, so dass der Umriss der Scheibe eine polygonale (17) oder, bei noch stärkerem Vorspringen dieser Rippen, sogar eine sternförmige Gestaltung (18) annehmen kann. In ziemlich naher Beziehung zu Orbitoides scheint mir in allgemein morphologischer Hinsicht die gewöhnlich zu den Rotalinen gerechnete Gattung Tinoporus (XIII. 2 — 3) zu stehen und zwar wenigstens mit der unter dem Namen T. baculatus bekannten Art (3). Im Hinblick auf die soeben kurz beschriebenen Orbitoidesformen können wir die haupt- sächlichsten morphologischen Besonderheiten dieses T. baculatus in der Weise charakterisiren , dass wir ihn als einen Orbitoides bezeichnen, bei welchem es nicht zur Ausbildung der medianen Kämmerchenlage ge- Polytlialame Perforata. (Tiaoporus.) 89 kommen ist, oder bei welchem sich dieselbe nicht von den übrigen Kämmerchen unterscheidet. Der Wachsthumsanfang des Tinoporus wird jedoch an Stelle der ansehnlichen, bei Orbitoides sich findenden Central- kammern durch eine Anzahl deutlich spiralig aufgerollter Kammern be- zeichnet, die man wohl als die sehr reducirte Medianlage des Orbitoides betrachten dürfte. Dies scheint um so mehr gestattet, als sich auch bei gewissen Orbitoidesformen eine so erhebliche Entwickelung der Neben- kammern findet, dass dagegen die mediane Kämmerchenlage sehr zurück- tritt und namentlich die beiden seitlichen Nebenkammerlagen , um den peripherischen Rand der Medianlage herumgreifend, in einander übergehen, wobei natürlich das Weiterwachsthum] der medianen Lage gänzlich sistirt. Es Hesse sich der Bau von Tinoporus im Anschluss hieran in der AYeise deuten, dass bei ihm die mediane Kammerlage durch sehr frühzeitiges allseitiges Herumwachsen der Nebenkämmerchen nur eine sehr geringe Ausbildung erreicht, wogegen aber die Nebenkämmerchenlagen sich sehr entwickeln und in allseitig kugelig umfassenden Schichten weiter- wachsen. Gleichzeitig ordnen sich die Kämmerchen in radialen, ziemlich regelmässigen Reihen, wie ja solches auch bei Orbitoides hervortritt. In dieser Weise wird, da auf der einen Seite der spiraligen Anfangs- kammerlage die Entwickelung der Kämmerchenlagen eine etwas reich- lichere ist als auf der entgegengesetzten Seite, eine Gesammtschaie von etwas asymmetrischer, brodförmiger oder bei dem Tinoporus vesicularis (XIII. 2a) stumpf kegelförmiger Gestalt, mit abgeplatteter Unterfläche, erzeugt. Unter sich stehen die Kämmerchen in ganz ähnlicher Verbindung wie die Nebenkämmerchen bei Orbitoides, und zwar in der Art, dass jedes der Kämmerchen einer radialen Reihe durch Communikations- öffnungen (2 b) mit den zwei weiter nach aussen und ebenso den zwei weiter nach dem Centrum zu alternirend gestellten der beiden benach- barten Radialreihen in Verbindung steht. Während die parallel der Oberfläche verlaufenden Böden der Kämmerchen perforirt sind, wie dies gleichfalls bei Orbitoides der Fall, sind hingegen die seitlichen Wände solid. Wie bei Orbitoides entwickeln sich jedoch auch hier längs der Kanten, in welchen die Radialreihen von Kämmerchen zusammenstossen, kegelförmige Zapfen von solider Schalensubstanz, die auf der Schalen- oberfläche warzig hervorspringen, wie denn auch auf der Oberfläche eine ähnliche Netzzeichnung sichtbar ist, die von den vorspringenden Septen der oberflächlichsten Kämmerchenschicht herrührt. Ausser diesen Kegelzapfen von nichtperforirter Schalensubstanz (sogen, supplementäres Skelet Carpenter's) bilden sich jedoch hier (T. baculatus) noch weit ansehnlichere und zum grössten Theil in die Ebene der anfänglichen Kämmerchenspirale fallende Ansammlungen von nicht perforirter Schalen- substanz , die sich radiär stachelartig (3) , ähnlich wie die Stacheln bei Calcarina, über die Peripherie der Schale hinaus erstrecken und ziemlich zugespitzt in mehr oder minder ansehnlicher Längenentwickelung endigen. Ein reichlich entwickeltes Kanalsystem durchzieht diese Stacheln, um auf 90 Khizopoda. ihrer freien Aussenfläche zu münden, und setzt sieh andererseits auch mit den anliegenden Kämmerchenhöhlungen in Verbindung. Auch in die Kämmerchenwandungen soll sich nach Carpenter dieses Kanalsystem erstrecken. Weit einfacher gestaltet sich der Bau bei dem Tinoporus vesi- cularis, dessen allgemeine Gestalt schon oben erwähnt wurde. Hier fehlt mit der Ausbildung besonderer Züge unperforirter Substanz auch die Entwickelung eines Kanalsystems. Carter*) will daher diese Art gar nicht als hierher gehörig gelten lassen, sondern erhebt sie sammt einer von ihm beobachteten Form, die flache, melobesia-artige Ueberzüge auf Korallen etc. bildet, zu einer besonderen Gattung Gypsina. Einen eigenthümlichen Formtypus, Patellina Williams., glauben wir hier, des leichteren Verständnisses wegen, gleichfalls im Anschluss an die Gattung Orbitoides besprechen zu dürfen, obgleich die näheren verwandt- schaftlichen Beziehungen dieser im Ganzen bis jetzt nur unzureichend erkannten Formen, noch keineswegs als sicher gestellt betrachtet werden dürfen. Die einfacheren Ausbildungszustände zeigen Bauverhältnisse, die in ziemlich hohem Grade für einen Anschluss an gewisse Rotalinen sprechen, wohin denn auch die Gattung Patellina von den meisten Forschern gestellt wird. Die äussere Gestaltung ist im Ganzen charak- teristisch für unsere Gattung, indem dieselbe stets eine höher oder flacher kegelförmige ist (IX. 9 a — b). Bei der einfachst gebauten Form findet sich auf der Spitze dieses Kegels eine Embryonalkammer, um die sich eine spiralig-schraubig geordnete Kammerlage herumlagert, welche jedoch bald, ganz ähnlich wie dies bei der früher erwähnten Pulvinulina vermi- culata geschieht, in Umgänge übergeht, welche nur aus zwei schmalen bandförmigen Kammern bestehen. Diese letzteren Kammern lagern sich mehr oder weniger regelmässig alternirend um einander. Der von dieser eben geschilderten [einfachen Kammerlage gebildete dünne Mantel des Kegels umschliesst eine weite axiale oder Nabelhöhle, die von einer Ablagerung secundärer Schalensubstanz mehr oder weniger ausgefüllt wird. Die beschriebenen halbkreisförmigen Kammern lassen unter sich keinerlei deutliche Communikationen wahrnehmen und ihre Hohlräume werden mehr oder minder vollständig, jedoch nie gänzlich, durch von der Aussenwand hereinwachsende secundäre Septen in Kämmerchen getheilt. Bei einer sich hieran anschliessenden, wie die eben erwähnte, gleichfalls recenten Form (IX. 9), ist die Theilung der Kammern in Kämmerchen eine völlige, so dass sich zwischen den einzelnen Kämmerchen keine Communikationen mehr auffinden lassen, und dies um so mehr, als die secundären Septen solid sind, während die äussere Wandung jedes Käramerchens von einer geringen Zahl von Poren durchbrochen wird. Weiterhin hat sich jedoch bei dieser Form ein völlig cyklisches Wachsthum der Kammern ausgebildet, so dass auf die verhältnissmässig *) A. m. n. L Polytlialaiue Pcrforata. (Patclliua.) 91 grosse Embryonalkammer der Kegelspitze sogleich völlig cyklisch geschlossene Kammern folgen , welche in die erwähnten Käramerchen untergetheilt sind. Auch die Ausfüllungsmasse der Nabelhöhle (9 b) zeigt hier eine Weiterbildung, da sie von einem lacunenartigen Netzwerk secundärer Kämmerchen durchzogen wird. Es lässt sich daher die letzt- besprochenc Form auch wohl mit einem Orbitoides vergleichen, dessen Mediankanimerlage, statt scheibenförmig in einer Ebene ausgebreitet zu sein, eine kegelmantelartige Entwickelung genommen hat und bei welchem die Ablagerung secundärer Schalenmasse, sowie die von ihr bedingte Bildung secundärer Kämmerchen, nur auf einer und zwar der Unterseite der Hauptkammerlage stattgefunden hat. Noch mehr Uebereinstimmung mit der Ausbildung der accessorischen Nebenkämmerchenschichten bei Orbitoides scheint die Ablagerung der Nabelhöhle bei gewissen fossilen, bedeutend grossen Patellinen zu besitzen. Hier sind zunächst diese zahl- reichen Schichten von Nebenkämmerchen so geordnet, dass wie bei Orbitoides oder Tinoporus die Kämmerchen der verschiedenen Schichten in vertikalen Reihen libereinandergelagert sind. Auch tritt wenigstens bei einem Theil der hierhergehörigen Formen auf der Kegelbasis eine ähn- liche netzartige Zeichnung hervor, wie wir sie oben bei Orbitoides und Tinoporus kennen gelernt haben, wie denn auch die zwischen den senk- rechten Reihen von Nebenkämmerchen sich findenden soliden Pfeiler, die mit ihren Breitenden tuberkelartig über die Oberfläche der Kegelbasis hervorragen, sich hier wiederfinden. Etwas abweichend verhält sich bei letzteren Formen z. Th. die den Kegelmantel bildende Lage der Hauptkämmerchen. Dieselben können näm- lich nochmals durch tertiäre, nicht völlig die Kammeriäume durchsetzende Scheidewände in Kämmerchen tertiärer Ordnung getheilt sein, oder aber es kann das cyklische Wachsthum in dieser Kämmerchenlage unterbleiben, so dass dieselbe sich in Form einer regulär schraubenspiraligen Röhre darstellt, welche durch zahlreiche Scheidewände in Kämmerchen getheilt ist, so dass also in letzterem Fall eine Ausprägung der primären Kamraer- abschnitte, wie wir sie bei den seither besprochenen Formen kennen gelernt haben, sich nicht zu finden scheint. Den Abschhiss unserer Betrachtung der morphologischen Eigenthüm- lichkeiten des Schalenbaues der Rhizopoden möge ein , wie es scheint, sehr eigenthtimlicher Typus bilden, der gewöhnlich den Rotalinen näher angeschlossen wird, welche Anreihung mir jedoch im Ganzen wenig gesichert erscheint; es ist dies die Gattung Polytrema (IX. IIa — b). Unter den jetzt Lebenden steht dieselbe sehr vereinzelt, wogegen sie mit gewissen fossilen, aber ihrer Natur nach noch nicht völlig sicher- gestellten Formen eine Anzahl Structureigenthümlichkeiten theilt. Wir meinen hier einmal die so eigenthümliche, nach Carpenter und Brady eine sandschalige Foraminifere darstellende Parkeria und dann die palaeozoische Gruppe der Stromatoporidae, in deren Nähe zuweilen auch das zweifel- hafte Eozoon gebracht wird. 92 Ehizopoda. Wie bemerkt, ist allein die recente Gattung Polytrema allseitig als Rhizopode anerkannt, obgleich ihr Aeusseres sehr abweichend von den meisten seither besprochenen Formen ist und weit mehr das Bild eines kleinen Korallenskelets (Edelkoralle), als das einer Rhizopodenschale dar- bietet (IIa). Mit einigen Worten müssen wir daher hier zunächst des Gesammt- habitus gedenken. Von einem mehr oder weniger dicken, stammartigen und massig hohen, festgewachsenen Basalstock erheben sich eine Anzahl mehr oder minder entwickelter, verzweigter oder un verzweigter Aeste, deren Enden geöffnet sind, wenn man auch im Ganzen nur selten noch intakte Astenden trifft. Was den feineren Bau betriff't, so bemerkt man zunächst an der Basis eine Anzahl unregelmässig gehäufter bis spiralig angeordneter Anfangskammern, deren äussere Schalenwandung feinperforirt ist, wogegen die Septen solid sind. Das Weiterwachsthum vollzieht sich durch eine ziemlich unregelmässige Aufeinanderhäufung von Kammern, die sich rasch lamellenartig in die Breite ausdehnen und sehr nieder werden. Zugleich bildet sich an diesen Kammern ein sehr eigenthümlicher Charakter aus. In mehr oder weniger regelmässigen Abständen senkt sich nämlich die Schalenwandung, indem sie gleichzeitig ihre Perforation verliert, zu hohlen Pfeilern nach Innen ein (IIb Is), die sich auf die Aussenfläche der unterliegenden Kammer aufsetzen. In Höhe, Dicke und Weite des Lumens unterscheiden sich diese Pfeiler beträchtlich und z. Th. werden sie auch durch Obliteration ihrer Lumina solid. Die Lumina der hohlen Pfeiler führen natürlich durch eine porenartige Oeffnung auf der Aussenfläche der Kammerwand in den Hohlraum der aufliegenden Kammer oder, wo solche fehlt, nach aussen. Durch diese hohlen Pfeiler wird jedoch gleichzeitig eine Coramunikation der Kammerräume unter einander und mit der Aussenwelt hergesteUt, indem die Pfeiler an der Basis sehr gewöhnlich (ob immer?) eine ziemlich ansehnliche Oefiiiung besitzen (Hb, o). Die Bauweise der Aeste ist noch nicht ganz sicher ermittelt, scheint jedoch im Princip in der Weise sich zu gestalten, dass eine oder mehrere über einander gelagerte Kammerlamellen in einen astartigen hohlen Fortsatz aus- wachsen, wobei sich die Pfeiler in der innersten Kammerröhre eines solchen Astes nicht mehr gegen eine unterliegende Wandung, sondern gegen ein- ander stützen. An den Enden sind, wie schon gesagt, die Zweige geöffnet. Weiter im Inneren des basalen Stammes zuweilen sich findende grössere Räume werden von Carter*) durch nachträgliche Resorption erklärt, wo- gegen es mir eher scheinen will, dass dieselben davon herrühren, dass bei fortgesetztem Wachsthum die ursprünglich freien Basen der Zweige mit ihren weiteren Höhlen in den Stamm eingeschlossen wurden. In Kürze möge denn hier noch eine Darstellung der Hauptzüge der Bauweise jener oben schon erwähnten fossilen und zweifelhaften Parkeria folgen, wodurch die bis zu einem gewissen Grade vorhandene Aehnlich- *=) A. m. II. h. 4. XVII. Polythalame Perforata. (P^rkeria.) 93 keit mit dem geschilderten Bau von Polytrema erhellen dürfte. Diese bis zu 2 englischen Zoll im Durchmesser erreichende, gewöhnlich ziem- lich regulär kugelige Form (V. 23) soll nach Carpenter und Brady (88) eine kalksandschalige Imperforate sein, jedoch dürften bezüglich des einen wie des anderen Charakters noch einige Zweifel erlaubt sein, wie wir sie oben schon für die ähnlich geschilderte Loftusia geltend machten. Eigenthümlich ist der Bau der von Carpenter geschilderten Central- kammern bei Parkeria, welche in grösserer Zahl in gerader Linie und in einem Radius der kugeligen Schale angeordnet sein sollen (23, c^ — c^), so dass die älteste und kleinste am meisten peripherisch, die jüngste und grösste hingegen im Centrum der Kugel gelegen ist. Carter*) bestreitet jedoch die Natur dieser vermeintlichen Centralkammern, und hält sie für einen Fremdkörper, welcher von der Parkeria überwachsen wurde. Nach ihm sollen verschiedenartige Bruchstücke von Cephalopodenschalen oder auch Aggregate von kleineren Rhizopodenschalen und Schwammnadeln die Stelle dieser vermeintlichen Centralkammern vertreten können. . Um diesen Centraltheil lagern sich nun zahlreiche kugelige Schalen- lamellen (Ij — 14) herum, welche durch Zwischenräume, die etwa primären Kammerräumen der Rhizopoden gleichzustellen wären, von einander getrennt werden. Jede dieser Lamellen besteht aus zwei Schichten, einer inneren dünneren und angeblich soliden und einer äusseren dickeren labyrinthisch röhrigen, die sich, wie die Schalensubstanz überhaupt, aus verkitteten Sandkörnchen aufbauen soll. Zwischen den einzelnen Schalenlagen wird die Verbindung durch pfeilerartige oder kegelförmige hohle ßadialbalken hergestellt (23 b, rp, 23 a D, A, B). In den Centraltheilen der Schale sollen diese Pfeiler fast nur von der soliden Innenlamelle gebildet werden, während sie in den äusseren Theilen eine sehr ansehnliche Umhüllung von der labyrinthischen Aussenschicht erhalten (23 b, rp). Auf der Aussen- fläche jeder Schalenlage öffnen sich die Hohlräume der sie stützenden Pfeiler in den nächstfolgenden Kammerraum. Ausserdem setzen sich jedoch auch die Hohlräume der labyrinthischen Schichten je zweier auf- einanderfolgender Schalenlagen durch die Vermittelung der Pfeiler in directe Verbindung. Wir erkennen aus diesem Verhalten, dass hauptsächlich durch die hohlen Pfeiler und ihre Beziehung zu den von ihnen in Verbindung ge- setzten Schalenlagen zwischen Parkeria und der früher geschilderten Polytrema eine gewisse Aehnlichkeit hergestellt wird. Auf ähnliche Verhältnisse gründen sich auch die von einer Reihe von Forschern betonten Beziehungen zwischen der Gattung Polytrema (und den Rhizopoden überhaupt) und der eigenthümlichen Abtheilung der sogen. Stomatoporiden. **) *) A. in. n. h. 4. XIX. **) Vergl. über diese zweifelhafte Gruppe, sowie über das Eozoon den systemat. Absclinitt. 94 Eliizopoda. Abnorme Seh alenbildungs Verhältnisse. Unter den mannigfachen Abnormitäten und Missbildungen der Schalen unserer Rbizopoda, die gelegentlich zur Beobachtung gekommen sind, sind hauptsächlich die eigenthümlichen Doppelbildungen von Interesse, welche sowohl bei monothalamen wie polythalamen Schalen sich zuweilen finden. Bei den monothalamen Süsswasserbewohnern sind derartige Fälle bis jetzt nur sehr selten beobachtet worden, jedoch zeigt eine Beobachtung von Hertwig und Lesser an Trinema, dass sie auch hier nicht völlig fehlen. Bei letzterer Form beobachteten H. und L. ein Monstrum, das sich etwa wie 2 Einzelindividuen darstellte, die mit ihren vorderen Enden verschmolzen und in einem Winkel von etwa 100*' zusammengestellt waren ; auch eine eigenthUmliche, fast wie in Theilung sich repräsentirende Arcella vulgaris, die vom Verf. gelegentlich beschrieben wurde, darf zu der Kategorie dieser Bildungsabweichungen gezählt werden. G.ar nicht sehr selten scheinen sich derartige Doppelbildungen dagegen bei der monothalamen Gattung Lagena zu finden und hierhergehörige Exemplare -sind schon von Williamson (61), Parker und Jones (79), Alcock (86) und Anderen beschrieben worden, Sie repräsentiren sich in Ge- stalt von flaschenförmigen Lagenagehäusen, die an ihrem Hinterende durch eine mehr oder weniger tiefgreifende Einfurchung in zwei Lappen getheilt sind (VII. 22) oder erscheinen wie zwei Lagenen, die mit ihren Hinterenden verschmolzen sind (VII. 18). Andersartig dagegen sind die auch gar nicht so selten bei dieser Gattung anzutreffenden Doppelbildungen, welche den Uebergang zu den polythalamen Nodosarinen vermitteln. Hier ist seitlich oder auf das Mündungsende einer Lagena eine zweite Kammer mehr oder minder regelmässig aufgesetzt (X. 21). Wie gesagt, sind derartige Doppelbildungen jedoch auch bei Poly- thalamen gelegentlich beobachtet worden und während ihre Bildungsweise bei Lagena und anderweitigen Monothalamen im Ganzen ohne grosse Schwierigkeit verständlich wird, dürfte sich für die zu erwähnenden Poly- thalamien die Frage nach der Bildung solcher Vorkommnisse etwas schwieriger gestalten. Da bis jetzt genauere Untersuchungen des feineren Schalenbaues nicht vorliegen, so lässt sich auch vermuthungsweise nur wenig in dieser Richtung äussern. Speciell die Gattung Polystomella unter den Nummuliniden scheint eine Neigung zu derartigen Missbildungeu zu besitzen. M. Schnitze hat solche von Polystomella strigilata beschrieben, bei welchen sich der letzte Umgang in zvs'ei neben einander herlaufende Umgänge spaltet, so dass die Schale Aehnlichkeit mit einem Verwachsungs- zwilling erhält. Entsprechende Vorkommnisse haben weiterhin Parker und Jones von P. striatopunctata bekannt gemacht.*) Sehr bemerkenswerth sind fernerhin die eigenthümlichen Abnormitäten, *) Beschreibungen \veiterer Monstrositäten von Nodosaria und Marginulina sollen sich bei Keuss (Die Verstein. d. böhm. Kreideform. 1. Abth. 1845) finden. Gestaltung des W'ciclikörpers. 95 welche die Gattung Orbitolites zuweilen darbietet und die gleichfalls der Kategorie der eben besprochenen Bildungen wohl angereiht werden dürfen.*) So sind zuweilen Exemplare von Orbitolites gefunden worden, bei welchen die eine Hälfte der Scheibe von regulärem Bau war, während die entgegenstehende Hälfte sich in zwei unter mehr oder minder grossem Winkel von einander abstehende Scheiben spaltete. Eine derartige Monstrosität lässt sich wohl in ähnlicher Weise als eine Art von Doppel- bildung betrachten, wie die früher geschilderten von Polystomella. Etwas abweichender, wenn auch im Princip wohl auf entsprechende Bil- dungsvorgänge zurückführbar, sind die gleichfalls nicht gar seltenen Exemplare von Orbitolites, bei welchen aus einer regulär gebauten Scheibe sich einseitig eine' vertikal aufgesetzte halbe Scheibe erhebt, die entweder von gleichem Durchmesser wie die Hauptscheibe ist, oder aber nur die Hälfte dieser erreicht, in welch letzterem Fall sie sich dann über einem Radius der Hauptscheibe erhebt. Andererseits reihen sich hier dann noch weitere Formen an, bei denen eine oder mehrere, jedoch weniger voll- ständige Scheiben sich von der Hauptscheibe zu erheben vermögen, die häufig nur peripherisch zur Ausbildung gelangen und durch welche Formen der Anschluss an die früher schon kurz erwähnten gefalteten und mit radialen Auswüchsen verseheneu grossen Formen vermittelt zu werden scheint. 4. Der Bau des Weichkorpers der Rhizopoda. a. Allgemeine Gestaltsverhältnisse des Weichkorpers. Die Gestalt des protoplasmatischen Weichkörpers der beschälten Rhizopoda wird natürlich von der Gestaltung der Schale, sei diese nun völlig oder nur z. Th. von demselben erfüllt, bestimmt. Bei der grossen Mehrzahl der unbeschalten Rhizopoda hingegen ist die Gestalt des Weich- körpers eine mehr oder minder unregelmässig wechselnde, wie es die in sehr verschiedener Weise sich entwickelnden Pseudopodien während des beweglichen Zustandes bedingen. Dennoch lässt sich bei einer Reihe von Formen, trotz der wechselnden Gestaltungszustände, eine gewisse Grund- gestalt mehr oder minder deutlich erkennen. Im Allgemeinen scheint wenigstens für eine beträchtliche Zahl dieser nackten Rhizopoden eine allseitig abgerundete, kugelige Gestaltung als Grundform des Körpers festgehalten werden zu dürfen, da wir sehen, dass unter gewissen Verhältnissen, die eine Unterbrechung der Bewegung und der Pseudopodienentwickelung hervorrufen — so bei dem Uebergang in den Ruhezustand (bei der Encystirung), fernerhin bei der Einwirkung von Inductionsschlägen , sowie z. Th. auch ehem. Reagentien — der betreffende Rhizopodenkörper sich der Kugelgestalt nähert. Wie bemerkt. ^). Vergl. bei Carpenter (74). 96 Eliizopoda. bewahren aber auch eine Reihe von Formen eine gewisse Grundgestalt ihres Weichkörpers trotz reichlicher und wechselnder Pseudopodienbildung ziemlich dauernd bei. Zunächst haben wir hier Formen zu erwähnen, bei welchen es überhaupt nicht zur Entwicklung eigentlicher Pseudopodien kommt, sondern wo sich der Rhizopodenkörper ohne tiefgreifende äussere Gestaltveränderungen, so zu sagen, fiiessend fortbewegt, gewissermaassen ein einziges Pseudopodium darstellend. Als Beispiele dieser Art können wir zunächst die bekannte Amoeba Guttula Duj. (II. 3) (in deren Nähe jedenfalls auch die Gattung Hyalodiscus H. u. L. gehört) aufführen. Wir finden hier einen scheibenförmig abgeflachten Körper, von nahezu kreis- runder bis ovaler Gestalt, der tropfenartig und sehr anhaltend in einer und derselben Richtung hinfliegst, ohne seine Gesammtgestaltang namhaft zu ändern. Aehnlich sehen wir bei der Amoeba Limax Duj. (IL 2) und einigen Verwandten eine mehr bandartig gestreckte Form fast ohne Pseudopodienentwickelung hingleiten. Auch die Formen mit reichlicher Entwickelung von Pseudopodien, seien letztere nun von einfacher stumpfer, bis zarter und verästelter Gestaltung, lassen gewöhnlich eine gewisse Grundgestalt des Pseudopodien aussendenden Weichkörpers erkennen und zwar nähert sich derselbe gleichfalls entweder mehr der kugeligen bis scheibenförmigen oder der in einer Richtung ausgezogenen, bandförmigen Gestalt. Ob eine dauernde, bestimmte Gestaltung des Weichkörpers sich bei einem völlig nackten Rhizopoden findet, ist eine Frage, welche keineswegs sicher entschieden scheint, wenngleich jedenfalls für eine Anzahl Formen von monaxonem Bau die Schalenhaut, wenn sie überhaupt entwickelt ist, eine so zarte Beschaffenheit besitzt, dass die dauernde und bestimmte Gestaltung des Körpers bei der Schmiegsamkeit der Membran ohne Zweifel vorzugsweise von der Formbeständigkeit des Weichkörpers bedingt wird. Als hierhergehörige Beispiele dürfen aufgeführt werden der nach Claparede und Lachmann schalenlose Petalopus (IL 13) mit etwa ovalem, vorn abgestutztem Körper, von welchem abgestutzten Körperende die eigenthümlichen Pseudopodien entspringen. Auch die im Allgemeinen durch ähnliche Gestaltung sich auszeichnende Gattung Plagiophrys ist nach ihren Entdeckern Claparede und Lachmann schalenlos und F. E. Schulze konnte sich bei den von ihm beobachteten hierhergehörigen Formen eben- falls nicht von der Existenz einer Schalenhaut überzeugen. Zweifelhaft in dieser Hinsicht erscheint ferner noch die Gattung Diplophrys mit ihren von beiden Polen des ovalen Körpers entspringenden Pseudopodien- büscheln. Uebrigens ist ja die Schwierigkeit des Nachweises zarter Schalenhäutchen genugsam bekannt und andererseits eine, wenn auch nur zeitweise, Formbeständigkeit des Weichkörpers der Rhizopoda, bei der Regularität der von ihm erzeugten Schalenbildungen, nicht wohl zu be- zweifeln. Allgemeines über Jas Protoplasma. 97 ß. Beschaffenheit des Protoplasmas des Rhizopodenkörpers im Allgemeinen. Im Ganzen haben wir in diesem Abschnitt nur wenige Bemerkungen beizubringen, da die Schilderung der allgemeinen Eigenschaften und des Verhaltens des Protoplasmas der Protozoen, die wir in der allgemeinen Einleitung zum Gegenstand unserer Betrachtung erwählt haben, auch für die Rhizopoden im Besonderen ihre Gültigkeit besitzt. Die physikalischen Erscheinungen des Rhizopodenprotoplasmas können beträchtlichen Schwankungen unterworfen sein. Schon das optische Ver- halten lässt in manchen Fällen einen Schluss auf die bei verschiedenen Formen sehr verschiedene Consistenz zu. Ein geringeres Lichtbrechungs- vermögen deutet im Allgemeinen auf eine geringere Consistenz, auf eine flüssigere Beschaffenheit hin, umgekehrt ein stärkeres auf einen geringeren Grad von Verflüssigung. In gleicher Weise lässt sich aus der Art der Bewegung ein Schluss in dieser Hinsicht ziehen, da eine rascher strömende Bewegung und Verschiebung der Plasmatheilchen gegeneinander gleichfalls eine mehr flüssige Beschaffenheit des betreffenden Plasmas anzuzeigen scheint, wie trägere Bewegungsvorgänge das Gegentheil wohl vermuthen, jedoch nicht mit Bestimmtheit voraussetzen lassen. In wie weit die später noch zu besprechenden Gestaltsverschiedenheiten der Pseudopodien mit der verschiedenen Consistenz des Protoplasmas im Zusammenhang stehen und daher einen Rückschluss auf die Protoplasmaconsistenz gestatten mögen (wie dies zuweilen angenommen worden ist; vergl. bei Mereschkowsky [118]), scheint sehr wenig sicher. Jedenfalls scheint es nicht zulässig, die Ent- wickelung feiner, zarter Pseudopodien in einen directen Zusammenhang mit einer mehr schwerflüssigen Beschaffenheit des Protoplasmas zu bringen und umgekehrt, da ja häufig gerade sehr zarte Pseudopodien durch ihre sehr lebhaften Strömungserscheinungen auf eine mehr flüssige Beschaffen- heit ihres Protoplasmas hindeuten. Als Beispiele protoplasmatischer Rhizopodenkörper von dichterer, grösserer Consistenz darf hier wohl an die grossen in der Erde lebenden Amöben erinnert werden, bei welchen wenigstens die peripherische Körper- partie eine solche hohe Consistenz zu besitzen scheint, wogegen zahl- reiche kleinere Amöben sich durch sehr leicht fliessende Beschaffenheit ihres Plasmas auszeichnen.*) Im Allgemeinen scheint auch für die zahl- reichen in süssem Wasser lebenden, einkammerigen Formen mit spitzigen und im Ganzen wenig verästelten und wenig anastomosirenden Pseudopodien eine zähere Consistenz des Plasmas gegenüber den marinen Reticulaten, mit ihrer gewöhnlich so lebhaften Körnchenströmung der Pseudopodien, fest- gehalten werden zu dürfen. Im Speciellen dürfte jedoch der Consistenz- grad bei einer und derselben Form zu verschiedenen Lebenszeiten wechselnd *) Die sich zuweilen bei Amöben, wie auch der grossen Pelomyxa, durch lebhafte Mole- kularbewegung der feinkörnigen Einschlüsse des Endoplasmas ausspricht. Bronn, Klassen des Tliier-Reiclis. Piotozoa. 7 98 Ehizopoda. sein, wie sich dies z. B. mit einiger Berechtigung aus dem verschie- denen Verhalten der Amoeba radiosa (jedoch auch zahlreicher anderer in bald trägeren, bald rasch beweglichen Zuständen sich findender Formen) wird entnehmen lassen. Erstgenannte Form sehen wir ziemlich plötzlich aus einem starren, mit langen, wenig beweglichen Pseudopodien aus- gerüsteten Zustand in einen recht beweglichen, durch stumpfe, breite Fort- sätze fortschreitenden, übergehen, was wohl mit einer Veränderung in der Consistenz des Plasmas verknüpft sein dürfte. Eine dichtere Beschaffenheit scheint das Plasma ferner nicht selten bei dem Uebergang in den encystirten Zustand anzunehmen, indem hier- mit, wie wir später noch genauer zu betrachten haben werden, nicht selten eine Volumverminderung verbunden ist und sich auch eine dichtere Beschaffenheit schon durch die erhöhte Lichtbrechung des encystirten Plasmakörpers kundgibt. Was die Structurverhältnisse betrifft, so müssen wir zunächst das Vorkommen ganz structurlosen, hyalinen Plasmas anerkennen, möge dies nun, wie dies z. Th. bei gewissen Formen der Fall ist, den ganzen Weichkörper bilden oder nur eine äusserliche Zone desselben. In den meisten Fällen jedoch bietet das Plasma eine äusserst fein- körnige Beschaffenheit dar, und es unterliegt wohl keiner Frage, dass wir in dieser gleichmässig durch das ganze Plasma, oder doch einen bestimmten, von dem übrigen in dieser Hinsicht differenzirten Theil, sich erstreckenden Granulation ein bestimmtes Structurverhältniss zu erkennen haben; wiewohl häufig die feine Granulation, welche wir hier im Sinne haben, von den verschiedeneu Forschern nicht hinreichend scharf von körnigen Einschlüssen, wie sie in sehr mannigfacher Ausbildung anzu- treffen sind, unterschieden wurde. Weitere Structurverhältnisse scheinen nur selten zur Ausbildung zu kommen, beschrieben wird zwar z. Th. eine netzförmig-faserige Structur gewisser Amöben,*) jedoch könnte diese Erscheinung sich wohl, wie unten noch gezeigt werden wird, auf eine allgemeine Vacuolisation zurückführen lassen. Eine eigenthümliche faserige Structur des Plasmas wurde von mir bei einer grossen Amöbe beob- achtet (II. 4).**) y. Differenzirung des Plasmas in besondere Zonen oder Eegionen.- Wie schon mehrfach hervorgehoben, wird bei einer sehr grossen Zahl von Rhizopoden der gesammte Weichkörper von durchaus gleichmässiger Plasmamasse gebildet. Hierher gehört vor Allem die grosse Zahl der marinen Rhizopoden, die Perforata also durchaus und von den Imperfo- rata ein grosser Theil. Von nackten Formen gehört hierher ein Theil der Amöben (einschliesslich Protamoeba); auch bei der ansehnlichen Pelomyxa lässt sich kaum von einem ständig differenzirten Aussenplasma *) S. bei Heifzmann, Sitzungsb. d. Wien. Akad. 1873. III. Abth. **) Ztschr. f. V. Z. Bd. 30. DifFerenzirung des Plasmas. (Ecto- und Entoplasma.) 99 reden. Auch die marinen Monerenformen Protomyxa, Myxodyctium und Protogenes, welche wir gleichfalls unter die Rhizopoden (in unserem Sinne) einreihen, zeigen keinerlei Unterscheidung von besonderen Plasmaregionen. Ebenso ist bei den beschälten Süsswasserformen im Allgemeinen nicht viel von der Differenzirung einer besonderen Rindenschicht wahrnehmbar, wenn sich auch die oberflächlichste Schicht des Weichkörpers häufig etwas freier von körnigen Einschlüssen zeigt. Dennoch erkennt man bei letzteren Formen eine Hinneigung zur Sonderung des Plasmas, indem die Pseudopodien gewöhnlich eine hyaline, von körnigen Einschlüssen wenigstens ganz freie Beschaffenheit zeigen, ihre Bildung demnach durch lokales Zusammenströmen reinen, von Einschlüssen freien Plasmas geschehen muss. Eine mehr oder minder scharf ausgeprägte Sonderung des Plasmas in eine oberflächliche Rinden- und eine Marksubstanz (Ectosark und Ento- sark, Ectoplasma und Entoplasma) zeigt sich hingegen bei einem Theil der nackten Formen. Zahlreiche Amöben und amöbenartige Organismen (wie die Gattungen Hyalodiscus H. u. L., Dactylosphaera H. u. L., Gloi- dium Sorok., Plakopus F. E. Seh.) zeigen eine oberflächliche, mehr oder weniger dicke, aus hyalinem Protoplasma gebildete Rindenschicht (I. 11, 12; II. 1, 5, 6), welche ein körniges Entoplasma umschliesst. Beson- dere Structurverhältnisse dieses Ectoplasmas, wie sie uns bei anderen Protozoen noch begegnen werden, sind hier, soweit bekannt, niemals vorhanden. Eine scharfe Grenze existirt natürlich zwischen dem hyalinen Ecto- und dem körnigen Entoplasma nicht, wie auch schon daraus her- vorgeht, dass bei gewissen Amöben und auch Pelomyxa, wo für gewöhnlich ein Ectoplasma sich nicht unterscheiden lässt, unter gewissen Verhältnissen eine solche hyaline, äussere Plasmalage auftritt, die sich demnach hier in gleicher Weise aus dem körnigen Plasma hervorgebildet haben muss, wie sich, lokal begrenzt, ein hyalines Pseudopodium aus einem aus körnigem Plasma bestehenden Rhizopodeukörper entwickelt.*) Eine Diff'erenzirung gewisser Körperregionen kann sich jedoch auch noch in anderer Weise an dem Leibe gerade solcher Rhizopoden hervor- bilden, welchen die oben schon geschilderte Unterscheidung von Ecto- und Endoplasma abgeht. Bei einer Reihe von Euglyphinen und Gromiinen lassen sich 2, auch 3 hintereinander gelegene Abschnitte des monaxonen Körpers dadurch untercheiden, dass sich die später noch genauer zu erwähnenden, körnigen Einschlüsse vorzugsweise in der mittleren Körperregion anhäufen (III. *) In neuerer Zeit wurde von zwei italienischen Forschern, Maggi und Cattaneo, hei der eigenthümlichen aniöhenartigen Gattung Podostoma Clp. u. L. (vergl. hierüher den systemat. Abschnitt), weiterliin jedoch auch hei Arcella, noch eine dritte, zwischen Ecto- und Entoplasma sich einschiebende Eegion als „Mesoplasma" unterschieden. Diese Mesoplasmaregion soll hauptsächlich durch die Einlagerung der contractilen Vacuolen charakterisirt sein. Bis jetzt scheint mir, die Berechtigung zur Unterscheidung eines solchen Mesoplasma noch nicht ge- nügend begründet zu sein. (Vergl. Kendic. R. Ist. Lomb. 2, IX; Atti soc. ital. d. sc. n. XXI). 7* lOQ fihizopoda. 12a, 17a), während die vordere wie auch die hintere, den Kern ein- schliessende Region homogen bleiben ; häufig dehnt sich jedoch die körnige Erfüllung auf die gesammte vordere Körperhälfte aus, so dass dann nur zwei Abschnitte hervortreten (so Euglypha, Trinema, Lecythium, Platoum). Auch das umgekehrte Verhalten wird angetroffen, so bei Cyphoderia, wo der hintere, kernhaltige Abschnitt sich durch seinen Körnerreichthum von dem vorderen unterscheidet (III. 13). Natürlich ist in solchen Fällen die Scheidung dieser Regionen noch weniger scharf als in den gewöhnlichen Fällen der Dififerenzirung in Ecto- und Entoplasma. Eine, an die soeben erwähnte erinnernde, Regionenbildung wird auch gewöhnlich, doch ohne scharfe Scheidung in einzelne Regionen, im Körper der polythalamen marinen Rhizopoden durch die Vertheilung des fast regelmässig vorhandenen , feinkörnigen Farbstoffes hervorgerufen. Die grösste Anhäufung desselben findet sich in den ältesten Kammern, wogegen sich seine Menge in den jüngeren successive verringert, so dass das Protoplasma der jüngsten oder auch noch das mehrerer vorletzten Kammern nahezu oder völlig farblos erscheint. 6. Färbung- des Protoplasmas. In den allermeisten Fällen besitzt das Plasma der Rhizopoden keine besondere Färbung, sondern zeigt die bekannte, schwach bläulich-grüne, zuweilen auch mehr gelbliche Färbung, welche dem Protoplasma unter dem Mikroskop überhaupt eigenthümlich ist. Es scheint überhaupt fraglich, ob jemals eine intensivere eigenthümliche Färbung des Plasmas sich findet; es dürften sich vielmehr die wenigen Fälle, in welchen eine Fär- bung des Plasmas selbst angegeben worden ist, doch vielleicht auch als zu der gewöhnlichen Kategorie gehörig herausstellen, wo nämlich die scheinbar diffuse Färbung durch sehr fein vertheilten Farbstoff bedingt wird. So gibt z. B. Häckel für seine Protomyxa aurantiaca auch neben dem Vorhandensein eines röthlichen bis orangerothen Farbstoffs eine gelb- röthliche Färbung des Protoplasmas selbst an. So erwähnen ferner Carpenter, Jeffreys und Thomson*) eines Rhizopoden mit olivengrüner Sarkode. f. Besondere Einschlüsse des Protoplasmas. f'. Nicli tcontractile Vacuolen, Gasblasen und eigenthümliche Prodncte des Stoffwechsels. Nie h tcontractile Flüssigk ei ts räume (Vacuolen) sind eine sehr gewöhnliche Erscheinung im Protoplasma der Rhizopoden und treten in sehr verschiedener Grösse und Zahl auf (I. 1 a). Gewöhnlich finden sie sich vereinzelter im Weichkörper, und wo derselbe eine Sonderung in Ecto- und Entoplasma zeigt, in diesem letzteren zerstreut; seltener hingegen wird *) Proc. roy. soc. XVIII. Gasblaseu, Nahruugsvacuoleu, Farbstoifbläschen. 101 ihre Zahl so beträchtlich, dass das sie trennende Plasma nur noch ein Maschenwerk von Scheidewänden zwischen ihnen herstellt, das Plasma eine schaumige oder alveoläre Beschaffenheit annimmt. Ein derartiges Verhalten begegnet uns z. B. gewöhnlich bei Pelomjxa (II. ^g), auch bei gewissen Amöben tritt ähnliches mehr oder weniger deutlich hervor (so z. B. bei der von Mereschkowsky [118] beschriebenen A. alveolata und der neuerdings von R. Lankester aufgestellten Gattung Lithamoeba*); auch bei Plakopus ruber ist nach F. E. Schulze eine schaumige Beschatfenheit eines Theils des Körpers ziemlich häufig). Der Betrachtung der contractilen Vacuolen werden wir einen beson- deren Abschnitt widmen. Eine sehr eigenthümliehe Erscheinung im Protoplasma gewisser Süss- wasserrhizopoden bildet das zeitweilige Auftreten von Gasvacuo len. Zuerst wurde dieses Phänomen von Perty bei Arcella beobachtet**), bei welcher Gattung dasselbe auch späterhin am häufigsten studirt wurde; weitere Beobachtungen hierüber rühren von Engelmann, Bütschli, Entz und du Plessis***) her, die das Vorkommen solcher Gasblasen auch bei Difflugia und Amoeha constatirt haben. Wie schon der erste Beobachter derselben richtig fand, dienen sie den betreffenden Organismen gewissermaassen als Schwimmblasen zur Erhebung und zum Schwimmen im Wasser, oder auch nur, wie dies z. B. bei Arcella beobachtet wurde, zur Veränderung der Lage des Thieres, Aufrichtung oder ümkehrung desselben. Die Entwicke- lung des Gases geschieht nach Engelmann bei Arcella sehr plötzlich und wachsen die Blasen in etwa 5 — 20 Minuten zu ihrer häufig recht be- trächtlichen Maximalgrösse heran. Ihre Zahl ist sehr verschieden; wäh- rend bei Arcella gewöhnlich 2—5, zuweilen jedoch auch bis 14, beobachtet wurden, scheint bei Difflugia gewöhnlich nur eine einzige, dafür jedoch desto ansehnlichere, zur Ausbildung zu kommen. Auch bei Amoeba wurden von Entz mehrere Blasen beobachtet. Im Ganzen scheinen sie, wie sie rasch entstanden, auch rasch wieder zu vergehen. In 5—10 Minuten, oder auch noch kürzerer Zeit, können sie vom umgebenden Protoplasma wieder vöUig absorbirt werden. Ueber die Natur des entwickelten Gases liegen bis jetzt kaum Beobachtungen vor, Bütschli glaubt, wegen der raschen Absorption desselben durch Kalilauge, auf COg schliessen zu dürfen. Wie bei den Protozoen sehr gewöhnlich, wird auch bei den Rhizo- poden die in den Körper eingeführte Nahrung häufig von Flüssigkeit um- geben, in Vacuolen eingeschlossen, so dass wir also auch hier Nahrungs- vacuolen antreffen, über deren Bildung dann später noch Weiteres zu be- *) Qu. journ. micr. sc. XIX. **) Perty, M. , Eine physiol. Eigenthümlichkeit der Khizopodensippe Arcella. Mittheil. der iiaturf. Gesellsch. zu Bern, 1849. ***) Engelmann, Arch. neerland. sciences cxactes et nat. T. IV., Zoolog. Anzeiger Jahrg. I. — Bütschli, Archiv f. mikrosk. Anatomie Bd. XI. — Entz, Zoolog. Anzeiger Jahrg. I. — Du Plessis, Bull. soc. Vaudoise sc. nat. Vol. 15. 102 ßliizoijoda. richten sein wird. Möglicherweise sind die bei den marinen Rhizopoden mehrfach erwähnten grösseren Farbstoffb las eben z. Th. auf solche Nahrungsvacuolen zurückzuführen, deren Flüssigkeit bei der Veränderung der aufgenommenen, pigmentirten Nahrung durch aufgelöste Farbstoffe sich färbt, was auch schon Carpenter vermuthete. *) Wir sehen wenigstens ähnliches bei gewissen Infusorien vor sich gehen. Die Färbung solcher Bläschen ist dieselbe, wie die des noch zu besprechenden, körnigen Pigments, also gewöhnlich eine rothe bis bräunliche. An die besprochenen Farbstoffbläschen von wahrscheinlich vacuolärer Natur schliessen sich nun die feinkörnigen und anderweitigen Pigmente an, welche sehr gewöhnlich im Protoplasma der Rhizopoden und in dem der marinen fast durchaus verbreitet sind. Unter diesen Pigmenten sind, namentlich die feinkörnigen, intensiv rothen bis gelblichrothen und gelb- braunen bei den marinen Rhizopoden ungemein verbreitet und verleihen, wie schon oben bemerkt wurde, durch ihre reichliche Anhäufung diesen Formen meist eine mehr oder minder intensive Färbung. Schon oben wurde ihrer besonders reichlichen Anhäufung in den älteren Kammern der Polythalamen gedacht. Die genauere Untersuchung dieses Farbstoffs, sowie der oben schon erwähnten Farbstoffbläschen, bei Polystomella und Gromia durch M. Schnitze (53) ergab, dass es sich hier um einen dem Diatomin entsprechenden Körper handelt, weshalb M. Schnitze nicht anstand, denselben von der vorzugsweise aus Diatomeen bestehen- den Nahrung herzuleiten. Die Richtigkeit dieser Auffassung ergab sich auch noch daraus, dass sich in hungernden Polystomellen der Farbstoff" sehr verminderte, wogegen reichliche Fütterung ihn bald wieder vermehrte. Aber auch die Süsswasserformen weisen Pigmente ähnlicher Art nicht selten auf. So findet sich ein ähnliches diatomin-artiges Pigment häufig bei Pseudochlamys patella. Ein tiefviolettes, feinkörniges Pigment findet sich bei der Amphizonella violacea Greeff. Ein zinnoberrothes, zuweilen ins braunrothe und grünliche gehendes, ist charakteristisch für denPlakopus ruber F. E. Schulze's und soll wahrscheinlich aus dem Chlorophyll der aufgenommenen Nahrung hervorgehen, wie ja ähnliche Umwandelungen gefressener Chlorophyllmassen zu gelben bis braungelben Massen auch schon anderweitig, so z. B. von Auerbach bei dem Cochliopodium bilim- bosum beobachtet wurden. **) Chlorophyll selbst, als endogenes Erzeugniss des Rhizopodenkörpers, ist mit Sicherheit kaum bekannt, es scheint sich hier fast durchaus, um als Nahrung aufgenommenes Chlorophyll zu handeln. Doch ist eine der beschriebenen Varietäten der Dactylosphaera vitieum H. u. L. mit grünen Körnern reichlich gefüllt, während die andere Varietät ähnliche gelbe Körner zeigt. Zahlreiche Chlorophyllkörner enthalten fernerhin auch eine Art oder Varietät von Cochliopodium, sowie sehr *) Grössere Nahrungsbestaiidtheile , wie Diatomeen, scheinen jedoch bei den marinen Khizopoden gewöhnlich nicht in besondere Nahrungsvacuolen eingeschlossen zu werden. **) Z. f. w. Z. VII. Pigmente, C]iIoro2)hyll, Fettkörnchen, Excretkoruchcn. 103 häufig- die Difflugien.*) ReiDgelbes Pigment findet sich auch noch bei einigen weiteren Formen; so sind die Spindelzellen einer Art der, in ihren Beziehungen zu den ßbizopoden zwar noch etwas zweifelhaften Lab}'- rintbula Cienkowsky's von feinkörnigem, gelbem Pigment erfüllt, während bei der eigenthümlichen Diplophrys sich ein oder mehrere gelbe bis orange- farbene, oder sogar rubinrotbe und zuweilen recht ansehnliche Kugeln finden (zuweilen sind sie jedoch auch farblos) (IV. 2 a, a). Hier handelt es sich jedoch, wie das Verhalten zu Chloroform und Alkohol ausweist, wohl sicher um einen festen, gefärbten, fettartigen Körper, also kein eigentliches Pigment. Ausser gefärbten, körnigen oder tröpfchenförmigen Einschlüssen des Rhizopodeuprotoplasmas finden sich jedoch auch sehr gewöhnhch un- gefärbte vor, deren Natur keineswegs immer ganz sicher gestellt scheint. Häufig mögen diese z. Th. sehr kleinen, stark lichtbrechenden Körnchen und Tröpfchen mit Recht als Fett betrachtet werden. So sind sehr kleine derartige Fetttröpfchen, jedoch auch gewöhnlich untermischt mit etwas grösseren (bis zu 0,001 — 0,002"'), im Protoplasma der marinen Rhizopoden durchaus verbreitet ; auch bei den Süsswasserrhizopoden sind, wie soeben schon gelegentlich von Diplophrys erwähnt wurde, zuweilen Fettkugeln vorhanden; so haben ferner die Untersuchungen Hertwig's die fettige Natur der im Protoplasma der Mikrogromia zerstreuten, feinen Körnchen wegen ihres Verhaltens zu Osmiumsäure sehr wahrscheinlich gemacht. Eine grosse Zahl der im Protoplasma der Süsswasserrhizopoden sehr verbreiteten und wohl in Zusammenhang mit den Stoffwechselverhältnissen zu gewissen Zeiten in grösserer Menge angehäuften, stark lichtbrechenden Körner sind jedoch häufig unrichtig als Fettkörner beansprucht wor- den.**) Es sind dies Körnchen von äusserster Kleinheit bis zu ziem- lich ansehnlichen Dimensionen, so dass die grössten derselben sich als concrelionenartige Einschlüsse darstellen. ***) Ihre Färbung ist gewöhnlich etwas dunkel, mit einem Stich ins gelblichbraune oder olivenfarbige. Meist bieten sie ziemlich wechselnde, unregelmässige Formen dar (s. H. 11; HI. 12 a, 17a), doch ist für ihre ßeurtheilung noch besonders charak- teristisch, dass sie gar nicht selten auch in krystallinischer Gestaltung auftreten können, und zwar scheinen sie rhombisch zu krystallisiren, vorzugsweise in Pyramiden oder Combinationen, in welchen eine Pyramide vorherrscht (vergl. hierüber haupts. bei Auerbach f)). Ihre Unlöslichkeit in Alkohol und Aether, sowie verdünnten Mineralsäuren, ihre Löslichkeit dagegen in concentrirten Säuren und Alkalien schliesst ihre Fettnatur aus; Auerbach vergleicht sie den Dotterplättchen des Fischeies, ich *) S. haupts. Carter A. m. n. h. 3. XIII. **) Bei Carter erscheinen sie unter der Bezeichnung „granules". ***) Wie sie z. B. neuerdings in sehr hervorragender Grösse und Zahl von Kay Lankester in seiner Lithamoeha discus angetroffen worden sind (Quart, journ. Micr. sc. N. S. T. XIX.) t) Z. f. w. Z. Bd. VII. 1Q^ Rhizopoda. halte es hingegen, wie ich das auch schon früher ausgesprochen habe,*) für das Wahrscheinlichste, dass wir es hier mit einem Endproduct des Stoffwechsels zu thun haben. Da die chemische Natur dieser, bei den Protozoen überhaupt sehr verbreiteten Körperchen mit Sicherheit noch nicht festgestellt ist, so bleibt es bis jetzt nur Vermuthung, in ihnen, wie ich gethan, ein oxalsaures oder, wie Entz will, ein harnsaures Salz anzunehmen. Ihre bei Infusorien häufig sehr eigenthümliche, büschelig krystallinische Beschaffenheit hat mich, hauptsächlich im Hinblick auf ähn- liche Krystallbildungeu oxalsaurer Salze, zu der ausgesprochenen Ver- muthung veranlasst. Die grosse Verbreitung dieser von mir mit dem Namen Secretkörnchen (wohl besser Excretkörnchen) belegten Ein- schlüsse bei den Protozoen überhaupt, lässt auch wohl mit Recht ver- muthen, dass sie bei den marinen Rhizopoden ebenso häufig sein werden, wie bei den Süsswasserformen. Eigenthümlich ist ferner noch, dass es hauptsächlich diese Excret- körnchen zu sein scheinen, welche, durch ihre Anhäufung in gewissen Körpergegenden, die oben schon bei einer Anzahl Süsswasserformen be- tonte Unterscheidung bestimmter Regionen ermöglicht. Es scheint hier- nach, dass die Abscheidung solcher Excretkörnchen bei den betreffenden Formen vorzugsweise auf gewisse Körperregionen lokalisirt ist. Das Vorkommen von Stärkemehlkörnern, als endogener Erzeugnisse der Sarkode des Rhizopodenkörpers, scheint bis jetzt mit Sicherheit in keinem Fall erwiesen zu sein. Auerbach**) erwähnt zwar z. B. des Vor- kommens zahlreicher kleiner Amylumkörnchen in der oberflächlichen Plasmaschicht seines Cochliopodium bilimbosum, jedoch ist derartiges von andern Untersuchern dieser und nahe verwandter Formen bis jetzt nicht wieder gesehen worden. Stärkekörner werden nach Carter***) auch im Protoplasma gewisser Difflugien reichlich angetroffen und sollen sich nach demselben Forscher auch im Plasma seiner Operculina arabica, also einer marinen Form, gefunden haben. f) Ob die Beobachtung Cien- kowsky's,tt) dass die Spindelzellen der in ihrer Stellung noch zweifelhaften Labyrinthula sich durch Jod blau färben, hierhergezogen werden darf, scheint sehr zweifelhaft, da diese Bläuung bei vorheriger Behandlung der Spindeln mit Alkohol nicht eintreten soll. Wir haben dann noch einer Reihe von Inhaltskörpern zweifelhafter Natur zu gedenken, die sich z. Th. verbreiteter, z. Th. hingegen nur bei gewissen Formen im Protoplasma gefunden haben. Hierher gehören zu- nächst blasse Bläschen mit homogenem oder feiugranulirtem Inhalt und einem Durchmesser von etwa 0,002—0,003'", die M. Schnitze sehr ver- breitet bei den marinen Rhizopoden getroffen hat und die durch Einwir- *) Z. f. w. Z. XXX. **) Z. f. w. Z. VIII. ***) A. m. n. h. 3. XII. u. XIII. t) A. lü. 11. h. 8. VIII. tt) Arcli. f. m. A. III. Stärkemehlkömer, Glanzkörper etc. 105 kling von Essigsäure oder verdünnter Kalilauge bis zum Verschwinden erblassen sollen. Ihre Natur dürfte nach diesen Angaben schwer zu beurtlieilen sein. Zweifelhafter Natur sind auch die bräunlichen und z. Th. sehr unregelmässig gestalteten Körperchen, welche nach den Unter- suchungen von M. Schnitze der Grouiia Dujardini ihre braune Färbung verleiben. Ihre Resistenz gegen starke Alkalien und Mineralsäuren und die schwärzlichviolette Färbung durch Jod und Schwefelsäure machen eine Beziehung zu Cellulose noch am wahrscheinlichsten, obgleich ihre Unlös- lichkeit in concentrirtcr Schwefelsäure hiermit nicht übereinstimmt. Von besonderem Interesse erscheinen noch eigenthümliche Einschlüsse, welche die, auch in anderer Beziehung so interessante Pelomyxa gewöhn- lich enthält.*) Zunächst sind die sogenannten Glanzkörper Greeff's zu erwähnen (II. 6d — f, 6 g, f), die wir am besten hier besprechen werden, da ihre Natur bis jetzt noch nicht hinreichend aufgeklärt werden konnte, wenn auch einige Beobachtungen für ihren Zusammenhang mit der Fort- pflanzung der Pelomyxa zu sprechen scheinen. Die Hauptauszeichnung dieser Körper besteht in ihrer homogenen, glänzenden Beschatfenheit, doch lässt sich auf der Oberfläche eine kapselartige, feste, glänzende Hüllschicht nachweisen. In Bezug auf Gestalt und Grössenverhältnisse sind sie sehr verschieden, wenn auch die kugelige Form meist vorherrscht; daneben finden sich jedoch auch ovale bis völlig unregelmässige Gestalten. Gegen verdünnte Essigsäure verhalten sie sich resistent, concentrirte jedoch macht sie zusammenfallen und granulirt und Jod färbt sie stark braun. Greeff" ver- muthet eine selbständige Vermehrung dieser Körper durch Theilung, jedoch darf dies wohl noch als zweifelhaft betrachtet werden, da directe Theilung nicht verfolgt, sondern nur aus bisquitförmigen Gestaltungen erschlossen wurde (6f). In gleicher Weise ist das von Greeff vermuthete Hervorgehen dieser Glanzkörper aus den frei gewordenen Kernkörperchen der zahlreichen Nuclei bis jetzt noch keineswegs hinreichend erwiesen oder auch nur sehr wahrscheinlich. Neben diesen Glanzkörpern birgt nun das Protoplasma der Pelomyxa gewöhnlich noch zahlreiche eigenthümliche, kleine, stäbchenförmige Kör- perchen,**) die häufig dadurch in eine nähere Beziehung zu den Glanz- körpern treten, dass sie dieselben äusserlich dicht umhüllen (II. 6 b). Die Stäbchen, welche aus organischer Substanz gebildet sind, erscheinen hyalin und erreichen bis zu 0,008 Mm. Länge; von einer feineren Structur ist an ihnen kaum etwas mit Sicherheit zu bemerken. e^. Contractilc Vaciiolen. Die Bildung contractiler Vacuolen kommt nur einem Theil der Rhizo- poden zu und scheint sogar der grossen Mehrzahl derselben, nämlich den *) Vergl. Greeff, Arcli. f. m A. X. **) Archer (Qu. journ. uiicr. sc. 1871 p. 101) hat bei den von ihm untersuchten Pelo- myxen diese Stäbchen vermisst, so dass es sich hier doch vielleicht um nicht constanto Gebilde handelt. 106 Ehizopoda, marinen Formen, abzugehen. Ob jedoch letztere dieser Gebilde durchaus entbehren, scheint zur Zeit noch keineswegs sicher gestellt und bedarf es neuer Untersuchungen, um über diesen Punkt ins Klare zu kommen. Mit Sicherheit ist das Fehlen contractiler Vacuolen für eine Anzahl Stisswasserformen festgestellt, so fehlen sie den Protamöben, wie auch bei der viel höher differenzirten Pelomyxa keine besonderen contractilen Vacuolen sich finden sollen. Bei den kernlosen Mjxodictyum und Protogenes Häckel's sind überhaupt keinerlei Vacuolen im Plasma beob- achtet worden. Doch auch beschälten Süsswasserformen fehlen contractile Vacuolen z. Tb,; so sind sie vermisst worden bei Lecythium und Plagio- phrys, wie ja auch für die nahe verwandten Gromien von den meisten F'orschern das Fehlen der Vacuolen behauptet wird, während sie neuer- dings von Wallich sowohl bei marinen als Süsswasser-Gromien angegeben worden sind. Mit Sicherheit fehlen sie jedoch wieder der sehr nahe- stehenden Lieberkühnia.*) Bei gewissen Formen, so nach Häckel's Angabe bei der Protomyxa, scheint sich kaum eine Scheidung zwischen contractilen und nicht con- tractilen Vacuolen ziehen zu lassen, da sich die zahlreich vorhandenen Vacuolen hier sämmtlich sehr langsam zu contrahiren scheinen. Die Zahl der contractilen Vacuolen der zahlreichen Süsswasserformen, wo solche deutlich entwickelt sind, ist sehr verschieden und scheint auch bei einer und derselben Form kaum jemals völlig constant zu sein. Neben solchen, die gewöhnhch nur eine zeigen, wie dies z. B. bei zahlreichen Amöben der Fall ist, treffen wir andere mit 2, 3 und mehr, bis über ein Dutzend bei Arcella z. B. ; Claparede und Lachmann (60) haben Amöben mit bis zu 20 contractilen Vacuolen beobachtet. Auch die Lage der contractilen Vacuolen im Körperprotoplasma ist mannigfachen Verschiedenheiten unterworfen. Während bei den proteischen Amöben auch die contractile Vacuole im Allgemeinen ihre Lage stets wechselt, zeigt sich doch bei zahlreichen eine Neigung zu constanter Lagerung derselben in dem hinteren, bei der Bewegung nachfolgenden Körperende, und bei einer Anzahl von Formen, wie A. Limax und Guttula (IL 2, 3), aber auch verrucosa (Ehrbg.) Duj. (= quadrilatera Carter), ist diese Einlagerung der Vacuole in das Hinterende ganz constant geworden. Bei den monaxonen, beschälten Formen ist ihre Lage recht verschieden, jedoch finden sie sich bei Anwesenheit mehrerer gewöhnlich ziemlich nahe beisammen. So sehen wir die bei Euglypha (HL 12 a) und Trinema meist in mehrfacher Zahl (gewöhnlich bis zu 3) vorhandenen Vacuolen in einer mittleren Zone, auf der Grenze zwischen der körnigen Region und der hinteren homogenen versammelt, und ähnlich verhält es sich auch bei gewissen Gromiinen, wie Platoum (IIL 17 a). Auch bei Arcella (H. 9 a) ist dasselbe Verhahen zu constatiren, indem hier die Vacuolen ringförmig im peripherischen Rand des abgeplatteten Körpers zusammengestellt sind, *) S. Cienkowsky, 104 a, Gromia paludosa = Lieberkühnia Clap. Lachm. Coiitractilo Vacuoleii, Nucloi. 107 welcher Raod ja etwa der Aequatorialzone der gestreckten Formen ent- spricht. Bei anderen Formen treffen wir sie jedoch bald mehr in den vorderen, bald in den hinteren Körperabschuitt verlagert. Das erstere Verhalten gilt für Cyphoderia (III. 13, cv) und Mikrogromia (III. 15 b, c), während sie bei Hyalosphenia und Qiiadrula mehr ins hintere Körperende gerückt sind (II. 10 a ii. 12 cv). Stets jedoch scheinen die Vacuolen, wenigstens kurz vor und während ihrer Contraktion, dicht unter die Körperoberfläche zu rücken, ja zuweilen auch die Oberfläche buckelartig hervorzutreiben (vergl. Platoum stercoreum Cienkowsky, Diaphoropodon Arch. flV. 1, v] und Amoeba Blattae Bütschli). Deshalb darf, im Hinblick auf die Erfahrungen über ihre Entleerung bei anderen Protozoenabtheiluugen, wohl auch hier diese Entleerung nach Aussen angenommen werden. Durch directe Beobachtung ist jedoch dieser Vorgang bei den Rhizopoden bis jetzt noch kaum festgestellt worden; auch sind keinerlei vorgebildete Oefifnungen oder Ausführgänge zur Ent- leerung der Vacuolen gesehen worden. Die Contraktion selbst erfolgt mit sehr verschiedener Schnelligkeit. In gleicher Weise liegen auch nur sehr wenige Erfahrungen über die Neubildung der an Stelle der contrahirten tretenden Vacuole vor. Im Allgemeinen scheint einfach eine kleine, allmählich heranwachsende Va- cuole an Stelle der geschwundenen zu entstehen, doch liegen auch Beobachtungen vor, welche eine Entstehung der Vacuole durch den Zusammenfluss mehrerer kleiner erweisen, wie solches ja bei anderen Protozoenabtheilungen sehr gewöhnlich ist. Ein solches Verhalten hat Greeff bei seiner Amoeba terricola*) constatirt und Verf. später gleich- falls bestätigt gefunden. Hier entstehen an Stelle der contrahirten, in mehrfacher Anzahl vorhandenen und mit den Strömungen des Plasmas hin- und hergeschobenen Vacuolen zahlreiche äusserst kleine, welche sich rasch zu einer Anzahl grösserer vereinigen, die nun ihren weiteren Zusammenfluss langsam weiter fortsetzen, oder durch die Strömungen des Plasma's von einander fortgetrieben werden, um dann erst alhnählich bei ihrer Begegnung weiter zu verschmelzen. Von den in dieser Weise entstandenen, grösseren Vacuolen wird dann zuweilen eine nach der Ober- fläche getrieben, worauf ihre Contraktion eintritt.**) £^. Nuclei der Khizopoden. Allgemeiues Vorkommen der Rhizopodennuclei. Wie schon mehrfach hervorgehoben wurde, ist die Anwesenheit von Nuclei im Protoplasma der Rhizopoda, in dem Umfang, den wir dieser *) Arch. f. mikr. A. II. **) Ganz ähnlicli schildert Lieberkühn die Hervorbildung- der contractilen Vacuole bei einer von ihm beobachteten Amöbe (nach der Beschreibung sehr ähnlich A. Guttula Duj.). Hier vereinigen sich die neu entstandenen, zahlreichen kleinen Vacuolen successive zu einer einzigen grossen , die hierauf stets aus Hinterende geschoben wird , wo ihre Contraction sich vollzieht. (Schrft. d. Ges. z. Bef. d. ges. Naturw. zu Marburg IX. p. 371.) 108 EMzopoda. Abtheilung: g:eben , keineswegs eine allgemeine. Sie geht den häufig mit (Jen übrigen kernlosen Protozoen als Moneren zusammengefassten Formen ab. Wir haben schon früher unsere Gründe angegeben, weshalb wir kernlose sowohl als kernhaltige Formen in näheren Zusammenhang bringen und es vorziehen, ihre verwandtschaftlichen Beziehungen nach ihrem gesammten körperlichen Erscheinen zu bestimmen. Wir werden hierzu hauptsächlich auch noch dadurch bestimmt, dass der Nachweis der Kerne zuweilen keine geringen Schwierigkeiten hat, die häufig noch dadurch erhöht werden mögen, dass, wie sich dies nament- lich durch neuere Untersuchungen herausstellte, statt des früher meist gesuchten einen ansehnhchen Kernes häufig mehr oder weniger zahlreiche kleine vorhanden sind, welche der Beobachtung (namentlich, wenn dieselbe nicht durch Färbungsversuche unterstützt wird) leicht entgehen können. Es wird daher wohl nicht als eine unbegründete Vermuthung bezeichnet werden dürfen, wenn wir hier den Glauben aussprechen, dass mannig- fache im Laufe der Zeit beschriebene monere Khizopoden sich doch noch als kernhaltig herausstellen dürften. Wir persönlich haben bis jetzt noch nicht Gelegenheit gehabt, uns bei unseren mannigfachen Untersuchungen mit einer unzweifelhaft kernlosen SUsswasserform bekannt zu machen. Immerhin liegt kein ausreichender Grund vor, die Existenz kernloser Formen überhaupt bezweifeln zu wollen. Als solche kernlose Formen sind zunächst amöbenartige Süsswasser- und Meeresrhizopoden beschrieben worden, die als Protamoeba oder Gloidium zu besonderen Gattungen erhoben wurden. Weiterhin rechnen wir hierher die Häckel'schen Moneren Protomyxa, Myxodyctium und Protogenes. Von beschälten Formen wird das Fehlen des Kernes durch Claparede und Lachmaun von Lieberkühnia berichtet und von einem auf diesem Gebiet so erfahrenen Beobachter wie Cienkowsky bestätigt. Von mancher anderen Form ist bis jetzt die Kern- haltigkeit noch nicht mit Sicherheit erwiesen, wenn auch das Vorhanden- sein von Nuclei bei nahen Verwandten dieselbe sehr wahrscheinlich macht. Was die marinen Rhizopoden betrifft, so war für diese bis in die neueste Zeit die Annahme ihrer Kernlosigkeit eine allgemeine, bis, wie dies schon früher durch M. Schuhze und Wallich für Gromia festgestellt worden war, durch K. Hertwig und F. E. Schulze auch für eine, bis jetzt zwar ziemlich beschränkte Anzahl mono- und polythalamer Formen die Gegenwart eines oder mehrerer Kerne erwiesen wurde. Wie schon aus den eben gemachten Bemerkungen hervorgeht, ist die Zahl der vorhandenen Kerne bedeutenden Schwankungen unterworfen, so dass wir von einem, und dann gewöhnlich auch durch beträchtliche Grösse sich auszeichnenden Kern Uebergänge bis zu sehr hohen Zahlen, 100 und mehr, finden, in welchen Fällen dann die Kerne naturgemäss eine relativ sehr geringe Grösse zeigen. Wenn wir einerseits derartige weite Schwankungen in der Kernzahl durch eine Reihe verschiedener Formen hindurch zu verfolgen vermögen, so begegnen wir andererseits zuweilen ähnlichen Schwankungen in gleich weitem Spielraum bei einer ö Nuclei. (Zahlenverbältnisse.) 109 und derselben Form, wenn auch für gewöhnlich die Differenzen in der Zahl der vorhandenen Kerne sich in engeren Grenzen bewegen. Nach solchen Erfahrungen dürfte es überhaupt fraglich erscheinen, ob sich die Einkernigkeit bei einem Rhizopoden das gesammte Leben hindurch erhält und ob nicht derartige raehrkernige Zustände zu gewissen Zeiten den Rhizopoden durchaus eigenthümlich sind. Letztere Vermuthung wird noch durch die Auffassung der mehrkernigen Zustände überhaupt gestützt, denn es kommt diesen ohne Zweifel eine nicht un- wichtige Bedeutung im Leben unserer Organismen zu, und werden wir dieselbe wohl, ohne fehlzugehen, auf dem Gebiete der Fortpflanzung zu suchen haben. Zunächst machen wir uns hier mit den einschlägigen Verhält- nissen etwas näher bekannt. Eine geringe Zahl von Kernen ist gewöhnlich den Amöben eigenthümlich; einer (IL 1—5 n), zuweilen jedoch auch 2 und 3 finden sich hier zumeist, doch zeigt sich gerade bei gewissen hierhergehörigen Formen eine aufallende Vermehrung der Kerne bei bestimmten Individuen. So hat Bütschli*) bei der Am. princeps neben einkernigen, durch einen recht ansehnlichen Kern ausgezeichneten Individuen häufig auch solche gefunden, welche eine grössere bis sehr grosse Zahl (100—200) Kerne enthielten, so dass sich alle Uebergangsstufen bezüglich der Kernzahl nachweisen Hessen, wie solches auch durch frühere Untersuchungen von Stein, Wallich**) und Carter***) wahrscheinlich gemacht worden war, wenn auch die beiden letzteren Forscher die zahlreichen kleinen Kerne fälschlich (Carter z. B. als Fortpflanzungszellen) deuteten. Während wir so bei Amoeba (ähnlich verhält sich nach Bütschli auch die A. Blattae) zuweilen eine sehr hohe Kernzahl antreffen, hat sich ein solches Verhalten bis jetzt bei der wohl nahe verwandten, grossen Pelomyxa durchaus gezeigt; die Zahl der hier vorhandenen Kerne ist stets eine sehr grosse und steht in Beziehung zu der Grösse des Thieres, so dass sehr grosse Exemplare gewiss mehrere Hundert solcher Zellkerne einschliessen (II. Gg, e). Obgleich eine ziemliche Zahl der beschälten Monothalamen des süssen Wassers bis jetzt nur in Besitz eines oder doch nur weniger Zellkerne getroffen wurde, zeigen andere ganz ähnliche Verhältnisse wie die eben erwähnten Amöben, und gerade von solchen, wie z. B. Arcella und Difflugia, sind die grossen Schwankungen in der Kernzahl schon ver- hältnissmässig lange bekannt. Bei Arcella finden sich fast durchaus mehrere Kerne (IL 9 a, n) und ihre Zahl ist grossen Differenzen unterworfen, während gewöhnlich etwa 3 — 6 vorhanden sind, hat doch schon Auerbach Individuen mit etwa 40 Kernen beobachtet. Aehnliches treffen wir auch bei der nahe verwandten Gattung Difflugia. Hier findet sich gewöhnlich im hinteren Abschnitt des Körpers ein Kern, jedoch hat neuerdings *) Abb. d. Senckeiib. naturf. Gesellscli. X. p. 164 (d. Sep.-Abdr.). **) An. 111. n. h. S. s. XL u. XII. ***) An. m. n. L. 3. s. XII, 110 Rhizopoda. R. Hertwig*) auch Individuen der Difflugia proteiformis untersucht, die bis zu 40 Kernen enthielten und gleiches wurde auch schon früher von M. Schultze berichtet. Diese Erfahrungen machen es nicht unwahrschein- lich, dass die von Carter bei mehreren Gelegenheiten beschriebenen sogen. Fortpflanzungszellen der Difflugia pyriformis und compressa in gleicher Weise, wie dies oben bezüglich der sogen. Fortpflanzungszellen der Amöben angedeutet wurde, als solche in grosserer Menge vorhandene kleine Nuclei betrachtet werden dürfen. (Wir werden späterhin bei Er- örterung der Fortpflanzung nochmals auf diese Angelegenheit zurück- zukommen haben.) Auch für einen marinen Rhizopoden, nämlich die Gromia oviformis, wurden schon vor längerer Zeit durch M. Schnitze**) ganz gleiche Ver- hältnisse constatirt. Bei jungen Thieren findet sich hier ein Kern, wie das unter den seither beschriebenen Formen auch für Ärcella nachgewiesen wurde. Bei den älteren Exemplaren hingegen war die Zahl der Kerne stets vermehrt (IV. 6n), so dass sich eine grosse Mannigfahigkeit ver- schiedener Kernzahlen, von 2 bis zu 60 auffinden Hessen. Im letzteren Fall fand sich jedoch neben den zahlreichen kleinen noch ein etwas grösserer. (Auch M. Schultze wurde durch diese Beobachtungen über die zahlreichen kleinen Kerne der Gromien auf die Vermuthung geführt, dass es sich hier möglicherweise um Fortpflanzungszellen handle.) Wie schon oben hervorgehoben wurde, sind die Beobachtungen über die Verbreitung der Kerne bei den kalkschaligen und sandschaligen Rhizopoden noch sehr spärlich. Die ersten einschlägigen Beobachtungen auf diesem Gebiet rühren zwar auch schon von M. Schultze her, dennoch sind bis jetzt die Kerne nur bei einer kleinen Zahl von Gattungen nach- gewiesen. Schultze (53) hat sich von der Gegenwart eines kernartigen Körpers bei einer zu Lagena (Oolina d'Orb.) mit Zweifel gestellten Form überzeugt, die mir überhaupt nicht zu dieser Gattung zu gehören, sondern eine kalksandschalige Form zu sein scheint. Ebenso hat er einen hellen kernartigen Fleck in der jüngsten Kammer junger Pulvinulinen (Rotalia veneta M. Seh.) und in den beiden jüngsten Kammern gewisser Textu- larien nachgewiesen. Kerne sind jedoch auch von einem englischen Forscher, wiewohl o"hne ihre wahre Natur zu erkennen, bei einer Reibe mariner Rhizo- poden nachgewiesen worden. Es scheint mir nämlich keiner Frage zu unterliegen, dass die von Str. Wright***) im Protoplasma von Gromiinen, Miliolinen, Orbulina, Rotalina und Truncatulina aufgefundenen, vermeint- lichen Eier nichts weiter als die Kerne der betreffenden Formen waren ; wenigstens scheint dies mit grosser Sicherheit aus der Abbildung der *) Jenaisclie Zeitschr. f. Naturwissensch. Bd. XI. **) 53 u. Arcli. f. m. A. 11. ***) A. m. n. h. 3. VH. ^1 Nuclei. (Vorkommen bei uiarinen Eliizopoden, Zahl, Lage.) 111 betreffenden Eier in einer ziemlich reicbkammerigen Truneatulina hervor- zugehen. *) Mit voller Sicherheit sind dagegen erst in neuerer Zeit die Kerne mit Hülfe von Färbungsmethoden von F, E. Schulze und R. Hertwig bei einer Reihe mariner Formen nachgewiesen worden. Auch hier ver- ratheu die zum Theil sehr schwankenden Zahlenverhältnisse der Kerne ein ähnliches Verbalten, wie bei den schon besprochenen Formen. So fand F. E. Schulze bei der monothalamen Lagena (Entosoienia) globosa Will. 1 Kern, ähnlich auch bei der Quinqueloculina fusca Brdy., dagegen R. Hertwig bei Spiroloculina hyalina F. E. Seh. 1 — 7 Kerne (IV. 16). Bei den von Hertwig untersuchten kleinen Rotalinen (wahrscheinlich Pnlvi- nulina) schwankte die Keinzahl zwischen 1 — 4, so dass in einer Anzahl von Fällen die Zahl der Kerne der Kammerzahl gleichkam, z. Th. jedoch auch geringer blieb. Eine Beziehung zwischen der Anzahl der Kammern und Kerne polythalamer Rhizopoden ist jedoch in keiner Weise Regel; so fand sich bei 2 Textularien mit respective 5 und 13 Kammern je nur 1 Kern und dasselbe gilt für Globigerina (VH. 28 a) und eine sogen. Rotalina inflata Will.**) (VII. 38) nach R. Hertwig. Auch F. E. Schulze fand bei der vielkammerigen Polystomella striatopunctata F. u. M. ge- wöhnlich nur einen Kern, seltener 2 und nur einmal 3. Jedenfalls geht aus diesen Beobachtungen zur Genüge hervor, dass die Zahl der Kerne bei den Polythalamen , möge sie auch noch so verschieden sein, in keiner Weise mit der Karamerzahl correspondirt. Hinsichtlich der Kernverhältnisse der marinen, sandschaligen Rhizo- poden ist bis jetzt nur sehr wenig ermittelt worden. Bessels***) hat in dem Protoplasma der Astrorhiza limicola eigenthümliche kugelige Körper beobachtet, die er encystirten Moneren vergleicht und die, nach der Abbildung zu urtheilen, wohl Kerne gewesen sein könnten. Diese Deutung wird dadurch, dass neuerdings R. Lankesterf) im Protoplasma der Haliphysema grosse Mengen bläschenförmiger, kugeliger Kerne beobachtete, wesentlich sicherer. Was die Lage der Kerne im Protoplasraakörper betrifft, so ist die- selbe häufig eine sehr wechselnde, da sie als frei im Protoplasma (resp. Entoplasma, wo ein solches entwickelt ist) schwebende Körper mit dessen Verschiebungen auch ihre Lage ändern. Dies gilt z. B. fast durchaus für die Amöben und Verwandten, wenngleich bei den oben schon hervor- gehobenen Formen, welche mit einer eigenthümlichen Bewegungsweise *) Die Kichtigkeit dieser Deutung wird ganz unbezweifelbar, wenn man bemerkt, dass W'right die von ihm bei seiner Boderia (Journ. Anat. and Phys. 1. 1867) beschriebeneu Kerne bald als Nuclei, bald als Eier bezeichnet, also die Kerne der Rhizopoden, wie aus weiteren Bemerkungen hervorgeht, eben für die Eier hält. **) Dieselbe ist jedoch jedenfalls nicht identisch mit der Williamson'schen Art, da letztere nach Parker und Jones eine sandschalige sogen. Trochammina ist. ***) Jen. Zeitschr. IX. t) Qu. j. micr. sc. XIX. -[^2 Rhizopoda. eine fast constante Lagerung der Vacuole im Hinterende verbinden, auch der Kern gewöhnlich hinten, in der Nähe der Vacuole, sich findet. Bei Anwesenheit zahlreicher Kerne sind dieselben meist durch den ganzen Körper vertheilt, doch auch zuweilen, wie z. B. bei Gromia, vorzugsweise im Hinterende versammelt. Diese Einlagerung des einen oder der in Mehrzahl vorhandenen Kerne im Hinterende des monaxonen Körpers ist bei den monothalamen Süsswasserformen und wie es nach der Beob- achtung F. E. Schulze's bei Lagena scheint, auch bei den marinen sehr gewöhnlich. Für die polythalamen Formen darf bei Anwesenheit von nur einem Kern wohl vorausgesetzt werden, dass derselbe ursprünglich seine Lagerung in der Embryonalkammer hatte. Da er jedoch späterhin nicht mehr in derselben angetroffen wird, sondern sich nach F. E. Schulze bei Poly- stomella gewöhnlich in einer Kammer des mittleren Drittels findet, so darf schon hieraus auf eine allmähliche Vorwärtswanderung des Kernes mit der Zunahme der Kammerzahl geschlossen werden. Das Gleiche ergibt sich aus den Beobachtungen Hertwig's an Globigerina und der sogen. Rot. inflata. Aber auch durch directe Beobachtung liess sich eine solche Vorwanderung bei den Polythalamen sehr wahrscheinlich machen, in- dem es beiden Forschern gelang, den Kern noch im Stadium des Durch- tretens von einer zur folgenden Kammer wahrzunehmen. Die grosse Enge der Verbindungsöflfnungen zwischen den aufeinanderfolgenden Kammern bei Polystomella macht es nothwendig, dass sich der Kern beim Durch- tritt sehr schmal auszieht. Bei gewissen Globigerina-Arten wird durch die Beobachtung eines solchen Durchtretens des Kernes (VH. 28 a, n) von einer Kammer in die andere die Existenz einer Communikationsöffnung zwischen den Kammern sicher erwiesen. Gestalts- und Baiiverliältnisse der Ehizopodenkerne. Soweit die bis jetzt vorliegenden Untersuchungen reichen, ist die Gestaltung der Rhizopodenkerne fast durchweg eine kugelige, ellipsoidische oder scheibenförmig abgeplattete. Bandförmig verlängerte oder gar ver- ästelte Kerngestalten, wie sie in anderen Protozoenklassen zuweilen auf- treten, sind hier noch nie be^pbachtet worden. Was ferner die feineren Bauverhältnisse betrifft, so ist der sogen, bläschenförmige Bau der bei weitem vorherrschendste und, wie wohl mit Recht angenommen werden darf, auch der ursprünglichste. Diese Bau- weise des Zellkernes sehen wir namentlich bei den zahlreichen Süsswasser- formen fast durchaus vertreten und auch bei gewissen marinen Formen ist eine ähnliche Bildungsweise sehr wahrscheinlich. Ein derartiger bläschenförmiger Kern (H. 1—3, 9a; HL 10 etc. n) zeigt zunächst eine mehr oder minder deutliche Kernhülle oder Kernmembran, welche von einer hellen, durchsichtigen, und, wie wohl aus ihrer allgemeinen Erscheinung mit Recht gefolgert werden darf, flüssigen Masse erfüllt ist, dem sogen. Bau des Nuclcus. (Kernkörper.) 113 Kernsaft. Innerhalb dieser findet sich sodann ein mehr oder minder an- sehnlicher, ziemlich dichter und daher dunkelbläulich erscheinender Binnen- oder Kernkörper. Wie angedeutet, schwankt dieser Binnenkörper in seinen Grössenverhältnissen sehr beträchtlich ; er kann den von der Kern- hülle umschlossenen Raum nahezu völlig ausfüllen, so dass zw^ischen ihm und der äusseren Membran nur eine schmale, helle, mit Kernsaft erfüllte Zone übrig bleibt, oder es sinkt seine Grösse mehr und mehr herab, bis er schliesslich nur ein unansehnliches Korn in dem weiten , von Kernsaft erfüllten Binnenraum des Nucleus darstellt (IL 12). Nicht sämmt- liche Kerne der Süss wasserformen verharren jedoch auf einer so einfachen Bildungsstufe, sondern ein Theil zeigt eine etwas complicirtere Form, welche sich wohl durch eine Umbildung des ursprünglich einfachen Binnen- körpers von der eben geschilderten herleiten lässt. So zeigt sich z. Tb. eine Vermehrung der verhältnissmässig kleinen Binnenkörper, statt eines finden sich eine Anzahl rundlicher Kernkörperchen, wie z. B. nach F. E. Schulze bei Hyalosphenia (bis 6 Körperchen), in geringerem Maass auch bei Cyphoderia (II. 10, n). Auch scheint es nach den vorliegenden Beobachtungen nicht unwahrscheinlich, dass sich bei ge- wissen Formen eine zeitweise Veränderung in dem gewöhnlichen Ver- halten des Kernes zeigt; so wird z. B. für die Euglyphen von Carter und Hertwig-Lesser in übereinstimmender Weise ein einfacher, bläschen- förmiger Kern beschrieben, während F. E, Schulze bei den von ihm untersuchten Exemplaren entweder gar nichts von einem Kernkörper oder an dessen Stelle eine grössere Anzahl kleiner Kernkörperchen fand. Bei manchen Formen scheint jedoch die Zertheilung des einfachen Kernkörpers noch weiter zu gehen, wenigstens dürfen wir diese Auffassung im Interesse der Schilderung hier festhalten; so zeigen die zahlreichen kleinen Kerne gewisser Formen der Amoeba Princeps einen ziemlich ab- weichenden Bau (IL Ib). Hier liegt dicht unter der Kernmembran eine Zone kleiner, dunkler Körperchen, in einfacher Schicht angeordnet. Aehn- lich scheint sich der Bau des Kernes bei den erwachsenen Formen der Amoeba terricola Greeff's (IL 5 n) und der Amphizonella violacea desselben Forschers zu verhalten, nur wird hier eine völhge Erfüllung des Kern- inneren von solchen kleinen rundlichen Körperchen beschrieben, was mir jedoch, wenigstens für die A. terricola, nach den gegebenen Abbildungen nicht ganz wahrscheinlich zu sein scheint.*) Bei den mit wenigen oder *) S. Greeff, Arch. f. mikr. Anat. Bd. IL — Audi bei Pelomyxa zeigen die so massen- haft vorhandenen Kerne einen sehr ähnlichen Bau. Der Innenseite der sehr deutlichen Kern- hülle sind im wasserhellen Kerninhalt (wohl Kernsaft) zahlreiche, meist ziemlich feine Körnchen angelagert, unregelmässiger oder regelmässiger über die ganze Innenfläche und zuweilen auch noch durch den eigentlichen Binnenraum der Kerne zerstreut. Zuweilen fand GreefF diese feinen Kernkörner vergrössert und mit vacuolenartigen Bläschen im Inneren. Durch weitere Vergrösserung der Körner und hauptsächlich dieses Bläschens lässt er aus ihnen schliesslich die früher geschilderten, sogen. Glanzkörper der Pelomyxa hervorgehen, welche durch Sprengung der Kernhülle ins Körperprotoplasma übertreten sollen. Bronn, Klassen des TMer-Eeiclis. Protozoa. § 114 Ehizopoda. nur einem grossen ovalen Kerne verseheneu Exemjjlaren der A. Princeps bat sich der feinere Bau des Kernes etwas anders gestaltet (II. 1 c), statt der Zone rundlicher Körner unterhalb der Kernmerabran findet sich hier eine ähnlich gelagerte Zone, welche aus unregelmässigen, feinkörnigen, hier und da netzförmig verzweigten und zusammenhängenden plasmatischen Massen besteht, also eine Bildung zeigt, welche an das Fadennetz der Zellkerne, wie es durch neuere Forschungen in weiter Verbreitung nach- gewiesen wurde, erinnert. Eine ziemliche Aehnlichkeit mit den geschilderten Kernen der Amöben scheinen auch die Kerne eiuer Anzahl bis jetzt hierauf untersuchter mariner Rhizopoden zu zeigen. Nach M. Schnitze sind die Kerne der Gromien gänzlich von kleinen, sehr blassen Bläschen erfüllt und nach F. E. Schulze enthält der ansehnliche Kern älterer Polystomellen zahl- reiche stark lichtbrechende, meist kugelige Einschlüsse, während der kleinere Kern jugendlicher Exemplare meist nur einen solchen nucleolus- artigen Körper einschliesst, so dass hieraus auf eine fortdauernde Ver- mehrung dieser Einschlüsse mit dem Wachsthum des Kernes geschlossen werden darf. Besonders eigenthümlich verhalten sich noch die Kerne gewisser von R. Hertwig untersuchter Rotalinen und Globigerinen. Bei den ersteren zeigten zuweilen vorhandene, kleine Kerne eine ganz homogene Beschaffen- heit, gewöhnlich war jedoch der nur in der Einzahl vorhandene, kugelige und ziemlich grosse Kern sehr eigenthümlich gebaut, wie solches bis jetzt in ähnlicher "Weise nur bei gewissen ciliaten Infusorien nachgewiesen wurde. Zunächst war der Kern hier nicht bläschenförmig, sondern es umschloss die Kernmembran (sie wurde jedoch hier nicht direct beob- achtet) einen sie vollständig erfüllenden, plasmatischen Inhalt, der sich aus zwei Abschnitten zusammensetzte (VII. 38 n), einem feinkörnigen, dichteren, sich mit Karmin stärker färbenden und einem hellen homogenen, der sich nur schwach färbte. In ihrer Grösse verhielten sich beide Ab- schnitte etwa gleich, oder es blieb der homogene hinter dem körnigen an Grösse zurück. Wir erwähnen schliesslich noch, dass auch der von F. E. Schulze bei Lagena beobachtete Kern eine homogene oder, nach der Anwendung von Säuren, feinkörnige Beschaffenheit zeigte. Auch die von Ray Lankester beschriebenen Kerne der Haliphysema scheinen sich ihrer Bauweise nach innigst hier anzuschliessen , da sie innerhalb einer deutlichen, dicken Kernhülle einen feingranulirten oder homogenen Inhalt zeigen. ^. Pseudopodienbililung', Bewegung und Nahrungsaufnahme der Ehizopoda. Wie die Ueberschrift dieses Abschnittes besagt, werden wir hier mit der allgemeinen Besprechung der Pseudopodienbildung gleichzeitig auch die Bewegungs- und Ernährungsverhältnisse in Betracht ziehen, da die- Pseudopoclienbildung-. (Lobosa,) 115 selben ja mit der Beschaffenheit der Pseudopodien in den innigsten Beziehungen stehen. Wie schon gelegentlich angedeutet wurde, kennen wir einfache nackte Rhizopodenfornien , gewisse Amöben, welche eigentlich gar keine beson- deren Pseudopodien entwickeln, sondern sich fliessend mit ihrer ge- sammten Masse bewegen, ohne hierbei tiefgreifende Gestaltsveränderungen zu zeigen. In der A. Guttula und Limax haben wir derartige Formen schon kennen gelernt und auch die ansehnliche Pelomyxa bewegt sich, wenigstens häufig, für längere Zeit in dieser Weise. Der Vorgang dieser fliesseuden Bewegung des gesammten Rhizopodenleibes ergibt sich bei näherer Untersuchung in der Art, dass von der hinteren Region, das heisst der bei der Bewegung das Hinterende bildenden Leibespartie, das Proto- plasma beständig in einem Strom in der allgemeinen Bewegungsrichtung des Organismus nach dem vorderen Ende hineilt und, hier angelangt, zu beiden Seiten abfliessend, sich in den seitlichen Tbeilen nach hinten wendet. Zu beiden Seiten der mittleren Leibesgegend sammeln sich so die zurück- kehrenden Protoplasmamassen an und gehen in einen relativ ruhenden Zustand über, indem ihre Rückwärtsbewegung allmählich erlischt. Weiter- hin werden dann diese Ansammlungen ruhenden Protoplasmas wieder in den nach vorwärts sich bewegenden Strom hineingezogen, so dass also eine Art Cirkulation des gesammten Leibesprotoplasmas die Grundlage für die fliessende Bewegung des Körpers abgibt. Eine derartige Cirkulation des gesammten Körperprotoplasmas in ziemlich regelmässiger Weise sehen wir nun zuweilen, abgesehen von den bei jeder Pseudopodienentwickelung nothwendigen Strömungen und Verschiebungen, auch neben einer reichlichen Pseudopodienentwickelung stattfinden. Hierfür bietet die sogen. Lieberkühnia (= Gromia paludosa Cienkowsky) ein gutes Beispiel. Ganz ähnlich im Allgemeinen wie die fliessende Bewegung des gesammten Leibes, welche eben geschildert wurde, verhält sich auch die Entwickelung eines Pseudopodiums bei den übrigen Lobosen ; hier bewegt sich der strömende Zufluss des Protoplasma's nach einer oder mehreren lokal beschränkten Stellen der Leibesoberfläche hin und tritt hier als ein fingerartiger, an seinem Ende stumpf abgerundeter Fortsatz hervor. In einem solchen Pseudopodium verhält sich der eintretende Strom ganz ähnlich, wie wir das eben bei der Strömung des gesammten Leibesproto- plasmas gesehen haben, das heisst: es bewegt sich das Protoplasma in dem axialen Theil des Fortsatzes nach vorwärts und fliesst au dessen Ende allseitig nach den Seiten hin ab, und indem es sich hier in relativ ruhendem Zustand anhäuft, wächst durch fortdauernden, inneren Zufluss das Pseudopodium allmählich in die Länge. Hierbei kann es sich dann ereignen, dass sich der zufliessende Strom an seinem Ende ver- zweigt, in Folge dessen dann auch das Pseudopodium sich verästelt und durch mehrfache Wiederholung derartiger Stromabzweigungen können sich dann schliesslich mehrfach getheilte Pseudopodien hervorbilden. 8* WQ Ehizopoda. Ebenso wie solclie Pseudopodien an einer oder mehreren Stellen der Körperoberfläche hervorgeflossen sind, wie man sich wohl ausdrücken darf, werden sie jedoch auch wieder eingezogen. Dieser Vorgang der Zurückziehung der Pseudopodien bietet ungefähr das entgegengesetzte Bild wie ihre Entstehung. Indem nach einer gewissen Zeit der Zufluss aus dem Körperinneren sistirt, kommt das Pseudopodium zu einem kurzen Ruhezustand, es steht der zufliessende axiale Strom desselben still. Mittlerweile haben sich die Strömungsrichtungen des Körperplasmas überhaupt geändert und in Folge dessen beginnt, durch Zuströmung des Plasmas nach einer anderen Stelle der Körperoberfläche, sich hier ein neues Pseudopodium hervorzubilden. Nach einiger Zeit sehen wir dann, wie der axiale Theil des Plasmas des alten Pseudopodiums in eine rückströmende Bewegung tibergeht und so die Plasmamasse des Fort- satzes, zunächst von der Endspitze desselben beginnend, allmählich in den Körper zurückgeführt wird, wobei sich, entsprechend dem Ahfluss, das Pseudopodium allmählich verkürzt, bis es schliesslich wieder völlig in die allgemeine Leibesmasse aufgenommen worden ist. In solcher Weise also sehen wir Neu- und Rückbildung der Pseudopodien bei den mit derartigen läppen- oder fingerförmigen Pseudopodien ver- sehenen Amöben und Verwandten vor sich gehen, die man häufig (nach dem Vorgange Carpenter's), eben wegen dieser Beschaffenheit ihrer protoplasmatischen Leibesfortsätze, als Lobosa zusammenfasst. Ist die Leibesmasse solcher Formen deutlich in eine hyaline Rinden- schicht oder Ectoplasma und eine körnige Inneumasse oder Entoplasma gesondert, so bilden sich die Pseudopodien zunächst ausschliesslich aus dem hyalinen Ectoplasma und bestehen auch, wenn sie eine massige Grösse nicht überschreiten, gewöhnlich nur aus solchem. Wenn sich je- doch durch fortgesetzten Plasmazufluss das Pseudopodium zu ansehnlicher Grösse entwickelt, dann tritt gewöhnlich auch die körnige Entoplasma- masse in dasselbe ein und bildet eine axiale, körnige Partie des basalen Abschnittes des Pseudopodiums (IL la). Aus diesen Verhältnissen darf wohl der Schluss gezogen werden, dass es die hyaline Ectoplasmaschicht ist, welche vorzugsweise die Strömungserscheinungen zeigt und dies geht auch noch dadurch besonders hervor, dass sich auch bei dem Hinfliessen, ohne Entwicke- lung eigentlicher Pseudopodien, eine Anhäufung solch hyalinen Plasmas am Vorderende findet, wenn überhaupt eine Sonderung in die beiden Plasmapartien am Leibe des betreffenden Rhizopoden ausgebildet ist. So sehen wir denn auch die Pseudopodienbildung bei einer Reihe von Lobosen, an deren Körper sich keine deutliche Scheidung zwischen Ecto- und Entoplasma durchführen lässt, dennoch nur aus hyalinem oder doch sehr feinkörnigem Plasma stattfinden, wie dies der Fall ist bei den be- kannten beschälten Lobosen, Arcella, Difflugia, Hyalosphenia, Qua- drula etc. (s. II). Unter den Lobosa selbst zeigt jedoch im Speciellen die Gestaltung Pseudopodienbilduiig. (Lobosa.) 117 der Scheinfüsschen eine ziemlich reiche Mannigfaltigkeit, und eine nicht unbeträchtliche Reihe noch hierherzurechnender Formen weist schon An- klänge an die Gestaltungsverhältuisse, wie wir sie in vollkommenerer Weise bei den sogen. Reticulosa späterhin kennen lernen werden, auf. Bei den nackten Formen der hier zu betrachtenden Gruppe, also vorzugsweise den Amöben und Verwandten, wird natürlich die Gesammt- gestalt des Körpers im beweglichen Zustand durch Gestalt und Bildungs- weise der Pseudopodien bestimmt. Neben Formen mit kurzen, stumpfen Fortsätzen, welche allseitig vom Körper in grösserer oder geringerer Zahl entspringen, treffen wir solche, bei welchen dieselben länger und dünner, mehr fingerförmig werden. Entspringen solche Fortsätze gleichmässig von dem gesammten Rand des ziemlich scheibenförmigen Körpers, so erhält der Körper ein strahliges Aussehen, wie z. B. bei der Dactylo- sphaera H. und Lesser's (I. III. 11, 12), der Amoeba polypodia M. Seh. (F. E. Seh.) und der Amoeba radiosa (bei letzterer treten jedoch auch Formen auf, welche sich durch sehr lange, dünne, strahlenartige Pseudo- podien von den übrigen Amöben entfernen [I. 10]). Andererseits sehen wir die Enden der fingerförmigen Pseudopodien sich nicht selten ver- zweigen (seltener bei A. diffluens 0. F. M., häufiger bei A. brachiata Duj.), und in eigenthümlicher Weise zugespitzt und zerschlitzt erscheinen die Pseudopodien der A. lacerata (Duj.) From. Auch die beschälten Formen zeigen z. Th. etwas abweichende Bildungsverhältnisse, so besitzt eine von Hertwig und Lesser beschriebene Difflugia acropoda ziemlich breite, ab- geflachte und flammenartig spitzig zerschlitzte Pseudopodien, welche an die der ebenerwähnten A. lacerata sich anschliessen. Auch treten hier z. Th. besonders abweichende Pseudopodienbildungen auf; so dürfen hierher gerechnet werden die eigenthümlichen, an ihren Enden schwimmhautartig verbreiterten Pseudopodien von Petalopus (II. 13) Gl. u. L. und die noch merkwürdigeren, membranartigen Pseudopodien von Plakopus F. E. Seh., welche sich in verschiedenen Richtungen vom Körper erheben können, unter sich winkelig zusammenstossend und so trichter- oder kappenförmige Hohlräume zwischen sich einschliessen (II. 14). Im Anschluss an die Betrachtung der Pseudopodienentwickelung der Lobosa fügen wir hier gleich einige Angaben über die Art der Nahrungs- aufnahme bei, da ja dieser Process in directer Beziehung zu der Pseudopodienbildung steht. Es liegen hauptsächlich bei den Amöben ge- nauere Beobachtungen dieses Vorgangs vor, wo Lachmann*) und Leidy**) denselben in übereinstimmender Weise verlaufen sahen. Ein aufzunehmen- der Nahrungskörper wird von den Pseudopodien gewissermaassen allseitig umflossen und indem sich dieselben jenseits um den Nahrungskörper ver- schmelzend vereinigen, wird dieser, sammt einer gewissen Quantität Wasser, in den Protoplasmakörper aufgenommen. Auch ein einzelnes *) Verh. d. iiat.-h. Ver. d. preuss. Eheinl. XVI. **) Proceed. Acad Philad. 1874. p. 143 u. 1877.. p. 2^ 118 Rhizopoda. Pseudopodium wird ohne Zweifel die Fähigkeit besitzen, einen kleineren oder grösseren Nahrungskörper derartig zu umfliessen. Etwas anders gestaltet sich jedoch der Vorgaog bei Aufaahme ansehnlich grosser Nahrungstheile, so z. B. längerer Algenfäden; in solchen Fällen sieht man die Amöbe gewissermaassen den Nahrungskörper umfliessen, der in dieser Art, häufig nicht ohne beträchtliche Anstrengungen des Amöben- körpers und zuweilen erst nachdem hierdurch der Algenfaden in mehrere Stücke zerbrochen worden ist, in den Körper aufgenommen wird. Interessant ist die neuerdings von Duncan*) und Leidy gemachte Beobachtung, dass die Amöben hauptsächlich mit ihrem sogen. Hinterende die Nahrungsaufnahme vollziehen sollen. Wie [angegeben, zeigt sich schon bei einer ziemlichen Zahl den echten Lobosen sehr nahestehender Formen eine Hinneigung zur Ent- wickelung zarterer, fadenförmiger und zugespitzter Pseudopodien. Diese treten uns in noch höherer Entwickelung in der Abtheilung der sogen. Keticulata entgegen. Einfachere Verhältnisse, durch welche ein naher Anschluss an die eben charakterisirten Lobosen vermittelt wird, zeigen uns die meisten Süsswasserformen dieser Gruppe, wie ja auch die Lobosen vorzugsweise dem süssen Wasser angehören. Hier treffen wir zarte, ziemlich dünne, häufig noch ganz hyaline Pseudopodien mit mehr oder minder ausgeprägt spitzwinkeliger Verästelung ihrer Enden, jedoch ohne grosse Neigung zur Verschmelzung unterein- ander. Es bilden sich hier entweder nur wenige oder keine Ana- stomosen zwischen den Pseudopodien, fast nie aber ein so reiches Netzwerk, wie dies bei den marinen Reticulata fast durchweg der Fall ist. Treffliche Beispiele dieser Form der Pseudopodienbildung sehen wir bei Euglypha, Trinema, Cyphoderia, Platoum und Lecythium (s. HL), hier finden wir dieselben ganz hyalin und körnchenlos ; auch die Amphi- stomeen schliessen sich hier an. Gewisse Gromien (z. B. Gromia Dujar- dini M. Seh.) besitzen ähnliche, hyaline, spitzig verästelte und sehr starr erscheinende Pseudopodien. Ob bei solchen hyalinen Pseudopodien eine ähnliche, wahrscheinlich nicht fehlende Strömungserscheinung des Plasmas der Pseudopodien stattfindet, wie sie an den köruerführenden Pseudo- podien sehr deutlich ist, kann bei dem Mangel der Körnchen hier nur schwierig festgestellt werden. Die typisch reticulären Formen, wozu wir ausser einer kleinen Zahl von 'Süsswasserformen — wie z. B. die Mikrogromia, Lieberkühnia, einen Theil der Gromien und Pseudodifflugien — die grosse Masse der marinen Rhizopoden zu rechnen haben, zeichnen sich durch die meist sehr feinen, fadenförmigen, gewöhnlich in sehr grosser Anzahl entwickelten Pseudopodien aus. Dieselben sind körnchenführend, zeigen das Phänomen der sogen. Körnchenströmung und treten durch mehr oder weniger zahlreiche, *) Duncan, P. M. , Studies amoiigst Amoeba. Populär science review 1S77. (Nicht eingesehen !) P:>eudoi)odienbildung-. (ßeticulata.) 119 netzförmig zwischen den Pseudopodien ausgespannte Anastomosen in Communikation (IV. 6; IX. 1; XL 2). Die trefflichsten Schilderungen derartiger Pseudopodiennetze, ihrer Bildung und ihres Verhaltens, hat M. Schnitze bei mehreren Gelegenheiten gegeben. *) Bei den einnitindigen imperforaten Formen entwickeln sich diese sehr zahlreichen, in ihrer Stärke etwas schwankenden Pseudopodien aus der einfachen Schalen- öffnung, z. B. einer Gromia oder Miliola;**) zuweilen breitet sich je- doch das Protoplasma, indem es reichlicher aus der Mündung hervorquillt, wie ein Ueberzug über die Schale aus und lässt nun allseitig die zarten Pseudopodien ausstrahlen. Bei den Perforaten scheint zwar die Entwicke- lung der Pseudopodien gleichfalls zunächst von der weiteren Schalen- mündung aus vor sich zugehen, späterhin treten jedoch die Pseudopodien allseitig aus den Poren der Schale hervor. Es bestehen diese Pseudopodien, wie eine Untersuchung bei starker Yergrösserung nachweist, aus einem sehr feingranulirten Plasma, das zahlreiche stark lichtbrechende Körnchen, von rundlicher bis stäbchen- förmiger Gestalt, mit sich führt, die an der Oberfläche der Fäden hin- gleiten, so dass sie meist über dieselbe noch etwas hinausragen. Wie schon bemerkt, sind diese Körnchen in mehr oder minder lebhaft strömen- der Bewegung begriffen; man sieht sie an den Fäden einerseits von der centralen Körpermasse hinauseilen bis zu dem äussersten Pseudopodien- ende, während sie andererseits auf den gleichen Fäden in rückläufigem Strom sich zur Schale zurückbewegen. Hieraus geht hervor, dass sich an jedem der Pseudopodienfäden das Plasma in strömender Bewegung befindet, dass sich ein Strom, aus der Körpermasse hervortretend, nach der Peripherie begibt, während gleichzeitig ein rückkehrender dem Körper wieder zueilt.***) Zuweilen treten an den fadenartigen^Pseudopodien auch lokale, spindelförmige Anschwellungen, Varicositäten, auf, die sich ähnlich wie die Körnchen an dem Faden fortbewegen können, f) Was die Länge *) S. 53 und: Das Protoplasma der Khizopoden und der PÜaiizenzellea. Leipzig 1863. **) Bei den oben erwähnten Süsswassergeschleclitcrn Mikrogromia, Lieberkühnia und z. Th. auch Gromia entspringen die Pseudopodien von einer stielartigen Verlängerung des Vorderendes des Protoplasmakörpers, die aus der Schalenmündung hervorgestreckt wird, dem sogen. Pseudopodienstiel. Bei Mikrogromia und Lieberkühnia (IIL 15, 16, p) entspringt dieser Pseudopodieustiel niclit vom vorderen Theil des Weichkörpers, sondern etwas hinter demselben seitlich, so dass hierdurch die schon im Schalenbau angedeutete bilaterale Gestaltung noch deutlicher zum Ausdruck kommt. ***) Diese Schilderung M. Schultze's von dem Vorhandensein der Doppelströme an den Pseudopodien der Eeticularia kann sich doch wohl vorzugsweise nur auf die, wenn der Aus- druck erlaubt ist, ruhenden, d. h. in ihrer Gestalt für eine gewisse Zeit wenig veränderlichen beziehen , da in den sich hervorbildenden Pseudopodien oder umgekehrt in den sich zurück- ziehenden doch wohl die Strömung einseitig erfolgen, oder doch die Strömung in einer Richtung sehr gegen die in anderer vorherrschen muss. Doch gibt Schnitze ausdrücklich an, dass sich an den im Hervortreten begriffenen, an ihren Enden meist knopfförmig angeschwol- lenen Pseudopodien ein rückläufiger Strom bemerken lasse, wie umgekehrt auch sogar während der Einzieluing ein centrifugaler Strom zu bemerken sein soll. f ) Im Allgemeinen scheint es wenig wahrscheinlich, dass den fadenartigen Pseudopodien X20 Ehizopoda. der in solcher Weise entwickelten Pseudopodien betrifft, so ist dieselbe gewöhnlich sehr ansehnlich und erhebt sich bis zu dem 6 — 10 fachen des Schalendurchmessers. Natürlich vermag sich ein solch zartes, reiches Pseudopodiennetz gewöhnlich nicht frei in dem umgebenden Medium zu erheben, sondern kriecht auf einer Unterlage hin. Es ist leicht einzusehen, wie durch Verkürzung der Pseudopodien auch eine langsame Ortsverände- rung der ganzen Schale bewerkstelligt werden kann und so, ähnlich wie dies auch für die seither besprochenen Formen gilt, der Organismus sich mit Hülfe seiner Pseudopodien kriechend bewegt. Wie durch Verschmelzung der Pseudopodien Netze hergestellt weiden können, so können dieselben auch stellenweise zu grösseren protoplasma- tischen, plattenartigen Anhäufungen zusammenfliessen und dies findet namentlich statt, wenn es gilt, Nahrungskörper mit Hülfe der Pseudo- podien in den Körper einzuführen. Es geschieht dies in der Weise, dass der aufzunehmende Körper von mehreren Pseudopodien ergriffen und gewissermaassen umflossen wird, indem Protoplasma reichlich zuströmt, den betreffenden Körper umhüllt und derselbe hierauf durch Verkürzung der Pseudopodien allmählich in den Körper hereingezogen wird. *) Fraglich scheint es jedoch, ob ein solcher Nahrungskörper zu seiner Verdauung stets nothwendig in die Hauptkörpermasse, resp. die Schale, eingeführt zu werden braucht, oder ob nicht die Assimiliruog auch ausserhalb der Schale, wenn nur eine hinreichende Umhüllung desselben durch lebendiges Protoplasma stattgefunden hat, vor sich zu gehen vermag. Die hier geschilderte, jetzt allgemein anerkannte Natur der reticulären Pseudopodien der Ehizopoden und ihrer Körnchenströmung, welche schon von Dujardin in richtiger Weise auf- gefasst worden war , gab seiner Zeit Veranlassung zu einem hartnäckigen Streit zwischen M. Schnitze und Eeichert, wie einer Anzahl weiterer Forscher, die sich theils auf die eine, theils mehr auf die andere Seite schlugen. Unter diesen ist hauptsächlich noch Häckel zu nennen, der mit grosser Lebhaftigkeit die Dujardin-Schultze'sche Ansicht vertheidigte. Ehren- berg, dessen Ansichten über die Natur der marinen Ehizopoden schon früher, gelegentlich des historischen üeberblicks, mitgetheilt wurden, hat sich nie mit der Dujardin-Schultze'schen Auf- fassung ausgesöhnt, und stets daran festgehalten, dass es sich bei der Bildung der Pseudopodien- netze nicht um eine wahre Verschmelzung handle, sondern um eine innige Aneinander- lagerung der stets getrennt bleibenden Pseudopodienfäden — dass demnach die gesammte Netzbüdung nur eine scheinbare sei. Eeichert,**) als ein heftiger Gegner der ganzen sogen. Sarkodetheorie, hält wie Ehrenberg diese Netzbildung für eine scheinbare und wandte sich der Ehizopoden z. Th. eine Differenzirung in Axenfaden und Eindenschicht zukomme, wie wir solches späterhin bei einem Theil der Heliozoen und Eadiolarien finden werden ; dennoch ' möge an dieser Stelle darauf aufmerksam gemacht werden, dass M. Schnitze für die körncheu- armen und weniger leichtflüssigen Pseudopodien eine solche höhere Ausbildungsstufe nicht unmöglich hält (s. „Das Protoplasma"). *) Bei dieser Gelegenheit sei noch erwähnt, dass M. Schnitze mehrfach eine sehr plötz- liche lähmende Wirkung der Pseudopodiennetze von Gromia und Polystomella auf dieselben berührende Infusorien beobachtete; ein Moment, das für ihre Bedeutung als Organe zur -Nahrungsaufnahme nicht gering anzuschlagen sein wird. **) Monatsberichte d. Berliner Akad. 1862, Arch. f. An. u. Physiol. 1862 (Abdruck). Monatsber. 1863, 1865 (Abdr. im Arch. f. A. u. Ph.). üeber Schultze's Vertheidigung siehe auch: Arch. f. Naturgesch. 1863 und haupts.: Das Protoplasma 1863. Pseudopodieubilduug-. (Starre, pseudopodienart. Fortsätze bei Amöben.) 121 namentlich aucli gegen das Phänomen der Körnchenströmung, das nach ihm nicht durch Strömung thatsäclilich oxistirender Körnchen, sondern durcli das Fortsclireiten von Contralctions- wellcn an den Pscudopodienfäden hervorgerufen werde. Es handle sich also hier, wie gesagt, nicht um wirkliche Körnchen, sondern der Anschein solcher sei hervorgerufen durch schlingen- artige Contraktionswellen , die an dem Faden hüpfend sich fortbewegten. Es kann hier nicht unsere Aufgabe sein, diesen Streit durch alle die Gründe und Gegengründo hindurch zu ver- folgen. Wir heben nur hervor: dass einmal die gesammte optische Erscheinung der Körnchen und ihrer Bewegungen, ferner die Netzbildung der Pseudopodien gegen die Ehrenberg- Reichert'sche Auffassung spricht, andererseits der namentlich von Häckel und späterhin auch von M. Schnitze geführte Nachweis, dass feine, dem Khizopodenkörper zugeführte Karmin- oder Stärkemehlkörnchen in derselben Weise wie die eigentlichen sogen. Protoplasmakörnchen die Erscheinung der Strömung auf den Pseudopodien zeigen, hinreichend die gegeutheilige Ansicht widerlegt. Auch anderweitige kleine Fremdkörper können in solcher Weise von dem rückläufigen Strom der Pseudopodien ergriffen und als Nahrungsbestandtheile dem eigentlichen Thierkörper zugeführt werden, üebrigcns hat Eeichert in seinen späteren Abhandlungen über diesen Gegenstand seinen ursprünglich schroffen Gegensatz vielfach gemildert. Wir glaubten hier einige kurze Bemerkungen über diese Streitfragen einschalten zu sollen, da hauptsächlich die Untersuchung unserer Ehizopoden zum Austrag derselben geführt hat. Eine recht eigentliUniliche und bemerkenswertlie Erscheinung tritt uns noch darin entgegen, dass eine Reihe von Rhizopoden das Vermögen besitzt, Pseudopodien oder doch pseudopodienartige Fortsätze von zweierlei Gestalt auszusenden. Gelegentlich haben wir dieses Verhalten schon bei der sogen. Amoeba radiosa erwähnt, die zuweilen ihre ansehn- lich langen, strahlenartigen Pseudopodien einzieht und sich mit Hülfe kurzer, stumpfer Fortsätze weiterbewegt. Auch bei seiner Gromia granu- lata (= Plagiophrys lentiformis H. u. L.) hat F. E. Schulze zuweilen das Hervortreten kurzer, lappenförmiger Pseudopodien zwischen den Basen der gewöhnlichen, lang fadenförmigen beobachtet. Ziemlich allgemein scheint jedoch den Amöben noch die Eigenthüm- lichkeit zuzukommen, an ihrem Hinterende eine Anzahl, häufig wie ein Schopf zusammenstehender, kurzer fransen- oder haarartiger, ectoplasma- tischer Fortsätze zu entwickeln (U. 5, d). Möglich, dass diese Erscheinung schon von Dujardin bei seiner Amoeba inflata beobachtet wurde, späterhin haben sich hauptsächlich Lieberkühn,*) Wallich**) (der auf diesen ver- gänglichen Charakter seine A. villosa = princeps Ehrbg. gründete), Carter und Andere mit dieser Erscheinung beschäftigt und es hat sich herausgestellt, dass es sich hier wohl um eine bei Amoeba und verwandten Organismen ziemlich verbreitete Erscheinung handelt. So zeigt sich dieselbe ähnlich zuweilen auch bei Pelomyxa und Plakopus F. E. Seh., und auch die später bei den Flagellaten zu besprechenden, mit Geissei versehenen Amöben, so z. B. die Mastigamoeba F. E. Schulze's und die Amoeba monociliata Carter's bieten das gleiche Verhalten. Diese haarartigen Fortsätze machen einen sehr starren Eindruck und scheinen keiner activen Bewegung fähig zu sein ; sie sind daher auch kaum in die Kategorie der eigentlichen Pseudopodien zu ziehen. Während *) S. bei Clap. u. Lachm. tiO. **) A. m. n. h. 3. XI u. XII. 122 KMzopoda. sie meist verhältnissmässig sehr kurz bleiben, hat Archer*) einmal bei einer, wegen der Anwesenheit eines solchen hinteren Schopfes kurzer Fortsätze als A. villosa bezeichneten Form, auch nebenbei noch einen Büschel feiner Fortsätze von Körperlänge und gelegentlich auch unter den gewöhnlichen kurzen, hintern Fortsätzen einige körperlange angetroffen. In dieselbe Kategorie starrer, kurzer Oberflächenfortsätze gehören ohne Zweifel auch die von Hertwig und Lesser bei ihrer Dactylosphaera vitreum beschriebenen , welche die ganze oder nur einen Theil der Ober- fläche sammt den Pseudopodien bedecken, und an denen sie gleichfalls Bewegungen nicht wahrzunehmen vermochten (I. 11). Eine solche Aus- dehnung dieses Härchen- oder Zöttchenbesatzes über das gesammte Ecto- sark amöbenartiger Rhizopoden findet sich aber noch weiter verbreitet, so hat schon Stein**) (13) einen amöbenartigen Organismus, der gänzlich von solchen kurzen Borsten überzogen war, unter dem Namen Chaetoproteus beschrieben; späterbin wurde dann ein ähnlicher, wenn nicht identischer, von Leidy***) aufgefunden. In dieselbe Kategorie, wie die eben be- schriebenen haarartigen, starren Fortsatzbildungen der Amöben, mögen auch die bei dem interessanten Diaphoropodon Archer's von der gesammten Körperoberfläche zwischen den Schalenpartikeln entspringenden haarartigen Fortsätze gehören (IV,1). Neben solchen entwickelt diese Form dann noch mehr oder minder zahlreiche, sehr lang fadenartige, oder in sehr eigenthümlicher Weise tannenbaumartig verästelte Pseudopodien aus der Schalenmündung. Ueber die eigentliche Natur und Bedeutung dieser zöttchen- bis haarartigen Fortsätze der amöbenartigen Rhizopoden vermag vielleicht aus einer Beobachtung Czerny'sf) einiger Aufschluss geschöpft werden. Derselbe fand nämlich, dass Amöben bei Zusatz von V4% Kochsalzlösung zahlreiche, feine, wimperartige Fortsätze aussenden, die „rasch länger, dann knotig werden, sich biegen und in zitternde Bewegung gerathen." Möglich, dass hieraus der Schluss gezogen werden darf, dass das Ecto- plasma der Amöben die Eigenthümlichkeit besitzt, bei stärkerer Verdichtung durch Wasserentziehung (wie sie ohne Zweifel in Folge des Zusatzes von Kochsalzlösung eintritt) solche Fortsätze zu entwickeln. Diese Auffassung erscheint auch noch deshalb nicht unplausibel , weil es das Hinterende der kriechenden Amöbe ist, wo sich der Schopf solcher Fortsätze gewöhn- lich entwickelt. Aus früher in der Einleitung erörterten Gründen aber, scheint es wahrscheinlich, dass eben am Hinterende die Dichte des Proto- plasmas am bedeutendsten, resp. dasselbe hier am wasserärmsten ist. Gewisse eigenthümliche Erscheinungen zeigen sich z. Th. noch bei der Einziehung der Pseudopodien mancher Rhizopoda, und verdienen hier noch eine kurze Besprechung. Bei der schon mehrfach erwähnten Dactylosphaera vitreum haben Hertwig und Lesser beobachtet, dass die *) Qu. j. lüicr. bc. VI. **) Abh. d. k. böhiü. Ges. d. W. X. ***) Proc. acad. Philad. 1874. t) Arch. f. inikr. Anatomie Bd. V. p. 15S. PseudoiJodienbildung. (Einziehung, geisselnde Pöeudüpodieu.) 123 strahleDartigen, jedoch ziemlich dicken Pseudopodien vor ihrer Einziehung plötzlich knorrig- und unregelmässig werden und hierauf rasch zurück- fliessen. Noch bemerkenswerther ist das schon Carter (75. 13) und Fresenius*) bekannte, später auch durch Hertwig und Lesser geschil- derte Verhalten der fadenartig zugespitzten Pseudopodien bei Cyphoderia. Hier fliesst das Pseudopodium entweder rasch zu einem Protoplasma- tropfen zurück oder zieht sich zunächst plötzlich zu einer, ihre Windungen allmählich verkürzenden, Spirale zusammen; dasselbe geschieht gewöhnlich auch, wenn das Pseudopodium ein Nahrungspartikelchen ergriffen hat, das dann in einem Protoplasmatropfen eingeschlossen, der sich an dem Ende des Scheinfüsschens gebildet hat, in den Körper des Thieres ein- gezogen wird. Einen ähnlichen Vorgang hat dann ferner auch F. E. Schulze bei seiner Gromia granulata (wohl = Plagiophrys lentiformis H. u. L.) beobachtet, indem hier bei der Einziehung eines Pseudopodiums plötzlich eine Erschlaffung desselben, mit welliger Kräuselung, zu beobachten war, worauf es zu einem Klumpen zusammenschmolz. Zum Beschluss unserer Betrachtung der Pseudopodienbildung der Rhizopoda müssen wir noch einen Blick auf die seltneren Vorkommnisse pseudopodienartiger Fortsätze mit schwingenden bis geisselnden Bewegungs- erscheinungen werfen. Wir kennen nur einen oder vielleicht zwei hierher gehörige Fälle, die sich bei amöbenartigen Organismen gefunden haben und die unser Interesse um so mehr in Anspruch nehmen, als, wie be- kannt, eine ganze Reihe amöbenartiger Organismen mit der Zeit entdeckt worden ist, die durch den Besitz einer mehr oder minder ansehnlichen Geissei sich den eigentlichen Fiagellaten so innig anschliessen, dass wir vorgezogen haben, sie diesen anzureihen und ihre Besprechung daher auf später zu verschieben. Die jetzt zu erwähnenden Vorkommnisse aber scheinen eine ziemlich directe Uebergangsstufe von den gewöhnlichen Amöben zu jenen Geisseiamöben zu bilden. Der einfachste hierhergehörige Fall liegt zunächst bei der schon mehrfach erwähnten Amoeba radiosa Auerb. vor. Die strahlenartigen langen Pseudopodien, welche diese Form im ruhenden Zustand aussendet (I. 10), besitzen nach meinen Beobachtungen*'^') zeitweilig die Fähigkeit, mit ihren fein ausgezogenen, häufig schlingenförmig umgebogenen Enden leicht hin und her zu schwingen oder sich anhaltend drehend zu bewegen. Wie schon früher bemerkt, werden dann diese Pseudopodien zuweilen eingezogen und der Organismus bewegt sich mittels breiter, lappiger Pseudopodien fort. Ganz ähnlich verhält sich nun nach den Untersuchungen Lachmann's (60) eine zu der Gattung Podostoma erhobene Form, die sich hauptsächlich dadurch von der geschilderten A, radiosa unterscheidet, dass die langen, fadenartigen Fortsätze sich auf einem basalen kurzen, dickeren Fortsatz erheben und der Pseudopodienfaden heftige geisselnde Bewegungen ausführt, also sich hier in sehr hohem Grade der Natur *) Abhandl. d. Senckenb. iiat. Ges. IL **) Z. f. w. Z. XXX. 124 Ehizopoda. wahrer Geissein nähert. Er dient zur Nahrungsaufnahme, indem kleine Nahrungskörperchen an ihm herabgleiten und durch den basalen Träger des Geisselfadens aufgenommen werden. Dass sich an dieser Stelle eine persistirende Oeffnung zur Aufnahme der Nahrungskörper finde, wie Cla- parede und Lachmann angeben, scheint mir sehr wenig wahrscheinlich. Etwas abweichend von dieser Schilderung des Podostoma ist die Darstellung, welche L. Maggi*) von demselben entwirft. Nach letzterem Beobachter sollen sich statt der von Claparede und Lachmann geschil- derten, geisselnden Fortsätze auch häufig bedeutend längere, fadenförmige (und wohl auch geisselnd bewegliche) finden, die sich an ihrem Ende nicht zuspitzen, sondern durchaus gleichförmige Dicke besitzen. Ihren Ursprung sollen sie nicht, wie die gewöhnlichen Pseudopodien, aus dem Ectoplasma, sondern aus der früher erwähnten, sogen. Mesoplasmascbicht nehmen. Merkwürdigerweise sollen nun diese langen, fadenartigen Fort- sätze an ihrem Ende eine Oeffnung zur Aufnahme der Nahrung besitzen, von deren Existenz ich jedoch ebensowenig tiberzeugt bin, wie von der oben nach Claparede und Lachmann angegebenen Mundöffnung an der Basis des geisselartigen Pseudopodiums. Ueberhaupt scheint mir die Beziehung der von Maggi untersuchten Organismen zu dem Podostoma filigerum Gl. u. L. nicht ganz sicher, wogegen ich trotz der Einwendungen Cattaneo's die Beziehungen des Podostoma zu A. radiosa für sehr innige halten muss, worin auch ihr Entdecker Lachmann mit mir übereinstimmt, der beide Formen gleichfalls für sehr innig verwandt erklärt.**) ij. Gallertige Umhüllungen des Weiclikörpers. Bildungen, wie sie die Ueberschrift dieses Abschnittes bezeichnet, sind verhältnissmässig seltene Vorkommnisse bei den Rhizopoda; dennoch sind 2 hierhergehörige, bei verwandtschaftlich sich sehr wenig nahe- stehenden Formen findende Fälle bekannt geworden, von denen es jedoch fraglich erscheinen darf, ob sie in näherer Beziehung zu einander stehen. Der erste betrifft eine amöbenartige Form, die sogen. Amphizonella Greeflfs ***) (II. 7). Hier wird der amöbenartige Körper von einer ziemlich dicken, hyalinen Umhullungsschicht überzogen. Dieselbe ist recht resistent gegenüber Säuren und Alkalien, besitzt jedoch jedenfalls nur eine etwa gallertige Consistenz, da sie von den fingerförmigen Pseudopodien leicht durchbohrt wird und ebenso schnell wieder an Stelle der eingezogenen Pseudopodien zusammenfliesst. Der zweite Fall hingegen betrifft eine marine, pelagische Form der Perforata, nämlich die sogen. Hastigerina Murrayi (Untergenns von Globi- gerina). Hier fand zuerst Murray*) bei wohlerhaltenen, lebenden Thieren eine den Durchmesser der Schale fast um das Doppelte an Dicke tiber- *) Kendic. d. E. Istit. Lomb. IX. 1876. **) Verh. d. nat.-hist. Ver. d. pr. Elieinl. u. Westpli. XVI. ***) Arch. f. mikr. A. II. *) Proc. roy. soc. XXIV. p. 532. I Gallertige Hüllen. Wcichlcörper und Schale bei Monotlialainia. 125 treffende Umhüllnng' von „bubble like extensions" der Sarkode, wie er sich ausdrückt (IX. 1). Dass es sich jedoch hier, wie schon der erste Anblick der Abbildung lehrt, um eine ähnliche AlveolenhüUe handelt, wie sie bei den Radiolarien so weit verbreitet ist, hat R. Hertwig,*) der genaue Kenner der Radiolaria, durch eigene Untersuchung der Ilastigerina oder einer sich ähnlich verhaltenden pelagischen Globigerinenform gezeigt. Demnach wird auch hier eine ansehnlich dicke Gallerthülle die Schale sammt Thierkörper äusserlich umhüllen, durch welche Gallerthülle sich Sarkodenetze hindurchziehen, die von der Oberfläche der Gallerte die Pseudopodien entspringen lassen. Die „bubble like extensions" aber sind zahh'eiche ansehnliche, sogen. Alveolen (Flüssigkeitsvacuolen), die in der Substanz der Sarkodenetze der Gallerte gebildet werden. Eine genauere Darstellung der jentsprechenden Bildungen der Radio- larien wird späterhin bei diesen mitgetheilt werden. Es liegt die Ver- muthung sehr nahe, dass solche Gallert- und Alveolenbildung nicht nur auf die erwähnte Gattung beschränkt sei, sondern eine weitere Verbreitung unter den pelagischen Rhizopoden besitze, worauf denn auch die Bemerkung Murray's hindeutet, dass auch die stachellosen Formen der pelagischen Rhizopoden (also wohl hauptsächlich Pulvinulinen) ähnliche blasige Ueber- züge entwickelten. 5. Verhalten des Weichkörpers zur Schale und Bildung' der Schale durch den Weichkörper. In seinem erwachsenen Zustand zeigt der Organismus der beschälten Rhizopoden ein etwas verschiedenes Verhalten zu der ihn umhüllenden Schalenhaut ; wir haben daher hier auch auf diese Verhältnisse noch einen Blick zu werfen. Unzweifelhaft geschieht die erste Bildung eines Schalenhäutchens in directer Auflagerung auf die Oberfläche des Protoplasmaleibes selbst, ja es handelt sich wohl auch hier um eine directe chemische Umbildung der äussersten Plasmaschicht, welche den Anstoss zur Schalenbildung gibt, wofür ja die von uns früher namhaft gemachten Fälle sprechen, in welchen das Vorhandensein eines Schalenhäutchens unsicher ist. In diesen letzterwähnten sowohl, als auch in den sich zunächst anschliessenden Fällen mit sehr dünner oder doch biegsamer und zarter Schalenhaut, wie wir solches z. B. bei Lieberkühnia, Lecythium, Gromia und unter den Lobosen bei Cochliopodium gefunden haben, liegt daher auch die Schalenhaut der Oberfläche des protoplasmatischen Weichkörpers noch dicht auf. Hat dieselbe hingegen eine grössere Festigkeit erlangt, so zeigt sich bei den monothalameu Formen des Süsswassers häufig eine Zurückziehung des Körpers von der Schale, die dann also nicht mehr völlig von dem Weichkörper ausgefüllt wird. Ein solches Verhalten ist namentlich bei den Lobosen weit verbreitet, wird jedoch auch bei den *) Jen. Zeitschr. IX. 126 Ehizopoda. Reticulata nicht selten angetroffen. Entweder trennt in diesen Fällen eine mehr oder minder ansehnliche, mit Flüssigkeit erfüllte Zone den Weich- körper völlig von der Schale, der sich dann nur noch an der Mündung an dieselhe zur Befestigung anzulegen scheint, wie sieh solches z. B. bei Mikrogromia und Platoum, jedoch auch bei Euglypha und Trinema beobachten lässt; oder aber es heftet sich der Weichkörper durch be- sondere zarte, vom Hinterende des Körpers entspringende Plasmafortsätze im Grunde der Schale fest. In diesen Fällen, wie sie unter den Lobosen sehr w^ohl ausgeprägt bei Arcella (II. 9 a), Hyalosphenia (II. 10), Qua- drula (II. 12) und Difflugia, unter den Reticulata hingegen bei Cyphoderia (III. 13) zu beobachten sind, hat sich demnach hauptsächlich das Hinter- ende des Körpers weit von dem Schalengrunde zurückgezogen, so dass bisweilen der Weichkörper wie in der Mündung aufgehängt erscheint. Unzweifelhaft sind diese zur Befestigung verwertheten protoplasma- tischen Fortsätze des Hinterendes auch einer activen Veränderung fähig und vermögen den Weichkörper in den Schalengrund zurückzuziehen. Einige Forscher berichten sogar von einem plötzlichen Zurückziehen solcher Formen, ohne Zweifel mit Hülfe dieser hinteren Fortsätze. So gibt Stein*) dieses Verhalten von seiner Hyalosphenia cuneata an, doch hat F. E. Schulze bei seiner H. lata nichts Aehnliches beobachtet und Carter berichtet ebenso ein plötzliches Zurückziehen seiner Difflugia bipes (wahr- scheinlich zu NebelaLeid. zu stellen [III. 10]) mittels ihrer hinteren Fortsätze, wobei sich der Weichkörper gleichzeitig zu einer Kugel abrunden soll.**) Bei den marinen, kalkschaligen und sandschaligen Rhizopoden scheint nach den Untersuchungen M. Schultze's und anderer Forscher der Weichkörper die Schalenhöhlungen gewöhnlich völlig anzufüllen, wie dies schon daraus hervorgeht, dass man durch vorsichtiges Auflösen der Kalk- schalen mittels Säure gewöhnlich einen untadelhaften Ausgnss der Schalen- räume in Gestalt des restirenden Plasmakörpers erhält. Für die poly- thalamen Formen hebt jedoch M. Schnitze hervor, dass die jüngste Kammer häufig keine völlige Erfüllung mit Protoplasma, sondern nur ein feines Gespinnst von Protoplasmafäden enthalte und hält diesen Zustand für den primitiven, dem eine völlige Erfüllung erst nachträglich folge. Aber nicht nur die weiten, eigentlichen Schalenräume der marinen Formen sind in dieser Weise meist völlig durch Sarkode erfüllt, sondern auch die Porenkanäle der Perforaten sowie das Kanalsystem, wo ein solches vorhanden ist, besitzen eine Erfüllung durch Protoplasma. Für die Porenkanäle ergibt sich dies ja schon aus dem Durchtreten der Pseudo- podien, für das Kanalsystem hingegen ist eine solche Erfüllung gleichfalls verständlich, da dasselbe ja stets in irgend einer Weise mit den Kammer- räumen communicirt. Dass jedoch auch dieses Kanalsystem der Schale der höheren Rhizopoden thatsächlich mit Protoplasma erfüllt sei, wie *) Abh. (]. ]>. bölnn. G. d. W. X. **) A. in. 11. h. 4. V. Bildung- der Schale durch Weichkörper etc. 227 Carpenter vermnthete^ und nicht etwa Flüssigkeit führe, wie dies z. B. von Carter*) behauptet worden war (der hiernach das Kanalsystem für eine den Einströmungskanälen der Spongien vergleichbare Einrichtung erklärte), hat erst Kölliker**) an vorsichtig entkalkten Formen nachgewiesen, bei welchen es gelang, die Protoplasmareste in den Kanälen noch deutlich zu beobachten. Ein weiteres eigenthümliches und wichtiges Verhalten des Weich- körpers zur Schale scheint bei den marinen Rhizopoden zuweilen vor- handen zu sein, nämlich die mehr oder minder völlige Umfliessung der äusseren Schalenoberfläche durch aus dem Inneren hervorgedrungenes Protoplasma. Bei den Imperforaten (so z. B. sehr schön bei Gromia) tritt das Protoplasma aus der Schalenöfifnung aus und ergiesst sich als ein Ueberzug über die Schalenoberfläche (IV. 6), während bei den Per- forata ein solcher Ueberzug durch Verschmelzung der Basaltheile der aus den Poren hervorgedrungenen Pseudopodien sich bilden kann. In wie weit jedoch diese Erscheinung unter den marinen Rhizopoden verbreitet ist, scheint bis jetzt, bei der Mangelhaftigkeit unserer Kenntniss derselben im lebenden Zustand, nur wenig aufgeklärt. Die Wachsthums- und Bildungsverhältnisse der Schale, auf die wir gleich noch näher einzugehen haben werden, machen es sehr wahrscheinlich, dass solche Ueberdeckungen der äusseren Schalenfläche mit Protoplasma hierbei eine wichtige Rolle spielen, wie dies ja auch durch Carpenter und Wallich***) betont wurde, welch letzterer sogar diese äussere Plasmalage mit einem besonderen Namen, Chitosark, belegt hat, und auch bei den monothalamen Süss- wasserformen einer solchen (jedoch bis jetzt von Niemand gesehenen) äusseren Plasmalage, eine wichtige Rolle beim Schalenbau zuschreibt. ] Wenn wir uns jetzt zu einer Erörterung der wichtigen und interes- santen Frage wenden, in welcher Weise der so einfach organisirte Plasma- körper der Rhizopoden im Stande ist, so complicirt gebaute Schalen- bildungen zu erzeugen, wie wir sie z. B. unter den Nummuliniden antreffen, so müssen wir zunächst gestehen, dass thatsächliche Erfahrungen hierüber kaum vorliegen. Es beschränken sich die Vorstellungen hierüber wesentlich auf Vermuthungen und Wahrscheinlichkeiten, wie man sie aus den Bau- verhältnissen der fertigen Schale, mit Berücksichtigung der Beschaffenheit des Weichkörpers, a posteriori zu entwickeln vermag. Namentlich Carpenter (74) hat sich mit der Erörterung dieser Frage bei den einzelnen Formen beschäftigt. Die einfacheren Verhältnisse des Schalenbaues der mono- thalamen Süsswasserformen haben wir oben schon kurz auch in Bezug auf ihre Entstehung erörtert und kommen späterhin noch auf besondere Verhältnisse zurück. Was hingegen die marinen kalkschaligen Formen betrifft, so heben wir hier kurz noch die wichtigsten Punkte hervor, ohne uns jedoch auf *) A. m. n. h. 2. X. **) Icones liistiologicae I. *** ) A. m. n. h. 3. XIIL p. 72—82. 128 Ehizopoda. eine Erörterung der besonderen Bildungsverbältnisse bei einzelnen Formen näher einzulassen, sondern beschränken uns darauf, uns bei einer ausge- wählten, complicirten Form den wahrscheinlichen Gang der Scbalenbildung kurz vorzuführen. Was zunächst den Unterschied in dem Bau der Schalenwandung bei den Imperforaten und Ferforaten betrifft, so darf derselbe wohl auf die ursprüngliche Verschiedenheit der die Schalen aufbauenden Weich- körper zurückgeführt werden. Die Iraperforata leiten sich sonder Zweifel von Formen ab, welche auch schon im nackten, schalenlosen Zustand ihre Pseudopodien vorzugsweise von einer gewissen Körperstelle aus- sendeten, so dass, indem sich die Körperoberfläche gleichmässig, mit Ausnahme der Pseudopodienursprungsstelle, mit einem Schalenhäutchen bekleidete, eine imperforate, nur mit einer grösseren Oeffnung versehene Schale entstand. Die Ferforaten hingegen müssen wir von Formen her- leiten, welche das Vermögen besassen, allseitig zarte, fadenartige Pseudo- podien auszusenden, wenn auch eine gewisse Körperstelle in dieser Hin- sicht bevorzugt war. Indem sich auf der von unzähligen feinen Pseudopodien bedeckten Körperoberfläche einer derartigen Form ein Schalenhäutchen l)ildete, blieben natürlich die Ursprungsstellen der Pseudopodien offen, so dass in dieser Weise eine von zahlreichen feinen Porenöffnungen durch- bohrte Schalenwand ihre Entstehung nahm. Diese Bildungsweise der perforirten Schalenwandungen scheint durch die früher geschilderte, interessante Zusammensetzung der Wandungen aus zarten prismatischen Gebilden, von welchen jedes von einem Porenkanal durchbohrt wird, noch besonders unterstützt zu werden. Es würde so jedes dieser Prismen das Theilchen der Schalenwandung repräsentiren, das von je einem Pseudopodium gebildet worden wäre. Wenn wir uns in dieser Weise die erste Entstehung eines Schalen- häutchens durch Secretion oder Umbildung der oberflächlichsten Plasma- schicht vorstellen können, welches erste Schalenhäutchen vielleicht auf die sogen, innere Cuticula (insofern eine solche bei den Kalkschalen über- haupt ausgeprägt ist) bezogen werden darf, so fragt sich weiter, wie das ansehnliche Diekenwachsthum, das ja die Schalenwände zahlreicher Formen zeigen, vor sich geht. Bezüglich dieser Frage, glaube ich, ist das Richtige schon von Carpenter, Wallich und Kölliker ausgesprochen worden, d. h. : das weitere Diekenwachsthum der Schalenwand erfolgt vorzugsweise, wenn nicht ausschliesslich, durch Auflagerung von Schalenmasse auf die äussere Fläche der Schalenanlage. Die hierfür hauptsächlich geltend gemachten Gründe sind: 1) die Thatsache, dass von einer Verengerung der Schalenräume, wie sie die Folge einer von Innen stattfindenden Verdickung sein müsste, nichts zu beobachten ist; 2) die Ausbildung äusserlicher Skulpturen in Gestalt von Knoten, Kippen, Stacheln und dergleichen, welche der jugendlichen Schale fehlen, hingegen im erwachsenen Zustand hervortreten; 3) die ganz zweifellose Thatsache, dass bei jenen früher schon namhaft gemachten Waclistluira der Sclmle. 129 zahlreichen Formen, welche eine Auflagerung von sogen, secundärer Schalensubstanz (Zwiscbenskelet) auf die primäre Kamraerwand zeigen, diese secundäre, häufig sehr deutlich schichtweis abgesetzte Masse eine äusserliche Auflagerung darstellt. Dies ist hauptsächlich in den Fällen sehr deutlich, wo solche Auflagerungsmasse sich von einem jüngeren Umgang aus als directe Fortsetzung einem älteren auflagert. (Zahlreiche Beispiele hierfür bieten die Nummuliniden.) Von geringerer Bedeutung für die Entscheidung dieser Frage scheint mir hingegen die von Kölliker gleichfalls betonte, frühzeitige und stete Gegenwart der sogen, inneren Cuticula zu sein ; einmal deshalb, weil, wie oben schon erörtert wurde, diese Cuticula überhaupt kaum eine selbständige Bildung zu sein scheint, andererseits aber ihre stete und frühzeitige Gegenwart sich auch wohl mit einigen Voraussetzungen bei einer Ver- dickung der Schale durch innere Auflagerung verstehen Hesse. Aus diesen Bemerkungen über die Art des Dickenwachsthums der Schaleuwandungen erklärt sich wohl die grosse Bedeutung, welche wir mit Carpenter, Kölliker und Wallich schon oben dem für einige Formen mit Sicherheit constatirten, zeitweiligen oder dauernden Sarkodeüberzug der Schale zugeschrieben haben, denn in diesem müssen wir hauptsächlich die Bildungsstätte jenes Wachsthums der Schale durch äussere Auflage- rungen suchen. Bei den Perforaten mögen jedoch auch die basalen Ab- schnitte der zahlreichen Pseudopodien an Stelle eines continuirlichen Ueberzugs dienen (soweit es sich hier nicht um lokale Auflagerungen von solider Beschaffenheit handelt). Es darf jedoch hier nicht stillschweigend übergangen werden, dass diese Vermuthungen über den Vorgang des Dickenwachsthums der Schalen in mancher Hinsicht noch problematisch erscheinen, da ihnen die Grund- lage ausgedehnter Beobachtungen abgeht; so scheint mir namentlich für die porcellanartigen Schalen der Imperforata, an welchen von einer Schichtung nie etwas zu sehen ist, diese Auflagerungslehre etwas un- sicher; um so mehr, als z. B. M. Schnitze und andere Forscher, welche die hierhergehörigen Milioliden lebend untersuchten, nichts von einem protoplasmatischen Ueberzug der Schalenoberfläcbe, etwa wie bei Gromia? berichten. Was die speciellen Wachsthumsverhältnisse bei den einzelnen Gat- tungen betrifft, die zu der grossen Mannigfaltigkeit der Rhizopoden schalen führen, so liegt hierüber, wie schon bemerkt, wenig oder kein Material zur Beurtheilung der thatsächlichen Vorgänge vor, so dass, wie gesagt, es sich zutoeist um einige aus dem Bau der betreffenden Formen her- zuleitende Schlussfolgerungen bezüglich der Wachsthumsvorgänge handelt. Was zunächst die monothalamen Formen betrifft, so bieten dieselben wenig Anlass zu eingehenderen Erörterungen dar; es ist ja die Schalen- gestaltung ohne Zweifel zunächst abhängig von gewissen, den Protoplasma- körper beherrschenden Gesetzmässigkeiten der Form, ohne dass wir bis P. V n 11 , Klassen des Thier-Reichs. Prolozoa. 9 130 - Uhizopocia. jetzt im Stande wären, über die fraglichen Gründe und Bedingungen uns äussern zu können. Denn dass diese unmöglich in solchen Aeusserlich- keiten gesucht werden dürfen, wie sie z. B. von Wallich*) für die Er- klärung der so mannigfachen Schalengestaltungen der Difflugien geltend gemacht worden sind, dürfte keinem Zweifel unterliegen. Nach diesem Beobachter soll nämlich die allgemeine Gestalt der Difflugienschale wesentlich von solchen Bedingungen beeiuflusst werden; zunächst durch die Art der ursprünglichen Vertheilimg des Fremdkörpermateiials, das zum Bau der Schalen dient, indem eine einseitige Anhäufung desselben die Schale schief ziehen und die Mündung daher excentrisch verlagern soll. Aehnlich wirke jedoch auch eine fortdauernde, gleichmässige Strömung des von den Difflugien bewohnten Wassers; ja es soll sich, nach seiner Vorstellung, auf die einfache Wirkuug solcher Wasserströmungen die spiralige Einrollung der Difflugia spiralis zurückführen lassen. Mag man den äusseren Verhältnissen einen noch so weit gehenden Einfluss auf die Bildungsverhältnisse der Rhizopoda zuschreiben, so wird man sich doch wohl nie von der Wirksamkeit derselben eine derartig grobmechanische und dabei noch sehr unklare Vorstelhing machen dürfen. Eine sehr eigenthümliche Erscheinung tritt jedoch im Wachsthum der monothalameu Süsswasserrhizopoden z. Th. hervor und ist wohl auch nicht ohne Einfluss auf die Vorstellung, die man sich von dem Wachs- thum der Polythalamen zu bilden hat. Es ist dies nämlich die zunächst bei Arcella durch Clapar^de und Lachmann sehr wahrscheinlich gemachte sogen. Häutung, d. h. ein Verlassen der alten und die Bildung einer neuen Schale. Hierbei tritt der protoplasmatische Thierleib zum grössten Theil aus der Mündung der Schale hervor und scheidet hierauf eine neue ab, so dass nach Bildung dieser letzteren zwei mit ihren Mündungen einander zugewendete Schalen aufeinandergelagert sich finden, von welchen die neugebildete noch ganz hell, nahezu ungefärbt, ist, die alte hingegen sich durch ihre intensiv braune Färbung auszeichnet. Schliesslich soll das Thier die alte Schale völlig verlassen und sich in die neugebildete zurückziehen. Nach den Angaben Claparcde's und Lachmann's soll sich dieser Process der Schalenneubildung mehrfach im Leben der Arcella wiederholen, wogegen Hertwig und Lesser, wie wir unten bei der Fortpflanzung noch näher zu besprechen haben werden, einige Zweifel gegen die zutreffende Deutung dieser Vorgänge erhoben, indem sie eine ähnliche Vermehrung durch Theilung mit Schalenneubildung beobachteten. Jedoch dürfte, wie sie selbst bemerken, auch wohl eine solche Häutung neben ähnlichen Theilungserscheinungen sich finden. Auch bei Euglypha und der, in Bezug auf den Aufbau der Schale aus Plättchen, ähnlichen Quadrula, finden sich Anzeigen, die, wenn auch nicht mit völliger Sicherheit, auf eine Erneuerung der Schale, eine Art =*) A. 111. n. li. 3. Xni. Häutungsvorgänge, Neubildung von Kammorn bei Polythalamia 131 Häutung, bezogen werden dürfen. Schon die älteren Beobachter Carter und Wallich haben, wie die neueren Untersucher Hertwig und Lesser, sowie F. E. Schulze, im Hintergrund leerer oder von dem protoplasma- tischen Thierleib erfüllter Schalen häufig freie, oder zu ganzen Packeten zusammengelagerte Schalenplättchen angetroffen. Bei lebenden Euglyphen hat namentlich Schulze solche Plättchen in einer Schicht der Oberfläche des Thierleibes, unterhalb der eigentlichen Schale, aufgelagert gesehen. Die Vermuthung einer gelegentlichen Erneuerung der Schale liegt hier- nach, wie auch Hertwig und Schulze annehmen, sehr nahe; dennoch ist bis jetzt eine sichere Entscheidung dieser Frage nicht wohl möglich, da nach Hertwig und Lesser's Beobachtungen bei der Encystirung von Euglypha eine aus ähnlichen Plättchen zusammengesetzte Cystenhülle unterhalb der alten Schale gebildet wird, zu deren Aufbau die er- wähnten Schalenplättchen Verwendung finden könnten. Aehnliches wird über einen Häutungsvorgang bei Difflugia von Entz (110) berichtet, hier soll nach der Schilderung dieses Beobachters die Schale zuweilen in Stücke zerfallen, unterhalb welchen schon eine neugebildete Schale vorhanden sei. (Auf diese Erscheinung wird denn auch von Entz vorzugsweise die Behauptung gegründet, dass die die Schale der Difflugien aufbauenden Kieselstückchen von dem Thierleib selbst gebildet würden.) Ein weiterer Vertheidiger der zeitweiligen Neubildung der Schalen der Mouothalamen ist Alcock (86), der diese Ansicht vorzüglich auch für die marinen, kalksclialigen Formen ausgesprochen hat. Den Haupt- grund bildet für ihn die Unmöglichkeit, das Wachsthum dieser Formen ohne Hülfe eines solchen Vorgangs zu verstehen. M. Schnitze (53) hin- gegen ist der Ansicht, dass sich das Wachsthum der monothalamen Schalen nur durch innere Resorptions- und äussere Auflagerungserschei- nungen erklären lasse. Wir glauben diese Frage hier vorerst auf sich beruhen lassen zu sollen, da es für ihre Entscheidung an thatsächlichem Material völlig gebricht. Den Vorgang bei der Bildung neuer Kammern der polythalamen Rhizopoden dürfen wir uns wohl im Ganzen ähnlich wie die oben charak- terisirte Neubildung einer Schale bei Arcella denken. Soweit ich die zahlreichen Abbildungen und Beschreibungen von polythalamen Rhizopoden- schalen vergleichen konnte, bin ich auf kein Beispiel gestossen, das etwa eine in Bildung begriffene, noch unvollständige Kammer darstellte. Es scheint daher, dass in ähnlicher Weise, wie sich die neue Schale bei jener Häutung oder Theilnng der Arcella bildet, auch die Bildung einer neuen Kammer bei den polythalamen Schalen vor sich geht. Es wird zu diesem Behuf ziemlich rasch eine entsprechende Plasmamenge aus der einfachen oder den mehrfachen Oeffnungen der jüngsten Kammer aus- treten und sich gleichmässig und allseitig mit einem Schalenhäutchen bekleiden, oder es wird doch die Ausbildung des Schalenhäutchens sich über den gesaramten neuen Kammerabschnitt hin sehr rasch vollziehen. Hiermit stimmen auch die wenigen directen Beobachtungen über die 9* 1 32 Ühizopoda. Neubildung einer weiteren Kammer, die M. Schultze (53) bei Polystoraella und einigen Rotalinen anstellte, ziemlich gut liberein. Er sah die neue Kammer sich wie einen Wulst um die Mündung der jüngsten, vorhergehen- den anlegen , bemerkt jedoch gleichzeitig, dass, „ehe die Schale (dieser neuen Kammer) vollständig erhärtet, sie meist diejenige Ausdehnung an- zunehmen scheine, die ihr im vollständig ausgebildeten Zustand zukomme." Bei Polystomella glaubt er jedoch eine nachträgliche, nur durch innere Resorption und äussere Auflagerung stattfindende Vergrösserung der neu- gebildeten Kammer annehmen zu müssen, auch sollen hier die eigenthüm- lichen taschen- oder röhrenförmigen Aussackungen der Kammerhöhle erst nachträglich gebildet werden. Möglich, dass durch die geschilderten Bildungs Vorgänge sich auch die von M. Schultze bemerkte, sehr unvoll- ständige Füllung der jüngsten Kammer erklärt, indem das Plasma nach Bildung dieser Kammer zum Theil wieder in die alten Kammern zurück- treten mag. Suchen wir uns, gestützt auf diese wenigen Erfahrungen, Rechen- schaft zu geben von dem Bildungsgang einer neuen Kammer bei einer etwas complicirteren Form, z. B. einer Operculina, so hätten wir etwa Folgendes festzuhalten. Zur Bildung einer neuen Kammer wird eine entsprechende Protoplasmamasse aus der basalen Septalöifnung, sowie den secundären Poren Öffnungen des letzten Septums hervortreten und wird sich vor diesem in Form eines neuen Kammerabschnitts anhäufen. Gleichzeitig wird sich jedoch auch hierzu noch Protoplasma gesellen, welches aus dem Kanalsystem des Dorsalstrangs des vorhergehenden Umgangs hervorgedrungen ist. Der plasmatisch vorgebildete neue Kanimer- abschnitt wird sich nun allseitig, mit Ausnahme des durch den Dorsal- strang des vorhergehenden Umgangs begrenzten Abschnittes mit einer dünnen Schalenlamelle umkleiden, jedoch wird diese da, wo sie sich auf das letzte Septum auflagert, kanalartige Räume offen lassen, welche das Kanalsystem in der Scheidewand zwischen der neugebildeteu und der vorhergehenden Kammer bilden. Fernerhin wird gleichzeitig zu jeder Seite des Dorsalstrangs des vorhergehenden Umgangs ein Theil der Spiral- kanäle gebildet, indem hier die neugebildete Schalenlamelle einen kanal- artigen Raum zwischen sich und der Oberfläche des vorhergehenden Umgangs offen lässt, mit welchen Spiralkanälen dann der neugebildete Abschnitt des Kanalsystems in der Scheidewand in offene Verbindung tritt. Die Art und Weise, wie die neugebildete Kammerlamelle ihre Differenzirung in perforirte und solide Theile erhält, ergibt sich nach dem früher darüber Bemerkten von selbst. Das weitere Dickenwachsthum der Wände der neugebildeteu Kammer ist gleichfalls nach den früheren An- gaben verständlich und dürfte hier nur noch hervorzuheben sein, dass der Dorsalstrang der neugebildeten Kammer wohl hauptsächlich in directem Anschluss an den der vorhergehenden Kammer wächst. Etwas abweichend geschieht jedenfalls das Wachsthum der cyklisch gebauten Rhizopodenschalen, wie Orbitolites und Orbitoides. Hier wird bei Bilduiigsvorgaiig der Sclialo bei Upcrculiua und den iaudsclialigeu Ehizopodeii. 133 der einfachen Form von Orbitolites aus den zahlreichen, rundlichen OeÖnungen der Kämmerchen des letzten Cyklus eine ringförmige Froto- plasmamasse hervortreten, die sich durch ümkleidung mit einer Schalen- lamelle zu dem Cyklus neuer Kämmerchen mit ihren verhältnissmässig weiten Communikationen gestaltet. Bei der complicirten Varietät von Orbitolites hingegen und ebenso bei Cycloclypeus und Orbitoides müssen sich die einzelnen Kämmerchen eines neuen Cyklus mehr unabhängig von einander bilden, jedoch ohne Zweifel ziemlich gleichzeitig. Eine Bemerkung verdient wohl noch die Frage nach den Bildungsvor- gängen der aus Fremdkörpern aufgebauten Schalen. Schon früher wurde die Thatsache hinreichend hervorgehoben, dass sich hierbei in vielen Fällen eine unzweifelhafte Auslese des verwertheten Materials erkennen lässt.*) In welcher Art jedoch 'eine solche bewerkstelligt wird, ist bis jetzt noch ganz unermittelt, ebensowenig als etwas darüber bekannt ist, in welcher Weise die betreffenden Organismen die einzelnen Fremdkörperchen ihrer Schale einfügen. Bei den kalkschaligen Formen, die äusserlich ihre Schale durch mehr oder minder reichlich eingewebte Sandkörner ver- stärken, kann dieses Material doch wohl nur durch äussere Heranziehung- mittels der Pseudopodien und Einlagerung — insofern es etwa nicht blos mechanisch anklebt und eingebacken wird — der Schale eingefügt werden. Die rein saudigen Schalen hingegen lassen vielleicht noch eine andere Art der Entstehung zu, die jedoch hier nur als eine eventuell zu prüfende Vermuthung ausgesprochen werden mag. Wenn wirklich, wie dies oben auf Grund der Beobachtungen von Entz angegeben wurde, die Difflugien ihre Schale z. Th. erneuern und unter der alten die neue schon vor- gebildet vorhanden ist, so kann sich, meiner Ansicht nach, diese That- sache (da ich an dem Aufbau der Difflugienschale aus Fremdkörperu festhalten muss), nur so erklären lassen, dass das zum Schalenbau ver- werthete Fremdmaterial in die protoplasmatische Leibesmasse der Difflugien selbst aufgenommen und nachträglich auf der Oberfläche zur Bildung der Schale angelagert wurde. Dass Sand und Schlamm nicht selten in die protoplasmatische Leibesmasse gewisser Rhizopoden aufgenommen werden, wissen wir z. B. durch M. Schnitze für Gromia, durch Greeff für Pelomyxa. Auch eine Mittheilung von Leidy, der eine sehr reichliche Aufnahme von Sand in die Leibesmasse einer Amöbe beobachtete, darf wohl hier an- geführt werden, wenn auch durch sie direct nichts bewiesen wird. Auch die vielfach hervorgehobene Eigenthümlichkeit zahlreicher sandschaliger mariner Formen : ihre Kammerhöhlungen durch labyrinthische, aus Sand gebildete Auswüchse der Kammerwand mehr oder minder auszufüllen, darf wohl hier gleichfalls aufgeführt werden; denn es kann wohl kaum anders sein, als dass solche Auswüchse nachträglich entstehen und dann wird ihre Bildung auch nur in der Weise verständlich, dass das zu ihrem Aufbau verwerthete Material durch die protoplasmatische Leibes- *) Vergl. hierüber auch Normann A. in. n. h. 5. I. 134 Eliizopoda. masse selbst aufgenommen und an den Ort seiner Ablagerung gebracht wurde. *) 6. Fortpflanzuugserscheiiiungeii, Koloiiiebildiiiig" und Encystirung: der Rhizopoda. Wie schon bei Gelegenheit angedeutet wurde, sind die Fortpflanzungs- verhältnisse der Rhizopoda im Ganzen nur wenig und speciell die der marineu Formen sehr unzureichend erforscht. Im Allgemeinen darf jedoch auf Grund der bis jetzt vorliegenden, gesicherten Beobachtungen wohl be- hauptet werden, dass die Fortpflanzungserscheinungen der Rhizopoda, wie der Protozoa im Allgemeinen, die der Zelle überhaupt zukommenden sind, d. h, Theilung, Kuospung und möglicherweise auch endogene Zell- bildung; dass jedoch in keiner Weise hier Fortpflanzungserscheinungen mit Sicherheit beobachtet worden sind, welche der geschlechtlichen Fort- pflanzung der Metazoeu in einer Weise sich näher anschlössen, dass hierdurch die einfache Zellnatur des Rhizopodenorganismus in Frage ge- stellt würde. a. Fortpflanzung durch einfache Theilung- oder Knospung. Die einfache Theilung, wobei der Körper der betrefi'enden Protozoen in zwei, seltener durch fortgesetzten oder zuweilen auch gleichzeitigen Zerfall in vier und mehr Theilstiicke zerlegt wird, wurde bei den Rhizo- poden, und zwar sowohl nackten als beschälten, häufig beobachtet. Bis jetzt wurde aber nur in verhältnissmässig wenigen Fällen der nähere Vorgang, namentlich das Verhalten des einen oder der mehrfachen Kerne, insofern sich solche finden, festgestellt. Für eine Reihe von unbeschalten, kernlosen Formen (sogen. Moneren Häckel's) soll die einfache Zweitheilung die einzige Art der Vermehrung bilden; es sind dies namentlich Protamoeba und Protogenes; speciell bei diesen Formen soll keine Andeutung eines umhüllten, cystenartigen Ruhe- zustandes sich zeigen, der ja, wie wir in der Folge noch mehrfach zu sehen Gelegenheit haben werden, häufig auch mit einer Vermehrung des in der Cystenhülle eingeschlossenen Thierkörpers verbunden ist. Da jedoch die einschlägigen Untersuchungen dieser Formen keineswegs so ausgedehnt sind, dass hierdurch mit Sicherheit das völlige Fehlen eines solchen eucystirten und eventuell mit Vermehrung verknüpften Ruhe- zustandes erwiesen wäre, so darf wohl vorerst noch daran gezweifelt werden, ob bei ihnen wirklich die einfache Theilung durchaus die einzige Art der Vermehrung bildet. Was fernerhin das Vorkommen der einfachen Zwei- oder auch Mehrtheilung betrifft, so scheint dieser Vorgang *) Auch eine Beobachtung von Brady (117 I.), der im Inneren der sandschaligen und allseitig abgeschlossenen Thurammina, zuweilen eine Ideinere, ähnliche Schale beobachtete, könnte möglicherweise hierhergezogen werden; jedoch liegt hier wohl derselbe Fall vor, wie bei Orbulina, über die weiter unten bei der Fortpflanzung zu vergleichen ist. Thciluug der Amöben. 135 sicher gestellt unter den nackten Formen bei den Gattungen Amoeba, Gloidium und Pelomyxa, sowie Labyrinthula (wenn man deren Hierlier- stellung zugibt); unter den beschälten hingegen bei Liebcrkühnia, Diplo- phrys, Arcella, Lecythiura, Mikrogromia, Platoum und Microcometes. Je nach der Bauweise des betreffenden in Theilung eingehenden Organismus, namentlich insofern es sich hierbei um einen nackten oder beschälten handelt, muss natürlich der Verlauf des Vorgangs ein etwas verschiedener sein. Ueber die einfache Zweitheilung der Amöben oder amobenartigen Rhizopoden liegen genauere Untersuchungen nur von F. E. Schulze bei einem mit der Amoeba polypodia M. Seh. identificirten Organismus vor (der jedenfalls der sogenannten A. radlosa Diij. sehr nahe steht und auch mit der von Hertwig und Lesser beschriebenen Dactylosphaera nahe verwandt ist). Ueber die Vermehrung der Amoeba durch einfache Zweitheilung haben jedoch auch schon frühere Forscher häufig berichtet. So hat schon Rösel von Rosenhof die Theilung seiner Amoeba diffluens beschrieben und abgebildet, von späteren Beobachtern eines solchen Vorgangs seien hier nur erwähnt Pick*) und Greeff.**) Während Greeff bei der Theilung seiner Amoeba brevipes (wohl kaum verschieden von der A. verrucosa [Ehrbg.] Diij.) eine sehr unwahr- scheinliche, mit der Durchschnürung des Amöbenleibes gleichzeitig er- folgende Durchschnttrung des in seiner Gestalt sich gar nicht ver- ändernden Kernes beschreibt, hat dagegen F. E. Schulze den Theilungs- vorgang bei der sogen. A. polypodia in einer Weise beobachtet, die sich den genauer bekannten Theilungserscheinungen anderer Protozoen näher ansehliesst. Hier erfolgte die Theilung des, einen sehr ansehnlich grossen Kernkörper einschliessenden Kernes vor der eigentlichen Durchschnürung des Protoplasmaleibes; wenigstens liess sich vor der vollständigen Sonderung der beiden Kernhälften keine Andeutung eines Theilungs- vorgangs an dem Thierleib selbst entdecken. Die Kerntheilung wurde hauptsächlich an dem Verhalten des grossen Kernkörpers festgestellt, da sich die äussere Kerngrenze nicht scharf unterscheiden liess. Es zeigte sich zunächst eine Längsstreckuog des Kernkörpers und hierauf dessen Einschnürung, worauf sich das Mittelstück zu einem feinen Verbindungs- fädchen zwischen den Hälften auszog, das schliesslich durchrissen wurde. Nachdem sich die beiden neugebildeten Kerne in der auf der späteren Theilungsebene des Thierkörpers senkrechten Richtung etwas von einander entfernt hatten, erfolgte denn auch die allmähliche Durchschnürung des Amöbenleibes selbst. Der ganze Theilungsact verlief in etwa 10 Minuten. Mit dieser Beobachtung F. E. Schulze's ist denn auch alles, was wir bis jetzt von den Theilungsvorgängen der Zellkerne bei den Rhizopoden wissen, erschöpft. Ich habe bei einigen vielkernigen Exemplaren der Amoeba Blattae zuweilen Keruformen beobachtet, die wegen ihrer spiudel- *) Verli d. zoolog. bot. Ver. Wien 1857. **) Arcli. f. mikr. Anat. IL 2^36 Ivliizopoda. förmigen Gestalt möglicherweise auf Tlieilungszustände bezogen werden durften. =•') Von Cienkowsky hingegen wird für eine Reihe von Rhizo- poden geradezu in Abrede gestellt, dass die neuen Kerne der beiden, oder aber der in grösserer Menge durch Theilung oder Knospung entstehenden jungen Sprösslinge, sieh von einer Theilung des ursprünglichen Zellkernes herleiten. Nach Cienkowsky's Angaben (104 a) soll sich nämlich bei der gleich noch näher zu besprechenden Theilung von Mikrogromia, Lecythium und Platoum der neue Kern des einen, aus der Schale hervortretenden Theilungssprösslings ganz selbständig und unabhängig von dem restirenden, alten Kern bilden. In etwas eigenthümlicher und mannigfaltiger Weise verläuft der Theilungsvorgang bei den beschälten Monothalamen. Bei solchen For- men, welche mit einem sehr dünnen, der Oberfläche des Körpers dicht aufliegenden Schalenhäutchen versehen sind, wie Lieberkühnia und Lecythium, tritt der interessante Fall ein, dass der Thierkörper mitsammt der Schale sich theilt; letztere wird gleichzeitig mit durchgeschnürt und es erfordert dieser Theilungsprocess jedenfalls noch gewisse, bis jetzt wenig aufgeklärte Vorgänge bei der Trennung der beiden durch- schnürten Schalenhälften, sowie zur Vervollständigung des Schalenhäutchens an den durchschnürten Stellen. Bei Lieberkühnia verläuft die Theilung quer und wird zunächst dadurch angedeutet, dass sich an dem Hinterende des Thieres aus dem Protoplasmaleib ein neuer Pseudopodienstiel entwickelt, der den hinteren Pol des Schalenhäutchens durchbricht und hier eine neue Mün- dung erzeugt, sofort auch seine Pseudopodien entwickelnd. Hierauf erfolgt die Durchschnürung im Aequator und zieht sich die eingeschnürte Mittelregion schliesslich zu einem Verbindungsstrang aus, welcher endlich durchreisst und von den Theilsprösslingen eingezogen wird (III. 16). Im Gegensatz hierzu, geht die Theilung bei Lecythium in der Längsebene vor sich. Bei der amphistomen Diplophrys, bei der die Verhältnisse des Schalenhäutchens keineswegs noch ganz sicher gestellt sind, erfolgt nach Cienkowsky die Ver- mehrung gleichfalls durch einfache Quertheilung, jedoch soll bei den sich theilendeu Individuen ein Schalenhäutchen nicht bemerkbar sein. Auch die von Greeff**) beobachteten Exemplare von Diplophrys Archeri, bei welchen statt der gewöhnlichen zwei, 4 Pseudopodienbüschel entwickelt waren, dürfen wohl auf Theilungsvorgänge bezogen werden. Da man *) Z. f. w. Z. XXX.. In demselben Bande beschreibt E. Bück eine sehr eigenthümliche, angebliche Kernvermehrung bei Arcella, doch stehen die Angaben zu sehr im Widerspruch mit den von verwandten Organismen bekannten Vorgängen der Kern Vermehrung , als dass wir sie ohne weitere Bestätigung für wahrscheinlich halten sollten. Bück glaubt die Kerne der Arcella überhaupt als eine Art von Tochterzellen auffassen zu dürfen, deren Vermehrung zunächst durch eine Art endogener Zellbildung vor sich gehe, wobei sich der Kern in einen maulbeer- artigen Haufen kleinerer Kerne zerlege ; während bei dem zweiten Modus der von ihm aufgeführten Kernvermehrung eigentlich nur eine Vermehrung des Kernkörpers in unserem Sinne erfolgt (für Bück ist dies der eigentliche Kern einer Tochterzelle). Ein näheres Eingehen auf diesei zweifelhaften Untersuchungen glauben wir hier unterlassen zu sollen. **) Arch. f. m. Anat. XII. TliciluDg bei Moüolhaiamia. 137 aber sehr häufig Gelegenheit hat, 4 zu einer Gruppe innig vereinigte kleine Exemplare dieser Art zu beobachten (IV. 2 b), so dürfte wohl die Theilung hier gewöhnlich nicht mit einfachem Zerfall zu zweien ab- schliessen, sondern successive zu vieren weiterschreiten. Aehulich scheint sich auch eine kleine, von mir mehrfach in Heuinfusionen beobachtete Amöbe zu verhalten, bei welcher ich sehr häufig auf Gruppen von 4 ruhenden kleinen, ohne Zweifel durch Theilung hervorgegangenen Indi- viduen stiess. Ferner reiben wir denn hier auch die Beobachtung ISorokin's an seinem kernlosen, amöbenartigen Gloidium an, *), das sich durch ziem- lich regelmässig verlaufende, jedoch nicht successiv, sondern simultan stattfindende Viertheilung vermehrt. Weiter unten werden wir bei Protomyxa noch eine weit regere Vermehrung durch gleichzeitigen Zerfall kennen lernen. Die dickschaligen Monothalamen besitzen naturgemäss nicht mehr das Vermögen, den Körper mitsammt der Schale durch Theilung zu ver- mehren. Hier ist (wenigstens für den einen Theilsprössling) die Neu- bildung einer Schale nothwendig. Schon früher hatten wir Gelegenheit, auf den Zweitheilungspro- cess der Arcella hinzuweisen, wie er sich nach den Beobach- tungen von Hertwig und Lesser gestaltet;**) es tritt hier der zur Bildung des neuen Sprösslings verwerthete Theil des protoplasmatischen Leibes aus der Schalenmündung hervor und lagert sich, indem er sich mit einer neuen Schale umkleidet, vor der Mündung an. Nach erfolgter Schalen- bildung dieses neuen Sprösslings vollzieht sich dann die Trennung der beiden Theilhälften, von denen die eine die alte Schale weiter bewohnt, die andere sich hingegen in neugebildeter Schale entfernt. In gleicher Weise mag sich der Theilungsvorgang auch noch bei zahlreichen weiteren Monothalaraien gestalten, jedoch wurde bis jetzt nur noch bei Platoum stercoreum ein entsprechender Vorgang von Cienkowsky nachgewiesen. Andererseits kann jedoch der Theilungsvorgang solcher Monothalamen auch in der Weise modificirt auftreten, dass sich die völlige Theilung innerhalb der Schale vollzieht und die Schalenneubildung des einen Sprösslings erst nach seinem Austritt vor sich geht. Ein solcher Vor- gang wurde in ziemlich übereinstimmender Weise von K. Hertwig***) und Cienkowsky (104 a) bei der Mikrogromia socialis beobachtet. Hier erfolgt die Theilung, wie bemerkt, innerhalb der Schale, und zwar ebensowohl in der Längs- als Querrichtung. Nach erfolgter Theilung schiebt sich der eine Sprössling — und zwar scheint keiner der beiden in dieser Hinsicht einen bestimmten Vorzug zu geniessen — aus der Schalenmündung hervor (III. 15 c) und bewegt sich entweder mit seinen *) Morph. Jahrb. IV. **) Wir glauben ■ hier auch noch darauf hinweisen zu sollen, dass schon Schneider 1854 die vermeintlichen Conjugationszustände der Arcella als Theilungs- und Knospungsvorgänge gedeutet hat. (Arch. f. A. u. Ph. 1854.) ***) Arch. f. m. A. X. Supplem. 138 RLizopoda. Pseudopodien amöbenartig fort oder nimmt nach Einziehung der Pseudo- podien eine flagellatenartige Gestalt an (III. 15 d), indem er zwei Geissein an dem einen Pol des ellipsoidischen Körpers entwickelt und in dieser Verfassung sich von seiner Bruderhälfte entfernt. Dieser interessante Fall von sogen. Sehwärmerbildung ist bis jetzt (mit Ausnahme der bei der bezüglich ihrer Stellung etwas zweifelhaften Protomyxa zu schildern- den Schwärmerbildung) der einzige im Bereich der Ehizopodenwelt mit Sicherheit bekannte. Die Verbreitung jedoch, welche dieser Modus der Fortpflanzung bei den z. Tb. so nahe verwandten beiden anderen Ord- nungen der Sarkodinen besitzt, legt es nahe, zu vermuthen, dass wohl auch unter den Ehizopoden diese Art der Fortpflanzung sich noch in weiterer Verbreitung finden dürfte. Nur bei Trinema Acinus haben jedoch bis jetzt Hertwig und Lesser durch Beobachtung das Vorkommen einer ähnlichen Vermehrungsart direct wahrscheinlich gemacht. Eine Beobachtung Cienkowskj^'s an seinem Microcometes paludosa belehrt uns jedoch dariiher, dass die Theilung innerhalb der Schale auch mit einem völligen Verlassen der alten Schale von Seiten der beiden Sprösslinge verbunden sein kann, wobei also jeder der Sprösslinge in die Nothwendigkeit versetzt ist, sich eine neue Schale zu bilden. Von besonderem Interesse erscheint der bis jetzt nur bei der Gattung Arcella mit einiger Sicherheit nachgewiesene gleichzeitige Knospungs- process einer grösseren Zahl kleiner, schalenloser Sprösslinge. Leider sind hierbei, wie bei den Theilnngserscheinungen der Rhizopoden über- haupt, die feineren Bildungsvorgänge noch nicht näher verfolgt, nament- lich ist eine etwaige Betheiligung der Kerne des Mutterorganismus noch unermittelt geblieben. Was das Nähere dieses Fortpflanzungsprocesses der Arcella betrifft, so bemerkt man auf der aboralen Fläche oder an der Peripherie des Thierkörpers ziemlich gleichzeitig, oder doch im Verlauf verhältnissmässig kurzer Zeit, das Auftreten einer ziemlichen Zahl (bis 9),*) flach scheibenförmiger, knospenartiger Protoplasmastücke, die wohl ohne Zweifel durch Kuospung aus dem Arcellenleib hervorgegangen sind. Sie erhalten nach einiger Zeit eine contractile Vacuole und lassen auch einen Kern wahrnehmen. Bald beginnen sie amöboide Bewegungen auszuführen und kriechen schliesslich in Gestalt kleiner, unbeschalter Amöben aus der Arcellaschale heraus, sich von dem Mutterthier entfernend. Die Zweifel, welche über Herkunft und Bedeutung dieser Sprösslinge *) Kacli den, jedoch nicht hinreichend zuverlässig erscheinenden, Beobachtungen von E. Bac1< (Zeitschr f. wiss. Zoologie Bd. 30) scheint es nicht unmöglich, dass die Zahl dieser Sprösslinge zuteilen noch eine viel höhere ist. So will B. bis zu 30 kleine Amöbcnspröss- linge, aus einer Arcella hervorgehend, gesehen haben. Die Entstehungsart dieser Sprösslinge ist jedoch nach ihm eine sehr eigenthümliche, indem sie durch einen, zunächst von einer "blasigen bis niaulbeerartigen Beschaffenheit angedeuteten, Zerfall des gesammten Arcellaleibes entstehen sollen. Hierbei sollen die Kerne der Arcella mit etwas umgebendem Protoplasma sich zu grösseren derartigen Sprösslingen umgestalten, während in den kleineren sich Kerne selbständig hervorbildcii sollen. Scliwärmer v. Mikrogr., Kuospensprössl. v. Aredia, venu. Fortijfl.-Körpcr mariner Ehizopoda. 139 von Arcella uocli berechtigter Weise erhoben werden dürften, werden durch die von Bück*) und Cattaneo**) verfolgte Umbildung solch nackter kleiner Amöben zu einer beschälten, jungen Arcella beträchtlich verringert. Was jedoch hauptsächlich dieser Fortpflanzungsweise der Arcella: durch ziemlich gleichzeitige Entwickelung einer grösseren Anzahl von Sprösslingen, ein erhöhtes Interesse verleiht, ist die wahrscheinliche Ana- logie, welche dieselbe mit den bis jetzt bekannten Fortpflanzungserschei- nungen der marinen Rhizopoden aufweist. Von dem wirklichen Fortpflanzungsact dieser letzteren scheint erst Gervais im Jahre 1847***) etwas Sicheres beobachtet zu haben. Die früheren Angaben von Ehrenberg über die Fortpflanzung unserer Formen durch Eier und die vermeintliche Beobachtung äusserlich anhängender Eierbeutel bei Polystomella und Nonionina haben sich durch die Be- mühungen von M. Schnitze bald als irrig erwiesen. Ebenso wenig Erfolg hatten die von anderer Seite ausgehenden Bemühungen, die Bildung sogen. Keimkugeln oder Eier in dem Protoplasmaleib der marinen Rhizopoden zu erweisen. Schon Dujardin gab an: zuweilen den protoplasmatischen Kammerinhalt von Truncatulina zu kugeligen Haufen zusammengriippirt getroffen zu haben. M. Schnitze hat hierauf bei gewissen Rotalinen das Auftreten mehr oder minder zahlreicher dunkler Kugeln in den Kammern beobachtet, zuweilen so reichlich angehäuft, dass sie sämmtliche Kammern erfüllten. Jedoch schon die allmähliche Bildung dieser Kugeln aus kleinen molekularen Körnchen, die ohne von einer gemeinsamen Hülle umschlossen zu werden, sich zu den erwähnten Kugeln zusammengruppiren , lässt die Bedeutung derselben als Fortpflanzungskörper sehr zweifelhaft erscheinen. Zu völliger Gewissheit scheint jedoch dieser Zweifel erhoben, wenn wir ferner beachten, dass diese Kugeln sich durch ihre Resistenz, selbst gegen die stärksten Mineralsäuren und kochende Alkalien, als Körper ausweisen, die unmöglich von lebendiger, thierischer Substanz gebildet sein können. Auch Carpenterf) hat kugelige oder ovale, zuweilen sogar in Zweitheilung begriffene Körper in den oberflächlichen Kammern von Orbitolites zahlreich gesehen; sie besassen jedoch eine feste Hülle. Die Abbildungen, welche Carpenter von diesen als Fortpflanzungszellen gedeuteten Körpern gibt, macht es mir sehr plausibel, dass die neuerdings von Moseley ff) ausgesprochene Ansicht: es seien dieselben parasitische, einzellige Algen (die nach ihm auch im frischen Zustand grün gefärbt sind), wohl zutrifft. Sie für Zellkerne zu halten, wie es R. Lankester nicht ganz ungerechtfertigt dünkt, erscheint mir dagegen wenig sicher. Andererseits habe ich jedoch schon früher meiner Ueberzeugung Ausdruck verliehen, dass die ver- meintlichen, von Str. Wright bei einer Reihe mariner Rhizopoden *) 1. c. **) Att. soc. Ital. d. sc. natur. XXI. 1878. ***) Compt. rend. 1847, auch L'Institut 1847. t) 73. ft) Not. by a naturalist oa tho Challeuger. Lond. 1879. p. 292. 140 Elikopoda. Dachgewiesenen Eier nichts weiter wie die Zellkerne gewesen seien. Die oben erwähnten kugeligen Fortpflanziingskörper haben jedoch auch Carter beschäftigt, der sich vielfach bemühte, eine sogen, geschlechtliche Fortpflanzung der Süsswasserformen zu erweisen. Eine Beobachtung über angebhche Embryonen in den Kammern von Orbitolites*) hat er später selbst zurückgenommen und die vermeintlichen Embryonen für parasitische Diatomeen (Cocconeis) erklärt.**) Schon früher***) hat er das Vorkommen kugeliger Fortpflanzungskörper bei seiner Operculina arabica nachzuweisen gesucht und dieselben mit den von ihm bei Süsswasserformen (Amoeba und Euglypha) aufgefundenen sogen. Fort- pflanzungskugeln verglichen. Was wir von jenen Fortpflanzungskugeln der Süsswasserformen zu halten haben, wurde z. Th. schon bei Gelegen- heit der Kernfrage erörtert, soll jedoch noch weiter unten näher besprochen werden. Zur Beurtheilung der Fortpflanzungskugeln der Operculina dagegen fehlt uns ein sicherer Anhalt, jedoch darf wohl ohne grosse An- maassung behauptet werden, dass ihre Bedeutung für die Fortpflanzung mehr wie zweifelhaft ist und dies um so mehr, als der gleiche Beobachter dieselben Fortpflanzungskörper auch bei einer Reihe von fossilen Formen, wie Nummulites, Orbitoides etc. nachgewiesen haben will. Gehen wir jedoch nach kurzer Besprechung dieser irrigen, oder doch jeder sicheren Basis entbehrenden Beobachtungen zu der Betrachtung der wenigen sicheren Beobachtungen über. Der oben schon erwähnte Gervais gab 1847 an, bei Milioliden das Austreten zahlreicher lebendiger Jungen beobachtet zu haben, nachdem ein Begattungs- (resp. Conjugations-) Act vorhergegangen sei. Genauere Untersuchungen über die Vermehrung der Milioliden und Rotalinen, durch Erzeugung einer zahlreichen Brut junger Thiere, verdanken wir jedoch wieder M. Schnitze. Es gelang ihm durch directe Beobachtung innerhalb der zertrümmerten Schale einer zehnkammerigen, kleinen Rotaline nicht weniger als 20—30 junge, nur dreikammerige Thiere nachzuweisen (64). Die Beobachtung eines zweiten solchen Thieres liess auch das ziemlich plötz, liehe Auftreten zahlreicher solcher jungen Rotalinen in der nächsten Um- gebung des Mutterthieres erkennen; jedoch konnte nicht mit Sicherheit festgestellt werden, ob dies Austreten der jungen Brut durch Aufbrechen der Schale des Mutterthieres oder durch Hervorgehen derselben aus der Schalenmündung bewerkstelligt wurde. Wenn aus diesen Beobachtungen hervorzugeben schien, dass nicht der ganze Weichkörper des Mutterthieres zur Bildung der Brut verbraucht wird, so schienen hingegen frühere Beobachtungen über die Fortpflanzung der Milioliden in diesem Sinne zu sprechen.!) Diese zeigten nämlich das Auftreten zahlreicher (bis zu 40) kleiner Milioliden in der bräunlichen, schleimigen Umhüllungsmasse, mit *) A. in. 11. h. 4. XIII. p. 192. **) A. m. n. li. 4. XVI. p. 420. ***) Ann. mag. n. h. 3. VIII. i) Arch. f. Au. u. Phys. 1856. Portpflanzniig mariner 'Rliizopoclcn. 141 welcher sich ansehnliche Exemplare von Triloculina umgeben hatten, und in dieser Weise an den Wänden eines Glasgefässes eine ziemliche Reihe von Tagen ruhend befestigt waren. Die Untersuchung des Mutterthieres nach der Entwickelung der Brut Hess nur noch sehr geringe Spuren von feinkörniger Sarkode auffinden. Wie gesagt, schien daher in diesen Fällen der Weichkörper nahezu völlig in der Bildung der Brut aufgegangen zu sein. Auch von anderer Seite liegen noch einige Angaben über die Ent- wickelung beschälter Brut in der Schale mariner Rhizopoden vor. So hat Str. Wright die ältere Beobachtung von Ehrenberg über das Vorkommen junger Thiere in der Spirillina vivipara Ehrbg. bestätigt. Reuss hat ge- legentlich das Vorhandensein einer jungen Globigerina in der Endkaramer einer erwachsenen gesehen und bezüglich der Entwickelung einer zahl- reichen beschälten Brut bei Orbitolites liegen uns die übereinstimmenden Angaben von Carpenter (und Parker), sowie Semper*) vor. Hier geschieht die Entwickelung je eines jungen Thieres in den einzelnen Kämmerchen des Scheibenrandes. Innerhalb dieser Kämmerchen des Mutterthieres bildet die junge Orbitolitesbrut nur den embryonalen Theil der Schale aus, bestehend aus der sogen. Embryonalkammer und der zweiten, nahezu einen völligen Umgang beschreibenden Kammer. Erst nach dem Hervortreten der jungen Thiere aus der Mutterschale, was nach Semper durch Aufbrechen derselben vor sich gehen soll, bildet sich der erste Cyklus der Kämmerchen. Schon oben wurde bei Gelegenheit der Beschreibung der Gattungen Orbulina und Globigerina auf die vielbesprochenen Vorkommnisse hin- gewiesen, die von Pourtales, M. Schultze, Reuss und Anderen als Fortpflanzungserscheinungen der Globigerina gedeutet worden sind. Bekanntlich bestehen diese Befunde in dem häufigen Vorhandensein einer deutlichen, kleinen Globigerinaschale in einer Orbulina. Nach der Deutung, welche dieser Erscheinung von den oben erwähnten Forschern im Sinne einer Fortpflanzung gegeben wurde, wären die Orbulinen als die los- gelösten Endkammern von Globigerinen zu betrachten, innerhalb deren nun eine kleine, junge Globigerina erzeugt werde. Dem gegenüber wurde schon oben die entgegenstehende Ansicht von Macdonald, Alcock und Brady dargelegt, wonach es sich hier keineswegs um eine Fortpflanzungs- erscheinung handele, sondern die Orbulinaschale erst nachträglich, die Globigerina einschliessend, zur Ausbildung gelange. Aus den schon früher dargelegten Gründen halten auch wir es für nicht unwahrscheinlich, dass die letztere Auffassung das Richtige getroffen hat. Fragen wir uns nach dieser Uebersicht der spärlichen Beobachtungen über die Vermehrungsweise der marinen Rhizopoden, wie sich dieselben in eine nähere Beziehung zu den genauer bekannten Fortpflanzungsver- hältnissen der Süsswasserrhizopoden bringen lassen, so finden wir bis *) Die von Semper untersuchte und als Nummulites bezeichnete Form war sicher ein Orbitolites. (Z. f. w. Z. XIII. p. 56S.) 142 Eliizopoda. jetzt nur in den geschilderten Erscheinungen bei Arcella einen Anknüpfungs- punkt. Wir dürfen uns wohl die Brutbildung bei jenen marinen Formen z. Th. wenigstens als einen ähnlichen Knospungsprocess deoken, wie wir ihn auch bei Arcella anzunehmen berechtigt sind.*) Dabei erhebt sich jedoch noch die Unterfrage: ist dieser Vorgang der Brutbildung wohl stets unter dem Bild einer solchen Knospung verständlich, wie dies z. B. für Orbitolites mit der nur in der Kaudzone sich entwickelnden jungen Brut erscheint, oder wird nicht auch z. Th. die Entwickelung dieser Brut in ähnlicher Weise durch einen Zerfall des gesammten Weichkörpers vor sich gehen, wie wir den gesammten Inhalt der Centralkapsel bei den Radiolarien in die Brutbildung eingehen sehen. Die Beobachtungen M. Schultze's an den Milioliden scheinen einer solchen Annahme nicht ungünstig zu sein. .Was jedoch gegenüber den Fortpflanzungserscheinungen der Stiss- wasserformen namentlich auffällt und worüber auch kein Zweifel statt- finden kann, ist die frühzeitige Bildung der Schale, schon vor dem Austritt der Brut aus dem mütterlichen Gehäuse — ein Verhalten, für das wir bis jetzt bei den Süsswasserformen kein Analogon besitzen. Damit scheint auch wohl das Vorkommen einer Metamorphose, wenn ich mich so ausdrücken darf, in dem Entwickelungsgang der marinen Formen ausgeschlossen, so namentlich das Auftreten von Schwärmerbildung. Die im Obigen gegebene Darlegung unserer Kenntnisse von der Fortpflanzung der marinen Rhizopoden wird jedoch, auch ohne weitere Bemerkungen, die Ueberzeugung hervorrufen, dass wir noch sehr weit davon entfernt sind, einen einigermaassen genügenden Einblick in diese jedenfalls viel des Interessanten darbietenden Verhältnisse zu besitzen. Obwohl die Fortpflanzung durch einfache Theilung schon von vorn- herein bei den marinen beschälten Rhizopoden wenig Aussicht auf Vor- handensein besitzt, so scheint doch unter gewissen anormalen Verhältnissen etwas derartiges eintreten zu können. Ich meine hier nämlich jene selt- samen Doppelbildungen, wie sie gelegentlich sowohl bei monothalamen als polythalamen Rhizopoden beobachtet worden sind. Was die raouo- *) In neuester Zeit liat E. Lankester inehrfacli in der Mündiingsregion des proto- plasmatischen Leibes der sandschaligen Halipliysema eine grössere Zahl ei-ähnlicher Gebilde getrott'en.Dieselbeu waren hüllenlos , die kleinen ohne, die grösseren mit deutlichem Zellkerne und, wie es schien, z. Th. sogar in Vermehrung durch Zweitheilung begriffen. Lankester erblickt in diesen Gebilden endogen erzeugte Keime der Haliphysema. Ich erwähne diese Beobachtung liier hauptsächlich noch deshalb, um darauf hinzuweisen, dass mit obiger Darstellung des wahrscheinlichen Fortpflanzungsprocesses der marinen Rhizopoden keineswegs die Möglichkeit der Erzeugung endogener Keime gänzlich in Abrede gestellt werden soll, wenn ich auch durch die mitgetheilte Beobachtung Lankcster's diese Möglichkeit noch in keiner Weise für erwiesen erachte ^ da über das weitere Schicksal dieser vermeintlichen Eikeime nichts ermittelt wurde. Wir machen bei dieser Gelegenheit noch darauf aufmerksam , dass S. Kent (A. m. n. h. 5. II.) die Jugendformen der Haliphysema in amöbenartigen, kleinen, unbeschalten Formen entdeckt haben will, die sich später festhefteten und anfänglich, vor dem Bau einer Schalenhülle, noch von ihrer ganzen Oberfläche zarte Pseudopodien entwickelten. Abnorme und unvollständige Tlieilung'sprocesse von Mono- und Polythalamia. 143 thalamen derartigen Bildungen betrifft, wie sie z. B. in der Gattung Lagena gar nicht so selten durch Williamson, Parker und Jones, sowie durch Alcock beobachtet wurden, so kann deren Entstehung nicht wohl auf etwas anderes, als auf eine sehr frühzeitige, noch im schalenlosen Zustand stattgefundene, jedoch unvollständige Theilung zurückgeführt werden. Alcock, der, wie schon oben hervorgehoben wurde, für einen mehrfachen Schalenwechsel im Lebenslauf der monothalamen Formen plaidirt, ist der Ansicht, dass gerade diese Doppelmonstra hierfür be- weisend seien, indem er ihre Entstehung auf eine unvollständige Theilung während eines solchen Schalenwechsels zurückführt. Was ähnliche Doppelbildungen der polythalamen Formen betrifft, wie sie durch M. Schnitze bei Polystomella und in etwas abweichender Weise auch durch Parker und Jones nachgewiesen wurden, so scheint es zweifelhafter, wie hier die Entstehung zu deuten ist, da genauere Untersuchungen über den Bau dieser monströsen Schalen nicht vorliegen. Dagegen scheinen die eigen- thümlichen Doppelbildungen, wie sie gelegenthch bei Orbitolites beobachtet wurden, kaum einer Erklärung durch einen unvollständigen, frühzeitigen Theilungsprocess zugängig, sondern sind wohl das Erzeugniss besonderer, wiewohl an eine Vermehrung erinnernder Wachsthumsvorgänge. ß. Koloniebilduug in Zusammenhang mit der Theilung oder Knospung der Khizopoda. Die Erscheinung der sogen. Koloniebildung steht in so inniger Be- ziehung zu den besprochenen Fortpflanzungsvorgängen durch Theilung oder Knospung, dass dieselbe hier im Anschluss an letztere zunächst einer kurzen Besprechung unterzogen werden darf. Wir verstehen unter einem kolonialen Verbände nur einen solchen, dessen einzelne Mitglieder thatsächlich in directer, lebendiger Verbindung vermittelst ihrer protoplasma- tischen Leibessubstanz stehen. Derartige koloniale Verbände gehören gerade nicht zu den häufigen Erscheinungen unter den Rhizopoden, jedoch hat die neuere Forschung uns auch auf diesem Gebiet mit einer Anzahl hierhergehöriger und nicht uninteressanter Fälle bekannt gemacht. Das ausgezeichnetste Beispiel solcher Koloniebildung bietet uns wohl die hier- nach benannte Mikrogromia socialis dar.*) Wir haben schon oben die mit Schwärmerbildung verbundene Fortpflanzung dieser Form durch Quer- oder Längstheihing besprochen. Nicht stets führt jedoch die Längstheilung der Thiere zur völligen Trennung der beiden Sprösslinge, sondern es erhält sich zwischen beiden häufig ein organischer Zusammenhang durch die Pseudopodienstiele. — Auch in diesem Fall verlässt jedoch der eine Theilsprössling nach einiger Zeit die Schale des Mutterthieres, mit dem er jedoch durch den Pseudopodienstiel noch in organischem *) Unter den unbeschalten Formen tritt uns eine sehr hübsche koloniale Entwickelung bis jetzt allein bei der, hinsichtlich ihrer Stellung etwas zweifelhaften, monercn Form Myxo»- dyctium entgegen ; hier stehen wie bei Mikrogromia zahlreiche Einzelindividuen durch ihre reichlich wurzelartig verästelten Pseudopodiennctze im Zusammenhang. ]44 Eliizopoda. Zusammenhang bleibt. Nach einiger Zeit wird sich das neugebildete Individuum mit einer Schale bekleiden. Durch fortgesetzte Vermehrung können sich in dieser Weise Kolonien zahlreicher Individuen bilden, indem diese sämmtlich durch ihre Pseudopodien in Verbindung bleiben. In ihrem Verhalten zeigen diese Kolonien eine Reihe wechselnder Zustände, die sogar zur Trennung derselben in zwei Arten, ja sogar Gattungen, Veranlassung gaben. Sie treten nämlich einmal im gehäuften Zustand auf (III. 15 a), indem sämmtliche Individuen zu einem dichten Klumpen zu- sammengedrängt sind, von dem dann allseitig die Pseudopodien aus- strahlen (dieser Zustand wurde ursprünglich von Archer, seinem Entdecker, als Cystophrys Haekeliana bezeichnet und in die Nähe der Radiolarien gezogen). Andererseits vermag jedoch die Kolonie sich auch flach aus- zubreiten, die einzelnen Individuen trennen sich durch mehr oder minder weite Zwischenräume von einander und stehen untereinander durch die netzartig ausgespannten Pseudopodien in Verbindung. (Es ist dies der Zustand, den Archer ursprünglich als Gromia socialis beschrieb.) In ähnlicher Weise sehen wir jedoch auch noch eine Anzahl nahe verwandter Formen eine Koloniebildung eingehen, so das Lecythium hya- linum. Hier hat schon Fresenius*) in richtiger Weise die Koloniebildung durch Längstheilung beobachtet, wie sie später durch die Untersuchungen von Cienkowsky (104 a) bestätigt wurde. Die in solcher Weise ent- standenen Kolonien des Lecythium bilden traubige Verbände, indem sämmtliche Einzelthiere durch das aus den Schalenmündungen heraus- getretene und zu einer breiten Platte verschmolzene Protoplasma, von welchem die Pseudopodien ausstrahlen, in Verbindung stehen. Nach F. E. Schulze's Beobachtungen dieser Form (seiner Gromia socialis Arch.) sollen aber solche koloniale Verbände auch durch allmähliche successive Verschmelzung von Einzelindividuen entstehen können; jedoch scheint mir nicht völlig sichergestellt zu sein, wenigstens nach dem Wortlaut der Schulze'schen Beschreibung, ob er wirklich die Verschmelzung von mehr als zwei Individuen direct beobachtet hat (s. 101 III.). 1 Eine ähnliche Koloniebildung treffen wir schliesslich auch bei dem nahe verwandten Platoum stercoreum Cienk. (= Chlamydophrys Cienk.); hier geht jedoch die Bildung neuer Kolonialindividuen nach den Unter- suchungen von A. Schneider**) und Cienkowsky (104a) in etwas ab- weichender Weise vor sich. Ein einfaches Thier erzeugt zunächst durch theilweises Austreten des Körperprotoplasmas und durch Ab- scheidung einer neuen Schale um diesen ausgetretenen Theil ein neues Individuum, ähnlich wie wir es auch bei Arcella gesehen jhaben. Es erfolgt nun jedoch häufig keine Trennung der beiden Individuen, sondern dieselben bleiben durch eine breite Protoplasmabrücke, von der die Pseudopodien ausstrahlen, in Verbindung. Aus dieser Protoplasmabrücke *) Abli. d. Senckenb. naturf. Ges. II. **) Arch. f. A. u. Pli. 1854. Kolon iebildung-. (Platoum, Labyriiitliula.) 145 gemeinschaftlicben Pseudopodienplatte können sich nun noch zahl- reiche weitere Individuen entwickeln, indem sich an derselben neue Aus- buchtungen erzeugen, in denen nach Cienkowsky unabhängig von den frühereu ein neuer Kern entsteht und sich weiterhin eine neue Scbalen- umhiillung bildet. Die Form der Kolonie ist ganz ähnlich der von Lecy- tbium (III. 17 b). Das nur durch etwas abweichende Schalenstructur sich unterscheidende, von Entz (HO) beschriebene Geschlecht Plecto- phrys zeigt auch eine ganz entsprechende Koloniebildung.*) '*) In die Nälie der Ehizoi^odenkolonien lassen sich vielleicht auch die eigenthüm- lichen ZcllenaggTcgate der sogen. Labyrinthula Cienkowsky's (Arch. f. mikr. A. III.) bringen , die wir daher hier anmerkungsweise kurz noch betrachten wollen , da , wie schon mehrfach zu bemerken Gelegenheit war, die Stellung dieser Gattung bei den Khizoi)oda über- haupt wenig sicher erscheint; wir haben sie dennoch hierher gezogen, da bei den übrigen Protozoen noch weniger eine passende Einreihung derselben zu ermöglichen ist, weiterhin jedoch auch die betreffenden Formen noch speciellerer Aufklärung zu einem vollen Verständniss ihrer Organisationsverhältnisse nnd einer richtigen Würdigung ihrer verwandtschaftlichen Be- ziehungen bedürfen. Im nicht beweglichen Zustand bildet die Labyrinthula haufenförmige Aggregate von rundlichen bis bolmenförmigen gekernten Zellen, die entweder ohne erkennbare Zwischensubstanz zusainmengelagert sind, oder aber von einer feinkörnigen Zwischensuhstanz, die auch als dünne Einde den Haufen überzieht, zusammengehalten werden (I. 8d). Der Uebergang in den beweglichen Zustand vollzieht sich in der Weise, dass von der Oberfläche des Haufens farblose, hyaline oder sehr fein faserige Fortsätze von starrer Beschaffenheit her- vorgeschoben werden (I. 8 a), die sich vielfach verästeln und durch reichliche Verbindungen unter einander ein labyrinthisches Netzwerk bilden (Sb), längs welcher sogen. Fadenbahn nun die Zellen langsam hinwandernd von dem Centralhaufen nach der Peripherie fortgleiten. Bei dieser \\'anderung nehmen die Zellen eine spindelförmige Gestalt an, sind jedoch über- haupt etwas gestaltsveränderlich (Sc). Der fraglichste Punkt in der Natur dieser eigenthüm- lichen Labyrinthula-Zellenaggregate bildet die Entstehung und Natur der sogen. Fadenbahn, Protoplasmatisch scheint dieselbe nicht zu sein, sondern eine Ausscheidung der Zellen dar- zustellen , womit jedoch ihr scheinbar selbständiges Entstehen und Vergehen nicht ganz wohl in Einklang zu bringen ist. Vielleicht dürften die von Cienkowsky (104 a) bei seinem Diplo- phrys stercoreum beobachteten, eigenthümlichen Aggregationen zahlreicher Einzelindividuen, die mit ihren von beiden Körperpolen ausstrahlenden, fadenartigen Pseudopodien aneinander hinkriechen und so gleichfalls netzartige, z. Th. hoch sich erhebende Aggregate von Individuen bilden, die der Fadenbahn der Labyrinthula mit ihren Zellen sehr ähnlich sehen, doch noch zur Aufklärung der Verhältnisse bei Labyrinthula beitragen. In wieweit sich ein von Archer (Qu. j. micr. sc. XV.) beobachteter, und als Chlamydomyxa labyrinthuloides bezeichneter rliizopodenartiger Organismus an die eben erörterte Labyrinthula anschliesst (I. 9), lässt sich bis jetzt noch nicht mit genügender Bestimmtheit angeben. Es handelt sich hier um einen von einer Cellulosehülle umkleideten, protoplasmatischen Körper, der durch eine polare, riss- artige OefTnung ansehnlich lange, pseudopodienartige Fortsätze aussendet, welche sich baumförmig verästeln und zahlreiche feine hyaline Fäden entwickeln, die eine ähnliche Fadenbahn formiren, wie bei der Labyrinthula. Auch hier gleiten dann zahlreiche, während ihrer Wanderung spindelförmige, jedoch kernlose Körperchen auf der Fadenbahn hin, die sich in dem cen- tralen Protoplasmakörper als kugelige, plastische Körperchen vorgebildet vorfinden. Die Fadenbahn scheint nach Archer's Schilderung bei der Chlamydomyxa die Natur pseudopodien- artiger Fortsätze zu haben und da die sogen. Spindeln hier kernlos sind, anderersei